Abū ʿAmr ʿĀmir ibn Scharāhīl asch-Schaʿbī ( geb. zw. 637 und 652 in Kufa, gest. zw. 721 und 729 ebenda) war ein Fiqh-Gelehrter, Mufti, Traditionarier, Prinzenerzieher und Dichter südarabischer Abstammung. Obwohl er an zwei Aufständen beteiligt war, betrauten ihn die Kalifen ʿAbdallāh ibn az-Zubair und ʿAbd al-Malik ibn Marwān sowie der umaiyadische Statthalter im Irak al-Haddschādsch ibn Yūsuf mit wichtigen Ämtern. Während der Herrschaft von ʿUmar ibn ʿAbd al-ʿAzīz diente er als Qādī von Kufa.
Auf religiös-politischer Ebene vertrat asch-Schaʿbī sehr gemäßigte Ansichten, weswegen ihn William Montgomery Watt als Repräsentanten einer "zentralen Partei" innerhalb des islamischen Lagers einordnete. Im Bereich des Fiqh war asch-Schaʿbī ein erbitterter Gegner des Qiyās. Als Traditionarier überlieferte er nicht nur Hadithe, sondern auch viele historische Berichte. Auch ein großer Teil der Berichte über die Umayyadenzeit geht auf ihn zurück.Vgl. Krenkow: Art. "Al-Shaʿbī" in EI1 Bd. IV, S. 261a.
Herkunft und Lebensdaten ʿĀmir asch-Schaʿbī gehörte zu den Banū Hassān ibn ʿAmr, einer Abteilung des Stammes Himyar, die sich auf den jemenitischen Kleinfürst (qail) Hassān ibn ʿAmr Dhū asch-Schaʿbain zurückführte. Die Banū Hassān ibn ʿAmr in Kufa benannten sich nach ihm als asch-Schaʿbīyūn.Vgl. Ibn Saʿd: Kitāb aṭ-Ṭabaqāt al-kabīr. Bd. VI, S. 171. Die Gruppe der Banū Hassān ibn ʿAmr, der asch-Schaʿbī angehörte, hatte sich jedoch schon im Jemen dem Stamm Hamdān angeschlossen,Vgl. Ibn Saʿd: Kitāb aṭ-Ṭabaqāt al-kabīr. Bd. VI, S. 172. Die Gruppe innerhalb der Banū Hassān ibn ʿAmr, der asch-Schaʿbī angehörte, wurde bisweilen auch als das "kleine Hamdān-Volk" (šaʿb Hamdān aṣ-ṣuġrā) bezeichnet, im Gegensatz zu den "großen Hamdān", die sich auf Kahlān, den Bruder von Himyar, zurückführten.Vgl. Al-Mizzī: Tahḏīb al-kamāl. 1988, Bd. XIV, S. 33f.
Asch-Schaʿbīs Vater kämpfte bei der Schlacht von Dschalūlā' (637) im Irak mit. Seine Mutter war bei dieser Schlacht gefangen genommen und als Beute seinem Vater zugeteilt worden.Vgl. al-Ḫaṭīb al-Baġdādī: Tārīḫ Baġdād. 2001, Bd. XIV, S. 143. Über sein Geburtsjahr herrscht große Unsicherheit. Asch-Schaʿbī selbst wird mit der Aussage zitiert, er sei noch im Jahr der Schlacht von Dschalūlā geboren worden. Andere datierten seine Geburt auf das sechste Jahr der Herrschaft von ʿUmar ibn al-ChattābVgl. Ibn Ḥaǧar al-ʿAsqalānī: Tahḏīb at-tahḏīb. 1907, Bd. V, S. 68. (also das Jahr 640/41 n. Chr.), auf das Jahr 21So aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ al-rusul wa-l-mulūk. Ed. M. J. de Goeje. Leiden, 1879–1901. Bd. I, S. 2646. (= 641/42 n. Chr.) oder 28So aḏ-Ḏahabī: Siyar aʿlām an-nubalāʾ. 1996, Bd. IV, S. 295. (= 648/49 n. Chr.) bzw. 31 (= 651/52 n. Chr.).So bei as-Samʿānī: Kitāb al-Ansāb. 1976, Bd. VII, S. 341f. Für ein spätes Geburtsdatum spricht, dass er ʿAlī ibn Abī Tālib gesehen hatte und ihn beschreiben konnte, jedoch keine Überlieferungen bei ihm gehört hatte.Vgl. Ibn Saʿd: Kitāb aṭ-Ṭabaqāt al-kabīr. Bd. VI, S. 172. Er selbst erinnerte sich, dass ihn ʿAlī einmal aus dem Hof der Moschee vertrieben hatte, als er dort mit anderen Knaben spielte.Vgl. al-Wakīʿ Aḫbār al-quḍāt. 1947-50, Bd. II, S. 421. Asch-Schaʿbī war Zwilling, und mit der Enge im Mutterleib soll er auch seine eigene Schmächtigkeit erklärt haben.Vgl. Ibn Saʿd: Kitāb aṭ-Ṭabaqāt al-kabīr. Bd. VI, S. 172.
Zu asch-Schaʿbīs Todesdatum gibt es ebenfalls sehr unterschiedliche Angaben, die zwischen den Jahren 103 und 110 der Hidschra (= 721 bis 729 n. Chr.) schwanken.Vgl. Ibn Ḥaǧar al-ʿAsqalānī: Tahḏīb at-tahḏīb. 1907, Bd. V, S. 68. Nach einer relativ präzisen Angabe, die Ibn ʿAsākir überliefert, starb er Anfang des Jahres 106 (= Mai/Juni 724 n. Chr.), in dem Hischām ibn ʿAbd al-Malik zum Kalifen erhoben wurde.Vgl. Ibn ʿAsākir: Taʾrīḫ madīnat Dimašq. 1996, Bd. XXV, S. 342, 429. Dies passt gut zu einer anderen Überlieferung, wonach er kurz vor al-Hasan al-Basrī starb, dessen Tod auf das Jahr 728 datiert wird.Vgl. Ibn Ḥaǧar al-ʿAsqalānī: Tahḏīb at-tahḏīb. 1907, Bd. V, S. 68. Die einzige Information, die über Umstände seines Ablebens vorliegen, ist, dass sein Tod für seine Umgebung überraschend kam.Vgl. Ibn Saʿd: Kitāb aṭ-Ṭabaqāt al-kabīr. Bd. VI, S. 178.
Auch über asch-Schaʿbīs Alter bei seinem Tode gibt es unterschiedliche Aussagen. In einem Gedicht, das verschiedene Autoren von ihm zitieren, beschwert er sich über seine eigene körperliche Schwäche und gibt sein Alter mit 77 Jahren und 9 Monaten an.Vgl. Ibn ʿAsākir: Taʾrīḫ madīnat Dimašq. 1996, Bd. XXV, S. 420f. Dies kann als Mindestalter bei seinem Tode betrachtet werden.
Politisches Leben Lagerwechsel während des Zweiten Bürgerkriegs Alle Berichte über asch-Schaʿbīs Leben stimmen darin überein, dass er stark in die Politik verwickelt war. Ibn Qutaiba berichtet, dass er während des Zweiten Bürgerkriegs zunächst den von ʿAbdallāh ibn az-Zubair eingesetzten Statthaltern von Kufa ʿAbdallāh ibn Yazīd al-Chatamī (684–685) und ʿAbdallāh ibn Mutīʿ al-ʿAdawī (685) als Sekretär diente.Vgl. Ibn Qutaiba: Kitāb al-Maʿārif. 1960, S. 450. Allerdings beteiligte sich asch-Schaʿbī auch schon von Anfang an am schiitischen Aufstand von al-Muchtār ibn Abī ʿUbaid. Er und sein Vater gehörten zu den wichtigsten Unterstützern al-Muchtārs und waren unter den ersten, die seinem Aufruf folgten. Zusammen wohnten sie den Sitzungen zur Planung des Aufstands bei.Vgl. Judd: Religious Scholars. 2014, S. 41. Asch-Schaʿbī stand auch auf al-Muchtārs Lohnrolle (dīwān), beteiligte sich an seinen Ghazw-Aktivitäten und wurde zum regelrechten Schiiten.Vgl. Ibn Saʿd: Kitāb aṭ-Ṭabaqāt al-kabīr. Bd. VI, S. 173.
Als sich aber al-Muchtārs Bewegung radikalisierte, nahm er an ihrer "Übertreibung" (ifrāṭ) Anstoß, löste sich von ihr und begann, sie zu kritisieren. In diesem Zusammenhang wird von ihm der Ausspruch überliefert: "Wenn die Schiiten Vögel wären, dann wären sie Aasgeier. Wenn sie aber Reittiere wären, wären sie Esel".Vgl. Ibn Saʿd: Kitāb aṭ-Ṭabaqāt al-kabīr. Bd. VI, S. 173. Zu den Punkten, die asch-Schaʿbī an den Anhängern der Kaisānīya kritisierte, war ihr Hass auf ʿĀ'ischa bint Abī Bakr, die sie als die abscheulichste von Mohammeds Ehefrauen ansahen. Asch-Schaʿbī betrachtete dies als einen Verstoß gegen die Sunna ihres Propheten.Vgl. aḏ-Ḏahabī: Siyar aʿlām an-nubalāʾ. 1996, Bd. IV, S. 300. Zum Bruch mit al-Muchtār kam es, als dieser einen angeblichen Brief von Muhammad ibn al-Hanafīya präsentierte, der zu Aktionen gegen die Umaiyaden aufforderte, und asch-Schaʿbīs Vater dazu aufforderte, die Echtheit des Schreibens zu bestätigen.Vgl. Judd: Religious Scholars. 2014, S. 41. Asch-Schaʿbī floh daraufhin über al-Madāʾin nach Medina, wo er häufigen Umgang mit ʿAbdallāh ibn ʿUmar hatte.Vgl. Ibn Saʿd: Kitāb aṭ-Ṭabaqāt al-kabīr. Bd. VI, S. 172f.
Acht oder zehn Monate später, als der Aufstand des Muchtār zusammengebrochen war, kehrte asch-Schaʿbī nach Kufa zurück.Vgl. Ibn Saʿd: Kitāb aṭ-Ṭabaqāt al-kabīr. Bd. VI, S. 172f. Ibn Qutaiba berichtet, dass ʿAbdallāh ibn az-Zubair ihn als seinen Statthalter über Kufa einsetzte.Vgl. Ibn Qutaiba: Kitāb al-Maʿārif. 1960, S. 450.
Im Dienste al-Haddschādschs Nachdem al-Haddschādsch ibn Yūsuf 694 als Statthalter des Irak in Kufa eingezogen war, machte er asch-Schaʿbī aufgrund seiner Fähigkeiten zum Vorsteher (ʿarīf) der Schaʿbīyūn und Anführer der Hamdān.Vgl. Ibn ʿAsākir: Taʾrīḫ madīnat Dimašq. 1996, Bd. XXV, S. 394f. und aḏ-Ḏahabī: Siyar aʿlām an-nubalāʾ. 1996, Bd. IV, S. 304. Er erhöhte seine Dotation und schickte ihn an der Spitze mehrerer Delegationen zum Kalifen ʿAbd al-Malik ibn Marwān.Vgl. Ibn Saʿd: Kitāb aṭ-Ṭabaqāt al-kabīr. Bd. VI, S. 173. Auch schickte er ihn als Gesandten zum Rutbīl, dem nichtmuslimischen Herrscher auf dem Gebiet des heutigen Afghanistan. Bei dieser Gelegenheit nahm er Anstoß daran, dass asch-Schaʿbī seinen Bart rot färbte. Asch-Schaʿbī verteidigte sich jedoch damit, dass dies Sunna sei.Vgl. Ibn Saʿd: Kitāb aṭ-Ṭabaqāt al-kabīr. Bd. VI, S. 173.
Teilnahme am Aufstand des Ibn al-Aschʿath und Begnadigung Im Jahre 699 wurde asch-Schaʿbī aber in den Aufstand des Ibn al-Aschʿath hineingezogen. Er zog zusammen mit den Koranlesern (qurrāʾ) gegen al-Haddschādsch aus und wohnte auch der Schlacht von Dair al-Dschamādschim bei.Vgl. Ibn ʿAsākir: Taʾrīḫ madīnat Dimašq. 1996, Bd. XXV, S. 398. Bei einer Ansprache an die beiden gegenüberstehenden Heere überhäufte er al-Haddschādsch mit Vorwürfen.Vgl. Krenkow: Art. "Al-Shaʿbī" in EI1 Bd. IV, S. 260b.
Nach dem Zusammenbruch des Aufstands verbarg sich asch-Schaʿbī aus Furcht vor al-Haddschādschs Rache. Als er erfuhr, dass er all denjenigen eine Amnestie gewährt hatte, die sich dem Heer von Qutaiba ibn Muslim in Chorasan anschlossen, reiste er mit einem Esel nach Osten. Zusammen mit Qutaibas Heer zog er bis nach Fergana, wobei er zunächst unerkannt blieb. Nach einer Zeit beschäftigte ihn jedoch Qutaiba als seinen Sekretär und Gesellschafter.Vgl. Krenkow: Art. "Al-Shaʿbī" in EI1 Bd. IV, S. 260b. Hier zitierte er ohne Unterlagen ein Buch über die Eroberungen.
Al-Haddschādsch erfuhr jedoch von asch-Schaʿbīs Aufenthalt bei Qutaiba und forderte seine Auslieferung. Daraufhin ließ ihn Qutaiba nach Wāsit bringen. Nachdem asch-Schaʿbī Tauba gezeigt hatte, wurde er von al-Haddschādsch begnadigt. Bei asch-Schaʿbīs Rehabilitierung spielte al-Haddschādschs Milchbruder und Sekretär Yazīd ibn Abī Muslim eine wichtige Rolle,Vgl. aḏ-Ḏahabī: Siyar aʿlām an-nubalāʾ. 1996, Bd. IV, S. 304f. der in freundschaftlichen Beziehungen zu ihm stand. Er und al-Haddschādschs Sohn berieten ihn hinsichtlich der Entschuldigungen, die er vorbringen sollte. Als er aber vor al-Haddschādsch geführt wurde, ertrug er schweigend dessen Vorwürfe wegen schlecht gelohnter Gunstbeweise, und gab dann unumwunden seine Schuld zu. Al-Haddschādsch begnadigte ihn daraufhin.Vgl. Krenkow: Art. "Al-Shaʿbī" in EI1 Bd. IV, S. 260b.
Als Prinzenerzieher und Gelehrter am Hofe ʿAbd al-Maliks Zu einem unbekannten Zeitpunkt forderte ʿAbd al-Malik bei al-Haddschādsch einen umfassend gebildeten Gelehrten zur Erziehung seines Sohnes an, woraufhin ihm dieser asch-Schaʿbī schickte.Vgl. Ibn ʿAsākir: Taʾrīḫ madīnat Dimašq. 1996, Bd. XXV, S. 384f. Er reiste zusammen mit Muhriz, dem Sohn von Abū Huraira, nach Syrien und traf dort ein, als sich ʿAbd al-Malik gerade auf Wallfahrt befand und sein Bruder ʿAbd al-ʿAzīz ibn Marwān ihn vertrat. ʿAbd al-ʿAzīz nahm asch-Schaʿbī bei sich auf und ließ sich von ihm Hadithe vortragen. Außerdem trat asch-Schaʿbī in Anwesenheit von ʿAbd al-ʿAzīz in einen Dichterwettstreit mit ʿAbd al-Maliks christlichem Hofdichter al-Achtal ein.Vgl. al-Fasawī: Kitāb al-Maʿrifa wa-t-tārīḫ. 1975, Bd. II, S. 595–97.
ʿAbd al-Malik war anfangs mit asch-Schaʿbī nicht sehr zufrieden, doch konnte asch-Schaʿbī ihn durch seine Dichtkunst und umfassende Hadith-Kenntnis gewogen machen.Vgl. Ibn ʿAsākir: Taʾrīḫ madīnat Dimašq. 1996, Bd. XXV, S. 385f. Wie vorgesehen, übergab er ihm auch seine Kinder zur Erziehung.Vgl. al-Wakīʿ Aḫbār al-quḍāt. 1947-50, Bd. II, S. 421f. Es wird außerdem berichtet, dass asch-Schaʿbī dem Kalifen beim Essen Hadithe vortrug.Vgl. al-Fasawī: Kitāb al-Maʿrifa wa-t-tārīḫ. 1975, Bd. II, S. 597. ʿAbd al-ʿAzīz, der asch-Schaʿbīs Klugheit und Witz sehr schätzte, forderte ihn später von Ägypten aus bei seinem Bruder an. ʿAbd al-Malik willigte in diese Bitte ein, forderte jedoch, dass asch-Schaʿbī spätestens nach einem Monat aus Ägypten zurückkehren sollte.Vgl. Ibn ʿAsākir: Taʾrīḫ madīnat Dimašq. 1996, Bd. XXV, S. 342.