mini|Grabungsschnitt mit Verlauf des Grabens des Römischen Marschlagers von Wilkenburg mini|hochkant=2|Hauptausgrabungsfläche im südwestlichen Torbereich des römischen Marschlagers von Wilkenburg, Oktober 2015
Das Marschlager von Wilkenburg war ein während der Augusteischen Germanenkriege angelegtes, temporäres römisches Militärlager. Es lag beim heutigen Wilkenburg in der Region Hannover in Niedersachsen. Die Anlage aus der Zeit um Christi Geburt bot auf einer Fläche von rund 30 Hektar Platz für etwa 20.000 römische Soldaten. Die im Erdreich vorhandenen Spuren des charakteristischen römischen Spitzgrabens wurden bereits Anfang der 1990er Jahre bei luftbildarchäologischen Überflügen gesichtet, was zur vorläufigen Einschätzung als Römerkastell führte. Der archäologische Nachweis als römisches Marschlager gelang erst im Jahr 2015 auf der Grundlage von Recherchen eines ehrenamtlichen Luftbildarchäologen. Anschließend fanden auf dem Gelände archäologische Untersuchungen statt. Die Anlage ist das erste in NiedersachsenRömisches Marschlager bei Hannover entdeckt. Pressemitteilung der Universität Osnabrück vom 15. Oktober 2015. entdeckte Marschlager und war bis zur (2026 publizierten) Entdeckung mehrerer römischer Marschlager in Sachsen-Anhalt das am weitesten nordöstlich im rechtsrheinischen Germanien (Germania magna) gelegene. Seit 2014 gibt es Bestrebungen, auf dem Fundgelände großflächig Kies abzubauen, was die archäologischen Hinterlassenschaften zerstören würde.Nina Reckemeyer: bei NDR.de vom 20. September 2016
Lage mini|Schauplatz der Augusteischen Germanenkriege mit der Lage von Wilkenburg (grüner Kreis); rote Linie als Verlauf des späteren Limes mini|Lageskizze mit Bewuchsmerkmalen (rot eingefärbt) des römischen Spitzgrabens, grün der bewaldete Niederungsstreifen Dicke Riede Das römische Marschlager befand sich etwa acht Kilometer südlich des heutigen Stadtzentrums von Hannover. Die Fundstelle liegt zwischen den Hemminger Ortsteilen Wilkenburg und Arnum im Landschaftsschutzgebiet Obere Leine. Westlich davon verläuft die Landesstraße 389 und im Osten befindet sich das Waldstück Im Häge. Der westliche Lagerteil befindet sich im Flurstück Eulenkamp und der östliche Lagerbereich im Flurstück Müggenwinkel. Die Fundstelle ist etwa 2 km von der östlich verlaufenden Leine und etwa 1,2 km vom östlich liegenden Altarm Alte Leine entfernt. Das Marschlager lag zwischen Hannover und Sarstedt an der engsten Stelle der Leineniederung, die sich zur Querung eignete. Es wurde auf einer trockenen Sandkuppe der Niederterrasse am östlichen Rande der Flussniederung angelegt, wo eine trockene Rast möglich war. Es wird angenommen, dass es sich damals um eine freie Fläche handelte, die nicht bewaldet war.
Der Lagerbereich wird vom Niederungsstreifen Dicke Riede mit einem gleichnamigen Bach fast mittig durchschnitten. Der licht bewaldete Niederungsbereich ist etwa 100 Meter breit und mehrere hundert Meter lang. Geomorphologisch ist er als Altarm der Leine anzusprechen und dürfte den Römern der Frischwasserversorgung gedient haben. Erkenntnissen aus dem Jahr 2017 zufolge war der Wasserlauf schiffbar und hatte eine Anbindung an die Leine, so dass das Lager von römischen Transportbooten versorgt werden konnte.Andrea Weber: Römerlager wurde über Schiffe versorgt in Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 11. Oktober 2017.
Großräumig gesehen befand sich das Lager am Rande der fruchtbaren Calenberger Lößbörde in einer Gegend, die in der Zeit um Christi Geburt eine dicht besiedelte germanische Siedlungskammer war. Unweit im Bereich des heutigen Hannovers kreuzten sich wichtige Nord-Süd-Wege mit nördlich der Mittelgebirgsschwelle verlaufenden Ost-West-Verbindungen.
Heute ist der frühere Lagerbereich im weiteren Umfeld im Süden, Osten und zum Teil im Norden von Teichen umgeben, die in jüngerer Zeit durch Kiesabbau in der Leineniederung entstanden sind. Auf dem Fundgelände selbst sind keine Spuren des Marschlagers mehr sichtbar; es unterliegt heute einer landwirtschaftlichen Nutzung.
Beschreibung Das Lager war eine fast quadratische Anlage von etwa 500 bis 600 Meter Seitenlänge mit einer Fläche von rund 30 Hektar. Es war von einem Spitzgraben der üblichen römischen Bauweise umgeben. Die Ausgrabungen im Jahr 2015 ergaben, dass der sich in den anstehenden Sand eintiefende Lagergraben heute noch eine Tiefe von 0,9 bis 1,3 Meter und eine Breite von 1,2 Meter hat. Zur zeitlichen Einordnung des Grabens trugen etwa 2000 Jahre alte germanische Keramikscherben bei, die sich in der Grabenverfüllung fanden. Von den ehemals vier geometrisch exakt gerundeten Ecken der Anlage (wie Spielkartenecken), haben sich drei im Boden erhalten. Die vierte, nordwestlich gelegene Ecke ist in jüngerer Zeit mit Wohnhäusern überbaut worden. Das Marschlager verfügte vermutlich an jeder der vier Seiten über einen Torbereich unbekannter Bauart, von denen das südwestliche Tor identifiziert wurde.Riesiges Römerlager entdeckt! In: Bild.de vom 15. Oktober 2015. Es befand sich an der höchsten Stelle des Lagers, was typisch für römische Marschlager ist und den überlieferten Vorgaben aus dem Werk De munitionibus castrorum eines Pseudo-Hygin genannten Autors zum Bau derartiger Anlagen entspricht. Der etwa 20 Meter breite Tordurchlass zeigte sich als Unterbrechung des Spitzgrabens.
Während die Archäologen kurz nach der Entdeckung von einem sehr kurzen Aufenthalt der Legionäre zwischen ein bis drei Nächten ausgingen,Im Römerlager Wilkenburg lebten 20.000 Soldaten. In: Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 15. Oktober 2015 vermuten sie heute (2017) aufgrund der hohen Zahl an gefundenen Münzen (ca. 50) eine längere NutzungsdauerHannover: Römerlagerstreit geht weiter in: Neue Presse vom 6. Januar 2017 von bis zu mehreren Wochen. Sie halten die Anlage für einphasig, also nur ein Mal genutzt.
+ Gelände des früheren Marschlagersmini|hochkant=2.4|Ackerfläche im Westbereich des Marschlagers mit Skizze zum Aufnahmeblickwinkelmini|hochkant=1.5|Acker im Ostbereich des Marschlagers
Entdeckung und Bekanntgabe mini|hochkant|Der Luftbildarchäologe Heinz-Dieter Freese bei einem Vortrag zum Marschlager, 2016 mini|Bekanntgabe der Entdeckung bei einer Pressekonferenz im Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege, Oktober 2015 Der Luftbildarchäologe Otto Braasch erkannte bei systematischen Flugprospektionen, die er im Auftrag des damaligen Instituts für Denkmalpflege durchführte, im Sommer 1991 an drei Stellen positive Bewuchsmerkmale in einem Getreidefeld bei Wilkenburg. Dies deutete auf einstige Grabenstrukturen unter der landwirtschaftlichen Anbaufläche. Da Gräben in der Regel mit humusreichem Oberboden verfüllt werden, weisen sie eine höhere Ertragsfähigkeit auf. Dadurch wachsen Pflanzen über ehemaligen Gräben höher und haben, vor allem bei Getreide, im Grabenbereich eine kräftigere Grünfärbung gegenüber der Umgebung sowie eine spätere Reifung.
In den folgenden Jahren dokumentierte Otto Braasch die auffälligen Bewuchsmerkmale durch weitere Luftbilder. Mit seinen Erfahrungen, die unter anderem 1985 zur Entdeckung des Legionslagers Marktbreit führten, schätzte Braasch das Wilkenburger Objekt als mögliches „Römerkastell“ ein. Beide Lager gehören zu den wenigen aus der Luft identifizierten römischen Lagern. Die von Otto Braasch in Wilkenburg gesichteten Bodenstrukturen ließen sich zunächst auch als Reste von neolithischen Erdwerken, Landwehren, Feldumhegungen, Bienenzäunen, Feldlagern aus der Franzosenzeit oder als moderne Leitungsgräben interpretieren. Da es 1992 für die Fläche einen Antrag auf Kiesabbau gab, untersuchten es der Archäologe Friedrich-Wilhelm Wulf und der Numismatiker Frank Berger zeitnah mit Begehungen. Sie fanden einzelne Keramikscherben aus der Eisenzeit, die auf eine frühere Siedlung in diesem Bereich hindeuteten, aber keine Reste einer Befestigungsanlage oder Spuren aus der Römerzeit. 1993 erfolgte eine Sondagegrabung mit fünf Grabungsschnitten im Verlauf des möglichen Grabens, der im Boden nicht erkannt werden konnte. Der Bereich wurde als archäologische Fundstelle unbekannter Zeitstellung eingestuft. Weitere Untersuchungen in den folgenden 20 Jahren unterblieben, da das Kiesabbauverfahren nicht weiter betrieben wurde und das Bodendenkmal daher nicht von Zerstörung bedroht war.
Die Identifizierung des römischen Ursprungs der Anlage gelang erst Ende des Jahres 2014Deutscher Preis für Denkmalschutz. „Silberne Halbkugel“ an F.A.N.-Mitglied Heinz-Dieter Freese. In: Freundeskreis für Archäologie in Niedersachsen (Hrsg.): FAN-Post 2015, S. 5 (PDF). durch Recherchen des ehrenamtlichen Luftbildarchäologen Heinz-Dieter Freese.Oliver Gressieker: bei NDR.de vom 2. Mai 2016 Anlass war die Erneuerung des Abbauantrages für Kies im selben Jahr. Freese glich seine Luftbilder, die er als Angehöriger der Luftbild AG des Freundeskreises für Archäologie in Niedersachsen aufgenommen hatte, mit denen möglicher römischer Fundstellen aus dem Bestand des Landesamtes für Denkmalpflege ab. Die etwa 200 von Wilkenburg vorhandenen Luftbilder wurden im Landesamt entzerrt und überlagert, so dass sich auf dem Boden eine größere viereckige Anlage erkennen ließ. Entscheidend für das Erkennen des römischen Ursprungs waren die abgerundeten Ecken der Anlage, die in keiner anderen archäologischen Kultur so gleichmäßig ausfallen.Mit Martfelds Pastor haben die Legionäre nicht gerechnet in: kreiszeitung.de vom 4. November 2015. Diese Feststellungen waren im April 2015 Anlass für erste archäologische Untersuchungen vor Ort.
Von der Entdeckung erfuhr die Öffentlichkeit im Oktober 2015 durch Medienberichte einige Tage vor der offiziellen Bekanntgabe. Darin war die Rede von Funden in einem römischen Militärlager südlich von HannoverSimon Benne: Spuren der Römer führen nach Hannover in: Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 13. Oktober 2015., dessen Lage die Experten des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege noch geheim hielten.Andreas Zimmer: in: Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 14. Oktober 2015. Am 15. Oktober 2015 teilten das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege und die Universität Osnabrück die Entdeckung des römischen Marschlagers bei einer Pressekonferenz in Hannover mit.Das neu entdeckte römische Marschlager von Wilkenburg, Stadt Hemmingen, Region Hannover. Pressemitteilung des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege und der Universität Osnabrück vom 15. Oktober 2015 (PDF). Die Bekanntgabe fand ein breites überregionales Medienecho.Andreas Zimmer: Großes Medienecho auf Römerlager in Wilkenburg in: Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 30. Oktober 2015.
Prospektionen und Ausgrabungen mini|Grabungsschnitt durch den Spitzgraben mit angezeichnetem Profil, im Vordergrund das „ausgelöffelte“ Profil des Spitzgrabens, 2015 mini|Probegrabung zum Auffinden des Spitzgrabens, 2017 mini|Geophysikalische Untersuchung des Untergrundes mit einem Fluxgate-Magnetometer, 2019 Auf Grundlage der neuen Luftbildbefunde von Ende 2014 führte das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege nach der Sondagegrabung von 1993 im April 2015 eine erneute Ausgrabung mit zwei Sondageschnitten durch, die der für den Fundort zuständige Bezirksarchäologe Friedrich-Wilhelm Wulf leitete. Parallel dazu unternahmen beteiligte Einrichtungen geophysikalische und systematische Flächenprospektionen im Bereich des vermuteten Lagers, unter anderem mittels Metallsuchgeräten. Die Archäologen vermuteten im Gelände weitere römische Hinterlassenschaften, wie Abfallgruben und Latrinen. Ebenso rechneten sie mit Resten von Backöfen, da die Römer üblicherweise in ihren Marschlagern Brot gebacken haben. So fanden sich in den mehrfach genutzten Marschlagern von Holsterhausen etwa 270 Backöfen.