mini|Das Hotel Glacier du Rhône nach der ersten Bauetappe um 1860. Links ist das Badhaus zu sehen. mini|Das Hotel Glacier du Rhône nach der zweiten Bauetappe um 1870 (Gouache v. Konrad Corradi, 1813–1878) mini|Das Hotel Belvédère vor 1900 von Osten mini|Die Hotelsiedlung Gletsch nach der dritten Bauetappe des Haupthauses um 1900. Links die Kutschenremisen und Stallungen, rechts die Dépendance. mini|Rechts in der Höhe das Hotel Belvédère im Jahre 1948 mini|Anglikanische Kapelle und Panorama des Gletschers; links ein Teil der Restaurantterrasse vor dem auf Passanten und Tagestouristen ausgerichteten Buffet Express, ca. 1960 mini|Die nordwestliche Schmalseite des Hotels Belvédère mit Restaurantanbau der frühen 1960er Jahre und Parkplatz davor, wohl spätestens in den mittleren 1970er Jahren fotografiert mini|Talboden oberhalb von Gletsch in einer Ansicht von 2005. Oberhalb der Bildmitte das Zehrgebiet des inzwischen stark abgeschmolzenen Rhonegletschers. mini|Südostfassade des Hauptgebäudes im Jahre 2014 mini|Das Hauptgebäude sowie links an der Abzweigung der Grimselpassstrasse die Alte Post und dahinter das Gebäude der Hotelwäscherei im Jahre 2013 aus erhöhter östlicher Warte festgehalten
Die im Goms gelegene Siedlung Gletsch gehört zur Gemeinde Obergoms im Schweizer Kanton Wallis. Sie liegt auf einer Höhe von 1759 m unterhalb des Rhonegletschers an der Verzweigung zu den Pässen Furka und Grimsel und wird nur in den Sommermonaten von Juni bis September bewohnt. In den übrigen Monaten ist die Strasse nach Gletsch und zu den Pässen ab Oberwald gesperrt.
Bedeutung und Geschichte Die 1864 bis 1866 erbaute Furkapassstrasse ist in den Sommermonaten eine Reiseroute aus dem Kanton Wallis Richtung Innerschweiz und Ostschweiz. Die 1894 fertiggestellte Grimselpassstrasse ist im Sommer eine Reiseroute zwischen dem Oberwallis und dem Kanton Bern. Beide Passstrassen verzweigen sich in Gletsch, am östlichen Beginn des Walliser Haupttales. Ein Grund für die Entstehung der Hotelsiedlung Gletsch war das Bedürfnis nach einer Zwischenstation wegen der Dauer und Beschwerlichkeit der Kutschenfahrt oder Wanderung über die beiden Pässe. Eine Fahrt in der Pferdekutsche von Brig über die Furka nach Göschenen dauerte beispielsweise rund zwölf Stunden,Karl Baedeker: Die Schweiz, 25. Auflage, Leipzig 1893, S. 110. von Meiringen nach Gletsch über die Grimsel sieben Stunden.Gazette de Lausanne, 26. Januar 1895, S. 2.
Die Fertigstellung des Lötschbergtunnels im Jahr 1913 schuf eine ganzjährig nutzbare Alternative zum Grimselpass. Die Compagnie Suisse du Chemin de fer de la Furka eröffnete im Juni 1914 die damalige Stichstrecke von Brig nach Gletsch. Erst 1925 wurde von der Nachfolgegesellschaft FO die Gesamtstrecke bis Disentis in Betrieb genommen, doch war der Abschnitt Oberwald–Realp über den Furkapass immer nur im Sommer befahrbar. Seit der Furka-Basistunnel 1982 eingeweiht wurde, verkehren Züge ganzjährig zwischen Oberwald und Realp als Alternative zum Furkapass. Gletsch wurde damit mit der Eisenbahn unerreichbar. Erst seit 2011 ist der Abschnitt Oberwald–Realp über den Furka-Scheiteltunnel wieder durchgehend befahrbar und wird im Sommer von Zügen der Dampfbahn Furka-Bergstrecke bedient. Seit 1922 ist Gletsch auch mit Postautolinien erschlossen.
Im 19. Jahrhundert reichte die Gletscherzunge des Rhonegletschers noch fast bis Gletsch.Rhonegletscher Gletscherrückzug - 1874 auf diercke.de Der Ort bestand bzw. besteht im Wesentlichen aus dem Hotel Glacier du RhôneSeiler: Ein Gletscher – ein Hotel – eine Familie. Horizonte einer Walliser Hoteliersdynastie, S. 172f. und seinen Nebengebäuden, dem Bahnhof der Dampfbahn Furka-Bergstrecke mit Lokomotivremise und einem kleinen ehemaligen Postgebäude. Die Garage der Postautos wurde im Sommer 2022 abgebrochen. Zu den Nebengebäuden des Hotels zählen folgende Bauten: Jenseits der Rhone an der Furkapassstrasse die Dépendance Blaues Haus, in deren Untergeschoss an der nordöstlichen Langseite eine Bäckerei, Metzgerei und Käserei eingerichtet waren.Seiler: Ein Gletscher – ein Hotel – eine Familie. Horizonte einer Walliser Hoteliersdynastie, S. 230. In der Alten Post befand sich im Erdgeschoss während der Postkutschenzeit die entsprechende Station mit Postkutschenremisen und zeitweise auch ein Bazar,Seiler: Ein Gletscher – ein Hotel – eine Familie. Horizonte einer Walliser Hoteliersdynastie, S. 356.Seiler: Ein Gletscher – ein Hotel – eine Familie. Horizonte einer Walliser Hoteliersdynastie, S. 173. in Fortsetzung der Alten Post talwärts Richtung Brig war eine Gebäudezeile mit den Werkstätten der Handwerker des Hotels sowie Remisen für die Kutschen des Hotelunternehmers und private Kutschen der Gäste. Die Pferdestallungen davor wurden in der Zwischenkriegszeit abgetragen, eine Tankstelle trat an deren Stelle.Seiler: Ein Gletscher – ein Hotel – eine Familie. Horizonte einer Walliser Hoteliersdynastie, S. 50f. An der südwestlichen Schmalseite des Hauptgebäudes war das alte BadhausSeiler: Ein Gletscher – ein Hotel – eine Familie. Horizonte einer Walliser Hoteliersdynastie, S. 36f., unterhalb der ansteigenden Grimselpassstrasse das Gebäude der Hotelwäscherei.
Am nordöstlichen Rande der Siedlung steht die nach der JahrhundertwendeZur Datierung Roland Flückiger-Seiler: Alpine Hotels zwischen Rhonequelle und Furkapass. Schriften des Stockalperarchivs in Brig, Heft 34, Brig 2008, S. 41, Fussnote 95. im neugotischen Stil erbaute anglikanische Kapelle. Hotelier Joseph Seiler erstellte sie nach eigenen Plänen im Auftrag der Colonial and Continental Church Society.Diese Organisation war 1861 aus der Intercontinental Church Society entstanden. Sie initiierte, besass und betreute weltweit kirchliche Einrichtungen der Anglikanischen Kirche. Vgl. zu jenen in der Schweiz John Wraight: The Swiss and the British, Salisbury 1987, S. 284. Die Gazette de Lausanne wies in der Ausgabe vom 14. August 1909, (Nr. 191, S. 3) auf die Mitwirkung des Iren Reverend William Lefroy hin. Nach dem Kauf durch die Familie Seiler und der Umweihung wurde hier am 17. Juli 1932 die erste katholische Messe gefeiert (Le Nouvelliste valaisan vom 27. Juli 1932, Nr. 173, S. 3). In Gletsch gibt es zwei Kleinwasserkraftwerke, die 1899 und 1930 von der Hoteliersfamilie im Untergeschoss der Dépendance Blaues Haus bzw. in einem Teil der Kutschenremisen im Westen der Siedlung installiert wurden.
In den 1830er Jahren eröffnete Joseph Anton Zeiter am Fusse des Rhonegletschers ein Gasthaus mit etwa zwölf Betten. Nachdem Alexander Seiler der Ältere (1820–1891) aus Blitzingen bereits in der ersten Hälfte der 1850er Jahre in Zermatt als Hotelier Fuss gefasst hatte, plädierte dessen Bruder Franz (1827–1865) in der Gemeindeversammlung vom 29. Dezember 1857 in Münster für die Überlassung von Boden zwecks Ausbau der Zeiterschen Herberge am Fusse des Rhonegletschers. Am 22. Juni 1858 bestätigte der Walliser Staatsrat die Baupläne, die bis spätestens 1861 zur Ausführung gelangten. Die bescheidene Herberge wurde im Westen um einen grossen dreistöckigen Anbau mit drei Fensterachsen ergänzt.Mark Andreas Seiler: , Blätter aus der Walliser Geschichte, Brig - Bd. 47, 2015, S. 249–272 Im Juni 1862 erschienen Zeitungsinserate der Gebrüder Seiler, die das Hotel Glacier du Rhône den Lesern als «ganz neu erbaut» vorstellten.Der Bund vom 5. Juni 1862 (Nr. 154, S. 4) sowie vom 12. Juni 1862 (Nr. 160, S. 5) und Gazette de Genève vom 19. Juni 1862 (Nr. 144, S. 4). Die Eröffnung der Passstrasse über die Furka im Jahr 1866 erhöhte die Zahl der Reisenden dermassenDas Journal de Genève meldete am 25. Oktober 1867 (Nr. 251, S. 1), es seien in Gletsch mitunter 50 oder sogar 60 Reisende an der table d'hôte versammelt. Die Fertigstellung der Strecke von Oberwald bis Gletsch war bereits am 3. September 1865 gefeiert worden (Gazette du Valais vom 14. September 1865, Nr. 74, S. 2)., dass sich eine zweite Vergrösserung des Haupthauses (von 40 auf 120 Betten) aufdrängte, die wohl in den Jahren 1868 und 1869 erfolgte: Auf Bildern des Jahres 1870 erscheint ein gleicher Baukörper symmetrisch im Osten angefügt und an der Stelle der ursprünglichen Bauten der 1830er Jahre ein Mittelrisalit. Das Gestaltungselement des Mittelrisalits gelangte hier zum ersten Mal im Walliser Hotelbau zur Anwendung und zwar zwischen zwei symmetrischen dreistöckigen und an der Längsseite mit fünf Fensterachsen versehenen Baukörpern. Der vortretende dreiachsige Mitteltrakt steht an der Stelle der Zeiterschen Herberge. Gut 20 Jahre später, bis etwa 1892, wurde das Hauptgebäude um ein Stockwerk erhöht, mansardiert und im Nordosten, in Richtung Gletscher, um einen gegen die Strasse hin vorspringenden Trakt mit fünf Fensterachsen erweitert. Darin befand sich fortan der grosse Speisesaal.Seiler: Ein Gletscher – ein Hotel – eine Familie. Horizonte einer Walliser Hoteliersdynastie, 174ff.
Die Hotelsiedlung erlebte ihre Blüte während der Gründerzeit und der Belle Époque. In der späteren Belle Époque bot das Hotel samt Dépendance unter der Leitung von Joseph Seiler (1858–1929) bis zu 320 Gästebetten an, in den 1920er Jahren rund 200 und bis in die 1980er Jahre noch 150. Um 1882 entstand etwa 500 Meter höher und eine Stunde Kutschenfahrt Richtung Furkapass entfernt an der Gletscherflanke neben der künstlichen Eisgrotte mit Rundblick auf die Walliser und Berner Alpen das Hotel Belvédère, das in der Belle Époque mehrere Male vergrössert wurde und vor dem Ersten Weltkrieg bis zu 100 ReisendeGemäss Inserat in der Schweizerischen Lehrerzeitung vom 18. Juli 1914, Nr. 29, S. 296. zu beherbergen vermochte. In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg verzeichnete Joseph Seiler in diesem Hotel während der Hochsaison im Schnitt täglich ungefähr 70 Ankünfte.
mini|Der alpine Verkehrsknotenpunkt Gletsch, von Nordosten her talwärts gesehen (2005). Im Vordergrund die Nordostfassade der Dépendance Blaues Haus. mini|Die Hotelsiedlung im Jahre 2004
Spätestens seit dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts war Gletsch wegen der Attraktivität des Rhonegletschers und der zentralen Verkehrslage in den Alpen als Etappenziel einer Schweizer Alpenrundreise fest etabliert, das in weitverbreiteten ausländischen Reiseführern nachdrücklich empfohlen wurde. Der Baedeker schlug beispielsweise in der Ausgabe von 1893 (Leipzig, 25. Auflage) seinen Lesern auf S. XIIIff. insgesamt acht Pläne für acht- bis achtzehntägige Touren vor. Die Hälfte dieser Tourenpläne umfasste eine einmalige Übernachtung in Gletsch. Auch in diesem reiskulturellen Zusammenhang fungierten die Häuser als Passantenhotels. Seit der Inbetriebnahme der Gotthardbahn 1882 sowie vor der Eröffnung des Simplontunnels 1906 und des Lötschbergtunnels 1913 verliessen Italienreisende den Zug in Göschenen, um sommers über Furka- und Grimselpass in den Kanton Bern zu gelangen — und umgekehrt. Auch Reisende zwischen dem Kanton Graubünden und dem Berner Oberland wählten diese Route über Gletsch. Die Sustenpassstrasse wurde erst 1946 eingeweiht, die Nationalstrasse A8 über den Brünig in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gebaut.
mini|290px|Vor dem Glacier du Rhône kurz nach 1900. In der Mitte eine Postkutsche des Kurses Grimsel-Gletsch-Furka, die heute im Stockalperschloss in Brig steht.