Orheiul Vechi (rumänisch, „Alt-Orhei“, wörtlich „das alte Orhei“) ist ein archäologischer Fundort, ein historisches Siedlungsgebiet, ein kulturelles und ein landschaftliches Schutzgebiet südöstlich der Stadt Orhei im Zentrum der Republik Moldau. Die Gegend ist seit der Steinzeit besiedelt und stellt mit der Kombination aus spätmittelalterlichen Ausgrabungen, einem Ende des 17. Jahrhunderts gegründeten orthodoxen Höhlenkloster und der besonderen Landschaft im Flusstal des Răut die bekannteste Sehenswürdigkeit des Landes dar. Das rund 6000 Hektar große Gebiet, zu dem die drei Dörfer Trebujeni, Butuceni und Morovaia gehören, ist eine nominierte kulturelle Welterbestätte Moldaus und steht seit 2007 auf der Tentativliste der UNESCO.Orheiul Vechi Archaeological Landscape. UNESCO Tentative Lists Seit 2009 ist Orheiul Vechi ein staatlich anerkanntes Kultur-Naturschutzgebiet.Lt. Regierungsbeschluss von 23. März 2009, vgl. Sergiu Musteăța: Cultural Heritage Preservation in the Republic of Moldova Between Legal Framework and Reality. In: Civilization Researches. (Hrsg.: UNESCO Chair in Intercultural Dialogue) Tbilisi University Press, Tiflis 2010, S. 161–178, hier S. 167

Lage mini|Plan mit Sehenswürdigkeiten mini|Butuceni-Hügel nach Westen. Links die Marienkirche von 1904. Rechts der Brücke über den Răut hinter Bäumen versteckt das Hotel (im Plan: The Visitors Center). Orheiul Vechi liegt 20 Straßenkilometer südöstlich von Orhei, der Hauptstadt des gleichnamigen Landkreises (Rajon Orhei). Von der Landeshauptstadt Chișinău ist Orheiul Vechi auf der Schnellstraße M2 Richtung Norden etwa 50 Kilometer entfernt. Die M2 führt über Orhei weiter nach Soroca. Kurz vor Orhei biegt die Nebenstraße R28 von der M2 nach Osten ab und erreicht über die Dörfer Ivancea und Brănești das Gebiet von Orcheiul Vechi. Dieses befindet sich zur Hälfte im Süden des Landkreises Orhei und im südlich angrenzenden Landkreis Criuleni.

Das Gebiet umfasst bei einer ungefähren Ausdehnung von 3,5 Kilometern in Ost-West-Richtung und 1,5 Kilometern in Nord-Süd-Richtung eine doppelte enge Schlaufe des Răut, der in einem Tal zwischen steilen, mit Gras bewachsenen Hügeln und Kalksteinfelsen Richtung Südosten fließt und schließlich in den Nistru mündet. Geologisch haben sich die bis zu durchschnittlich 300 Meter Höhe erreichenden Kalksteinhügel Moldaus vor rund 14 Millionen Jahren auf dem Boden des Sarmatium (auch „Sarmatisches Meer“) gebildet, das sich von Südosteuropa bis Südrussland erstreckte. Innerhalb dieser geologischen Stufe besteht die so bezeichnete moldauisch-bessarabische Platte im Bereich Nord- und Zentralmoldaus, zu dem Orheiul Vechi gehört, aus leicht verwitterbaren Sedimenten des sarmatischen Miozän, während die flachen Ebenen Südmoldaus durch Ablagerungen aus dem jüngeren Pliozän gebildet werden. Für Răut, Pruth, Nistru und einige kleinere Nebenflüsse, die alle nach Südosten fließen, sind tiefeingeschnittene Täler charakteristisch. An deren Hängen treten zwischen weichen tonigen und sandigen Schichten und Konglomeraten an manchen Stellen ältere Gesteine wie kreidezeitliche Kalke oder noch ältere Granite hervor. Solche formenreich strukturierten Bodenoberflächen in Flusstälern, für die Orheiul Vechi exemplarisch steht, heben sich deutlich von den ansonsten vorherrschenden, eher monotonen flachhügeligen Steppengrasflächen und Äckern ab. Auf den Feldern mit fruchtbaren Chernozem-Böden werden hauptsächlich Weizen, Mais, Sonnenblumen und an sonnenexponierten Hängen auch Weintrauben angebaut. Die durchschnittlichen Jahresniederschläge von 500 Millimetern fallen vor allem im Juni und Juli.Wilfried Heller, Mihaela Narcisa Arambașa: Geographie. In: Klaus Bochmann u. a. (Hrsg.): Die Republik Moldau, S. 161.

Der in diesem Bereich 15 bis 20 Meter breite Fluss schlängelt sich zwischen zwei in Ost-West-Richtung verlaufenden Hügeln. Die von Westen kommende Fahrstraße erreicht als erstes die Reste der spätmittelalterlichen Festung am höchsten Punkt der etwa zwei Kilometer langen und bis zu 700 Meter breiten Peștere-Landzunge und führt weiter hinab an den sorgfältig präparierten Mauern des Tataren-Badehauses vorbei bis zur Brücke über den Răut. Nördlich der Brücke beginnt das größte der drei Dörfer, Trebujeni, das sich gut zwei Kilometer am Fluss entlang ausdehnt. Die bei der Festung auf dem Hügel Peștere („Höhlen“) nach Süden abzweigende Straße führt hinunter zu einer anderen Flussbrücke und zum Dorf Butuceni, das sich südlich des Butuceni-Hügels erstreckt. Dieser bildet eine drei Kilometer lange Landzunge, die an ihrem Ostende 300 Meter Breite und 120 Meter Höhe über dem Flusstal erreicht. Als östliche Verlängerung von Butuceni folgt flussabwärts die kleine Siedlung Morovaia. Die außen das Gebiet begrenzenden Hügelzüge heißen von Norden nach Süden Potarca, Selitra und Scoc. Die Grashänge und Felswände der Hügel fallen zum Fluss häufig über 100 Meter steil ab, nur die zentrale Peștere-Landzunge geht flach in die Talsohle über. Eine etwas größere Waldinsel befindet sich im Nordwesten. Der Laubmischwald besteht aus Eichen, Buchen, Eschen und Linden.

Geschichte Archäologische Funde verweisen auf eine Besiedelung des Gebietes seit der Altsteinzeit, die auf etwa 500.000 bis 100.000 v. Chr. datiert wird.Sergiu Musteață: Das kulturelle Erbe. In: Klaus Bochmann u. a. (Hrsg.): Die Republik Moldau, S. 647 Der älteste bekannte Lagerplatz im Jungpaläolithikum wird auf 30.000 bis 20.000 v. Chr. datiert.

Es gibt Siedlungsspuren, die der Cucuteni-Tripolje-Kultur (zweite Hälfte 5. Jahrtausend v. Chr.) zugerechnet werden, die zwischen Südosteuropa und Südrussland verbreitet war. Ein nahegelegener Hauptfundort dieser jungsteinzeitlichen Kultur ist Florești. Weitere Funde stammen aus der Bronzezeit (3. bis 2. Jahrtausend v. Chr.), dem Übergang zur Eisenzeit (Chişinău-Corlăteni-Kultur, 12. bis 10. Jahrhundert v. Chr.) und der Eisenzeit (ab dem 8. Jahrhundert v. Chr.), einschließlich der Kultur der Geten (um 400 bis 200 v. Chr.). Das Volk der Geto-Daker bewohnte vom 8./7. Jahrhundert v. Chr. bis zum 3./2. Jahrhundert v. Chr. das Gebiet und hinterließ Spuren einer Festung im Osten des Butuceni-Hügels. Die nachfolgenden Römer gingen bei ihren Eroberungen gewaltsam und sehr gründlich vor, sodass von den dakischen Hügelfestungen allgemein nur wenig übrig blieb.Ioanna A. Oltean: Dacia. Landscape, colonisation and romanisation. Routledge, New York 2007, S. 7, 222

Ab dem 6. Jahrhundert und vom 10. bis zum 12. Jahrhundert n. Chr. existierten mehrere frühmittelalterliche Dörfer. Es gab fünf Nekropolen, die im 2./1. Jahrhundert v. Chr., 10./11. Jahrhundert n. Chr. und vom 14. bis zum 16. belegt wurden, sowie mehrere, im selben Zeitraum aufeinanderfolgende Festungen und ummauerte Siedlungen.

Die frühesten archäologischen Hinweise auf eine Christianisierung östlich der Karpaten stammen aus der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts, als Goten in dem Gebiet lebten. Im 4. Jahrhundert hatten die Goten den christlichen Glauben angenommen. Die frühchristliche Besiedlung in Orheiul Vechi wird mit den biographischen Angaben zu einem gewissen Augias aus Edessa in Verbindung gebracht, der vom römischen Kaiser Constantius II. (reg. 337–361) wegen seiner schismatischen Lehre nach Scythia Minor (heute die Region Dobrudscha) verbannt worden sein soll. Von dort soll Augias mit seinen Gefolgsmännern (Akolythen) weiter nach Norden und Osten vorgedrungen sein. Er habe die Kalkfelswände an den Flüssen Pruth und Nistru nach Höhlen untersucht, um dort Behausungen einzurichten. Gewisse christliche Zeichen an den Höhlenwänden im Gebiet von Orheiul Vechi machen eine Besiedlung durch Christen in dieser Zeit wahrscheinlich.Ion Tentiuc, Alexandru Popa: Some Considerations Regarding Rock-Cut Monasteries and Spreading of the Christianity in Eastern Moldova During the Late Roman Period and Early Middle Age. In: Aurel Zanoci, Tudor Arnăut, Mihail Băţ (Hrsg.): Studia Archeologiae et Historiae Antiquae. Chișinău 2009, S. 349–364, hier S. 351, 355

mini|Höhlenkloster von Bosie, vom 15. bis zum 18. Jahrhundert in Gebrauch. Inschrift: „Diese Kirche wurde vom Sklaven Bosie erbaut, dem pârcălab (Statthalter) von Orhei, zusammen mit seiner Frau und seinen Kindern, um Gott zu ehren, damit er seine Sünden vergebe. Selevestru, im Jahr 1665.“ Historisch gesichert sind christliche Einsiedeleien in Höhlen in der Gegend von Orheiul Vechi ab dem 11. Jahrhundert. Die aus der Zeit des 11. bis 13. Jahrhunderts gefundenen einfachen christlichen Kreuze und Enkolpions (Reliquienkapseln) belegen die Existenz einer christlichen Gemeinschaft.Ion Tentiuc, Alexandru Popa: Some Considerations Regarding Rock-Cut Monasteries and Spreading of the Christianity. In: Aurel Zanoci, Tudor Arnăut, Mihail Băţ (Hrsg.): Studia Archeologiae et Historiae Antiquae. Universitatea de Stat din Moldova, Chișinău 2009, S. 349–363, hier S. 359 Vom 14./15. Jahrhundert bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts war die Hochphase der christlichen Höhlenbewohner, als bis zu 400 Mönche in den Felshöhlen gelebt haben sollen.Frieder Monzer, Timo Ulrichs: Moldova, 2013, S. 138

Die Goldene Horde war ein mittelalterliches mongolisches Großreich, das in den 1230er Jahren seinen Machtbereich bis nach Südosteuropa ausdehnte. In der Schlacht bei Muhi (Muhi im Osten Ungarns) besiegten die Mongolen 1241 ein Heer des ungarischen Königs, überquerten die Donau und drangen bis zur Wiener Neustadt vor. Seit dieser Zeit hielten sich diese in manchen Quellen Tataren genannten Völker auch auf dem Gebiet Moldaus auf, wo sie möglicherweise eine Art städtisches Zentrum anlegten. Während ihrer Herrschaft wurde um 1330 die mittelalterliche Stadt von Orheiul Vechi gegründet, die den Namen Schehr al-Jadid (oder Schehr al-Cedid, „Neue Stadt“) trug und einschließlich der dort bereits vorhandenen Bebauung den gesamten Hügel Prestere ausfüllte. Shehr al-Jadid könnte das regionale Zentrum der Tataren gewesen sein. Es gibt Funde von Münzen, die zwischen 1364 und 1369 in der Stadt geprägt wurden. 1369 räumten die Tataren die Region der heutigen Republik Moldau. Der Schwarze Tod, wie die große Pestepidemie hieß, die sich von 1347 bis 1353 in Europa ausbreitete, trug zur Schwächung der Goldenen Horde an der Schwarzmeerküste bei. In der Schlacht auf dem Kulikowo Pole nahe dem Fluss Don in Südrussland wurde ihr Heer 1380 von den Kiewer Rus vernichtend geschlagen.

Das Fürstentum Moldau, das von etwa 1350 bis 1538 bestand, verteidigte mit einer Reihe von Festungen entlang des Nistru und mit der Festung Orhei am Răut seine Ostgrenze gegen die Tataren. Der moldauische Fürst Ștefan cel Mare (reg. 1457–1504) besiegte 1469 oder 1470 beim Dorf Lipnic im nördlich gelegenen Rajon Ocnița die unter dem Kommando von Akhmat Khan angreifenden Wolga-Ural-Tataren, wobei beide Seiten hohe Verluste erlitten.Soroca. In: Andrei Brezianu: Historical Dictionary of the Republic of Moldova, 2007, S. 331 Dennoch kam es 1499 zu einem Überfall der Tataren, bei dem vermutlich eine Holzkirche niederbrannte.Jonathan Eagles: Stephen the Great and Balkan Nationalism, 2013, S. 159 Die Stadt blühte nach der Vertreibung der Tataren im 15. Jahrhundert, namentlich unter den Herrschern Alexandru cel Bun (reg. 1400–1432) und Ștefan cel Mare.