Unterwegs, auch In der Passagierstube (, Na puti), ist eine Erzählung des russischen Schriftstellers Anton Tschechow, die am 25. Dezember 1886 als Weihnachtsgeschichte in der Sankt Petersburger Zeitung Nowoje wremja erschien.russ. Hinweis auf Erstpublikation

J. Treumanns Übertragung ins Deutsche kam 1891 bei Reclam in Leipzig auf den deutschsprachigen Buchmarkt. Ebenfalls 1891 folgte die Übersetzung ins Ungarische (Utközben), 1893 ins Serbokroatische (Уз пут) und 1903 ins Englische (On the Way).russ. Hinweise auf Übersetzungen mini|hochkant=0.6|Anton Tschechow

Überblick Ein Schneesturm zwingt zum Halt. Das etwa 20-jährige schlanke Fräulein Marja Michailowna Ilowaiskaja und der 42-jährige obdachlose Witwer Grigorij Petrowitsch Licharew bringen die Nacht zusammen mit Licharews achtjähriger Tochter Sascha in der Passagierstube zu, einem Zimmer in einem Gasthaus an der Poststraße, in dem Reisende auf die Weiterfahrt warten.

Anton Tschechow resümiert: „… ihm [Licharew] schien es plötzlich, als ob nur noch zwei oder drei gute kräftige Schritte gefehlt hätten, und dies Mädchen hätte ihm alle Mißerfolge, hätte ihm sein Alter, sein Elend verziehn und wäre ihm nachgefolgt, ohne zu fragen...“Verwendete Ausgabe, S. 25, 14. Z.v.o. Was heißt das? Nun – Licharew kann reden, besser gesagt, das Gegenüber – besonders wenn es sich um eine Frau handelt – beeinflussen. Das hat er bereits bei mancher Frau vollbracht. Immerhin hat er Marja stark beeindruckt: „Zum erstenmal in ihrem Leben sah sie einen begeisterten, leidenschaftlich glaubenden Menschen vor sich...“Verwendete Ausgabe, S. 18, 8. Z.v.o. Licharew erklärt ihr axiomatisch: „Ich aber sage Ihnen, daß das Weib immer die Sklavin des Mannes war und sein wird.“Verwendete Ausgabe, S. 16, 6. Z.v.u.

Am nächsten Morgen fährt Marja allein und ohne ein Abschiedswort ihrer Wege. Die beiden sind kein Paar geworden. Dem Leser bleibt überlassen, die Fortsetzung zu erahnen. Denn Licharew ist auf der Reise zu Marjas Onkel, dem Bergwerksbesitzer General Schaschkowskij. Licharew will unter dem General als Verwalter der Kohlengruben tätig sein.

Charakter der Hauptpersonen Marjas Mutter ist verstorben. Weil ihr Vater unzurechnungsfähig ist und der Bruder trinkt, muss Marja das Vorwerk Ilowaiskoje einschließlich des riesigen Landbesitzes ihres Vaters selbständig bewirtschaften.

Vor Marja nennt sich Licharew einen verkrachten Gutsbesitzer, der das halbe Leben unter Atheisten und Nihilisten verbracht hat, der aus einer Nonne eine Nihilistin machte, die später auf einen Gendarm schoss, der mit dem Slawophilen Aksakow korrespondierte, als Archäologe arbeitete, Volksdichtungen sammelte und sich als Ukrainophileruss. Украинофильство (Ukrainophilie) profilieren wollte. Seinen Universitätsbesuch fasst er vor Marja folgenderweise zusammen: „...daß jede Wissenschaft wohl einen Anfang, aber kein Ende hat, genau so wie ein Kettenbruch.“Verwendete Ausgabe, S. 13, 13. Z.v.u. Also kehrte er den Schulen den Rücken und mischte sich unters Volk; „arbeitete in Fabriken, wurde SchmiererBerufsbild Schmierer im Maschinenbau und Treidler“. Licharew hat die Gouvernements Archangelsk und Tobolsk durchwandert und fünfmal im Gefängnis gesessen. Er gesteht zum Tode seiner Ehefrau: „...meine Frau verließ mich auf meinen Wanderfahrten nicht einen Augenblick und wechselte ihren Glauben wie eine Wetterfahne, je nachdem meine Entzückungen wechselten... vor meinen Augen starb die Frau, die ich durch mein unstetes Wesen zu Tode quälte.“Verwendete Ausgabe, S. 17, 10. Z.v.o. und S. 16, 12. Z.v.o.

Licharew hat seine Söhne Stjopa und Kolja bei einem Verwandten zurückgelassen. Sascha will zu den Brüdern zurück. Denn dort steht ein Weihnachtsbaum. Licharew muss dem Töchterchen solche Umkehr ausreden.

Selbstzeugnis Am 24. Dezember 1886 in einem Brief an Nikolai Leikinruss. Лейкин, Николай Александрович: „Drei Wochen lang habe ich mir eine Weihnachtserzählung für Nowoje wremja abgerungen, fünfmal habe ich von vorn angefangen, ebenso viele Male habe ich sie wieder durchgestrichen, bespuckt, zerrissen, beiseite geschleudert und verflucht.“Zitiert bei Wolf Düwel, S. 650, 4. Z.v.u.

Zeitgenössische Rezeption Anton Tschechows Bruder Alexander schreibt am 26. Dezember 1886, die Erzählung mache „in Petersburg Furore“.Zitiert bei Wolf Düwel, S. 651, 10. Z.v.o. Die Kinderbuchautorin Marija Kisselewa äußert Anfang 1887: „...so muß eine Erzählung sein! Warm, freundlich und vorzüglich geschrieben!“Zitiert bei Wolf Düwel, S. 651, 14. Z.v.o. Korolenko hebt den Text mehrfach hervor: Am 24. September 1888: „Im ganzen hat Tschechow den alten Rudin-Typ sozusagen in neuer Haut... richtig getroffen.“Zitiert bei Wolf Düwel, S. 651, 22. Z.v.o. In der zweiten Hälfte des Jahres 1904 in einem Nachruf: „...Tschechow erschien mir wie eine junge Eiche, deren Triebe nach allen Seiten schießen, die zwar noch krumm und irgendwie ohne Form ist, in der man aber schon die Kraft und unverfälschte Schönheit des zukünftigen machtvollen Wuchses spürt.“Zitiert bei Wolf Düwel, S. 651, 2. Z.v.u. Rachmaninow schreibt auf die Partitur seiner sinfonische Dichtung Der Fels: „Dem Autor der Erzählung Unterwegs, deren Inhalt, unter dem gleichen Motto, als Programm für dieses Musikwerk diente.“Zitiert bei Wolf Düwel, S. 652, 4. Z.v.o.

Deutschsprachige Ausgaben Unterwegs. S. 306–324 in Gerhard Dick (Hrsg.) und Wolf Düwel (Hrsg.): Anton Tschechow: Das schwedische Zündholz. Kurzgeschichten und frühe Erzählungen. Deutsch von Gerhard Dick. 668 Seiten. Rütten & Loening, Berlin 1965 (1. Aufl.) Verwendete Ausgabe Unterwegs. S. 1–25 in A. P. Tschechow: Neue Meistererzählungen. Deutsch von Reinhold Trautmann. 367 Seiten. Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung, Leipzig 1949 (Aufl. 1958, Vorwort 20 Seiten von R.M.)

Weblinks Der Text Dmitri Schurawljowruss. Журавлёв, Дмитрий Николаевич liest bei YouTube (russisch, 39 min) На пути (Чехов) (russisch) online in der FEB (russisch) online bei litmir.co (russisch) online in der Bibliothek Komarow (russisch) online bei Lib.ru/Klassiker (russisch) Tschechow-Bibliographie, Eintrag Erzählungen Nr. 452 (russisch)

Einzelnachweise

Anmerkungen Anton Tschechow nennt keinen Vornamen. Iwans Bruder, der Slawophile Konstantin Sergejewitsch Aksakow, starb bereits 1860. Marija Kisselewa war Alexei Sergejewitsch Kisselews Ehefrau. Kisselew war der Besitzer des Landguts Babkino (russ. Бабкино) westlich von Moskau. Anton Tschechow lebte dort 1885–1887 (russ. Киселёвы). Rudin ist der Held des gleichnamigen Romans (russ. Рудин) von Turgenjew aus dem Jahr 1856. Als stoffliche Quelle hat Rachmaninow auch noch Lermontows Gedicht Der Felsen genommen. Aus dem zitiert Anton Tschechow: „Ruhte eine goldne Wolke/An der Brust des Felsenriesen“ (Verwendete Ausgabe, S. 1; siehe auch russ. Утёс (симфоническая поэма)).

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