Sedulius Scottus (auch Sedulius Scotus; frz. Sedulius de Liège) war ein irischer Gelehrter und Dichter, der im 9. Jahrhundert in Lüttich wirkte. Neben anderen Werken verfasste er einen der ersten mittelalterlichen Fürstenspiegel.
Leben Die Biographie von Sedulius Scottus konnte bis heute nur lückenhaft rekonstruiert werden. Entscheidend sind dabei vor allem die Gedichte des Gelehrten, in denen er sich auf datierbare historische Ereignisse und Personen bezieht.
Sedulius stammte aus Irland, möglicherweise war er dort unter dem Namen Suadbar bekannt.D. Ó Cróinín: The Irish as Mediators of Antique Culture on the Continent, in: Paul Leo Butzer / Dietrich Lohrmann (Hrsg.): Science in Western and Eastern Civilization in Carolingian Times, Basel / Boston / Berlin 1993, S. 41–51. Zweifelsfrei nachweisbar ist er jedoch erst nach seiner Ankunft in Lüttich, die zwischen 840 und 851 erfolgt sein muss.M. C. Sloan: The Harmonious Organ of Sedulius Scottus. Introduction to His Collectaneum in Apostolum and Translation of Its Prologue and Commentaries on Galatians and Ephesians, Berlin 2012, S. 3 f. Ludwig Traube datierte diese Ankunft auf das Jahr 848, er vermutete Sedulius als Mitglied einer Gesandtschaft des irischen Königs.L. Traube: O Roma nobilis. Philologische Untersuchungen aus dem Mittelalter (= Abhandlungen der philosophisch-philologischen Classe der königlich bayerischen Akademie der Wissenschaften 19/2), München 1891, S. 342. Denkbar wäre jedoch auch, dass Sedulius einer von vielen Iren und Angelsachsen war, die ihre Heimat aufgrund von Wikingereinfällen seit dem ausgehenden 8. Jahrhundert vermehrt verließen und in das Reich bzw. die Reiche der Karolinger einwanderten.M. C. Sloan: The Harmonious Organ of Sedulius Scottus. Introduction to His Collectaneum in Apostolum and Translation of Its Prologue and Commentaries on Galatians and Ephesians, Berlin 2012, S. 3. In Lüttich arbeitete Sedulius an der Domschule St. Lambert zunächst unter Bischof Hartgar, zu dem er eine enge Beziehung pflegte. Ab 857/8 wurde er von dessen Nachfolger, Bischof Franco, protegiert.M. Zimmern: Hagiography and the cult of the saints in the diocese of Liège, c. 700-980, Diss., St. Andrews 2007, https://hdl.handle.net/10023/358 (abgerufen am 27. März 2018). Als hochgebildeter Gelehrter und talentierter Dichter genoss Sedulius bereits zu seinen Lebzeiten hohes Ansehen. Möglicherweise stand er im Zentrum eines (irischen) Gelehrtenkreises, der mehrere Werke hervorbrachte.M. C. Sloan: The Harmonious Organ of Sedulius Scottus. Introduction to His Collectaneum in Apostolum and Translation of Its Prologue and Commentaries on Galatians and Ephesians, Berlin 2012, S. 2. Ferner unterhielt er politische und professionelle Beziehungen über Lüttich hinaus, etwa zu Erzbischof Gunthar von Köln.N. Staubach: Rex christianus. Hofkultur und Herrschaftspropaganda im Reich Karls des Kahlen. Die Grundlegung der ›religion royale‹ (= Pictura et poesis. Interdisziplinäre Studien zum Verhältnis von Literatur und Kunst 2, II), Köln / Weimar / Wien 1993, S. 105, 108.
Das letzte Zeugnis von Sedulius ist eines seiner Gedichte, das auf das Jahr 874 datiert werden kann. Danach verliert sich seine Spur.D. Ó Cróinín: Early Medieval Ireland. 400–1200, New York 2017, S. 238.
Werk Das breite Wissen des Gelehrten legt die Vermutung nahe, dass er seine Studien und eventuell auch die Arbeit an seinen Werken bereits in Irland begonnen hat.M. C. Sloan: The Harmonious Organ of Sedulius Scottus. Introduction to His Collectaneum in Apostolum and Translation of Its Prologue and Commentaries on Galatians and Ephesians, Berlin 2012, S. 4. In Irland könnte er auch mit der griechischen Sprache in Berührung gekommen sein, für die er ein gewisses Interesse entwickelt zu haben scheint. Wie andere Schreiber der Karolingerzeit kannte er einige griechische Begriffe und verfügte über basale Kenntnisse der griechischen Grammatik, doch existiert kein einziger Vers von ihm, der gänzlich in griechischer Sprache verfasst wurde. Als Kopist griechischer Texte war er jedoch geübt und besaß für seine Zeit überdurchschnittliche Fähigkeiten.M. W. Herren: Sedulius Scottus and the knowledge of Greek, in: Pádraic Moran / Immo Warntjes (Hrsg.): Early Medieval Ireland and Europe. Chronology, Contacts, Scholarship. A Festschrift for Dáibhí Ó Cróinín (= Studia Traditionis Theologiae. Explorations in Early and Medieval Theology 14), Turnhout 2015, S. 517–520, 524–530, 532.
Neben der Kopie eines griechischen Psalters erstellte Sedulius mehrere Kollektaneen. So fertigte er das Collectaneum in Apostolum an, in dem er Exzerpte aus den Paulusbriefen zusammenstellte und kommentierte; in einem weiteren behandelt er das Evangelium nach Matthäus. Auch verfasste er Kommentare zu grammatischen Abhandlungen von Aelius Donatus, Priscian und dessen Schüler Eutyches. Zu seinem Werk zählt ferner eine Sentenzsammlung, die als Proverbia Graecorum bekannt ist. Mit seinem Collectaneum Miscellaneum legte Sedulius eine Sammlung von Exzerpten an, die teilweise raren klassischen, theologischen und paganen Quellen entstammen.F. Brunhölzl: Von Cassiodor bis zum Ausklang der karolingischen Erneuerung (= Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters 1), München 1975, S. 451 f. Möglicherweise diente Sedulius dieses Collectaneum als Arbeitsgrundlage, als Sammlung, auf die er bei seiner Tätigkeit als Autor immer wieder zurückgreifen konnte.S. Hellmann: Sedulius Scottus, in: Ludwig Traube (Hrsg.): Quellen und Untersuchungen zur lateinischen Philologie des Mittelalters 1 (Heft 1), München 1906, S. 107. Sedulius’ Werk umfasst darüber hinaus zahlreiche Gedichte. Neben solchen über das alltägliche Leben, die teilweise auch humoristische Tendenzen aufweisen, richten sich andere »an fürstliche Persönlichkeiten, Laien oder Bischöfe«F. Brunhölzl: Von Cassiodor bis zum Ausklang der karolingischen Erneuerung (= Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters 1), München 1975, S. 457; siehe auch S. 461 f., 464.. Die Inhalte, etwa Referenzen oder Zitate, der Gedichte der Letzteren Kategorie sind dabei stets sorgfältig auf den jeweiligen Empfänger abgestimmt.D. Simpson: Sedulius Scottus and the Latin Classics, in: Benjamin T. Hudson / Vickie Ziegler (Hrsg.): Crossed Paths. Methodological approaches to the Celtic aspect of the European Middle Ages, Lanham / New York / London 1991, S. 26. Aufgrund seiner Fähigkeiten als Dichter wurde Sedulius bereits als »›chief bard‹ of Liège« und als »Lütticher Vergil«N. Staubach: Rex christianus. Hofkultur und Herrschaftspropaganda im Reich Karls des Kahlen. Die Grundlegung der ›religion royale‹ (= Pictura et poesis. Interdisziplinäre Studien zum Verhältnis von Literatur und Kunst 2, II), Köln / Weimar / Wien 1993, S. 109. bezeichnet.
Liber de rectoribus Christianis (Werk über die christlichen Herrscher) Das womöglich bedeutendste Werk von Sedulius Scottus ist der Königsspiegel Liber de rectoribus Christianis, dessen vollständiger Titel wahrscheinlich lautete: Liber de rectoribus Christianis et regulis, quibus est res publica rite gubernanda (»Werk über die christlichen Herrscher und die Grundsätze, nach denen ein Staat richtig zu regieren ist«).H. H. Anton: Fürstenspiegel des frühen und hohen Mittelalters (= Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters. Freiherr-vom-Stein-Gedächtnis-ausgabe 45), Darmstadt 2006, S. 19. Sowohl der Adressat als auch die damit verbundene Frage nach der Datierung des Werkes sind jedoch umstritten, da diesbezüglich keine Angaben des Autors selbst überliefert sind. In jüngster Zeit war es besonders Nikolaus Staubach, der für Karl den Kahlen und eine Entstehungszeit um 870 plädierteN. Staubach: Rex christianus. Hofkultur und Herrschaftspropaganda im Reich Karls des Kahlen. Die Grundlegung der ›religion royale‹ (= Pictura et poesis. Interdisziplinäre Studien zum Verhältnis von Literatur und Kunst 2, II), Köln / Weimar / Wien 1993, S. 105–221.; der Großteil der modernen Forscher spricht sich jedoch für Lothar II. als Empfänger und eine Abfassung zwischen 855 und 858/59 aus.Siehe z. B. H. H. Anton: Fürstenspiegel des frühen und hohen Mittelalters (= Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters. Freiherr-vom-Stein-Gedächtnis-ausgabe 45), Darmstadt 2006, S. 17 f. Grundlegende Studien zu dem Werk leisteten um 1900 besonders der Philologe Ludwig Traube und der Historiker Siegmund Hellmann, deren Ergebnisse teilweise noch heute Gültigkeit besitzen. Von Hellmann stammt zudem die erste moderne Edition des Königsspiegels.
Formal ist der Text, wohl nach dem Vorbild des Trostes der Philosophie des Boethius, in prosimetrischer Form verfasst.L. M. Davies: Sedulius Scottus. Liber de Rectoribus Christianis, a Carolingian or Hibernian Mirror for Princes?, in: Studia Celtica 26/27 (1991), S. 35. Er ist in zwanzig Kapitel gegliedert, denen jeweils ein Gedicht nachgestellt ist. Bei der Anfertigung des Königsspiegels orientierte sich Sedulius an der zu seiner Zeit noch jungen Tradition der karolingischen Spiegelliteratur und greift dabei freilich auch die für das Mittelalter typische Idee der Theokratie auf. Ein für das 9. Jahrhundert bedeutendes Novum zeigt sich bei ihm jedoch in der Verwendung heidnisch-antiker Werke, die neben insularen Vorlagen und christlichen Schriften die Grundlage für den Königsspiegel bildeten.H. H. Anton: Fürstenspiegel des frühen und hohen Mittelalters (= Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters. Freiherr-vom-Stein-Gedächtnis-ausgabe 45), Darmstadt 2006, S. 10 f., 15, 18. Darüber hinaus verbindet Sedulius die Herrschaft des Königs als Stellvertreter Gottes mit dem Nutzen für den Staat und das Volk, womit das Werk eine neue Orientierung an der weltlichen Herrscherpraxis aufweist.
Editionen & Übersetzungen (Auswahl) Sedulius Scottus: Werk über die christlichen Herrscher, in: Fürstenspiegel des frühen und hohen Mittelalters, ausgew., übers. und komment. von Hans Hubert Anton (Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters. Freiherr-vom-Stein-Gedächtnisausgabe 45), Darmstadt 2006, S. 100–149. Sedulius Scottus: Liber de rectoribus Christianis, in: Traube, Ludwig (Hrsg.): Quellen und Untersuchungen zur lateinischen Philologie des Mittelalters 1 (Heft 1), kommentiert von Siegmund Hellmann, München 1906, S. 19–91, . Brearly, Denis (Hrsg.): Commentum Sedulii Scotti in Maiorem Donatum Grammaticum. Toronto: Pontifical Institute of Mediaeval Studies, 1975.
Literatur Hans Hubert Anton: Fürstenspiegel des frühen und hohen Mittelalters (= Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters. Freiherr-vom-Stein-Gedächtnisausgabe 45), Darmstadt 2006. Franz Brunhölzl: Von Cassiodor bis zum Ausklang der karolingischen Erneuerung (= Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters 1), München 1975. Reinhard Düchting: Sedulius Scottus. Seine Dichtungen, München 1968. Reinhard Düchting: Sedulius Scottus. Ein ›Heiliger drei König mehr‹ aus dem Abendland, in: Heinz Löwe (Hrsg.): Die Iren und Europa im früheren Mittelalter 2, Stuttgart 1982, S. 866–875. Ernst Dümmler: Die handschriftliche Ueberlieferung aus der Zeit der Karolinger. II., in: Neues Archiv der Gesellschaft für Ältere Deutsche Geschichtskunde 4, 1879, S. 315–320. Siegmund Hellmann: Sedulius Scottus, in: Ludwig Traube (Hrsg.): Quellen und Untersuchungen zur lateinischen Philologie des Mittelalters 1 (Heft 1), München 1906. Tino Licht: Sedulius Scottus in Lorsch. Handschriftenspuren eines karolingischen Gelehrten. In: Frühmittelalterliche Studien, 54 (2020), S. 131–142. Henri Pirenne: Sedulius de Liège, in: Mémoires couronnés et autres mémoires publiés par l’Académie royale des sciences, des lettres et des beaux-arts de Belgique, t. XXXIII, Brüssel 1882.