Als homosexuelles Verhalten bei Tieren wird ein Verhalten bezeichnet, das als homo- oder bisexuell interpretiert werden kann. Dies äußert sich unter anderem durch das Balzverhalten, das Ausdrücken von Zuneigung und die Paarbindung zu gleichgeschlechtlichen Artgenossen sowie durch gleichgeschlechtliche Brutfürsorge. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen homosexuelles Verhalten bei Tieren in unterschiedlichen Formen. Gleichgeschlechtliches Sexualverhalten (same-sex sexual behavior, SSB) wurde bei über 1500 Tierarten festgestellt.J. D. Monk, E. Giglio et al.: An alternative hypothesis for the evolution of same-sex sexual behaviour in animals (published correction appears in Nat Ecol Evol. 2019 Nov 25) In: Nat Ecol Evol. Band 3, Nummer 12, 2019, S. 1622–1631, doi:10.1038/s41559-019-1019-7.

Anwendung des Begriffs homosexuell auf Tiere Der Begriff homosexuell wurde zum ersten Mal von Karl-Maria Kertbeny im Jahre 1868 verwendet, um gleichgeschlechtliche Anziehung und sexuelles Verhalten bei Menschen zu beschreiben.Karl-Maria Kertbeny (anonym publiziert): § 143 des preussischen Strafgesetzbuches vom 14. April 1851 und seine Aufrechterhaltung als §152 im Entwurfe eines Strafgesetzbuches für den Norddeutschen Bund. Offene, fachwissenschaftliche Zuschrift an Seine Exzellenz Herrn Dr. Leonhardt, königl. preussischen Staats- und Justizminister. Druckschrift, Serbe’s Verlag, Leipzig, 1869 digitalisiert bei Google Books (vgl. im Artikel Schriften über Homosexualität) Die Verwendung dieses Begriffs in Tierstudien war aus zwei Gründen kontrovers: Die Sexualität von Tieren und die ihr zugrundeliegenden, motivierenden Faktoren sind wenig verstanden, und der Begriff hat viele stark kulturelle Konnotationen in westlichen Gesellschaften, die für nicht-menschliche Spezies irrelevant sind. Daher wurde dem homosexuellen Verhalten bei Tieren mit den Jahren unterschiedliche Begriffe gegeben, wobei man heute von gleichgeschlechtlichem Verhalten (same-sex behavior) sowie insbesondere von gleichgeschlechtlichem Sexualverhalten (same-sex sexual behavior, SSB) spricht und Begriffe wie „homo-“ oder „bisexuell“, aber auch schwul und lesbisch vermeidet.Inon Scharf, Oliver Y. Martin: Same-sex sexual behavior in insects and arachnids: prevalence,causes, and consequences. In: Behav Ecol Sociobiol. Band 67, 2013, S. 1719–1730Bagemihl 1999, S. 122–166. doi:10.1007/s00265-013-1610-x

Häufig können Forscher bei Wildtieren nicht generell das ganze Leben eines Tieres studieren und aufzeichnen, so dass deren Verhalten durch Einzelbeobachtungen interpretiert werden muss. Die korrekte Verwendung des Begriffs „homosexuell“ muss daher lauten, dass ein Tier „homosexuelles Verhalten“ oder „gleichgeschlechtliches Verhalten“ zeigt. Dennoch wird in diesem Artikel der Begriff entsprechend den Konventionen in der modernen Forschung verwendet,Joan Roughgarden: Evolutions rainbow: Diversity, gender and sexuality in nature and people. University of California Press, Berkeley, 2004; S. 13–183Paul L. Vasey: Homosexual behaviour in primates: A review of evidence and theory. In: International Journal of Primatology Band 16, 1995, S. 173–204Volker Sommer, Paul L. Vasey: Homosexual Behaviour in Animals, An Evolutionary Perspective. Cambridge University Press, Cambridge, 2006, ISBN 0-521-86446-1 indem Homosexualität auf jedes sexuelle Verhalten bei Tieren angewendet wird, wo Kopulation, genitale Stimulation, Paarungsspiele und Balz zwischen gleichgeschlechtlichen Tieren auftritt. In den meisten Fällen wird angenommen, dass das homosexuelle Verhalten nur ein Teil des vollständigen sexuellen Verhaltens des Tieres ist, woraus resultiert, dass die meisten dieser Tiere eher „bisexuell“ als „homosexuell“ sind. Allerdings sind sowohl Fälle von homosexueller Präferenz als auch ausschließlich homosexueller Paare bekannt.

Nach Bruce Bagemihl zeigt das Tierreich eine weitaus größere sexuelle Vielfalt als die wissenschaftliche Gemeinschaft bisher bereit war zu akzeptieren – mit homosexueller, bisexueller und nicht-reproduktiver Ausrichtung.Calvin Reid Gay Lib for the Animals: A New Look At Homosexuality in Nature. Band 245, Nummer 5, 02/01/1999, Feb 1, 1999 Bagemihl fügt hinzu, dass dies nichtsdestotrotz auch ein Zugeständnis an die menschliche Interpretation dieses Phänomens sei.Bagemihl, 1999, Seite 2 Simon LeVay fügt hinzu, trotz der Häufigkeit homosexuellen Verhaltens im Tierreich sei es eher ungewöhnlich, dass einzelne Tiere dieses unter Ausschluss der Heterosexualität lange beibehalten. „Daher scheint eine homosexuelle Orientierung bei Tieren, wenn man denn davon sprechen kann, eher eine Seltenheit zu sein.“ Eine Art, bei der eine ausschließlich homosexuelle Orientierung auftritt, ist jedoch das Hausschaf, bei dem etwa 10 % der Böcke sich weigern, sich mit Weibchen zu paaren, aber dies bereitwillig mit anderen Männchen tun.

Das Sexualverhalten von Tieren nimmt dabei in derselben Tierart viele verschiedene Formen an, wobei jedoch das homosexuelle Verhalten am besten von sozialen Arten bekannt ist. Die Ursachen dieses Verhaltens müssen noch genauer verstanden werden, besonders da viele Arten noch genauer untersucht werden müssen.

Das Beobachten homosexuellen Verhaltens bei Tieren kann als Argument sowohl für als auch gegen die Akzeptanz homosexuellen Verhaltens bei Menschen genutzt werden, wobei es im Besonderen jedoch gegen das Argument genutzt wird, dass Homosexualität eine „Sünde wider die Natur“ sei. Beispielsweise wurde homosexuelles Verhalten bei Tieren durch die American Psychiatric Association und andere Gruppierungen als Argument vor dem United States Supreme Court im Fall Lawrence v. Texas genutzt, der schließlich dazu führte, dass die Homosexuellen-Gesetze von 14 Staaten abgeschafft wurden.Brief for Amici Curiae in Support of Petitioners, Lawrence v. Texas

Forschung Ein Großteil der zur Verfügung stehenden Forschung spezifiziert nicht genauer zwischen ausschließlich homosexuellen Tieren und solchen, die gleichermaßen homo- wie heterosexuelles Verhalten zeigen. Dies führt dazu, dass es unter den Forschern unterschiedliche Meinungen und sich widersprechende Interpretationen bezüglich der von ihnen erhobenen Daten gibt. Zum Beispiel betont Bruce Bagemihl, dass es keine anatomischen oder endokrinologischen Unterschiede zwischen ausschließlich homosexuellen und ausschließlich heterosexuellen Tierpaaren gebe. Dennoch wurden Unterschiede in der hormonalen Zusammensetzung von sexuellen Schlüsselhormonen wie Testosteron und Estradiol gefunden, wenn ausschließlich heterosexuelle Tiere mit Tieren, die sowohl homosexuelles als auch heterosexuelle Balzverhalten zeigen, verglichen wurden.

Viele Tiere, die in Laborstudien eingesetzt werden und homosexuelles Verhalten zeigen, tun dies nicht notwendigerweise auch in freier Wildbahn. Solches Verhalten wird häufig durch Wissenschaftler während des Experimentes hervorgerufen, unter anderem durch Zerstörung eines Teils des Hirngewebes oder indem sie pränatal hohen Mengen an Steroidhormonen ausgesetzt werden. Die Informationen, die aus solchen Versuchen gewonnen werden, sind demzufolge nur bedingt aussagekräftig und können nur begrenzt auf Wildtiere angewendet werden.

Das Vorhandensein von gleichgeschlechtlichem Verhalten wurde bis vor kurzem nicht „offiziell“ beobachtet. Dies rührt sehr wahrscheinlich von beobachterbedingter Voreingenommenheit aufgrund der gesellschaftlichen Einstellung bezüglich gleichgeschlechtlichem Verhalten,Joan Roughgarden, Evolutions rainbow: Diversity, gender and sexuality in nature and people, University of California Press, Berkeley, 2004 unbeabsichtigter Verwechslung oder auch aus Angst von den Kollegen „lächerlich gemacht zu werden“. Janet Mann von der Georgetown University sagt: „Wissenschaftlern, die sich mit diesem Gebiet befassen, wird oft vorgeworfen, eine bestimmte Agenda zu verfolgen, und ihre Arbeit wird häufig schärfer geprüft als die ihrer Kollegen, die sich mit anderen Gebieten befassen.“ Des Weiteren wurde bemerkt: „Nicht jeder sexuelle Akt hat eine reproduktive Funktion … das trifft sowohl auf Menschen als auch auf Tiere zu.“ Im Original publiziert auf foxnews.com vom 19. Mai 2008. Dies scheint unter sozialen Vögeln und Säugetieren, insbesondere unter den Meeressäugern und den Primaten, weitverbreitet zu sein. Das wirkliche Ausmaß von Homosexualität bei Tieren ist jedoch nicht bekannt. Während Studien homosexuelles Verhalten für eine bestimmte Anzahl an Arten nachweisen, schätzt Petter Bøckman, der wissenschaftliche Betreuer der Ausstellung Against Nature?, dass das ganze Ausmaß dieses Phänomens deutlich größer sei als bisher angenommen:

„Bisher wurde noch keine Art gefunden, bei der sich homosexuelles Verhalten nicht zeigt, mit der Ausnahme von Arten, die sich nicht geschlechtlich vermehren, wie Seegurken oder Blattläuse. Des Weiteren ist ein Teil des Tierreichs hermaphrodit, das heißt wirklich bisexuell. Für diese gibt es praktisch keine Homosexualität.“

mini|Ein Beispiel, bei dem homosexuelles Verhalten übersehen wurde: Neun von zehn Paarungen bei Giraffen erfolgen zwischen männlichen Tieren.

Diesbezüglich zitiert Bagemihl:

„Jedem Männchen, das ein Weibchen berochen hat, wurde ein sexuelles Motiv unterstellt, während Analverkehr zwischen Männchen mit Orgasmus sich um Dominanz, Wettbewerb oder Begrüßung drehte.“Bagemihl, citing a study by Leuthold, W. (1977): African Ungulates: A Comparative Review of Their Ethology and Behavioural Ecology. Springer Verlag, Berlin, cited in Biological Exuberance: Animal Homosexuality and Natural Diversity, 1999;

Einige Forscher glauben, dass dieses Verhalten seinen Ursprung in der männlichen sozialen Organisation und Dominanz habe, gleich den Dominanzmerkmalen, die sich in Gefängnissexualität äußern. Forscher wie Bagemihl, Joan Roughgarden, Thierry LodéThierry Lodé: La guerre des sexes chez les animaux Éditions Odile Jacob, Paris, 2006, ISBN 2-7381-1901-8 and Paul Vasey nehmen an, dass die soziale Funktion von Sex (sowohl homo- als auch heterosexuell) nicht notwendigerweise mit Dominanz verknüpft ist, sondern dazu dient, soziale Gemeinschaften und Verbindungen in einer Gruppe zu stärken. Andere wiederum argumentieren, dass die Theorie der sozialen Organisation nicht angemessen sei, da sie einige Aspekte homosexuellen Verhaltens nicht beschreiben könne. Beispielsweise kommt es bei Pinguinen vor, dass männliche Tiere eine lebenslange Partnerschaft eingehen und sich weigern, sich mit Weibchen zu paaren, wenn ihnen die Gelegenheit dazu gegeben wird. Obwohl einige solcher Berichte zunächst nur anekdotischer Natur sind, wächst dennoch der wissenschaftliche Beitrag, der bestätigt, dass permanente Homosexualität nicht nur in Arten mit permanenter Paarbindung, sondern auch bei nicht monogamen Arten, wie bei Schafen, vorkommt. Einem Bericht über Schafe zufolge zeigen ungefähr 8 % der Böcke, wenn ihnen die Möglichkeit gegeben wird, sexuelle Präferenz für männliche Partner (männlich-orientierte Böcke). Im Gegensatz dazu bevorzugen die meisten anderen Böcke weibliche Partner (weiblich-orientierte Böcke). Die Forscher haben eine Zellgruppe im medialen präoptischen Gebiet (medial preoptic area) des vorderen Hypothalamus von adulten Schafen des entsprechenden Alters gefunden, die in adulten Böcken signifikant größer war als bei den weiblichen Schafen.

Tatsächlich ist es so, dass offensichtlich homosexuelle Individuen von allen traditionellen domestizierten Tierarten bekannt sind, von Schafen über Rinder und Pferde sowie von Katzen, Hunden und Wellensittichen.