mini|hochkant|Ferdynand Goetel (1936) mini|hochkant|Grab in Zakopane Ferdynand Goetel (geboren 15. Mai 1890 in Sucha Beskidzka, Österreich-Ungarn; gestorben 24. November 1960 in London) war ein polnischer Schriftsteller und Emigrant.

Leben Ferdynand Goetel besuchte verschiedene Schulen und begann 1909 ein Studium der Architektur an der Technischen Hochschule Wien. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs hielt er sich in Warschau im Russischen Kaiserreich auf und wurde als feindlicher Ausländer ins Landesinnere nach Taschkent interniert. Nach der Machtergreifung durch die Bolschewiki („Oktoberrevolution“) schloss er sich 1918 der Roten Armee im Kaukasus an, seine Erfahrungen dabei verarbeitete er in dem Roman „Kar Chat“ (1922). Czesław Miłosz: The history of Polish literature. Stanford 1983, S. 423.

Doch desertierte er 1919 aus der Roten Armee, um in das wieder entstandene Polen zurückzukehren. Seine Reise über den Iran, Afghanistan, Indien und Großbritannien dauerte vierzehn Monate.Tomasz Zbigniew Zapert, Ferdynand Goetel – ostatnia ofiara Katynia, in: Rzeczpospolita, 29. Februar 2008, S. 8.

Goetel schrieb Romane und Reisebücher, die gut aufgenommen wurden. Er schrieb auch für das Theater. Sein Roman Z dnia na dzień („Von Tag zu Tag“), dem seine Erfahrungen im zaristischen Internierungslager zugrunde liegen, wurde von Józef Lejtes 1929 verfilmt, Goetel lieferte auch das Drehbuch. Bis 1939 wirkte er an insgesamt neun Filmen als Drehbuchschreiber mit.Eintrag Goetel, Ferdynand, in: Stanley S. Sokol, Sharon F. Mrotek Kissane, Alfred L. Abramowicz: The Polish biographical dictionary. Bolchazy-Carducci Publishers. S. 129. ISBN 0-86516-245-X.

Er war ab 1932 Vorsitzender des polnischen Schriftstellerverbandes und von 1926 bis 1933 Präsident des polnischen P.E.N. 1936 wurde er auf Vorschlag von Karol Irzykowski unter die fünfzehn Mitglieder der Polnischen Literaturakademie gewählt. In seinem Essayband „Pod znakiem faszyzmu“ (Im Zeichen des Faschismus, 1938) äußerte Goetel Sympathien für den italienischen Faschismus und sprach sich für ein Lager der nationalen Einheit aus. Darin hätten jedoch die polnischen Juden keinen Platz, sie müssten daher zur Emigration gedrängt werden. Allerdings lehnte Goetel den deutschen Nationalsozialismus als „primitiv und brutal“ entschieden ab.Thomas Urban: Katyn 1940, 2015, S. 92–94 Auch forderte er den Anschluss der Freien Stadt Danzig an Polen.Marek Gałęzowski, Inny świadek Katynia, in: Do Rzeczy Historia, 8/2022, S. 52.

Nach dem deutschen Einmarsch in Polen im September 1939 wirkte er im polnischen Widerstand. Während der deutschen Besatzung wurde er zunächst der Sympathien für das NS-Regime verdächtigt; wegen seiner angeblichen Kooperation mit dem deutschen Propagandaamt in Warschau wurde er vom polnischen Widerstand verwarnt.John P. Fox: Der Fall Katyn und die Propaganda des NS-Regimes. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 30. Jahrgang 1982, Heft 3, S. 462–499 (PDF) Allerdings wurde Goetel wiederholt von der Gestapo festgenommen und bei Verhören im Gestapo-Gefängnis Pawiak geschlagen. Auch publizierte er nicht während der deutschen Besatzung.Tomasz Wolsza: „To co wiedziałem przekracza swą grozą najśmielsze fantazje.“ Wojenne i powojenne losy Polaków wizytujących Katyń w 1943 roku. Warschau 2015, S. 30.

Goetel und seine Frau Jadwiga halfen jüdischen Bürgern, der Verfolgung durch die deutschen Besatzer zu entkommen. Jadwiga Goetel wurde 2004 postum als Gerechte unter den Völkern geehrt., bei sprawiedliwi, 30. April 2015

Goetel gehörte 1943 als prominenter Literat zu den Polen, die von den Besatzern aufgefordert wurden, vor Ort die Exhumierung der Opfer des Massakers von Katyn zu besichtigen. Er informierte Mitglieder der polnischen Widerstandsbewegung über die Einladung der Deutschen nach Katyn, ihm wurde geraten, diese anzunehmen, da auf diese Weise das Schicksal der vermissten polnischen Offiziere, die in sowjetische Kriegsgefangenschaft geraten waren, aufgeklärt werden könne.Tomasz Wolsza: „To co wiedziałem przekracza swą grozą najśmielsze fantazje.“ Wojenne i powojenne losy Polaków wizytujących Katyń w 1943 roku. Warschau 2015, S. 150. Er wurde in einer kleinen Gruppe, zu der der Schriftsteller Jan Emil Skiwski und der Direktor der polnischen Fürsorge (RGO), Edmund Seyfried, gehörten,Tomasz Wolsza: „To co wiedziałem przekracza swą grozą najśmielsze fantazje.“ Wojenne i powojenne losy Polaków wizytujących Katyń w 1943 roku. Warschau 2015, S. 230. nach Smolensk geflogen.

Nach seiner Rückkehr aus Katyn verfasste er einen Bericht für den polnischen Untergrund, der auch zur polnischen Exilregierung in London weitergeleitet wurde. Auch berichtete Goetel bei geheimen Zusammenkünften von AK-Führern über die Reise. Der Oberkommandierende der AK, General Stefan Rowecki, bescheinigte ihm, sich damit „um Polen verdient gemacht zu haben“. Die nach London weitergeleiteten Berichte bestärkten die Exilregierung in ihrem Verdacht, dass die Offiziere der polnischen Streitkräfte von der Sowjetunion ermordet worden waren. The Katyn Forest Massacre. US Government Printing Office. Washington 1952, vol. IV, S. 847.

Nach der Errichtung eines kommunistischen Regimes in Polen wurde im gesamten Ostblock die sowjetische Verantwortung für diesen Massenmord geleugnet, und Andersdenkende wurden verfolgt, auch unter dem Vorwurf der Kollaboration mit dem Naziregime. Goetel versteckte sich zunächst in einem Krakauer Kloster.Ferdynand Goetel: Czasy wojny. Kraków 2005, S. 99–101. Mit einem gefälschten niederländischen Pass konnte er im Sommer 1946 über die Tschechoslowakei nach Bayern fliehen.Ferdynand Goetel: Czasy wojny. Kraków 2005, S. 145–147. Von dort reiste er weiter zum Generalstab der polnischen Streitkräfte, die unter dem Kommando des Generals Władysław Anders unter britischem Oberbefehl auf Seiten der Alliierten gegen die Wehrmacht gekämpft hatten, in das italienische Ancona. Nachdem eine Überprüfung ergeben hatte, dass die Vorwürfe, Goetel habe im Krieg mit den deutschen Besatzern kollaboriert, gegenstandslos seien, wurde er dem Pressestab der Anders-Armee zugeteilt.Tomasz Wolsza: „To co wiedziałem przekracza swą grozą najśmielsze fantazje.“ Wojenne i powojenne losy Polaków wizytujących Katyń w 1943 roku. Warschau 2015, S. 98.

Mit Tausenden von demobilisierten Soldaten der Anders-Armee ließ sich Goetel mit seiner Frau in London nieder, wo er die nächsten fünfzehn Jahre unter armseligen Verhältnissen im politischen Exil lebte und für Exilorganisationen arbeitete. Er sagte 1952 vor dem Untersuchungsausschuss des amerikanischen Kongresses zu Katyn (Madden-Kommission) aus.The Katyn Forrest Massacre, vol. IV, S. 760–768.

Die sterblichen Überreste Goetels wurden 2003 nach Zakopane übergeführt.

Werke (Auswahl) Kar Chat. Roman. 1922 Przez płonący Wschód : wrażenia z podróży. Warschau, 1922 Pątnik Karapeta. Erzählungen. 1923 Ludzkość : dwa opowiadania. Warschau, 1925 Z dnia na dzień. Warschau, 1926 (dt. Ausgabe: Von Tag zu Tag. Roman. Übers. von J. M. Schubert. Berlin : Zsolnay, 1931) Egipt. Lwów, 1927 Humoreski. 1927 Der Flüchtling von Taschkent. Übers. von J. M. Schubert. Berlin : Neufeld & Henius, 1927 Wyspa na chmurnej północy. Warschau, 1928 Menschheit. Zwei Erzählungen. Übertr. v. A. von Guttry. Berlin : Die Horen, 1928 Samuel Zborowski : Rycerz na podolu : sztuka historyczna. 1929 Serce lodów. Roman. 1930 Dziesięciu z Pawiaka. Drama. 1931 Podróż do Indii. Warschau, 1933 Dzień wielkiej przygody. Drama. 1935. Film Vorarbeiter Czyż. Aus d. Poln. übertr. von Heinrich Koitz. Breslau : Paul Kupfer, 1935 Pod znakiem faszyzmu. Warschau : Rój, 1938 Cyklon. Warschau, 1939 Czasy wojny. Autobiografie. London, 1955 Nie warto być małym. 1959 Anakonda. Roman. 1964 (postum) Patrząc wstecz. Tagebuch. London : Polska Fundacja Kulturalna, 1966 (postum)

Literatur Thomas Urban: Katyn 1940. Geschichte eines Verbrechens München : C. H. Beck, 2015 Krzysztof Polechoński: Pisarz w czasach wojny i emigracji : Ferdynand Goetel i jego twórczość w latach 1939–1960 Breslau : Wydział Filologiczny Uniwersytetu Wrocławskiego, 2012 (enthält eine Zusammenfassung in Deutsch: Der Schriftsteller in Zeiten des Krieges und im Exil : Ferdynand Goetel und sein Werk in den Jahren 1939–1960) Artikel Ferdynand Goetel in: Stanley S. Sokol, Sharon F. Mrotek Kissane, Alfred L. Abramowicz: The Polish biographical dictionary. Bolchazy-Carducci Publishers, 1992, S. 129. ISBN 0-86516-245-X Google Books (en) Klaus-Peter Friedrich: Der „Fall Józef Mackiewicz“ und die polnische Zeitgeschichte, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 2000, S. 697–717 Anna M. Cienciala, Natalia S. Lebedeva, Wojciech Materski (Hrsg.): Katyń. A crime without punishment, Übersetzung der Dokumente Marian Schwartz, Anna M. Cienciała, Maia A. Kipp. New Haven : Yale University Press, 2007, S. 390

Weblinks

Tomasz Zbigniew Zapert: Ferdynand Goetel – ostatnia ofiara Katynia, in: Rzeczpospolita, 29. Februar 2008 (pl) The Katyn Forest Massacre. US Government Printing Office. Washington 1952, vol. IV, S. 760–768. (Aussage Goetels vor der Madden-Kommission).

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