mini|Der polnische Enigma-Nachbau im Piłsudski-Institut in London mini|Beim polnischen Enigma-Nachbau waren Tasten (1), Lampen (2) und Steckbuchsen (7), wie bei der deutschen Enigma-C, einfach alphabetisch angeordnet. mini|Zeichnung aus dem mini|Enigma Schlüsseltafel mini|Der polnische Codeknacker Marian Rejewski (1932) Die polnischen Enigma-Nachbauten sind Replikate der deutschen Rotor-Schlüsselmaschine Enigma. Sie wurden in den 1930er-Jahren im Auftrag des polnischen Chiffrenbüros durch die Warschauer AVA-Fabrik hergestellt und dienten polnischen Kryptoanalytikern als Klone der deutschen Maschine. Sie halfen ihnen bei der kryptanalytischen Aufklärung der deutschen Methoden und bei der erfolgreichen Entzifferung der mit der Enigma verschlüsselten deutschen Funksprüche in den Jahren 1933 bis 1939 in Polen und danach im französischen Exil.

Vorgeschichte Als die deutschen Militärs nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg im Jahr 1923 aus britischen Veröffentlichungen wie Winston Churchills The World Crisis und der durch die Royal Navy herausgegebene „Offiziellen Geschichte des [Ersten] Weltkriegs“ erfuhren, dass ihre zuvor verwendeten Verschlüsselungsverfahren, wie Codebücher, ADFGX und ADFGVX, durch die Alliierten während des Kriegs gebrochen worden waren, wollten sie eine Wiederholung dieser kryptographischen Katastrophe unbedingt vermeiden (siehe auch: Geschichte der Enigma sowie Geschichte der Kryptographie im Ersten Weltkrieg).Simon Singh: Geheime Botschaften. Carl Hanser Verlag, München 2000, S. 177. ISBN 3-446-19873-3 Sie suchten daher nach einem Ersatz für diese alten und nun als unsicher erkannten manuellen Methoden. Hierfür kamen maschinelle Verschlüsselungen in Betracht, die zwischen 1915Karl de Leeuw: The Dutch Invention of the Rotor Machine, 1915–1923. Cryptologia. Rose-Hulman Institute of Technology. Taylor & Francis, Philadelphia PA 27.2003,1, S. 73–94. . und 1919Louis Kruh, Cipher Deavours: The Commercial Enigma – Beginnings of Machine Cryptography. Cryptologia. Rose-Hulman Institute of Technology. Taylor & Francis, Philadelphia PA 26.2002,1, S. 1–16. . an vielen unterschiedlichen Orten auf der Welt unabhängig voneinander erfunden worden waren. In Deutschland war es Arthur Scherbius, der bereits 1918, während der Zeit des Ersten Weltkriegs, hierzu sein erstes Patent noch im Kaiserreich angemeldet hatte. Er nannte seine Maschine „Enigma“ (nach griechisch αἴνιγμα ainigma für „Rätsel“) und ließ dem ersten Patent in kurzen Zeitabständen eine Fülle von weiteren in- und ausländischen Enigma-Patenten und Veröffentlichungen folgen.Arthur Scherbius: „Enigma“ Chiffriermaschine. Elektrotechnische Zeitschrift, 1923, S. 1035.

Im Jahr 1928 schließlich entschloss sich das deutsche Heer, die scherbiussche Maschine zunächst versuchsweise einzusetzen, nachdem es die damals modernste kommerzielle Version, die Enigma D, um eine geheime Zusatzeinrichtung, das Steckerbrett, ergänzt und damit kryptographisch gestärkt hatte (siehe auch: kryptographische Stärken der Enigma).Rudolf Kippenhahn: Verschlüsselte Botschaften, Geheimschrift, Enigma und Chipkarte. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1999, S. 211. ISBN 3-499-60807-3 Sämtliche kommerziellen Modelle verschwanden daraufhin vom zivilen Markt in Deutschland. Die ab 1930 von der Reichswehr regulär und exklusiv benutzte Maschine wurde als Enigma I (sprich: „Enigma Eins“) bezeichnet und verkörperte eines der zu dieser Zeit modernsten und sichersten Verschlüsselungsverfahren der Welt.Simon Singh: Geheime Botschaften. Carl Hanser Verlag, München 2000, S. 178. ISBN 3-446-19873-3

Im Juli 1928 fingen polnische Abhörstationen in der Nähe der polnischen Westgrenze zum ersten Mal seltsame neue verschlüsselte deutsche Funksprüche auf.Marian Rejewski: How Polish Mathematicians Broke the Enigma Cipher. IEEE Annals of the History of Computing, Vol. 03, Nr. 3, Juli 1981, S. 213–234.Friedrich L. Bauer: Historische Notizen zur Informatik. Springer, Berlin 2009, S. 172. ISBN 3-540-85789-3 Nur wenig später, im Januar 1929, kam das polnische Chiffrenbüro, das Biuro Szyfrów (BS), auch zum ersten Mal in physischen Kontakt mit der Enigma. Auslöser war ein aufmerksamer polnischer Zollbeamter, der durch einen deutschen Botschaftsangehörigen aufgeschreckt worden war. Dieser berichtete ganz aufgeregt, dass ein wichtiges Paket aus Deutschland, adressiert an die deutsche Botschaft in Warschau, irrtümlich über den normalen Postweg statt als Diplomatengepäck versandt worden sei, und bestand darauf, dass ihm dies sofort ausgehändigt oder unmittelbar zurückgesandt werden müsse. Der polnische Beamte reagierte geistesgegenwärtig und gab vor, dass er am Wochenende nichts unternehmen könne, er sich aber der Sache annehmen und dafür Sorge tragen werde, dass dieses offensichtlich sehr wichtige Paket in der nächsten Woche so schnell wie irgend möglich an den Absender zurückgehen werde. Nachdem der Deutsche beruhigt gegangen war, wurde das BS informiert, das seine beiden Mitarbeiter Antoni Palluth und Ludomir Danilewicz zur Zollstelle und zur Inspektion des Pakets schickte.

Diese öffneten die schwere Holzkiste und fanden, sorgfältig in Stroh verpackt, einen Schatz, wertvoller als es sich die polnischen Kryptoanalytiker hätten erträumen können: eine fabrikneue Enigma-Maschine. Die beiden nutzten das ganze Wochenende, um die deutsche Maschine sorgfältig zu untersuchen und deren Details festzuhalten. Danach verpackten sie sie wieder genau so, wie sie sie vorgefunden hatten, bevor das Paket – wie gewünscht – am Montag zurückgeschickt wurde. Es wurde nie bekannt, dass die Deutschen Verdacht geschöpft oder bemerkt hätten, dass ihre geheime kryptographische Maschine einer so sorgfältigen Inspektion unterzogen worden war.Hugh Sebag-Montefiore: Enigma – The battle for the code. Cassell Military Paperbacks, London 2004, S. 22–23. ISBN 0-304-36662-5

Die Erkenntnisse des BS wurden abgerundet, nachdem die Polen im Dezember 1931 Kopien der Handbücher der Enigma durch den französischen Geheimdienstmitarbeiter Capitaine (deutsch: „Hauptmann“) und späteren Général Gustave Bertrand erhalten hatten: die Gebrauchsanleitung (H.Dv.g.13)OKW: Gebrauchsanleitung für die Chiffriermaschine Enigma. H.Dv.g. 13, Reichsdruckerei, Berlin 1937, superborg.de (PDF; 1,8 MB) abgerufen 22. April 2015. und die Schlüsselanleitung (H.Dv.g.14) der deutschen Chiffriermaschine.OKW: Schlüsselanleitung zur Schlüsselmaschine Enigma. H.Dv.g. 14, Reichsdruckerei, Berlin 1940. (Abschrift des Original-Handbuchs mit einigen kleinen Tippfehlern.) (PDF; 10 kB) abgerufen 22. April 2015. Das Deuxième Bureau des französischen Geheimdienstes hatte diese über den für Frankreich unter dem Decknamen HE (Asché) spionierenden Deutschen Hans-Thilo Schmidt bekommen.Hugh Sebag-Montefiore: Enigma – The battle for the code. Cassell Military Paperbacks, London 2004, S. 22. ISBN 0-304-36662-5 In weiteren Treffen lieferte Schmidt streng geheime Schlüsseltafeln für die Monate September und Oktober 1932 an Bertrand, die ebenfalls postwendend an das BS weitergingen.Gordon Welchman: The Hut Six Story – Breaking the Enigma Codes. Allen Lane, London 1982; Cleobury Mortimer M&M, Baldwin Shropshire 2000, S. 210. ISBN 0-947712-34-8

Zwar genügte dies alles noch nicht, den verschlüsselten deutschen Funkverkehr zu brechen – die Enigma erwies sich noch immer als „unknackbar“ – dennoch wurde damit ein wichtiger Grundstein für die nun bald folgenden Entzifferungserfolge gelegt.

Erste Entzifferung Am 1. September 1932 wurde das für die deutschen Chiffren zuständige Referat BS4 von Posen nach Warschau ins Sächsische Palais (poln.: Pałac Saski) verlegt. Mit ihm kamen die drei jungen Mathematiker Marian Rejewski, Jerzy Różycki und Henryk Zygalski. Noch im selben Jahr glückte Rejewski und seinen Kollegen der erste Einbruch in die von der deutschen Reichswehr zur Verschlüsselung ihres geheimen Nachrichtenverkehrs eingesetzten Maschine.Marian Rejewski: An Application of the Theory of Permutations in Breaking the Enigma Cipher. Applicationes Mathematicae, 16 (4), 1980, S. 543–559. Abgerufen: 22. April 2015. Dabei nutzte er eine legal gekaufte kommerzielle Maschine (Modell D),Friedrich L. Bauer: Entzifferte Geheimnisse. Methoden und Maximen der Kryptologie. 3., überarbeitete und erweiterte Auflage. Springer, Berlin u. a. 2000, S. 114. bei der – anders als bei der ihm noch unbekannten militärischen Enigma I – die Tastatur mit der Eintrittswalze in der üblichen QWERTZ-Reihenfolge (Buchstabenreihenfolge einer deutschen Tastatur, beginnend oben links) verbunden war. Rejewski erriet die von den Deutschen für die militärische Variante gewählte Verdrahtungsreihenfolge,Hugh Sebag-Montefiore: Enigma – The battle for the code. Cassell Military Paperbacks, London 2004, S. 42. ISBN 0-304-36662-5 die den britischen Codebreaker Dillwyn „Dilly“ Knox selbst noch 1939 fast zur Verzweiflung brachte. Anschließend schaffte es Marian Rejewski mithilfe seiner exzellenten Kenntnisse der Permutationstheorie (siehe auch: Enigma-Gleichung), die Verdrahtung der drei Walzen (I bis III) sowie der Umkehrwalze (A) (siehe auch: Enigma-Walzen) zu erschließenFrank Carter: The Polish Recovery of the Enigma Rotor Wiring. Publikation, Bletchley Park, März 2005. – eine kryptanalytische Meisterleistung, die ihn mit den Worten des amerikanischen Historikers David Kahn „in das Pantheon der größten Kryptoanalytiker aller Zeiten erhebt“ (im Original: „[…] elevates him to the pantheon of the greatest cryptanalysts of all time“).David Kahn: Seizing the Enigma – The Race to Break the German U-Boat Codes, 1939 –1943. Naval Institute Press, Annapolis MD 2012, ISBN 978-1-59114-807-4, S. 76. Der englische Codeknacker Irving J. Good bezeichnete Rejewskis Leistung als „The theorem that won World War II“I. J. Good, Cipher A. Deavours, Nachwort zu Marian Rejewski: How Polish Mathematicians Broke the Enigma Cipher. IEEE Annals of the History of Computing, Vol. 03, Nr. 3, S. 213–234, Juli 1981, S. 229 f. (deutsch: „Das Theorem, das den Zweiten Weltkrieg gewann“).

Doch auch dieser Erfolg des BS, so eindrucksvoll und wichtig er war, reichte noch immer nicht, die deutschen Funksprüche routinemäßig zu brechen. Aber die polnischen Codeknacker hatten zu Beginn des Jahres 1933 alle technischen Details der deutschen Maschine aufgeklärt, sie kannten ihren Aufbau und insbesondere die streng geheime Verdrahtung der drei rotierenden Walzen (I bis III), der Eintrittswalze (ETW) und der Umkehrwalze (UKWA).

ETW A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z

A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z I E K M F L G D Q V Z N T O W Y H X U S P A I B R C J II A J D K S I R U X B L H W T M C Q G Z N P Y F V O E III B D F H J L C P R T X V Z N Y E I W G A K M U S Q O

UKW A AE BJ CM DZ FL GY HX IV KW NR OQ PU ST Diese Kenntnis versetzte die Polen endlich in die Lage, die von der Reichswehr verwendete und mit dem Steckerbrett gestärkte militärisch verwendete Enigma I nachzubauen.

Nachbauten