Die Aviaitinehae sind Matronen, die einzig durch einen römerzeitlichen Weihestein aus Haus Bürgel bei Düsseldorf überliefert sind.
Auffindung und Inschrift In den 1850er Jahren wurde der Stein in der Westwand der Maternus-Kapelle als Verbauung entdecket; dort im Umfeld des Gutshofs wurden zum Teil ebenfalls verbaute weitere Matronen- und Votivsteine, beziehungsweise Inschriftenträger gefunden (siehe Bildverlinkung unter Weblinks)., , , ,
Der Stein (38 × 41 cm mit Blatt-Knospendekor an der rechten Schmalseite) wurde den Matronae Rumanehae in Gesellschaft mit den Aviaitinehae geweiht und wird zeitlich in den Kontext der übrigen „Rumanehae-Steine“ um das Jahr 200 n. Chr. gestellt. Die Inschrift ist in sechs Zeilen in üblicher Capitalis ausgelegt und beschädigt, besonders in Hinblick der Lesung des Namens der Aviaitinehae (Zeile 3–4) gab es in der älteren Forschung Abweichungen. Siegfried Gutenbrunner stellte die Sequenz der unsicheren Lesungen zusammen dar als: ITAMAVIATI, ITEM AVILAITI, FEM AVIAITI. Max IhmMax Ihm: Der Mütter oder Matronenkultus und seine Denkmäler. Bonn, 1887 S. 153 nr. 318. las den Beinamen als „Maviaitinehae“; Kern beispielsweise las das inschriftliche i als l zur Lesart Aulaitinehis.H. Kern: Germaansche worden in latijnsche Opschriften aan den Beneden-Rijn. 1872, S. 321. Wissenschaftlich etabliert hat sich die heutige Lesart mit Wilhelm BrambachCIRh 297 und mit Karl Zangemeister im CIL,Alexander Riese: Das rheinische Germanien in den antiken Inschriften. B. G. Teubner, Leipzig/Berlin 1914, S. 331 Nr. 3171. als korrekt hat sich diese Lesung durch eine Autopsie durch Robert Nedoma bestätigt.Robert Nedoma: Matronae Aviaitinehae. In: Die Sprache 48 (2009), S. 119f. Anmerkung 6. Daher stellt sich die Lesung als AVIAIṬINEHIṢ (Dativ Plural) die I longa ist Teil des Diphthongs -ai-; das N und E des Suffix ist als Ligatur ausgeführt.
Beiname und Deutung Aufgrund der für Gutenbrunner unklaren Lesung der Beinamensequenz ließ er eine Etymologisierung und eine weiter eingehende Deutung offen.
Günter Neumann untersuchte die Form neu und konstruierte unter Abtrennung des Matronennamen-Suffix -nehae zunächst das Stammwort aviaiti- ein zweigliedriges Nominalkompositum mit einer -ti Bildung im zweiten Glied/Stamm. Für das Erstglied des Kompositums setzt er germ. *awi- = „Schaf“ an und vergleicht mit den Femininformen ahd. ou, mhd. ouwe. Des Weiteren mit Ortsnamen die den Stamm (awi-) zeigen, wie der Beleg aus dem 10. Jahrhundert Ouwiheim und fürs 11. Jahrhundert Owiperch.
Das Zweitglied stellt er zu germ. *aihti = „Besitz“ und die ti-Bildung zur Wurzel *aig- zu got. aihts, ahd. êht = „Herrenland“ sowie mit ae. aeht mit der Bedeutung unter anderen von „Besitztum an Land, Haus, Wohnsitz“ und „lebendes Eigentum“. Neumann leitet den Beinamen von einem Orts- oder Siedlungsnamen ab der übertragen die Bedeutung von „Grundbesitz, wo es (viele) Schafe gibt“ tragen könnte und stellt sein Ergebnis zum Ortsnamen aus dem 7. Jahrhundert Oxinvillare = „Dorf, das viele Ochsen hat“. In diesem Zusammenhang bemerkt er als Schwachpunkt, dass in Relation zu *aihti im Namenkatalog der althochdeutschen Phase keine Toponymbildungen mit êht findbar ist. Weiters weist er darauf hin, dass bei dieser Deutung der Name erstmals nicht von einer „Naturbezeichnung“ dessen Charakter eine Ortsnamenbildung bedingte, sondern „ein Terminus des Bodenrechts“ aufweisen würde.
Theo Vennemann setzt nach seinem strikten Ableitungssystem der mehrheitlichen Matronennamen von einem vorgermanischen (gallo-römischen) Ortsnamen auf Basis von Hydronymen ein Stammwort aus einem (unbelegten) doppelten Hydronym *Av-i-(a) und *At(-a) an.Zur konkreten Kritik unter Bezugnahme von Vennemanns eigenen System: Nedoma 2010, S. 120, Anmerkung 8. Er konstruiert Αv-i+Ait-in-eh-ae und bezieht ebenfalls nach Kerns Lesung ein *Au-l-(a) mit ein und vergleicht seine postulierten Stämme mit den in heutigen Ortsnamen wie unter anderen bei Euskirchen und Attendorn.
Nedoma wendet sich zuletzt gegen eine übliche topische Herleitung, um mit einer Neubestimmung, bezogen auf die Ergebnisse von Neumann und Vennemann, eine „glattere“ Lösung zu erzielen. Er stellt das Erstglied AVI- zu germanisch *awja und fasst es als Saṃprasārana-Form auf, das heißt, dass inschriftlich AVIAI- wird durch einen gegenseitigen Tausch des Vokals i gebildet. Daraus setzt er die Stammform *Awja-ai zu *Awi-ai an, das von der indogermanischen Verbalwurzel *h1eu̯H- = „helfen, fördern, Schützen“ ableitet. Er vergleicht als einzelsprachige, altgermanische Fortsetzungen mit den Belegen wie das (runen)urnordische = auja (Brakteat Seeland-II-C (IK 98, KJ 127)) mit der Bedeutung von „Glück, Hilfe, Schutz“ oder mit gotisch awi-liuþ, liud = „Dank, Danklied“.Winfred P. Lehmann: Gothic Etymological Dictionary. Brill, Leiden 1986, S. 52f. Des Weiteren mit altgermanische Personennamen wie ostgotisch Augis (Amalergenealogie)Jordanes, Getica 14, 79. und voralthochdeutsch, runisch awimund.Runeninschrift „Weimar II“ Schnallenrahmen Aussergermanisch stellt Nedoma dazu das keltische Theonym Avicanto und zu altindisch, vedisch ávati = „Gefallen, Hilfe“.Robert Nedoma: Personennamen in südgermanischen Runeninschriften. Studien zur altgermanischen Namenkunde I, 1, 1. (= Indogermanische Bibliothek. 3. Reihe: Untersuchungen). Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2004, ISBN 978-3-8253-1646-4, S. 229ff. Ferner modifiziert er Neumanns -ti Bildung (*aiti) um eine n-Erweiterung zu *aihtīn mit derselben Bedeutung („Besitz“) zur Vollform *Awi-aihtīn („Glück-, Hilfe-, Schutzbesitz“) + Matronennamen-Suffix -eh-, -eih-. Nedoma setzt daher als Benennungsmotiv eine fördernde, schützende Funktion der Matronen an.
Siehe auch Liste von Matronennamen
Literatur Siegfried Gutenbrunner: Germanische Götternamen der antiken Inschriften. Max Niemeyer, Halle/Saale 1936, S. 177 f.
Max Ihm: Der Mütter- oder Matronenkultus und seine Denkmäler. In: Bonner Jahrbücher. Jahrbücher des Vereins von Alterthumsfreunden im Rheinlande 83 (1887), S. 21, 153 Nr. 318, doi:10.11588/bjb.1887.0.45790. Robert Nedoma: Matronae Aviaitinehae. In: Die Sprache 48 (2009), S. 118–126. Günter Neumann: Die germanischen Matronenbeinamen. In: Matronen und verwandte Gottheiten (= Beihefte der Bonner Jahrbücher 44). Rheinland-Verlag, Köln / Habelt, Bonn 1987, ISBN 3-7927-0934-1, S. 103–132 = Astrid van Nahl, Heiko Hettrich (Hrsg.): Günter Neumann: Namenstudien zum Altgermanischen (= Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde Bd. 59). de Gruyter, Berlin u. a. 2008, ISBN 978-3-11-020100-0, S. 253–289; hier 276 f. (kostenpflichtig Germanische Altertumskunde Online bei de Gruyter). Hermann Reichert: Lexikon der altgermanischen Namen, Band I, Teil 1: Textband, Teil 2: Register. (= Thesaurus Palaeogermanicus, 1,1,2). Unter Mitarbeit von Wilibald Kraml und Robert Nedoma. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1987–1990, ISBN 978-3-7001-0931-0, ISBN 978-3-7001-1718-6. Rudolf Simek: Lexikon der germanischen Mythologie (= Kröners Taschenausgabe. Band 368). 3., völlig überarbeitete Auflage. Kröner, Stuttgart 2006, ISBN 3-520-36803-X, S. 34, 353.
Weblinks Bilder des Matronensteins
Anmerkungen
Kategorie:Matronae