Ferdinand Kahn (* 6. September 1886 in Augsburg; † 26. März 1951 in Hollywood) war ein deutscher Rechtsanwalt, Schriftsteller und Journalist. Er praktizierte bis 1939 in München als Rechtsanwalt und war von 1914 bis 1933 Mitarbeiter der Meggendorfer-Blätter und der Fliegenden Blätter. 1939 emigrierte er nach Los Angeles. Dort arbeitete er in einer Keramikwerkstatt und war als Vorstandsmitglied des „Jewish Club of 1933“ und als Redakteur bei der Exilzeitschrift Aufbau tätig.

Leben Herkunft Ferdinand Kahn wurde am 6. September 1886 in Augsburg geboren.Weber 2006. Seine Eltern waren der in Germersheim geborene August Kahn (1852–1907) und die in Fürth geborene Hedwig Kahn, geb. Klein (1862–1943), beide jüdischer Abstammung.Opferdatenbank holocaust.cz. Die Familie wohnte zuerst in Augsburg, nach der Versetzung des Vaters in Landshut und ab 1899 in München.Spätestens ab 1902 wohnte die Familie in der Kanalstraße 30 (Adressbuch 1902 , Wilhelm Busch. ZVAB, Artikel-Nr. 8205). Für das Sommersemester 1905/1906 gab Kahn bei der Immatrikulation als Adresse Herzog-Rudolfstraße 13/2 an, für das Wintersemester 1906/07 und das Sommersemester 1907 die Pfarrstraße 3/3.

Vater mini|hochkant|Gedenkstein bei Ismaning für die Opfer des Floßunglücks von 1907

Kahns Vater war Beamter in der königlichen Staatsbauverwaltung. Nach Stellen in Augsburg und Landshut wurde der Regierungs- und Kreisbauassessor 1899 nach München in das Kreisbaureferat versetzt und 1903 als Bauamtmann in das Straßen- und Flussbauamt berufen.Centralblatt 1899, Centralblatt 1903. Bei einer dienstlichen Floßfahrt auf der Isar ertrank der Vater des zwanzigjährigen Ferdinand Kahn 1907 zusammen mit der übrigen Besatzung.Gedenkstein für die Opfer des Floßunglücks vom 21. Mai 1907.

Mutter Nach dem Tod ihres Mannes zog Hedwig Kahn mit ihrem Sohn in seinen Geburtsort nach Augsburg in die Schellingstraße 3/4 r, wo sie mindestens bis 1908 wohnten.Diese Adresse gab Kahn bei der Immatrikulation für das Wintersemester 1907/08 epub.ub.uni-muenchen.de (PDF; 9,8 MB) und das Sommersemester 1908 epub.ub.uni-muenchen.de (PDF; 11 MB) an. Spätestens 1913 zogen Mutter und Sohn wieder zurück nach München. Dort wohnten sie, spätestens ab 1926, zusammen in der Leopoldstraße 56a., und Henri Nannen, der spätere Herausgeber und Chefredakteur der Zeitschrift „Stern“, begann 1933 in München sein Studium und wurde Untermieter bei den Kahns, die offenbar in gutbürgerlichen Verhältnissen lebten (Hedwig Kahn beschäftigte eine Wirtschafterin).Nannen 2013, S. 165–166. Es ist nicht bekannt, ob Hedwig Kahn nach der Emigration ihres Sohnes 1939 weiter in ihrer alten Wohnung blieb. enthält keinen Eintrag mehr für Hedwig Kahn. Im Alter von fast achtzig Jahren wurde Kahns Mutter am 26. Juni 1942 von München in das KZ Theresienstadt deportiert, wo sie am 4. Mai 1943 ermordet wurde.Weber 2006, Opferdatenbank holocaust.cz.

Studium Kahn begann nach dem Abitur 1905 am Wilhelmsgymnasium MünchenJahresbericht über das K. Wilhelms-Gymnasium zu München 1904/05. das Studium der Rechtswissenschaften im Sommersemester 1906 in München, wechselte zum Wintersemester 1908/1909 nach Lausanne und dann nach Erlangen, wo er 1912 mit einer Dissertation über das Urheberrecht zum Dr. jur. promovierteKahn 1912. und die juristische Staatsprüfung ablegte.

Berufsleben mini|hochkant=0.6|Joachim Ringelnatz, vor 1925

1913 erhielt Kahn in München die Zulassung als Rechtsanwalt und eröffnete eine Kanzlei am Maximiliansplatz 12b, ab 1938 in der Theatinerstraße 32. und Außerdem nahm er die Stelle eines Syndikus beim Verband der Bayerischen Kleiderfabriken an. Nebenher arbeitete er als freier Schriftsteller für die Meggendorfer-Blätter und die Fliegenden Blätter. Er wohnte zusammen mit seiner Mutter Hedwig Kahn in der Leopoldstraße 56a in München-Schwabing. „Zweimal ums Eck, an der Türkenstraße 57, lag das legendäre Lokal Alter Simpl“, wo Kahn gern verkehrte und „gelegentlich kabarettistische Einlagen gab“.Nannen 2013, S. 166. Dort lernte er während seines Studiums auch Joachim Ringelnatz kennen, mit dem zusammen er 1910 „ein lustiges Märchen mit Bildern“ herausgab.Kahn 1925, Günther 1964, S. 34. Als Ringelnatz 1920 heiratete, schickte er Kahn und seiner Mutter ein Billett: „… teile ich an allen Gliedern bebend mit, dass ich mich am 7. August ohne Geld, ohne Wohnung und ohne Verstand mit Frl. L. P. verheirate.“Günther 1964, S. 44–45.

1910 drehte der deutsche Filmpionier Peter Ostermayr seinen ersten Film, das kurze Melodrama „Die Wahrheit“. Als Drehvorlage diente ein Manuskript, das Ferdinand Kahn und der Lustspielautor Wilhelm C. Stücklen aus ihrem gleichnamigen Bühnenstück entwickelten. Ostermayr fand jedoch keinen Verleih für den Film, und so misslang auch Kahns erster Versuch, beim Film Fuß zu fassen.Horak 1996 In der Emigration in Hollywood, drei Jahrzehnte später, scheiterte Kahns Vorhaben, sich als Drehbuchautor zu etablieren, an der unterschiedlichen kulturellen Mentalität der Amerikaner.Porges 1951.

mini|hochkant=0.6|Erich Mühsam als junger Mann

Kahn wurde wahrscheinlich nicht zum Kriegsdienst eingezogen, denn zwischen 1914 und 1916 wurde er mehrmals auf Bitte des anarchistischen Publizisten Erich Mühsam rechtsanwaltlich tätig:

für die kleptomanisch veranlagte Schriftstellerin und Kabarettistin Emmy Hennings für die Tänzerin Margot Jung geb. Hader (1886–1981) und für den zwielichtigen ehemaligen Züricher Gewerkschaftssekretär Karl Erdmann, der sich als Waffenschieber entpuppte.

In seinem Tagebuch notierte Mühsam am 16. Februar 1915:

Die Modezeitschrift sollte unter dem Titel „Die Rundschau des Herrn“ erscheinen, aber alle Bemühungen Kahns, bei dem Verleger der Zeitschrift Mühsams Honorar einzutreiben, waren umsonst. Allem Anschein nach ist die Zeitschrift nie erschienen.Hirte 2011. – In der Papier-Zeitung, Band 40, Teil 2, 1915, S. 1148, erschien die Notiz: „Verlag Martens, Maurer & Müller, G. m. b. H. in Berlin. Gegenstand des Unternehmens ist der Verlag und die Herausgabe der Zeitschrift ‚Die Rundschau des Herrn‘. Das Stammkapital beträgt 21000 M. Geschäftsführer ist Herr Alfred Maurer, Inhaber der Berliner Schneider-Akademie von Rudolf Maurer.“

Naziterror Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 wurden in den Fliegenden Blättern keine Arbeiten von Kahn mehr veröffentlicht.Eine Ausnahme bildet das mit „F. K.“ gezeichnete Gedicht „Zwei Frauen“ von 1935. In der Reichskristallnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde Kahns Kanzlei in der Theatinerstraße 32 geplündert. Vom 10. November bis zum 19. Dezember 1938 wurde er im KZ Dachau interniert. Rabbi Jacob Sonderling berichtete 1951 am Grab von Ferdinand Kahn: „Männer, die mit ihm die furchtbare Zeit im Konzentrationslager verbrachten, bestätigen, dass er auch dort der heitere Tröster seiner Leidensgenossen gewesen sei.“Porges 1951. Mit Wirkung ab dem 1. Dezember 1938 wurde Kahn wie allen übrigen jüdischen Rechtsanwälten die Zulassung entzogen.Weber 2006, rijo research (PDF)

Der in Beverly Hills lebende Schriftsteller Bruno Frank, den Kahn wohl im Alten Simpl in Schwabing kennengelernt hatte, erfuhr von seiner Bedrängnis durch die Nazis und schickte ihm „das rettende Affidavit“. In seinem Nachruf auf Bruno Frank erinnerte sich Kahn 1945:Kahn 1945.2.

Im Juli 1939 reiste Kahn nach London, wo er seinen Münchener Freund Carl Rössler wieder traf und mit ihm zusammen an einem Theaterstück arbeitete.Kahn 1948.1. Schließlich emigrierte er von England aus in die USA. 1940 wurde Kahn die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt.Weber 2006.

Exil Ferdinand Kahn emigrierte in der zweiten Hälfte des Jahrs 1939 nach Los Angeles und ließ sich dort in Hollywood nieder. Seine Wohnung befand sich (spätestens ab 1944) in einem Bungalow am Hollywood Boulevard, in dem auch die Schauspielerin Ilka Grüning wohnte. Das „rear-house“ im „pärkchen-ähnlichen Garten“ bewohnte „das weltbekannte Variété-Universalgenie Sylvester Schäffer“.Kahn 1944.2.

Nach der Ankunft in der neuen Heimat sah sich Kahn mit dem Problem konfrontiert, einen passenden Broterwerb zu finden. Als deutscher Rechtsanwalt stand er erst einmal vor dem Nichts. In seinem Nachruf auf Ferdinand Kahn berichtet Friedrich Porges 1951: „Vor zwölf Jahren kam er nach Hollywood und versuchte zunächst, in seinem »Nebenberuf« zu wirken. Aber sein europäischer Esprit erwies sich, wie in so zahlreichen ähnlichen Fällen, als der hiesigen Mentalität (vornehmlich im Film) nicht anpassbar. Er wäre ein blendender »gagman« geworden. Aber die Studios machten keinen Gebrauch von seinem Humor.“Porges 1951. Kahn blieb daher anfangs nichts übrig, als sich mit Hilfsarbeiten durchzuschlagen. Wenn man die Glosse „Dishwasher“ (Tellerwäscher) wörtlich nehmen kann, war Kahn im Herbst 1941 noch Tellerwäscher in einem Hotel.Kahn 1941.1. Auch ein paar Monate danach trieb ihn das Thema der Stellensuche noch immer um, als er in einer anderen Glosse Hobbys als Grundlage für einen Brotberuf empfiehlt.Kahn 1941.2.

Später war er als Arbeiter in der Keramikwerkstatt von Hedi Schoop (1906–1995) tätig. Die gebürtige Schweizer Bildhauerin war ursprünglich Kabarettistin und Tänzerin und emigrierte 1933 mit ihrem ersten Mann Friedrich Hollaender von Berlin in die USA. Nach dem Scheitern eines Kabarettprojekts, das sie mit ihrem Mann aufzog, wandte sie sich der Bildhauerei zu. Sie begründete in Hollywood eine Keramikwerkstatt, durch die sie sehr bekannt und erfolgreich wurde. In den späten 1940er Jahren beschäftigte die Werkstatt über 50 Mitarbeiter und produzierte jährlich 30.000 Geschenkartikel.Weber 2006, Porges 1951. In Friedrich Porges’ Nachruf auf Ferdinand Kahn heißt es: „Seit langem arbeitete er in der Keramik-Werkstatt Hedi Schoops.“ Im Nebenberuf arbeitete Kahn als Redakteur für die Exilzeitschrift Aufbau und betätigte sich aktiv im „Jewish Club of 1933“.

Anfang 1944 stellte Felix Guggenheim, der Präsident des „Jewish Club of 1933“, in einer Mitgliederversammlung fest: „Die meisten Mitglieder des Clubs – auch die älteren – haben heute recht ordentlich bezahlte Stellen, die jeder – auch ein Ungelernter – leicht ausfüllen kann.“Aufbau, 10. Jahrgang, Nummer 5, 4. Februar 1944, S. 18; Dies traf wohl auch auf Kahn zu, der damals 60 Jahre alt war.

mini|hochkant=1|Grabstein Ferdinand Kahns, 2012

Lebensabend Ein Jahr vor seinem Tod musste sich Kahn wegen Bauchspeicheldrüsenkrebs einer Operation unterziehen, die ihm jedoch nur einen kurzen Aufschub verschaffte. Am Ostermontag, dem 26. März 1951 verstarb der unverheiratete Ferdinand Kahn im Alter von 64 Jahren in Hollywood. Er wurde am 30. März 1951 auf dem Hollywood Forever Cemetery in Hollywood beerdigt. In seiner Trauerrede schilderte Lothar Frank, ein Bruder des Schriftstellers Bruno Frank, den Verstorbenen „Ferdi“ als einen schlichten, bescheidenen Menschen, in dem eine große Seele wohnte. Der Rabbi Jacob Sonderling „hob in seiner Rede hervor, dass Ferdinand Kahn ein Mensch war, der den Mut zur Freude hatte“ und pries seine Hilfsbereitschaft.Porges 1951

Werk Ferdinand Kahn, „einer der liebenswürdigsten, lebensfrohesten und feinsten Intellektuellen der Immigration“, war ein Humorist, der seinen Mitmenschen durch seine Gedichte und Glossen Freude bereiten wollte. „Er schrieb viel und Ausgezeichnetes, obwohl er es bloss im Nebenberuf tat. Im Hauptberuf war er Rechtsanwalt. In seinem Herzen war er ein Dichter und Künstler.“Porges 1951. Der unehrgeizige Schriftsteller brachte nie einen Gedichtband oder eine Sammlung seiner Glossen heraus, offenbar genügte es diesem Meister der kleinen Form, wenn er seine Werke dem vergänglichen Medium der Zeitschriften anvertrauen konnte.

Anfänge Wie fast alle jungen Dichter war Ferdinand Kahn anfangs vergeblich auf der Suche nach einem Verleger. Der Sechzehnjährige sandte 1902 eine Probe seiner dichterischen Erstlinge an sein Vorbild Wilhelm Busch mit der Bitte um Kritik. Der arrivierte Dichter antwortete mit einem gutgemeinten Vierzeiler: Nicht, wer selbst ein Lautenschläger, Sondern der Gedichtverleger