Mit Feindbild wird im Allgemeinen ein soziales Deutungsmuster gegenüber anderen Menschen, Menschengruppen (insbesondere Minderheiten), Völkern, Staaten oder Ideologien bezeichnet, das auf einer Schwarz-Weiß-Sicht der Welt (Dichotomie, Dualismus) beruht und mit negativen Vorstellungen, Einstellungen und Gefühlen verbunden ist.Franz Nuscheler: Braucht die Politik Feindbilder? In: K. Hilpert/J. Werbick (Hrsg.): Mit den Anderen leben, Düsseldorf 1995, S. 251 f. Typisch für ein Feindbild ist, dass im Anderen bzw. Fremden das Böse gesehen wird und diesem negativen Bild kontrastierend ein positives Selbstbild bzw. Freundbild gegenübergestellt wird. Feindbilder werden unter anderem von Politikern aufgebaut, die den Populismus praktizieren.rechtspopulistische Politiker Sie stützen sich dabei auf ein Verschwörungsdenken, das menschliche Verhaltensmuster der Abwehr und auf Protesthaltungen.Florian Hartleb: Populismus – ein Hindernis für politische Sozialisation? In: Aus Politik und Zeitgeschichte, Heft 41 (2005), S. 35. Online verfügbar: APuZ-Archiv (PDF; 1,61 MB); vgl. auch Uwe E. Kemmesies (Hrsg.): Terrorismus und Extremismus – der Zukunft auf der Spur. München 2006, ISBN 3-472-06588-5, S. 49 f.
Wahrnehmungsmuster Selektive Wahrnehmung In der Feindbildforschung wird danach gefragt, wie Feindbilder aufgebaut und politisch instrumentalisiert werden. Dabei werden sowohl soziale Faktoren als auch das Wahrnehmungsmuster untersucht, das Feindbilder möglich macht. Ein Ansatz ist die selektive Wahrnehmung. In der Psychologie und Philosophie wird von einem skeptischen Standpunkt angenommen, dass die menschliche Wahrnehmung insofern selektiv ist, als sie das Faktische, Wirkliche, Reale, Objektive oder Wahre nur zum Teil erfassen kann. Die selektive Wahrnehmung führt aus der Perspektive der Skeptiker dazu, dass sich bestimmte Vorstellungen von Ordnung, Strukturiertheit und Voraussagbarkeit beim Menschen festsetzen.Murray Edelmann: Politik als Ritual. Die symbolische Funktion staatlicher Institutionen und politischen Handelns, Frankfurt am Main/New York 1990, S. 94. Der amerikanische Politologe Murray Edelmann versuchte in seiner Studie über Die symbolische Funktion staatlicher Institutionen nachzuweisen, dass „politische Meinungen und Einstellungen nicht auf Beobachtungen oder empirischen Beweisen beruhen, sondern auf den gesellschaftlichen Vorurteilen einzelner Gruppen, die gemeinsam jene Bedeutung schaffen, die sie dann in gegenwärtige oder antizipierte Ereignisse hineininterpretieren.“
Selektive menschliche Wahrnehmung, Meinungen von Interessengruppen und an Normen ausgerichtete Denkweisen, wie Klischees, Stereotype und Vorurteile, würden somit aufgrund von Fixierungen auf zentrale gesellschaftliche Symbole und moralisch negativen Zuschreibungen (Attributierungen, Konnotationen) einen Nährboden für die Ausgrenzung des Fremden, Anderen und schließlich auch des so konstruierten Gegners führen, was so weit gehen kann, dass „unter Umständen sogar dessen fantasierte oder gar reale Vernichtung“ in Erwägung gezogen wird. George Herbert Mead plädierte deshalb bezüglich des Phänomens der selektiven Wahrnehmung und im Rahmen seines erkenntnistheoretischen Ansatzes dafür, dass sich unsere Aufmerksamkeit nicht nur auf das richten solle, was im grellen „Scheinwerferlicht unserer Aufmerksamkeit“ liegt, sondern auch auf die „Randzonen der Erfahrung“. Diese – trotz einer möglicherweise geringschätzenden Haltung – zu berücksichtigen, würde bedeuten, dass eine „umfassende Erkenntnis und Bewertung der eigentlichen Kernsituation“ möglich werden könnte.Horst Jürgen Helle: Verstehende Soziologie und Theorie der Symbolischen Interaktion, hrsg. von Erwin K. Scheuch und Heinz Sahner (Studienskripte zur Soziologie), Stuttgart 1992, 87 f. Erkenntnistheoretische Ansätze führen, wie die Feindbild-Forscherin Anne Katrin Flohr betonte, dazu, dem so genannten Halo-Effekt (von engl. halo, Heiligenschein) entgegenzuwirken. Denn dieser geistig-psychische Effekt bewirke, dass „bei der Beurteilung von Menschen die Einzelurteile nach dem Positiven oder dem Negativen hin vereinheitlicht“ werden würden. Selektive Wahrnehmung wäre demnach mit Informationsverlust, Informationsverzerrung sowie mit der Einseitigkeit der Informationsauswahl verbunden.Anne Katrin Flohr: Feindbilder in der internationalen Politik. Ihre Entstehung und Funktion, Münster/Hamburg 1993, ISBN 3-88660-798-4, S. 47 f.
Eher pragmatisch und ganz im Sinne einer modernen ästhetischen Lebenskunst,Wilhelm Schmid: Philosophie der Lebenskunst. Eine Grundlegung. Frankfurt a. M. 2003, ISBN 3-518-06749-4. dachte hingegen der rumänische Philosoph und Aphoristiker Emil Cioran, der im Jahre 1973 schrieb: „In meiner Jugend war mir nichts so vergnüglich, wie mir Feinde zu schaffen. Schaffe ich mir jetzt einen, so ist mein erster Gedanke, mich mit ihm zu versöhnen, damit ich mich nicht mehr mit ihm beschäftigen muss. Feinde haben ist eine große Verantwortung. Meine Bürde genügt mir. Ich kann nicht auch noch die der anderen tragen.“Emil Cioran: Vom Nachteil, geboren zu sein. Frankfurt a. M. 1979, S. 24 und 96, ISBN 3-518-37049-9. (Anpassung der Zitate an die ref. dt. Rechtschreibung.) Und: „Ich habe beschlossen, mit niemandem mehr einen Streit auszutragen, seit ich bemerkt habe, dass ich schließlich immer meinem neuesten Feind ähnlich werde.“
Moralische Wertungen Weil selektive Wahrnehmungen mit scheinbar unverhältnismäßigen moralischen Wertungen verbunden sein können, die erheblich zur Stabilisierung des Bildes vom wahrgenommenen Feind beitragen, wird auch die Moral selbst problematisiert. So z. B. mit Blick auf die Wissenschaften: Denn jenseits der Philosophie und Erkenntnistheorie allgemein weniger bekannt ist, dass die These der Wertneutralität von wissenschaftlichen Aussagen und Theorien äußerst umstritten ist. So werden im Glauben an die Objektivität von Expertenwissen und wissenschaftlichen Ergebnissen sowie in Anlehnung an religiöse oder politische Philosophien mitunter unreflektiert Überzeugungen vertreten, die beispielsweise Thesen von der „Gerechtigkeit des Krieges“ (Cicero, Augustinus, Thomas von Aquin) oder der Unvermeidbarkeit eines „Krieges der Zivilisationen“ (Samuel P. Huntington, Bassam Tibi) postulieren.Gazi Çağlar: Der Mythos vom Krieg der Zivilisationen. Der Westen gegen den Rest der Welt. Eine Replik auf Samuel P. Huntingtons „Kampf der Kulturen“. Münster 2002, ISBN 3-89771-414-0.
Als problematisch gilt in der Feindbildforschung zudem einerseits der Glaube, dass mit der Kritik an Feindbildern gleichsam moralische Klassifizierungen im Sinne von „falscher Wahrnehmung“, „falscher Theorie“, „falscher Politik“ oder „falscher Religion“ verbunden werden. Vernünftige Kritik in diesem Sinne bedeute, so Franz Nuscheler, auch, dass eingesehen werden muss, dass ein Maßstab für eine „realitätsadäquate Wahrnehmung“ niemand für sich in Anspruch nehmen sollte, selbst wenn sich Definitionen von Feindbildern als resistent gegenüber sachlichen Gegeninformationen erweisen. Andererseits sei nicht von der Hand zu weisen, dass es Menschen oder Menschengruppen gibt, die real lebensbedrohend sein können. Und die mit derartigen Erkenntnissen verbundene Ambivalenzen und existentiellen Spannungen, so der Politikwissenschaftler Eric Voegelin, gelte es aus humanistischer Sicht anzunehmen und zu akzeptieren. Diese Spannungen sollten darüber hinaus vor allem dazu genutzt werden, um Erkenntnisprozesse in Gang zu setzen und weiter voranzutreiben.Eric Voegelin: Ordnung, Bewusstsein, Geschichte. Späte Schriften – Eine Auswahl, hrsg. von Peter J. Opitz, Stuttgart 1988, S. 127 ff., 133 ff.
Soziale Ungleichheiten Einen Ertrag bringenden Ansatz, um der Entstehung von Feindbildern auf die Spur zu kommen, lieferten auch soziologische und historische Forschungen bezüglich des Phänomens der sozialen Ungleichheit in modernen Gesellschaften.Rainer Geißler: Soziale Schichtung und Lebenschancen in Deutschland. 2., völlig neu bearb. und aktualisierte Aufl., Stuttgart 1994, ISBN 3-432-95982-6. Einen eigenen soziologischen Forschungszweig in diesem Zusammenhang stellt die Geschlechterforschung (Gender Studies) dar. Der Historiker George L. Mosse beispielsweise beschrieb in seinem Buch Das Bild des Mannes die Zusammenhänge von sozialen Ungleichheiten, Stereotypen von Männlichkeit und Weiblichkeit und damit korrespondierenden Feindbildern, die mit Vorstellungen der Bedrohung der eigenen Identität verbunden sind. Mosse schrieb im Rahmen seiner Faschismusforschung, dass im 19. und 20. Jahrhundert die wahrgenommenen „Feinde der Maskulinität“ stets „die erklärten Gegner“ der faschistischen und faschistoiden Männer gewesen sind.George L. Mosse: Das Bild des Mannes. Zur Konstruktion der modernen Männlichkeit. Aus dem Amerikanischen von Tatjana Kruse, Frankfurt a. M. 1997, ISBN 3-7632-4729-7, S. 77.
Zu einem ähnlichen Ergebnis gelangte der Psychoanalytiker Arno Gruen, der sogar schrieb, dass „die Grundkrankheit der Menschheit“ um jene Menschen kreisen würde, „die ihre Persönlichkeitsstrukturen nur durch Feindbilder aufrechterhalten können“.Arno Gruen: Falsche Götter. Über Liebe, Hass und die Schwierigkeit des Friedens. Düsseldorf/Wien/New York 1991, S. 29 ff. Und er merkte an, dass das „Auseinanderfallen des gesellschaftlichen Rahmens“ insbesondere bei Menschen, die strikt auf Anpassung bedachte sind, ebenso „zum Auseinanderfallen seiner Welt“ führen würde. Das Besondere an dieser Formulierung ist, dass die Identitätsproblematik hier nicht nur an die eigene Person, sondern auch auf die persönlich als bedeutsam wahrgenommene „Welt“ bezogen wurde. In Zeiten von gesellschaftlichen Umwälzungen und Krisen verstärke, so Gruen, die veränderte Wahrnehmung von Welt und der Zusammenbruch der eigenen Identität „das Bedürfnis nach einem Feind“, wobei sich der so denkende und empfindende Mensch mit Enthusiasmus einer Autorität beuge, die das Feindbild zulässt. Sozialpsychologen bezeichnen diesen Vorgang auch als Sündenbockmechanismus, so beispielsweise der Philosoph und Kulturanthropologe René Girard, der diesem Mechanismus im Rahmen seiner mimetischen Gesellschaftstheorie einen besonders hohen Stellenwert beigemessen hat. Arno Gruen ging jedoch noch einen Schritt weiter, indem er den Blick auf die sozialen und psychischen Bedingungen von Eltern-Kind-Beziehungen richtete. Er schrieb:
Ganzheitliche Wahrnehmung