mini|Schemazeichnung von Fötus mit Nabelschnur und Plazenta
Die Pränatalpsychologie lässt sich zwar als ein Teilgebiet der Entwicklungspsychologie auffassen, historisch gesehen entwickelte sich jedoch ein Großteil der pränatalpsychologischen Annahmen, Theorien und Spekulationen innerhalb des heterogenen Gebietes der Psychoanalyse.Übersicht zum Gebiet liefern: Lloyd deMause: Die fötalen Ursprünge der Geschichte. In: Lloyd deMause: Grundlagen der Psychohistorie. Suhrkamp, Frankfurt 1989, S. 230–349 (S. 233–249); Ludwig Janus: Die Psychoanalyse der vorgeburtlichen Lebenszeit und der Geburt. Centaurus, Pfaffenweiler 1993, S. 1–72; Ralph Frenken: Symbol Plazenta: Die Pränatalpsychologie der Kunst. Springer, Wiesbaden 2015, S. 5–61. Insofern bezeichnet der Begriff Pränatalpsychologie häufig interdisziplinäre Ansätze, die mehrere Teildisziplinen der Psychologie und angrenzender wissenschaftlicher Gebiete verbinden. Das gilt bereits für die Theorien von Otto Rank, der 1924 das Buch Das Trauma der Geburt und seine Bedeutung für die Psychoanalyse veröffentlichte. Darin beschäftigte er sich mit den psychischen Folgewirkungen der Geburt und ebenso mit Überlegungen zum pränatalen Erleben des Fötus. Rank knüpfte bereits die Verbindung zwischen Pränatalpsychologie und einer (psychoanalytischen) Kulturtheorie.
Begrenzt man den Inhalt der Pränatalpsychologie allerdings im Sinne der akademischen Psychologie, dann besteht ihr Gegenstand in der Beschreibung und Erklärung von Erleben und Verhalten während der pränatalen Zeit. Sofern das Geburtsgeschehen selbst und die erste Zeit danach ebenfalls thematisiert werden sollen, spricht man von prä- und perinatal-psychologischen Aspekten. Auch in diesem Sinn kann nach den postnatalen Auswirkungen der pränatalen Zeit gefragt werden.
Eine verbreitete Annahme zur Pränatalzeit war die, dass der Fötus von Außenreizen praktisch vollständig abgeschirmt sei. Daher würden sich Wahrnehmung und Bewusstsein erst nach der Geburt entwickeln. Mittlerweile liegen allerdings empirische Befunde vor, die zeigen, dass Verhalten und vermutlich auch Erleben bereits pränatal entstehen. Dies gilt auch für den subhumanen Bereich: akustische Konditionierung beispielsweise lässt sich u. a. an Rattenföten nachweisen.
Psycho-physiologische Aspekte der Pränatalzeit mini|Embryo, 7. Woche
Die körperliche Entwicklung während der Pränatalzeit – insbesondere die des Gehirns – ist von besonderer Bedeutung für die Pränatalpsychologie. In den ersten acht Wochen nach der Befruchtung der Eizelle wird das heranreifende Kind als Embryo bezeichnet. Nachdem die inneren Organe ausgebildet sind (ab der neunten Entwicklungswoche) wird die Bezeichnung Fötus (oder Fetus) verwendet.
Pränatale Entwicklung des Gehirns mini|Kopf eines Fötus, 22. Woche, Ultraschallaufnahme
Die Grundlage von Wahrnehmung, Erleben und Verhalten ist das Gehirn. Während der Gestationszeit entsteht ein riesiges neuronales Netzwerk, die Grundlage jeder menschlichen Erfahrung. Ungefähr die Hälfte der entstehenden Neuronen wird während der Gehirnentwicklung durch „programmierten Zelltod“ (Apoptosis) wieder zerstört. Zum Zeitpunkt der Geburt hat das kindliche Gehirn mit etwa 100 Milliarden ebenso viele Neuronen wie das eines Erwachsenen.Otwin Linderkamp, Ludwig Janus, Rupert Linder, Dagmar Beate Skoruppa: Entwicklungsschritte des fetalen Gehirns. In: International Journal of Prenatal and Perinatal Psychology and Medicine. 21(1/2), 2009, (S. 91–105), S. 91. Ähnlich: Carolin Sheridan Hubert Preissl, Niels Birbaumer: Wie reagiert das fetale Gehirn auf Reize? Untersuchungen mit fetaler Magnetoenzephalographie. In: Karl Heinz Brisch, Theodor Hellbrügge (Hrsg.): Der Säugling: Bindung, Neurobiologie und Gene. Grundlagen für Prävention, Beratung und Therapie. Klett-Cotta, Stuttgart 2008, S. 32. Jede kortikale Nervenzelle ist dann synaptisch mit etwa 2500 Zellen verbunden, nach einem Jahr mit etwa 15 000.Otwin Linderkamp, Ludwig Janus, Rupert Linder, Dagmar Beate Skoruppa: Entwicklungsschritte des fetalen Gehirns. In: International Journal of Prenatal and Perinatal Psychology and Medicine. 21(1/2), 2009, S. 99. Synapsen werden während des ganzen Lebens neu gebildet und aufgelöst (neuronale Plastizität).
Motorische Entwicklung Der Physiologe Davenport Hooker untersuchte in den 30er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts Reflexe bzw. Reaktionen von abgetriebenen Föten extrauterin.Davenport Hooker: The Prenatal Origin of Behavior. University of Kansas Press, Lawrence, Kansas 1952. Die motorischen Fertigkeiten von Embryo und Fötus lassen sich mittlerweile mit Hilfe der Ultraschalltechnik vergleichsweise gut empirisch untersuchen. Ab der 8. Woche bewegt der Embryo bereits den Rumpf, kurz danach zeigen sich Bewegungen der Extremitäten.Heinz Prechtl: Wie entwickelt sich das Verhalten vor der Geburt. In: Carsten Niemitz (Hrsg.): Erbe und Umwelt: Zur Natur von Anlage und Selbstbestimmung des Menschen. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1987, (S. 141–155), S. 142. Mit Hilfe der Ultraschalltechnik ließ sich nachweisen, dass es sich hierbei nicht nur um Reflexe handelt, sondern auch um endogen ausgelöste Bewegungen.Alessandra Piontelli: From Fetus to Child: An Observational and Psychoanalytic Study. London 1992, S. 28. Nach Auffassung von Alessandra Piontelli zeigt der Fötus alle Bewegungsmuster, die später dann auch beim neugeborenen Baby gefunden werden.
Atembewegungen sind ab der 10. Woche beobachtbar, dabei wird Fruchtwasser in die Lungen aufgenommen.Heinz F. R. Prechtl: Wie entwickelt sich das Verhalten vor der Geburt. In: Carsten Niemitz (Hrsg.): Erbe und Umwelt: Zur Natur von Anlage und Selbstbestimmung des Menschen. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1987 (S. 141–155), S. 143. Ab der 18. Woche lassen sich Augenbewegungen nachweisen, ab der 23. Woche entstehen rapid-eye-movements (REM-Phasen).Heinz F. R. Prechtl: Wie entwickelt sich das Verhalten vor der Geburt. In: Carsten Niemitz (Hrsg.): Erbe und Umwelt: Zur Natur von Anlage und Selbstbestimmung des Menschen. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1987 (S. 141–155), S. 146; Alessandra Piontelli: From Fetus to Child: An Observational and Psychoanalytic Study. London 1992, S. 32. Diese hängen wohl mit Schlafmustern und Träumen zusammen. Föten trinken Fruchtwasser und geben Urin in das Fruchtwasser ab.Alessandra Piontelli: From Fetus to Child: An Observational and Psychoanalytic Study. London 1992, S. 31.
Wahrnehmungsentwicklung und pränatales Lernen Die Sinnesmodalitäten des Fötus entstehen während der Pränatalzeit und sind zum Zeitpunkt der Geburt weit entwickelt. Ihre Erforschung und die Bestimmung des Zeitpunkts ihrer ersten Funktionsfähigkeit ist meist an experimentelle Untersuchungen von Verhalten gebunden, das durch Reize ausgelöst wird. Forschungen zu pränatalem Lernen gibt es seit ca. 100 Jahren. Ray experimentierte in den 30er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts mit vibro-akustischer Konditionierung von menschlichen Föten. Nach Hepper blieb aber unklar, ob diese Konditionierungen erfolgreich verliefen.P. G. Hepper: Fetal memory: Does it exist? What does it do? In: Acta Paeditrica. supplement, 416, 1996, S. 16–20. (S. 17). Spelt wiederholte 1948 diese Experimente.P. G. Hepper: Fetal memory: Does it exist? What does it do? In: Acta Paeditrica. supplement, 416, 1996, S. 16–20 (S. 17). Der unbedingte Stimulus (UCS) war ein lautes Geräusch, der konditionierte (CS) eine Vibration. Die Reaktionen wurden über etwa drei Wochen beibehalten, bevor Extinktion stattfand (Verschwinden der Reaktion, nachdem der CS wiederholt ohne den UCS dargeboten wurde). Hepper hat wiederum Spelts Studie erfolgreich reproduziert.P. G. Hepper: Fetal memory: Does it exist? What does it do? In: Acta Paeditrica. supplement, 416, 1996, S. 16–20 (S. 17). Die früheste vibro-akustische Konditionierung gelang ihm in der 32. Schwangerschaftswoche.
Zur Untersuchung von pränatalem Lernen wird häufig das Habituations-Paradigma eingesetzt.Vgl. hierzu Daniel N. Stern: Die Lebenserfahrung des Säuglings. Klett-Cotta: Stuttgart 1993, S. 65 ff. Der Fötus wird dabei einem (oftmals akustischen) Reiz ausgesetzt. Anschließend beobachtet der Experimentator die Abnahme von Reaktionen auf den wiederholt dargebotenen Reiz. Dieses Verfahren wird oft durch das Aufzeichnen der Reaktion auf einen neuen Reiz ergänzt. Wenn der neue Reiz vom Fötus als anders identifiziert wird, löst er ein neues Reaktionsmuster aus, z. B. Erhöhen der Herzfrequenz. Das unterbleibt, wenn der neue Reiz vom alten Fokalreiz nicht unterschieden werden kann. In einer empirischen Untersuchung von 1991 wurde eine akustische Habituation durch Registrieren der Herzfrequenz bei Föten ab der 28. Schwangerschaftswoche nachgewiesen.J. W. Goldkrand, B. L. Litvack: Demonstration of fetal habituation and patterns of fetal heart rate response to vibroacoustic stimulation in normal and high-risk pregnancies. In: Journal of Perinatology. 11(1), 1991, S. 25–29. (S. 25).
Mit derartigen Verfahren können verschiedene Gedächtnissysteme untersucht werden. Daraus ergaben sich Hinweise darauf, dass sowohl ein funktionierendes Kurzzeitgedächtnis ab der 30. Schwangerschaftswoche existiert und ebenso ein funktionierendes Langzeitgedächtnis ab der 34. Schwangerschaftswoche. Offenbar kann der Fötus mindestens 4 Wochen lang Gedächtnisinhalte speichern und anschließend wieder aufrufen.Chantal E. H. Dirix, Jan G. Nijhuis, Gerard Hornstra: Aspects of Fetal Learning and Memory. In: Child Development. 80 (4), 2009, S. 1251–1258.
Der wohl früheste Nachweis einer vibro-akustischen Habituation gelingt bei Föten in der 22. Schwangerschaftswoche.L. R. Leader, P. Baillie, B. Martin, E. Vermeulen: The assessment and significance of habituation to a repeated stimulus by the human fetus. In: Early Human Development. 7(3), 1982, S. 211–219 (S. 211). Wissenschaftler vermuten, dass Habituation auf Geschmacksreize bereits früher möglich ist.P. G. Hepper: The beginnings of the mind: evidence from the behaviour of the fetus. In: Journal of Reproductive and Infant Psychology. 12, 1994, S. 143–154. (S. 143). Der Nachweis einer solchen Habituation gelang auch bei fötalen Ratten.William P. Smotherman, Scott R. Robinson: Classical conditioning of opioid activity in the fetal rat. In: Behavioral Neuroscience. 108 (5), 1994, S. 951–961. Pränatales Lernen ist nicht auf den Menschen beschränkt.
Babys erinnern musikalische Muster, die sie pränatal gehört hatten, wie u. a. die Forschungen von W. Ernest Freud zeigten.W. Ernest Freud: Remaining in Touch. Gesammelte Schriften 1965–2000. Zur Bedeutung der Kontinuität früher Beziehungserfahrungen. Konsequenzen aus der psychoanalytischen Entwicklungspsychologie für die Prophylaxe früher Schädigungen. Edition Déjà-vu, Frankfurt am Main 2003, ISBN 3-9805317-4-0. Der empirische Nachweis erfolgt über das Registrieren von Herzfrequenz und motorischer Aktivität.D. K. James, C. J. B. Spencer, B. W. Stepsis: Fetal learning: a prospective randomized controlled study. In: Ultrasound in Obstetrics and Gynecology. 20, 2002, S. 431–438. Richard Ferner Parncutt: Prenatal development. In: G. E. McPherson (Hrsg.): The child as musician. Oxford University Press, 2006, S. 1–31. Auch der Spracherwerb basiert offenbar auf pränatalem Lernen, wie die bekannte Studie von DeCasper und Fifer aus dem Jahr 1980 nahelegt.Anthony J. DeCasper, William P. Fifer: Of Human Bonding: Newborns Prefer Their Mothers' Voices. In: Science. 208 (4448), 1980, S. 1174–1176. Diese Untersuchung verwendete ein operantes Konditionierungsparadigma: Mit Hilfe seiner Saugaktivität konnte das Baby ein Tonband umschalten von der Stimme der Mutter auf eine fremde Stimme – und zurück. Die Babys wählten ihre Saugfrequenz so, dass sie häufiger die Stimme der Mutter hörten. Da die Babys noch keine drei Tage alt waren, spricht das dafür, dass sie diese Stimme pränatal gelernt hatten.