mini|hochkant|Der SanguinikerMoritz von Rohr: Ein neu aufgefundener Brief P. L. Guinands. In: Forschungen zur Geschichte der Optik. 1. Band, Springer, Berlin 1928–1935, S. 222–241, hier S. 235. Guinand (Aquarell seines Schwiegersohns Georges-Louis-Christophe Couleru?). mini|hochkant|Guinand in einen Melancholiker verwandelt (Lithografie von Étienne-Ovide Domon, 1844). Pierre-Louis Guinand (* 20. April 1748 in La Corbatière, Gemeinde La Sagne; † 13. Februar 1824Édouard Reynier: Notice sur feu M. Guinand, opticien. In: Bibliothèque universelle des sciences, belles-lettre et arts (…), 25. Band, 9. Jahrgang, Sciences et arts, Genève/Paris 1824, S. 142–158, 227–236, hier S. 142 (), nennt als Todesjahr irrtümlich 1823. in Les Brenets) war ein Optiker aus dem heutigen Schweizer Kanton Neuenburg (Neuchâtel). Im Auftrag Joseph Utzschneiders (1763–1840) richtete er 1805 im säkularisierten Kloster Benediktbeuern die weltweit erste Hütte zur Herstellung von optischem Glas ein, was später Joseph Fraunhofer (1787–1826) die Entwicklung seines Genies als Wissenschaftler ermöglichte. Nach dem Niedergang der bayerischen Optik beherrschten Guinands Angehörige und Nachfolger lange Zeit den Weltmarkt für optisches Glas.

Aus dem Zentrum der Uhrenindustrie In einer Denkschrift, welche die Fabrikanten Adolphe Thibaudeau und Georges Bontemps 1828 vor der Académie des sciences in Paris verlasen, findet sich folgende Schilderung der Begleitumstände, unter denen das Verfahren zur Herstellung optischen Glases erfunden wurde:

Der Engländer Chester Moor Hall hatte 1729 entdeckt, dass die Kombination einer Sammellinse aus Kronglas mit einer Zerstreuungslinse aus Flintglas die chromatische Aberration (unterschiedliche Brechung der Farben beim Übergang von einem Medium in das andere) ausgleicht, und in der Folge die ersten Fernrohre mit achromatischen (farbkorrigierten) Objektiven gebaut. Wirtschaftlich ausgewertet wurde seine Erfindung in den 1750er-Jahren von John Dollond. Für die Herstellung der Linsen geeignete homogene Stücke zu beschaffen, war aber beim bleihaltigen Flintglas schwierig. Man fand sie bisweilen – doch nur bis zu einem Durchmesser von etwa 10 cm – in den Hütten, die in England und später auch in Frankreich Bleikristall für Schmuck, Trinkgläser, Leuchter usw. herstellten.Mémoire lu à la séance du 11 décembre 1809 de la Classe des sciences physiques et mathématiques de l’Institut. In Aimé-Gabriel d’Artigues: Sur l’art de fabriquer du flint-glass bon pour l’optique, P. Gueffier, Paris 1811, S. 7 ff. (). Das Journal of the Society of Arts (London), 21. Juli 1876, S. 851, erwähnt ein 1781 von Van Deijl in Amsterdam gebautes Teleskop von 4,5 englischen Zoll (11,4 cm) Öffnung. Wie der schottische Physiker David Brewster 1825 schrieb, war die Entdeckung einer Methode, Flintglas für achromatische Fernrohre herzustellen, siebzig Jahre lang fast eine Frage des Nationalstolzes.The Edinburgh Journal of Science, Band 2, Nr. 4, April 1825, S. 348 (). Doch hatten auch Preise wie die 12 000 Francs, welche die Académie des sciences 1786 dem Erfinder versprach, nicht zum Erfolg geführt.Prix proposé par l’Académie Royale des Sciences, pour l’année 1791. In: Le Journal des sçavans (Paris), Februar 1789, S. 122 f. (); Rudolf Wolf: Handbuch der Astronomie, ihrer Geschichte und Litteratur. 1. Halbband, F. Schulthess, Zürich 1890, S. 339 ().

mini|Guinands Haus in Les Brenets. mini|Der Doubs bei Les Brenets. mini|Automaten von Jaquet-Droz (Zeichner, Organistin, Schreiber) im Musée d’Art et d’Histoire in Neuenburg. Guinand stammte aus dem preussisch-schweizerischen Fürstentum Neuenburg,Neuenburg war bis 1848 Fürstentum, seit 1707 (ausser 1806–1814) im Besitz des Königs von Preussen, zugleich aber bis 1798 Zugewandter Ort der Eidgenossenschaft und ab 1815 Schweizer Kanton. wo die Genfer Uhrenindustrie eine zweite Heimat gefunden hatte, weil dort keine Zunftschranken den Unternehmergeist der calvinistischen Bevölkerung einschränktenVom 18. Jahrhundert an waren Neuenburger Uhren weltweit zu finden. Die technisch ausserordentlich hochstehende Uhrenindustrie war im Verlagssystem organisiert und extrem arbeitsteilig. Sie machte die Städte La Chaux-de-Fonds und Le Locle reich und die Bevölkerung für neues Gedankengut empfänglich. Vgl. . Obwohl auf 1080 m über Meer aufgewachsen und – wie damals selbst gekrönte Häupter – mit der Orthografie seiner Muttersprache auf Kriegsfuss, war Guinand kein simpler Bergler. Zu seinen Verwandten zählten Bankiers in London und der grösste Arbeitgeber der Pfalz, der Eisenindustrielle und spätere bayerische Freiherr Ludwig Gienanth. Der Grossvater hatte es zum capitaine-lieutenant in einem französischen Schweizer Regiment gebracht.Vgl. Pierre-Arnold Borel: Branche de Pierre Louis Guinand 1748–1824, le célèbre opticien, communier des Brenets et des Ponts-de-Martel, bourgeois de Valangin. In Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung (Hrsg.): Familienforschung Schweiz, Jahrbuch 2002, S. 162–171 (); derselbe: La famille Guinand, des Brenets, bourgeoise de Valangin. Société Neuchâteloise de Généalogie. (). Der unehelich geborene, aber später legitimierte Vater stellte Gehäuse für Neuenburger Pendulen her. Guinand selbst belieferte den berühmten Automatenbauer Pierre Jaquet-Droz (1721–1790) und produzierte gut bezahlte Tonfedern für die Schlagwerke von Repetieruhren. (Er war also nicht Glockengiesser, wie es gelegentlich heisst.Myles W. Jackson: Spectrum of Belief. Joseph von Fraunhofer and the Craft of Precision Optics. MIT Press, Cambridge (Massachusetts) 2000, S. 58.) Zweimal verwitwet und einmal geschieden, hatte er sechs überlebende Kinder und mehrere Stiefkinder.Louis Thévenaz: Pierre Louis Guinand et sa famille. In: Musée Neuchâtelois. (Neuchâtel) 11/1924 (), S. 177–197.

Seine Leidenschaft, der er nach eigenen Angaben 1200–1400 Louisdors (13 200–15 400 Gulden) opferte,Adolf Seitz: Joseph Fraunhofer und sein optisches Institut. Springer-Verlag, Berlin/Heidelberg 1926, S. 9. galt der Herstellung von homogenem Flintglas für optische Geräte. Er begann damit als 20-Jähriger – wie Madame de Charrière 1793 schrieb, mangels einer guten Brille(Isabelle de Charrière:) Suite de la Correspondance d’un François et d’un Suisse. (Neuchâtel 1793), Brief 4, S. 6.  –, baute dafür 1775 und 1787 spezielle Öfen, begann 1792 mit dem Giessen und danach wohl mit dem sogenannten Senken (Wiedererweichen) von Linsenrohlingen, 1798 mit dem Homogenisieren des flüssigen Glases mit einem Tonrührer.Moritz von Rohr: Pierre Louis Guinand, geb. den 20. April 1748, gest. den 13. Februar 1824. In: Zeitschrift für Instrumentenkunde. Band 46, Berlin 1926, S. 121–137, 189–197, hier S. 197. Seine zweite Passion war der Bau achromatischer Fernrohre, die den englischen ebenbürtig waren, und zwar vom – grafischen, nicht mathematischen – Entwerfen und vom Schleifen der Linsen über das Giessen und Drehen der Messingteile sowie die Bearbeitung des Holzes bis zur Zubereitung des Lacks.Édouard Reynier: Notice sur feu M. Guinand, opticien. In: Bibliothèque universelle des sciences, belles-lettre et arts (…), 25. Band, 9. Jahrgang, Sciences et arts, Genève/Paris 1824, S. 142–158, 227–236, hier S. 227 ().

In seiner Heimatgemeinde Les Brenets, wo sich Guinand 1781 niederliess, lieferten die Wälder des Juras, der 27 m hohe Wasserfall des Grenzflusses Doubs (Saut du Doubs) und ein Mühlteich die nötige Energie für das Schmelzen und maschinelle Bearbeiten des Glases. Bereits Bürger von Les Ponts-de-Martel und Les Brenets, liess sich Guinand 1792 von seinem Landesherrn, König Friedrich Wilhelm II. von Preussen, noch das Bürgerrecht des Grafschaftssitzes Valangin verleihen.Hans Weil: La Sagne und seine Pioniere Daniel JeanRichard, Pierre-Louis Guinand und der Chronométrier und Régleur Paul Perret. Berlin 2014 (), unpaginiert. In jenen Jahren begann er Stücke von hochwertigem Flintglas zu produzieren, die deutlich mehr als die erwähnten 10 cm Durchmesser aufwiesen und 1798 in Paris den Beifall des Astronomen Joseph-Jérôme Lalande fanden.Édouard Reynier: Notice sur feu M. Guinand, opticien. In: Bibliothèque universelle des sciences, belles-lettre et arts (…), 25. Band, 9. Jahrgang, Sciences et arts, Genève/Paris 1824, S. 142–158, 227–236, hier S. 155 f. (); französischer Text einer undatierten Denkschrift Guinands bei Adolf Seitz: Joseph Fraunhofer und sein optisches Institut. Springer-Verlag, Berlin/Heidelberg 1926, S. 8–13. Nach der Trennung seiner unglücklichen dritten Ehe bezog Guinand 1797, 1798 und 1801 insgesamt fünf Reisepässe. 1802 nahm der 54-jährige Guinand die 19-jährige Rosalie BouverotAndere Schreibweise: Bouberot. (1783–1855) aus dem gegenüberliegenden französischen Chaillexon (Gemeinde Villers-le-Lac) ins Haus, die ihn fortan tatkräftig unterstützte.

Schweizer Revolutionäre im Pfaffenwinkel mini|hochkant|Klara Reinhart: Johann Samuel von Gruner, um 1800. mini|hochkant|Johann Baptist Dilger: Joseph von Utzschneider. Auf Lalandes Rat verarbeitete Guinand sein Glas vorerst selbst. Um Nutzen aus seiner Erfindung zu ziehen, benötigte er aber Kapital. Dass er sich auf der Suche danach an das unterentwickelte Bayern wandte, hat mit der Revolution von oben zu tun, die der in Frankreich erzogene Kurfürst Max Joseph und sein Minister Maximilian von Montgelas dort durchführten, und mit der von Frankreich angestossenen Vermessung des Landes. Als Vermittler wirkten Schweizer Revolutionäre, die verfolgt wurden, nachdem Bonaparte 1803 die Helvetische Republik aufgelöst hatte. Wohl durch Jean-Henri Weiss, den Autor des Atlas Suisse,Weiss war 1801–1803 als französischer Ingenieur-Hauptmann in Bayern stationiert. lernte der nach München emigrierte Oberberghauptmann Johann Samuel von Gruner den an der Kartierung Bayerns beteiligten ehemaligen Beamten Utzschneider kennen. Dieser war gemäss Heinrich Scheel der bedeutendste Kopf einer Gruppe von Revolutionären gewesen, die auf die Bildung einer Süddeutschen Republik hinarbeiteten, aber von den Franzosen denunziert und vom Kurfürsten seines Amtes als Staatssekretär enthoben worden.Heinrich Scheel: Süddeutsche Jakobiner (…) Akademie-Verlag, Berlin 1962, S. 650–653, 690 f. Gruner veranlasste, dass Guinand Utzschneider Anfang 1804 Glasproben und im Juni eine Denkschrift zustellte. In Letzterer erklärte er sich bereit, seine Betriebsgeheimnisse der Bayerischen Akademie der Wissenschaften zu verkaufen und nach Bayern überzusiedeln. Unter anderem schrieb er: