Der Suizid durch Sturz aus der Höhe, kurz Sturz aus der Höhe (in der Fachliteratur auch als Todessprung, [Suizid durch] Sturz in die Tiefe, [Suizid durch] Sprung aus der Höhe und [Suizid durch] Sprung in die Tiefe bezeichnet) ist eine Form des Suizides, bei der ein Mensch sich das Leben nimmt, indem er sich in der Absicht zu sterben von einer natürlichen (z. B. einem Berg oder einer Klippe) oder künstlichen (z. B. einem Haus oder einer Brücke) Erhöhung oder aus einem Flugzeug stürzt.
Häufigkeit In Deutschland war der Sturz aus der Höhe nach dem Erhängen und der Selbstvergiftung mit Medikamenten zwischen den Jahren 1998 bis 2013 die dritthäufigste Suizidmethode aller tödlich endenden Suizidhandlungen, es gibt etwa 1000 Suizide dieser Art pro Jahr,Stand: Erhebungen für die Jahre 1998 bis 2013, Höchststand 2002 1105, Tiefststand 2010 850. das sind etwa 9 % der erfassten Suizide.Von 10.076 erfassten Suiziden wurden 915 durch Sturz aus der Höhe vollzogen, siehe Nationales Suizid Präventions Programm für Deutschland: Suizide in Deutschland 2013.
Geschlechtsspezifisch ist der Sturz aus der Höhe kontinuierlich die von Frauen in Deutschland am dritthäufigsten und die von Männern am vierthäufigsten gewählte Suizidmethode bei den vollendeten Suiziden. Das Verhältnis von Männern zu Frauen liegt bei dieser Methode bei 2:1.Nationales Suizid Präventions Programm für Deutschland: Suizide in Deutschland 2012; Nationales Suizid Präventions Programm für Deutschland: Suizide in Deutschland 2012; Nationales Suizid Präventions Programm für Deutschland: Suizide in Deutschland 2013. Auch um 1900 galt Suizid durch Sturz aus der Höhe bereits als eine in der „Frauenwelt“ bevorzugte Suizidmethode.Hans Rost: Der Selbstmord als sozialstatistische Erscheinung, 1905, S. 80.
In Österreich liegt der Sturz aus der Höhe ebenfalls an dritter Stelle bei den häufigsten von Frauen gewählten Suizidmethoden und an vierter Stelle bei den häufigsten Suizidmethoden der Männer (14 % aller männlichen Suizide).
Für England und Wales wird die Zahl der durch Sprung aus der Höhe vollzogenen Suizide mit einem Anteil von 5 % aller Suizide angegeben.D. Gunnell, M. Nowers: Suicide by Jumping (Abstract) bei Wiley Online Library.
Am häufigsten ist die Altersgruppe der 31- bis 40-Jährigen von Suizid durch Sturz aus der Höhe betroffen.Stefanie Last: Tödliche Höhenstürze im Land Berlin von 1988 bis 2004. Verletzungsmuster in Abhängigkeit von der Sturzhöhe, Berlin 2013, S. 94.
Unterscheidung Suizid und Unfalltod
In der forensischen Medizin wird als Merkmal zur Unterscheidung von Suiziden und Unfällen durch Sturz aus der Höhe angenommen, dass der Körper des Toten bei Suiziden durch Fenstersturz aus großer Höhe in der Regel mehr nach der Straßenmitte hin (also vom Gebäude verhältnismäßig weit entfernt) liegt, da er mit einem gewissen Anlauf abgesprungen ist, während Opfer von Fensterstürzen, bei denen es sich um Unfälle handelte, eher die Tendenz haben, sich, während sie im Begriff sind zu stürzen, noch festzuhalten, so dass sie relativ gebäudenah zum Liegen kommen.
G. Berghaus kam 1979 bei der Auswertung von 185 Todesfällen nach Sturz aus der Höhe, bei denen eine eindeutige kriminologische Identifikation als Suizid oder Unfall vorlag, zu dem Ergebnis, dass in 19 von 20 Fällen, in denen der Gestürzte mehr als 1–2 Meter von der Senkrechten zur Absturzstelle aufgefunden wurde, ein Suizid angenommen wurde, während dies bei Distanzen von weniger als 1–2 Metern nur in zwei von achtzehn Fällen der Fall war. Fehlen vorspringende Gebäudeteile im Verlauf der Sturzbahn, wurden siebzehn von zwanzig Fällen als Suizid eingestuft.G. Berghaus: Mathematisch-statistische Differenzierungsmöglichkeiten zwischen Selbstmord und Unfall bei Sturz aus der Höhe, in: Zeitschrift für Rechtsmedizin, Jg. 80 (1979), S. 273–286.
In einer Untersuchung von tödlichen Stürzen aus der HöheSuizide in Berlin aus den Jahren 1988 bis 2004 wurden 69 % als Suizid eingestuft, 19 % als Unfall, und bei 12 % konnte die Todesursache nicht eindeutig als Suizid oder Unfall identifiziert werden.Stefanie Last: Tödliche Höhenstürze im Land Berlin von 1988 bis 2004. Verletzungsmuster in Abhängigkeit von der Sturzhöhe, Berlin 2013, S. 25 und 27 Stürze aus der Höhe werden mit steigender Sturzhöhe häufiger als Suizid und seltener als Unfälle eingestuft: Tödliche Stürze aus dem 1. Obergeschoss wurden in 23 % der Fälle als Suizid eingestuft, bei Stürzen aus dem 3. Stock 77 %, bei Stürzen aus dem 4.–8. Stock 83 %, bei Stürzen aus dem 9.–15. Stock 92 % und bei allen Stürzen aus noch höheren Stockwerken annähernd 100 %.
Medizinische Erkenntnisse und Bewertung In der Internationalen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD) wird der Suizid durch Sturz aus der Höhe unter den Chiffren E957 (9. Revision, 1980) bzw. X80 (10. Revision 2006) verzeichnet.
Suizid durch Sturz aus der Höhe gilt als eine „harte Suizidmethode“, das heißt als eine besonders gewalttätige und Selbstüberwindung erfordernde Praxis, sich das Leben zu nehmen. Erhebungen zur Frage des psychischen Zustandes von Suizidenten, die auf diese Weise starben, kamen zu dem Ergebnis, dass bei knapp 50 % eine psychiatrische Anamnese vorlag.E. E. Türk / M. Tsokos: Pathologic Features of Fatal Falls from Height, in: American Journal of Forensic Medicine 2004, Bd. 25, S. 194–199. Bei Suizidenten, die durch Sturz aus der Höhe umkommen, wird nur selten eine Alkoholisierung zum Sturzzeitpunkt festgestellt, was darauf hindeutet, dass die Handlung impulsiv und spontan vollzogen wird oder dass der Todeswunsch des Suizidenten derart übermächtig ist, dass er eine Selbstbetäubung oder sich Mut anzutrinken als nicht erforderlich ansieht.M. Smerling: Rechtsmedizinische und kriminalistische Aspekte beim Sturz aus der Höhe, in: Archiv für Kriminologie 1977, S. 40–50, 66–77, 177–187; H. Elbel: Über Sturzverletzungen, in: Lebensversicherungsmedizin, 1. Sonderheft, 40 (1966), S. 40f.
Der Tod wird beim Sturz aus der Höhe in der Regel durch Zerschmetterung des Körpers oder durch Zerstörung/Beschädigung einzelner lebenswichtiger Organe verursacht.
Personen, die einen Suizidversuch durch Sturz aus der Höhe überleben, erleiden in den meisten Fällen schwere, oft bleibende, gesundheitliche Schäden. So werden 3–5 % aller Querschnittlähmungen im deutschsprachigen Raum durch Suizidversuche verursacht, die meisten hiervon durch gescheiterte Suizidversuche durch Sprung aus der Höhe..
Die Methode des „Springens“ als Mittel zur Herbeiführung des Todes kommt auch immer wieder im Rahmen von Doppelsuiziden und Gruppensuiziden zur Anwendung: So sprang zum Beispiel im Februar 2000 ein österreichisch-norwegisches Paar gemeinsam vom 600 Meter hohen Prekestolen am LysefjordAsche im Netz, in: Der Spiegel vom 28. Februar 2000 und im August 2001 nahmen sich drei Jugendliche aus Reichenbach im Vogtland mit Verbindungen zur satanistischen Szene das Leben, indem sie gemeinsam von der Göltzschtalbrücke in die Tiefe sprangen.„Gruppenselbstmord: Sprung in die Hölle“, in: Tagesspiegel in 27. August 2001. Seit der Jahrtausendwende ist dabei der Trend festzustellen, dass nicht nur Personen, die seit längerer Zeit in einer engen persönlichen Beziehung zueinander stehen, gemeinsam Suizid durch Springen begehen, sondern dass auch Personen, die einander zuvor überhaupt nicht kannten, gemeinsam Suizid durch Sprung in die Tiefe vollziehen, nachdem sie durch die durch das neue Medium des Internets neu aufgekommenen Kommunikations- und Kontaktanbahnungsmöglichkeiten zueinander gefunden haben.Schmidtke, A., Schaller, S., Kruse, A. (2003): „Ansteckungsphänomene bei den neuen Medien – Fördert das Internet Doppelsuizide und Suizidcluster?“, in: E. Etzersdorfer, G. Fiedler, M. Witte (Hrsg.): Neue Medien und Suizidalität, S. 150–167, hier speziell S. 160; „Internet. Blinddate zum Selbstmord“, in: Der Spiegel vom 23. Februar 2000.
Sichtweisen Grundsätzliche Gegner der Handlung Suizid lehnen naturgemäß auch das Springen als eine spezielle Variante zur praktischen Ausführung einer Selbsttötung ab, d. h. sie lehnen es genauso ab, dass Personen zu dieser Methode zur absichtlichen Herbeiführung des eigenen Todes greifen, wie sie es ablehnen, dass Personen zu irgendeiner anderen Methode zur Herbeiführung des eigenen Todes greifen.
Aber auch Personen und Organisationen, die das Recht auf einen selbstbestimmten Tod verfechten, wie z. B. der Philosoph Jean Améry oder die Schweizer Sterbehilfeorganisation EXIT, lehnen Suizid durch Springen zumeist als Mittel zur Ausführung einer Selbsttötung ab:
I.), da diese Art sich zu töten zumeist als besonders schrecklich und qualvoll angesehen wird. Und: II.), da die Ausführung eines Suizides durch Springen in zweifacher Hinsicht das Risiko einer Gefährdung Dritter in sich birgt: 1.) Dadurch, dass Personen, die sich absichtlich von einem Gebäude, einer Brücke, einer Klippe etc. stürzen, bei ihrem Aufschlagen andere Personen (oder Fahrzeuge, in denen sich Personen befinden) treffen und verletzten oder töten können. So wurde beispielsweise am 17. Oktober 2018 eine Frau in London von einem von einem Balkon im dritten Stock eines Einkaufszentrums springenden Suizidenten getroffen, mit der Folge, dass sie seither durch eine Querschnittslähmung auf einen Rollstuhl angewiesen ist."Ein Mann sprang von der dritten Etage – und landete auf mir", in: Die Zeit vom 20. Januar 2026. Und: 2.) Dadurch dass Personen, die jemanden auffinden, der sich durch Sprung aus großer Höhe getötet hat, durch den Anblick, den der Tote aufgrund der sichtbaren schweren äußeren Schädigung seines Körpers bietet, erhebliche Traumatisierungen davontragen können. Dementsprechend raten auch Anhänger des Rechtes auf einen autonomen Tod zumeist dazu, die Methode der Selbsttötung durch einen Sprung aus großer Höhe aus Rücksicht auf unbeteiligte Dritte, die hierdurch in Mitleidenschaft gezogen werden könnten, nicht zu wählen, sondern zu Methoden zu greifen, die sich ohne das Risiko der körperlichen Verletzung und Tötung sowie der unnötig schweren Traumatisierung Dritter bewerkstelligen lassen. Seit den ausgehenden 1990er Jahren existiert jedoch in dem damals neu aufgekommenen Medium des Internets eine Subkultur von Chatrooms, Foren und dergleichen zum Thema Suizid, in denen, wie sozialwissenschaftliche Untersuchungen zeigen, mitunter auch dezidiert positive und bejahende Auffassungen zum „Springen“ antreffbar sind.Vgl. den Sammelband Neue Medien und Suizidalität, 2003, passim. So z. B. Jürgen Schramm: „Online-Foren und Chats“, S. 112–122 oder Armin Schmidtke/Sylvia Schaller/Anja Kruse: „Ansteckungsphänomene bei den neuen Medien – fördert das Internet Doppelsuizide und Suizidcluster“, S. 150–162, insb. 160–162.
Prävention Zur Verhinderung von Suiziden durch Sturz aus der Höhe sind in den letzten Jahrzehnten in zahlreichen Ländern Aussichtsplattformen auf Hochhäusern, auf Berggipfeln und anderen Plätzen, die erfahrungsgemäß potentielle Suizidenten anziehen, mit hohen Sicherheitszäunen oder Gittern ausgestattet worden. Häufig sind diese Zäune und Gitter so konstruiert, dass sie sich in ihren oberen Abschnitten nach innen krümmen, wodurch ein Überwinden des Zaunes zusätzlich erschwert werden soll.