mini|Seit 2011 erinnert in Dili ein Denkmal an das Massaker mini|Nachstellung der Ereignisse (1998); Foto von Mark Rhomberg/ETAN

In Dili, der Hauptstadt des damals von Indonesien besetzten Osttimor, kam es am 12. November 1991 zum Santa-Cruz-Massaker (auch Dili-Massaker) auf dem Friedhof Santa Cruz im Suco Bemori. Bei dem Angriff auf Demonstranten und den direkt darauf folgenden Gewalttaten durch das indonesische Militär starben mindestens 271 Menschen, 382 wurden verletzt. 270 Menschen „verschwanden“ spurlos.

Das Santa-Cruz-Massaker war ein entscheidender Wendepunkt in der Geschichte Osttimors und brachte mehr internationale Aufmerksamkeit für den 16 Jahre währenden Konflikt. Es war die erste größere Demonstration gegen die indonesische Besetzung des Gebietes.

Vorgeschichte mini|hochkant|Der damalige indonesische Präsident Suharto

Nachdem indonesische Truppen im Spätherbst 1975 in die ehemalige portugiesische Kolonie, nach vorhergehender innerer Unruhe, die etliche Menschenleben gekostet hatte, und mit politischem Einverständnis der USA und Australiens einmarschiert waren, war der östliche Teil der Insel Timor weitgehend von der restlichen Welt isoliert. Rebellen der FRETILIN versuchten von den Bergen aus, den Besatzern Widerstand zu leisten, konnten aber den mit US-amerikanischen Waffen ausgerüsteten Truppen nicht viel entgegensetzen. Die Zivilbevölkerung litt unter der Gewalt, es kam zu Hungersnöten, bei denen zehntausende Menschen starben.

Die UN hatte die Mitte 1976 folgende Annexion des Gebietes nicht anerkannt und die frühere Kolonialmacht Portugal versuchte mit wenig Erfolg, diplomatischen Druck auf Indonesien auszuüben. Ab 1983 war das Thema Osttimor weitgehend von der politischen Agenda verschwunden und viele Diplomaten waren der Ansicht, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis die Einverleibung Osttimors international Anerkennung finden würde.

Das indonesische Militär ging mit unverminderter Härte gegen Aufständische vor und verübte im Laufe der Zeit zahlreiche Gräueltaten an der Zivilbevölkerung. Auf eine Verhaftungswelle durch Sicherheitskräfte kurz vor dem Besuch des indonesischen Präsidenten Suharto im Jahr 1988 in Osttimor antwortete Bischof Carlos Filipe Ximenes Belo mit einer Erklärung, die am 5. Dezember in den Kirchen verlesen wurde.

Diese Erklärung wurde von der internationalen Presse aufgegriffen und am 22. Januar 1989 von der US-amerikanischen Zeitung The New York Times zitiert. In einem weiteren bedeutsamen Brief vom 6. Februar direkt an den UN-Generalsekretär Javier Pérez de Cuéllar verlangte er, einen ehrlichen und demokratischen Prozess der Entkolonialisierung von Osttimor im Rahmen eines Referendums durchzuführen.

mini|Hotel Turismo

Der Besuch des Papstes Johannes Paul II. am 12. Oktober 1989 in Osttimor war für die mehrheitlich katholische Bevölkerung ein historischer Moment. Es war der erste Besuch eines Staatsoberhauptes seit der Besetzung des Landes. Trotz zuvor durchgeführter Verhaftungen von Aktivisten kam es nach dem Gottesdienst in Dili vor 100.000 Menschen zu einer ersten öffentlichen Aktion, bei der eine Gruppe junger Leute Banner entfaltete, laut nach Unabhängigkeit verlangte und gegen Menschenrechtsverletzungen protestierte.CAVR-Bericht; Kapitel 3, 460.

Auf diesen für Indonesien sehr peinlichen Moment reagierten die Sicherheitskräfte mit zahlreichen Festnahmen, Verhören und Folter, um den aufkeimenden Widerstand zu unterdrücken. John Monjo, der US-amerikanische Botschafter in Indonesien, reiste im Januar 1990 nach Dili und sollte die behaupteten Vorwürfe von Folter und Verhaftungen untersuchen. Vor dem Hotel Turismo, in dem sich der Botschafter aufhielt, kam es zu erneuten Protesten gegen die indonesische Besatzung.CAVR-Bericht; Kapitel 3, 463.

Mit der Entscheidung Suhartos im Dezember 1988, Osttimor den anderen 26 Provinzen gleichzustellen, hatten nicht nur Journalisten, Vertreter von nichtstaatlichen Organisationen und Touristen zum ersten Mal die Möglichkeit, ab Januar 1989 in acht der 13 Distrikte einzureisen, sondern auch Immigranten aus anderen Teilen Indonesiens. Die Öffnung des Landes für Ausländer ermöglichte es der Bevölkerung, ihr Anliegen nach Selbstbestimmung zu verbreiten.

Internationales Ringen um eine Lösung mini|Lage von Osttimor

Am 14. September 1989 schlug der damalige UN-Generalsekretär Javier Pérez de Cuéllar einen Besuch einer Delegation des portugiesischen Parlamentes in Osttimor vor, um eine für alle Beteiligten akzeptable Lösung zu finden.CAVR-Bericht; Kapitel 3, 456. In seinem Bericht zur 45. Sitzung der UN-Generalversammlung im September 1990 berichtete de Cuéllar von ernsthaften und konstruktiven Verhandlungen zwischen den Parteien unter seiner Obhut. Basierend auf diesem Bericht wurde die Osttimorfrage nicht mit in die jährliche Agenda aufgenommen, was in diplomatischen Kreisen als verringertes Interesse der Weltgemeinschaft für den Konflikt interpretiert wurde.

In New York verglich der portugiesische Premierminister Aníbal Cavaco Silva am 26. September 1990 die Situation Osttimors mit der Besetzung Kuwaits durch den Irak. Der indonesische UN-Botschafter Nana Sutresna wies diesen Vorwurf zurück und bezeichnete diesen Vergleich als irreführend. Sein Land unterstütze Osttimor im Prozess der Entkolonisierung, helfe bei der Realisierung demokratischer Ideale und schütze die Mehrheit der Bevölkerung vor Störungen bzw. dem bewaffneten Terror der von Portugal unterstützten und gelenkten FRETILIN-Minderheit.Antara News: Portugal Slammed at UN, 28. September 1990 Zwei Tage zuvor gab Silva bekannt, es bestehe Einigkeit über eine „Erkundungsmission“, die bis Ende des Jahres durchgeführt werden soll.TAPOL: Jakarta Distortions on Mission, 19. Oktober 1990,

Gegenüber der Presse bestätigte der indonesische Außenminister Ali Alatas am 5. Oktober den geplanten Besuch der portugiesischen Parlamentarier. Er sagte jedoch, der Besuch diene ausschließlich zur Beobachtung der aktuellen Situation und habe nicht den Zweck, Untersuchungen anzustellen. Währenddessen wurde die Reise auf das folgende Jahr verschoben, weil die indonesische Regierung ähnliche Proteste wie während des Papstbesuches erwartete.AFP: UN to Mediate on East Timor? 7. Oktober 1990 Weiterhin verlangte Indonesien, dass die Delegation zuerst nach Jakarta kommen und später nach Osttimor weiterreisen sollte, was die portugiesische Seite nach wie vor ablehnte.

Die Nachrichtenagentur AFP veröffentlichte am 7. Oktober einen Bericht, in dem westliche Diplomaten von einer geplanten UN-Mission sprachen, welche die Situation in dem annektierten Gebiet überwachen sollte, was jedoch von Alatas nur wenige Tage später zurückgewiesen wurde.TAPOL: Report from Kompas and The Jakarta Post, 16. Oktober 1990

Am 3. November äußerte sich Mário Viegas Carrascalão, seit 1983 Gouverneur von Osttimor, in einem Interview gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters besorgt über den geplanten Besuch der Portugiesen. Er befürchtete neuerliche Ausschreitungen, wenn der Besuch stattfinde, räumte aber gleichzeitig ein, dass das Problem eher wirtschaftlicher als politischer Natur sei, entstanden durch das Fehlen von Arbeitsplätzen und die Vorherrschaft von Nichttimoresen in der Geschäftswelt.

mini|hochkant|Mário Soares, ehemaliger Präsident von Portugal

Portugals Präsident Mário Soares sicherte Mitte November am Rande der Ernennung des japanischen Herrschers Akihito zum Tennō in Tokio zu, dass er Unabhängigkeit für das momentan besetzte Gebiet anstrebe.Kyodo News: Portugal pledges to seek East Timor independence, 14. November 1990 Vermehrte politische Aufmerksamkeit erhielt Osttimor auch in den Vereinigten Staaten. In einem Brief an den amerikanischen Außenminister James Baker vom 19. November, den 223 demokratische und republikanische Mitglieder des Repräsentantenhauses unterzeichneten, riefen die Abgeordneten Baker auf, den amerikanischen Einfluss zu nutzen, um politischen Druck auf Indonesien auszuüben und die humanitäre Lage des von menschlichem Leid gezeichneten Osttimor zu verbessern.Tony Hall, Brief an den damaligen amerikanischen Außenminister James Baker, 19. November 1990

Am 7. Dezember, zum 15. Jahrestag des Einmarsches der indonesischen Truppen, demonstrierten in Lissabon bis zu 300 hauptsächlich junge Osttimoresen vor dem portugiesischen Parlamentsgebäude und übergaben den Abgeordneten ein Papier mit politischen Forderungen, in welchem sie die Unabhängigkeitsbestrebungen Osttimors unterstrichen. Dies war die erste gemeinsam organisierte Veranstaltung von UDT und FRETILIN.TAPOL: Unprecedented timorese demonstration in Lisbon. 7. Dezember 1990

Indonesiens Außenminister Ali Alatas äußerte sich Ende Dezember zu neuerlichen Befürchtungen des Gouverneurs in Osttimor, der anstehende Besuch würde Unruhe in die Provinz bringen, und meinte, die Menschen würden den Besuch nicht willkommen heißen.

Drei Wochen später erklärte er, der Besuch werde im Jahr 1991 wahrscheinlich nicht stattfinden und verschoben. Portugal habe den Vorschlag, die Delegation durch UN-Beobachter begleiten zu lassen, bisher nicht beantwortet, obwohl die UN-Botschafter beider Länder bereits Einzelheiten ausgehandelt hätten.Kompas: Portugal has not answered yet. 23. Januar 1991

In einer gemeinsamen Erklärung der zwölf EU-Staaten anlässlich der 47. Sitzung der UN-Menschenrechtskommission am 12. Februar 1991 zeigten sich die Europäer über die Lage der Menschenrechte in Osttimor besorgt. Der Zugang zu bestimmten Distrikten sei nicht gestattet, es gebe Berichte über Verhaftungen, Folter und Exekutionen. Das Recht, sich friedlich zu versammeln, und freie Meinungsäußerung würden vom indonesischen Militär kontinuierlich missachtet. Weiterhin begrüßten sie den Wunsch des Sonderberichterstatters über Folter des UNHCR Pieter H. Kooijmans, das Gebiet zu besuchen. Die indonesische Delegation wies die Vorwürfe als unbegründete Behauptungen zurück. Die Einladung Kooijmans, der im Spätherbst nach Aceh und Osttimor reisen möchte, sei ein klarer Beweis für das Entgegenkommen der indonesischen Regierung.TAPOL: E Timor At UN H.R. Commission. 1. Februar 1991

UN-Generalsekretär de Cuéllar erklärte im März gegenüber einer Gruppe internationaler Parlamentarier, die Menschen in Osttimor hätten das gleiche Recht auf Selbstbestimmung wie in anderen Teilen der Welt.Reuters: East Timor human rights group gets assurance from U.N. chief. 25. März 1991 Eine Kommission des Europäischen Parlamentes war überzeugt von der Notwendigkeit eines Waffenembargos gegenüber Indonesien und billigte einen entsprechenden Entwurf.Diário de Notícias: Arms embargo against Indonesia being called for at council of Europe, 26. April 1991 Den portugiesischen Forderungen nach einem Treffen der Delegation mit Rebellenführer Xanana Gusmão oder einem Referendum erteilte Gouverneur Carrascalão am 11. Juni eine Absage.AFP: Portuguese MPS' planned visit to East Timor hits new snag, 11. Juni 1991 Reuters: East Timor Governor Pessimistic over Portuguese Visit. 11. Juni 1991

Am 8. August des Jahres wurde in New York eine Petition an das UN-Komitee für Entkolonisierungsfragen übergeben, in der die japanische Regierung klarmachte, dass sie die Annexion Osttimors nicht anerkenne und über die Situation der Menschenrechte in dem Gebiet besorgt sei.Japanese Diet Members Forum on East Timor, submitted to the UN Decolonisation Committee in New York on 8 August 1991: Japanese MPs petition UN on East Timor, 10. August 1991 Weiterhin enthielt die Petition eine Nachricht von Xanana Gusmão. Er forderte die indonesische Regierung zu Friedensverhandlungen auf und äußerte sich optimistisch über den anstehenden Besuch der portugiesischen Parlamentsdelegation.Free East Timor Japan Coalition: Xanana Addresses UN On Timor. 9. August 1991 Wenige Tage später begann eine neue Verhandlungsrunde zwischen den beteiligten Parteien über die Konditionen des Besuches unter Obhut der UN.AFP: Jakarta, Lisbon to hold talks on Portugese visit to East Timor. 7. August 1991