Die mit den tausend Kindern ist ein Roman der deutschen Schriftstellerin Clara Viebig aus den Jahren 1928/1929. Gegenstand der Handlung, die in den 1920er Jahren an einer Brennpunktschule im Osten Berlins spielt, ist das Schicksal einer Volksschullehrerin, die sich für ein Leben zum Wohle der ihr anvertrauten Mädchen und gegen ein privates Glück entscheidet.

Handlung Zu Beginn der Handlung wird die 27-jährige Marie-Luise Büchner im Kreise der ihr anvertrauten Schülerinnen während des Unterrichts dargestellt. Der pädagogische Umgang mit diesen Mädchen, die im trostlosen Berliner Osten groß geworden sind, ist nicht einfach. Da ist, neben anderen, die verwahrloste, früh verdorbene Trude Schindler, die schüchterne, mutterlose Lene Krause und die altkluge Friseurtochter Irma Mielke. Die Lehrerin hat alle Hände voll zu tun, denn jede Schülerin ist in ihrer Besonderheit zu fördern. Dabei soll Gerechtigkeit walten, Sticheleien unter den Schülerinnen sind tunlichst zu vermeiden und insgesamt muss die Klassengemeinschaft gefördert werden, wobei die fachliche Lenkung des Unterrichts nicht vernachlässigt werden darf:

Trotz der Belastungen dieses Berufes ist Marie-Luise, die zunächst als Privatlehrerin gearbeitet hat, von einem hohen Arbeitsethos beseelt, mit dem sie ihre Stelle in der Volksschule voll ausfüllen will. Als Tochter eines verstorbenen Schuldirektors war es schon immer ihr Wunsch Lehrerin zu werden. Während der Ausbildung lebte Marie-Luise mit der Referendarin Marga Moebius zusammen, mit der sie über eine bloße Freundschaft hinaus fast leidenschaftliche Gefühle verbanden. Beide verlieren sich aus den Augen, als Marie-Luise als Volksschullehrerin eingestellt wird, während Marga über den Weg eines Studiums an einer sogenannten ‚höheren Töchterschule‘ unterrichtet.

Seit dem Tod des Vaters wohnt Marie-Luise mit der nervenleidenden Mutter zusammen bei einer Cousine mütterlicherseits. Trotz eines weiten Weges zur Schule mag Marie-Luise diese Wohnung nicht aufgeben, da sie am grünen Stadtrand gelegen ist. Marie-Luise muss erfahren, dass ihre Schülerinnen aus den ärmeren Bevölkerungsschichten schwerwiegende Probleme haben, welche den Schulbetrieb häufig zweitrangig machen:

Marie-Luises Arbeit wird dadurch erschwert, dass die Eltern nicht mit der Lehrerin an einem Strang ziehen. Als sie sich der mutterlosen Lene Krause annehmen will, lauert der zwielichtige Vater der Lehrerin auf und verfolgt sie. Der Mann, der den Verlust seiner kürzlich verstorbenen Ehefrau nicht verwinden kann, lässt seinen Schmerz auf unflätige Weise an Marie-Luise aus, so dass Herr Volbert, der Schulleiter, eingreifen muss, um die Lehrerin zu schützen, und man sie unter Polizeischutz stellt. Nach diesem Vorfall deutet Volbert der völlig überraschten Marie-Luise seine Zuneigung an; sie weist jedoch den Vorgesetzten zurück.

Im Kreis der Kolleginnen erfreut sich Marie-Luise einiger Beliebtheit. Insbesondere fühlt sie sich verbunden mit Melitta Ebertz, einer alten, eher konservativ unterrichtenden Lehrerin, und mit Claire Spiegel, die Heiratspläne hegt. Beide werden später entlassen werden; die eine aus Altersgründen und die andere nach der Geburt ihres Kindes. Diese Umstände und der erneute Kontakt zur Jugendfreundin Marga Moebius tragen dazu bei, dass Marie-Luises anfänglicher Idealismus zu schwinden beginnt. Marga, die in der höheren Töchterschule eine wesentlich unkompliziertere Schülerklientel hat, fühlt sich bei weitem nicht in dem Maße für ihre Schülerinnen verantwortlich wie Marie-Luise.

Als sich der Gesundheitszustand von Marie-Luises Mutter verschlechtert, ruft man Doktor Alwin Droste. Der Arzt und die Lehrerin verlieben sich ineinander. Als die Mutter stirbt, macht er ihr einen Heiratsantrag. Marie-Luise zögert aus mehreren Gründen den Antrag anzunehmen. Sie befürchtet, dass ihre Ehe der Routine des Alltags zum Opfer fallen werde, und willigt nur unter der Bedingung ein, dass sie auch nach der Heirat ihren Beruf ausüben dürfe. Das Schicksal der Kollegin Claire Spiegel, inzwischen verheiratete Halbhaus, macht sie jedoch mehr als nachdenklich. Die finanziellen Mittel des Ehepaares reichen nur für ein beschränktes Leben, Claire wird zwischen den Pflichten in ihrer Doppelrolle als Ehefrau und Lehrerin förmlich zerrieben, und als schwangere Lehrerin muss sie einen Autoritätsverlust hinnehmen, den sie nicht verkraftet: Obwohl Marie-Luise von der Schulbehörde die Erlaubnis erlangt, als verheiratete Frau ihren Dienst fortsetzen zu dürfen, entschließt sie sich, auf ihr privates Glück zu Gunsten ihrer pädagogischen Berufung zu verzichten. Sie weist Droste ab, worauf dieser den Wohnort wechselt.

Zufällig macht Marie-Luise die Entdeckung, dass einige ihrer Schülerinnen modern gekleidet und mit einem Bubikopf frisiert vor einem Kino auf Männer warten, mit denen sie sich anschließend entfernen. Es handelt sich um Trude, die von ihrer älteren Schwester Alma mitgenommen wird, später auch um Lenchen Krause.

Die Lehrerin fühlt sich verpflichtet, über diesen Vorfall dem Direktor Meldung zu machen sowie ein wenig erquickliches Gespräch mit Trudes Mutter zu führen. Trude wird daraufhin der Fürsorgeerziehung überantwortet. Diese Ereignisse lösen bei Marie-Luise einen Gewissenskonflikt aus, doch letztlich kommt sie zu dem Schluss, sie müsse den verwahrlosten Kindern beistehen:

Die vereinsamende pensionierte Kollegin Melitta Albertz hat sich nach ihrem Ruhestand für Theo Schindler, Trudes Bruder, eingesetzt, aber er giert nur nach ihrem Geld und zögert nicht, bei einem nächtlichen Einbruch ihren Tod in Kauf zu nehmen. Die Lehrerinnen sind schockiert und suchen Nähe in der Gemeinschaft mit den Kolleginnen. Marga bittet Marie-Luise mit ihr zusammenzuleben; sie lehnt jedoch die Bitte der Freundin ab. Sie sucht sich eine eigene Bleibe, die näher an der Schule liegt.

Zufällig erfährt Marie-Luise, dass Lenchen Krause an Schwindsucht erkrankt ist und im Sterbebett liegt. Das mutterlose Mädchen ist glücklich die Lehrerin noch einmal zu sehen.

Alwin Droste hat inzwischen eine gute Stelle gefunden und bietet Marie-Luise erneut die Ehe an. Obwohl sie diesen Mann noch immer liebt, entschließt sie sich nunmehr endgültig sich ihrem Lehrerberuf zu widmen. Zu dieser Entscheidung tragen zwei positive Nachrichten bei: Trude Schindler ist durch die Fürsorgeerziehung zu einem ordentlichen Mädchen geworden, und Irma Mielke, die inzwischen selbst Mutter geworden ist, bedankt sich bei Marie-Luise für ihre selbstlose Erziehungsarbeit zu Schulzeiten.

Der Roman im Kontext der Schulliteratur um 1900 Mit ihrem Roman greift Clara Viebig ein aktuelles Thema der differenziert geführten Diskussion um Bildung und Erziehung seit 1900 auf. Ein wichtiger Impuls für die zahlreich erscheinenden Lehrer- und Schülerromane war die im Jahr 1900 erschienene Essaysammlung „Das Jahrhundert des Kindes“ der schwedischen Reformpädagogin Ellen Key. Waren zunächst Werke entstanden, die als eine negative Fortführung des Bildungs- und Entwicklungsromans unter den Vorzeichen eines obrigkeitsverpflichteten, die jungen Seelen zerstörenden Denkens bezeichnet werden können, so wurde dieser literarische Diskurs in der Weimarer Republik als eine positivere Neuorientierung fortgesetzt, die unter der Bezeichnung Reformpädagogik zusammengefasst werden kann.Vgl. York-Gothart Mix: Die Schulgeschichten und die Schulgeschichte. Literarizität im bildungs- und erziehungskritischen Diskurs der frühen Moderne, in: Der Deutschunterricht 1/2014, (2–13). Diese pädagogischen Neuerungen können als Bildungsvorschläge angesehen werden, die von unterschiedlichen weltanschaulichen Positionen aus formuliert, wegführen sollten vom „Schulunfug“Heinrich Scharrelmann: Fröhliche Kinder. Ratschläge für die geistige Gesundheit unserer Kinder, Hamburg: 1906, S. 173. des Kaiserreiches.

Im Rahmen dieser Literatur setzt Clara Viebig eigene Schwerpunkte. Sind in den Werken dieser Zeit die Lehrenden in der Regel männlich, so wählt Clara Viebig den Typ der weiblichen Lehrperson und befasst sich eingehend mit den Problemen, die Frauen in den 1930er Jahren begegneten, wenn sie in einem solchen Beruf arbeiten wollten. Auch sucht sie sich ein besonderes Schülerklientel aus, nämlich die Mädchen eines Ostberliner Proletarierviertels.

Vom Lehrertyp her gestaltet Clara Viebig weder den autoritären Lehrer der wilhelminischen ‚Stockschule‘, der seine Schüler eher zerstört als sie aufbaut, wie er bspw. in ‚Unterm Rad‘ von Hermann Hesse (1909) dargestellt wird, noch den Kumpeltyp aus ‚Der Kampf der Tertia‘ von Wilhelm Speyer (1927) oder der charismatische Lehrer wie in ‚Das fliegende Klassenzimmer‘ von Erich Kästner (1933). Allerdings spiegeln sich in den unterschiedlichen Lehrpersönlichkeiten Clara Viebigs wohl Charakterzüge solcher Lehrertypen in abgeschwächter Form. So ist die alte Kollegin Ebertz eher den autoritären Vertretern zuzurechnen, die „noch so ziemlich nach der alten Methode“Clara Viebig: Die mit den tausend Kindern, Stuttgart: DVA 1929 (ohne Angabe der Auflage), S. 31. unterrichten, letztlich aber hat sie ein gutes Herz. Marie-Luise selbst begegnet ihren Zöglingen fürsorglich, wobei sie den Schülerinnen gegenüber einen gebührenden Abstand einhält.

Dies hängt mit der Wahl des Schülerklientels zusammen, deren Wahl für Clara Viebig typisch ist. Es handelt sich um andere Schülertypen als insbesondere jene der ‚Internatsliteratur‘, keineswegs um hochsensible Einzelgänger, wie Hesses ‚Hans Giebenrath‘, nicht um eine verantwortungsbewusste Schulgemeinschaft wie in ‚Das fliegende Klassenzimmer‘, auch um keine solidarisch agierenden Schüler wie in ‚Der Kampf der Tertia‘.

Viebigs Protagonistinnen sind sozial benachteiligte, vernachlässigte Mädchen mit wenig Sozialkompetenz aus prekären gesellschaftlichen Zuständen, in denen auskömmliche Verhältnisse, häusliche Harmonie oder gar ein humanistisches Bildungsideal eine ferne Welt sind. Zudem sind die Mädchen vom Abgleiten in eine wie auch immer geartete Ausbeutung, insbesondere in Formen der Prostitution, bedroht. Aus diesen Prämissen heraus ergibt sich für die Lehrerin ein praktisch orientierter Bildungsauftrag für Mädchen, die sie für führungsbedürftig hält. Aus dem Umstand, dass das Elternhaus den Erziehungsauftrag nicht angemessen wahrnehmen kann, ergibt sich andererseits die Frage, inwieweit eine Lehrperson diesen übernehmen darf und wo die Grenzen solcher stellvertretender Handlungen liegen.

Themen des Stückes und Interpretationsansätze Adäquatheit des Bildungsideals Die Suche nach einem adäquaten Bildungsideal orientiert sich an den Mädchen, denen Wege zu gehobener Bildung weitgehend versperrt sind. Insofern bezweifelt Marie-Luise den Sinn eines humanistischen Bildungsideals für ihre Schülerinnen. Ratlos stellt sie sich die Frage, wie sie solche Mädchen „zu einem konkreten Idealismus […] zu allem Guten, Wahren, Schönen und Heiligen“ erziehen soll, „ – oh, du lieber Gott, wie mach man denn das?“Clara Viebig: Die mit den tausend Kindern, Stuttgart: DVA 1929. S. 37.

Selbst Margas elitären Schülerinnen gelingt es kaum, sich in die Gedankenwelt von Gedichten des Idealismus einzufinden. Gleichzeitig leben sie aber auf, wenn ihnen die Gelegenheit gegeben wird, sich mit persönlichen Themen zu befassen, mit „etwas, das aus der Seele des Kindes selbst kam“Clara Viebig: Die mit den tausend Kindern, Stuttgart: DVA 1929 (ohne Angabe der Auflage), S. 95. Insofern wird das Bildungsideal des Idealismus generell in Frage gestellt.