alt=Drei Personen mit hängenden Brüsten, Flügeln, rüsselähnlichen Mündern und Stoßzähnen über einer liegenden Person in weiß, umgeben von Kerzen und einem Totenschädel.|mini|Drei Macanda (Angehörige einer den Bizango sehr ähnlichen Geheimgesellschaft) verwandeln einen Mann in einen Zombie. Gemälde von Hector Hyppolite. Als Bizango werden haitianische, mit dem Voodoo assoziierte Geheimgesellschaften beschrieben. Bizango haben in der haitianischen Gesellschaft den Ruf, Menschen in Tiere oder Zombies verwandeln zu können. Ethnologische Untersuchungen gehen davon aus, dass es sich um von Maroons gegründete Institutionen handelt, die auf dem Land für Recht und Ordnung sorgten. Mit den Bizango assoziierte Figuren tauchten seit 2007 verstärkt auf dem Kunstmarkt und in ethnologischen Museen auf.
Ursprung und Geschichte Über die Bizango-Geheimbünde ist – unter anderem der Natur von Geheimgesellschaften geschuldet – wenig bekannt. Je nach Region Haitis tragen vergleichbare Geheimbünde auch Namen wie Zobop, Galipote, Champwèl, Vlinvindingue, Cochons Gris, Bossou, Macandal oder Jeux Rouge. Anthropologische Darstellungen der Bizango sehen ihre Wurzeln im antikolonialen Widerstand und innerhalb der Maroons, also unter entlaufenen und befreiten Sklaven. Möglicherweise wurden die Bizango von nach Haiti verschleppten Bijagos gegründet, die bereits an ihrem Herkunftsort, dem Bissagos-Archipel, als kämpferisch und klandestin galten. Andere Vorläufer der Bizango können womöglich in afrikanischen Geheimgesellschaften wie den Zangbétò in Porto-Novo, die als eine Art Polizei auftreten, gesehen werden. Die Ikonografie und Rituale der Bizango seien, so Donald Cosentino, auch von den Freimaurern inspiriert. mini|Le Marron Inconnu erinnert in Port-Au-Prince an die Maroons. Das Lambí, die als Horn genutzte Muschel, wird auch in den Riten der Bizango verwendet.|alt=Statue eines auf einem Knie knieenden Schwarzen Manns, der in eine Muschel bläst.Die Geheimhaltung diente den Maroons als Schutz vor den französischen Autoritäten und der Organisation von Überfällen auf Plantagen. Nach der Unabhängigkeit Haitis galten die Bizango-Geheimbünde als Schutz armer Bauern vor Landraub. Sie agierten in ländlichen Gebieten als eine Art informelle Gerichtsbarkeit und dienten der Aufrechterhaltung der sozialen Ordnung und dem Erhalt aus Afrika stammender Traditionen. Im neunzehnten Jahrhundert stellten die Geheimgesellschaften somit vor allem für die Landbevölkerung eine bedeutende politische Organisation dar, die zwar nicht demokratisch, aber immerhin teilweise partizipativ organisiert war.
Nachdem das Hinterland Haitis durch den Bau von Straßen und Telefonleitungen sowie die Einführung von Radios immer weiter erschlossen worden war und sich infolge der Ausbreitung von Milizen unter Duvalier die Verhältnisse verändert hatten, änderten viele Geheimgesellschaften ihre Rolle; einige agieren seither als politische Gruppen, andere fungieren als lokale Vereine, wieder andere stehen mit organisiertem Verbrechen in Verbindung.
Aktivitäten alt=Schwarz-Weiß-Bild eines Zombie.|mini|Den Geheimgesellschaften wird nachgesagt, Menschen in Zombies zu verwandeln. Auf Haiti gelten die Geheimgesellschaften als furchteinflößende, vor allem in der Nacht aktive Gruppen. Es wird behauptet, dass sie nachts durch die Straßen streifen und menschliche Opfer zerstückeln und verspeisen. Sie werden von Bocor, also Voodoo-Priestern geführt und ihnen wird nachgesagt, eine nicht-menschliche Gestalt annehmen zu können und im Regen nicht nass zu werden. Den Mitgliedern der Bizango wird auch nachgesagt, sie könnten Menschen in Tiere oder Zombies verwandeln. Diese These wurde maßgeblich durch den aufgrund seiner sensationalistischen Behauptungen umstrittenen „Ethnobotanisten“ Wade Davis geprägt, der in der Zombifizierung eine durch die Geheimgesellschaft verhängte schwere Strafe zum Schutz der Gemeinschaft sah.
Bizango werden mit dem Petwo in Zusammenhang gebracht. Petwo- und Bizango-Riten seien „oft militaristisch, mit einem Fokus auf Agression und Selbstverteidigung.“ Die Geheimbünde gelten als stark hierarchisch organisiert. Innerhalb des Bundes wirken sie solidarisch, nach außen als durchaus auch strafende informelle Justiz: . Laguerre beschreibt nicht nur die Initiationsriten der Bizango, die beispielsweise das Trinken von Schweineblut beinhalten, sondern auch, dass die Bizango-Gesellschaften monatliche nächtliche Prozessionen oder Demonstrationen sowie wöchentliche Treffen zum gemeinsamen Beten abhalten. Die Gruppen verfügten außerdem über Flaggen und Uniformen in rot-schwarzen Farben sowie über eigene Pässe, die den Mitgliedern ermöglichen, sich nachts frei zu bewegen. Bevor eine Bizango-Prozession den Tempel verlasse, fordere sie die Nachbarn durch ein Lied zur Geheimhaltung auf:
La fanmi bizango io pinga diol nou La fanmi io pinga bouch nou Moin mété ion band bizango asoué ia déio Nou lévé matin na pale ki jan mtap dansé Pinga diol nou.
Nachbarn und Freunde der Bizango-Gesellschaft, achtet darauf, was ihr sagt. Wenn wir eine Bizango-Kundgebung veranstalten, möchten wir nicht, dass ihr am nächsten Morgen über unsere Lieder und Tänze redet. Bizango-Figuren Im Jahr 2007 tauchten auf dem internationalen Kunstmarkt plötzlich vermehrt sogenannte „Bizango“ genannte Figuren auf, die aus den Tempeln der Geheimgesellschaften stammen sollten. Es entwickelte sich eine regelrechte „Bizangomania“ und in der Folge waren die Figuren in einer Vielzahl von Ausstellungen in renommierten internationalen anthropologischen Museen zu sehen. Die etwa 200 im Umlauf befindlichen Figuren sind sich sehr ähnlich; sie sind zwischen 1,49 und 1,79 Meter groß, sehen aggressiv aus und rufen bei vielen Betrachtern Unbehagen hervor. Sie sind aus gequilteten roten und schwarzen Stoffstücken zusammengenäht und mit Spiegelscherben besetzt, bei den meisten von ihnen befindet sich im Kopf ein menschlicher Schädel.
Die Geschichten des Ankaufs ähneln sich stark: Die Entdecker stoßen zufällig auf die Figuren, die sofort ihre Aufmerksamkeit auf sich ziehen und eine starke Reaktion hervorrufen. Die Provenienz der Figuren bleibt unklar und geheimnisvoll und trotz ihres furchteinflößenden Aussehens berichten die Entdecker, sie würden die Figuren als beruhigend wahrnehmen. Die Käufer nehmen sich als Bewahrer haitianischer Kultur wahr, sie entsakralisieren die Figuren, die dann in der Regel nicht einzeln, sondern in Gruppen verkauft werden. Donald Consentino, ein Forscher, der sich mit sakraler Kunst aus Haiti beschäftigt, zeigte sich über Figuren irritiert: alt=Aufstellung von aus schwarz-roten Textilien gestalteten menschenähnlichen Statuen.|mini|2009 im Afrika Museum in der Installation Die Nachtwache ausgestellte Figuren, eine Anspielung auf Rembrandts gleichnamiges Gemälde. Das Museum bewarb die Ausstellung mit einer großangelegten Kampagne, ohne allerdings Dubréus Lhérisson, der die Statuen geschaffen hatte, in der Ausstellung oder Begleitmaterialien zu nennen.
Catherine Benoît und André Delpuech, die sich ausführlich mit dem Ursprung der Statuen beschäftigten, konnten herausfinden, dass es sich überwiegend um zeitgenössische Stücke handelt, und den haitianischen Künstler Dubréus Lhérisson als Künstler hinter einer großen Anzahl von nach Europa und Nordamerika verkauften Figuren ausmachen. Sie kritisieren, dass die Ausstellungen dazu beitrügen, die in Haiti getätigte Unterscheidung zwischen Voodoo und Bizango außerhalb Haitis weiter zu verwischen und dass die europäischen und amerikanischen Darstellungen von Voodoo von Praktizierenden auf Haiti abgelehnt würden. Trotzdem ließen sich die Kunstwerke nicht einfach als Fälschungen ausmachen; ein Voodoo-Anhänger aus einem haitianischen Tempel, an den Lhérisson eine Statue zuerst verkauft hatte, schrieb ihnen:
Einzelnachweise
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