Eine Art Familientreffen ist der letzte Teil der autobiographischen Romantrilogie von Judith Kerr, die mit Als Hitler das rosa Kaninchen stahl beginnt. Er spielt im Herbst 1956 in London und West-Berlin.

Eine Art Familientreffen kam in der deutschen Übersetzung von Annemarie Böll erstmals 1979 heraus.Elisabeth von Thadden, Das Mädchen aus London, in: Die Zeit 25, 2013 (online) Das englischsprachige Original aus dem Jahr 1978 erschien unter dem Titel A Small Person Far Away.

Wie in den beiden ersten Bänden trägt Judith Kerrs Alter Ego den Namen Anna, ihr Bruder Michael erscheint als Max, die Eltern Alfred und Julia Kerr werden nur Papa und Mama genannt. Hinter der Figur des Richard verbirgt sich Judith Kerrs Ehemann Nigel Kneale.

Inhalt Während Als Hitler das rosa Kaninchen stahl einen Zeitraum von gut zwei Jahren – vom Frühjahr 1933 bis zum Herbst 1935 – umfasste und Warten bis der Frieden kommt die Kriegsjahre in London ab März 1940 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs zum Thema hatte, erstreckt sich die Handlung des dritten Bandes nur über wenige Tage im Oktober 1956. Aber wie schon im Vorgängerband wird die Vergangenheit in zahlreichen Rückblenden und Erinnerungsszenen thematisiert, so dass eine nahezu lückenlose Darstellung der Schicksale der Emigrantenfamilie bis zum Herbst 1956 entsteht. mini|Der Schauplatz der Eingangsszene in der Tottenham Court Road Anna ist seit etwa einem Jahr mit einem bekannten Fernsehschriftsteller verheiratet. Die beiden leben in einer kleinen Wohnung in einem Neubaublock in Camden und sind noch dabei, die letzten Einrichtungsgegenstände für dieses Domizil zu beschaffen. Während Annas Mann Richard zu Hause an der Schreibmaschine sitzt, entdeckt Anna an einem Samstagmorgen bei Heals endlich einen Teppich fürs Esszimmer, der genau den richtigen, lange gesuchten Farbton aufweist. Als sie den Scheck ausfüllt, kommt sie mit dem Verkäufer ins Gespräch, weil dieser stutzt, als er den bekannten Nachnamen ihres Ehemanns zu Gesicht bekommt. Dabei erfährt man, dass Anna, die zunächst Kunst studiert hatte, inzwischen ebenfalls schriftstellerisch tätig ist und wie ihr Mann für die BBC arbeitet.

Auf dem Heimweg kommt Anna zufällig am Haus der Dillons vorbei, eines Ehepaares, das ebenfalls für die BBC tätig ist und mit dem sie sich vor kurzer Zeit auf einer Party angefreundet hat. Elizabeth Dillon bittet Anna herein. James Dillon, noch im Schlafanzug, sitzt erst beim Frühstück, da er wegen „dieser Sache mit Ungarn“Judith Kerr, Eine Art Familientreffen, Otto Maier Verlag Ravensburg 1980, ISBN 3-473-35050-8, S. 8 erst spät ins Bett gekommen ist. Gemeint ist der Aufstand der Ungarn gegen die sowjetische Besatzung im Jahr 1956, der wenige Tage nach dieser Szene blutig niedergeschlagen wurde und, ebenso wie die Suezkrise, alle Geschehnisse der Erzählung überschattet. Kein Mensch wünsche sich einen dritten Weltkrieg und daher, so sagt James Dillon voraus, werde der Westen zwar reden, aber nicht mit Waffen gegen die Sowjets vorgehen. Nichts zu tun, so meint Elizabeth, sei aber schon bei Hitler der falsche Weg gewesen, wie ja niemand besser wisse als Anna selbst. Daraus entwickelt sich ein Gespräch über Annas Schicksale während der Flucht vor Hitler, ihre Dreisprachigkeit und ihre Tätigkeit bei der BBC. Als sie Abschied nimmt, lädt das Ehepaar Dillon sie und Richard für den kommenden Donnerstag zum Abendessen ein.

Anna kehrt so glücklich über die Begegnung mit den Dillons und über ihren Einkauf in ihre Wohnung zu Richard zurück, dass sie den Hausmeister nicht beachtet, der vor dem Haus nach ihr ruft. Wenige Augenblicke später aber erscheint er an der Wohnungstür und überreicht ihr ein Telegramm. Überzeugt, dass an einem solchen Tag nur eine positive Nachricht übermittelt werden kann, ist Anna fassungslos, als sie den Text liest. Ihre Mutter, die mittlerweile wieder in Berlin lebt, sei schwer an Lungenentzündung erkrankt, Anna solle für alle Fälle für den nächsten Tag einen Flug buchen. Näheres erfahre sie abends telefonisch.

Abgeschickt wurde das Telegramm von Konrad, Mamas Lebensgefährten. Seit 1947 nämlich lebt Mama, die als Dolmetscherin für die amerikanische Besatzung arbeitet, in Westberlin. Papa ist während seines ersten Besuchs in Deutschland 1948 gestorben bzw. hat nach einem Schlaganfall den Freitod gewählt, und etwa ein Jahr später muss Mamas Beziehung zu Konrad Rabin begonnen haben. Der promovierte Jurist arbeitet für die JRSO und wohnt wie Mama in einem amerikanischen Neubau. Konrad hat Mama zuliebe seine Frau und zwei erwachsene Töchter verlassen. Zum gemeinsamen Bekanntenkreis gehören Konrads Kollege Erwin Goldblatt und dessen Ehefrau Hildy.

Anna zerbricht sich den Kopf, wie es zu Mamas Erkrankung gekommen sein kann. Vor der Idee, nach Berlin zu fliegen, schreckt sie zurück. Obwohl sie während der Emigration und in der Zeit des Zweiten Weltkriegs zahlreiche gefährliche Situationen überstanden hat, hat sie sich in der Obhut ihrer Eltern nur selten geängstigt. Nun aber erscheint ihr das eingekesselte Westberlin wie eine Falle. Richard beruhigt sie schließlich mit den Worten, Konrad habe doch nur von einer provisorischen Buchung des Fluges gesprochen und bis zum Abend sehe die Situation vielleicht schon wieder ganz anders aus. Er begleitet sie zur Ablenkung auf den Markt in der Portobello Road, wo das Ehepaar wiederum auf Demonstranten stößt, die auf die Situation in Ungarn aufmerksam machen wollen; dabei fallen von Seiten der Zuschauer auch fremdenfeindliche Äußerungen.

Bei dem Telefonat mit Konrad erfährt Anna, dass ihre Mutter keineswegs nur an Lungenentzündung erkrankt ist, sondern dass sie versucht hat, sich mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben zu nehmen, und in einem Berliner Krankenhaus liegt. Konrad hält Annas Anwesenheit für erforderlich und verspricht, sie anderntags auf dem Flughafen in Tempelhof abzuholen. Anna zerbricht sich den ganzen Abend den Kopf, was ihre Mutter zu einem solchen Schritt getrieben haben kann, und macht sich Vorwürfe, weil sie ihr schon lange nicht mehr geschrieben hat. In der Nacht hat sie, offenbar nicht zum ersten Mal, einen fürchterlichen Alptraum: Sie weiß, dass sie zu jemandem gehören muss, kann sich aber nicht erinnern, um wen es sich handelt, und sieht sich daher völlig allein und verlassen in unterschiedlichen beängstigenden Szenerien. Erst nach dem Aufwachen wird ihr klar, dass es sich bei dem Gesuchten um Richard handelt, der neben ihr im Bett liegt.

Richard bietet wiederholt an, mit Anna nach Berlin zu fliegen, doch lehnt Anna das ab, weil er mitten in der Arbeit zu einer neuen Fernsehserie steckt und ihr außerdem, schon wegen mangelnder Deutschkenntnisse, in Berlin ja doch nicht helfen könne. Als sie aber auf dem Flughafen Heathrow von ihm Abschied nimmt, hat sie das Gefühl, dies sei eine Trennung für immer, und wird von Tränen überwältigt. Ihren Mann beruhigt sie aber mit dem Hinweis: „Du weißt doch, dass ich immer heule, wenn ich meine Tage kriege.“Judith Kerr, Eine Art Familientreffen, Otto Maier Verlag Ravensburg 1980, ISBN 3-473-35050-8, S. 29

Erst in Berlin erfährt Anna von Konrad den Grund für den Selbstmordversuch ihrer Mutter: Während diese einige Tage beruflich in Hannover zu tun hatte, hat er mit seiner Sekretärin Ilse angebändelt. Er hat diese Beziehung seiner Partnerin nach deren Rückkunft selbst gestanden, weil sich beide in einem so engen Kreis bewegen, dass sich der Vorfall auf die Dauer wohl ohnehin nicht hätte vertuschen lassen. Konrad besteht darauf, dass Mama als erwachsener Mensch über eine solche Affäre hinwegsehen können sollte. Dennoch hat er sich in den Wochen nach seinem Geständnis um Mama gesorgt – er war es auch, der sie nach dem Selbstmordversuch in ihrer Wohnung gefunden und den Transport in ein deutsches Krankenhaus in die Wege geleitet hat. Als Anna ihn fragt, warum er denn das Verhältnis mit Ilse begonnen habe, die er selbst als viel langweiliger und unattraktiver als Mama schildert, scheint er etwas ratlos und meint schließlich, er habe sich wohl bei der Sekretärin ein wenig ausruhen wollen. Dies kann Anna, an die mitunter nervenaufreibende Intensität der Lebensäußerungen ihrer Mutter gewöhnt, gut nachvollziehen.

Nach einem Mittagessen in einem Lokal besuchen Anna und Konrad Mama im Krankenhaus. Sie liegt im Koma, und Anna wird aufgefordert, sie immer wieder anzurufen: Vielleicht dringe ihre Stimme in Mamas Bewusstsein vor und könne eine Reaktion auslösen. Anna, schon den ganzen Tag von Übelkeit geplagt, hält diese Versuche nicht lange aus. Sie lässt sich von Konrad ins Hotel bringen, ruht dort eine Weile aus, wobei sie zahlreiche Visionen ihrer Vergangenheit erlebt, und begleitet Konrad abends zum Abendessen beim Ehepaar Goldblatt, da Konrad und Mama für diesen Tag dort eingeladen sind. Die Goldblatts wissen nur von Mamas Lungenentzündung, nicht von ihrem Versuch, sich das Leben zu nehmen, beginnen aber bald zu ahnen, dass etwas nicht stimmen kann, zumal im Gespräch erwähnt wird, dass Konrad inzwischen auch Annas Bruder Max alarmiert hat, der sich derzeit mit Frau und Kind auf einer entlegenen griechischen Insel befindet.

Beim nächsten Besuch im Krankenhaus am Montagmorgen hat Anna Gelegenheit, mit Mamas behandelndem Arzt zu sprechen. Dieser erklärt, man habe die Behandlungsmethode gewechselt und Mama sei jetzt sehr unruhig. Anna, wiederum von Erinnerungen an die Vergangenheit heimgesucht, hält es erneut nicht lange an Mamas Bett aus. Auch meint das Personal, ein Besuch am Nachmittag werde vielleicht sinnvoller sein. Konrad bringt Anna, da sie vom strömenden Regen völlig durchweicht ist, in seine gut geheizte Wohnung und verabredet sich zum Mittagessen mit ihr. Während Anna sich in Konrads Wohnung aufhält, entdeckt sie einige Haarklemmen, die wahrscheinlich nicht von ihrer Mutter stammen, und nimmt einen Anruf von Ilse entgegen, die über Konrads langes Ausbleiben an seiner Arbeitsstelle beunruhigt ist. Beides trägt nicht gerade dazu bei, dass Anna optimistisch in die Zukunft schauen kann, was Konrads Versprechen, bei Mama zu bleiben, betrifft. Beim Mittagessen in einem Restaurant gibt es aber immerhin positive Nachrichten aus Ungarn. Annas und Konrads Gespräch über die scheinbar erfreuliche Wendung – die Sowjets wurden zum Abzug aus Ungarn aufgefordert – wird von einem Bekannten Konrads unterbrochen: Ken Hathaway vom British Council. Dieser beteuert, wie sehr Mama in ihrem Umfeld geschätzt wird. Ihre kulturellen Interessen seien wohl eine ausgesprochen kontinentale Eigenschaft, äußert er dabei, und Anna kann nicht umhin, sich vorzustellen, wie sehr ihre Mutter, die sich als Britin fühlt, sich über diese Äußerung ärgern würde. mini|Die Berliner Douglasstraße. Im Haus Nr. 10 wohnte die Familie Kerr vor der Emigration.