Das Märkische Viertel (kurz: MV; im Berliner Volksmund: Merkwürdiges Viertel)in verschiedenen Schreibweisen: z. B. Merkwürdiges Viertel oder Märkwürdiges Viertel in Berlin ist eine Großwohnsiedlung im Bezirk Reinickendorf. Sie wurde von 1963 bis Frühjahr 1974 gebaut und war mit ihren rund 17.000 Wohnungen für bis zu 50.000 Bewohner ausgelegt. Das Märkische Viertel ist in Anlehnung an die Mark Brandenburg benannt.
Lage mini|hochkant=1.3|Übersichtskarte des Märkischen Viertels
Der Ortsteil liegt am Ostrand des Bezirks Reinickendorf, ziemlich genau auf halber Höhe seiner Nord-Süd-Ausdehnung.
Das Märkische Viertel hat einen ungefähren Durchmesser von zwei Kilometern. Die größte Ost-West-Ausdehnung beträgt im nördlichen Drittel etwa 2,5 Kilometer, an der südlichen Kante dagegen weniger als einen Kilometer. Die Fläche umfasst 3,2 km².
Im Süden und Osten grenzt das Märkische Viertel an den Bezirk Pankow und lag dadurch direkt an der Berliner Mauer. Im Nordosten ist die Siedlung durch den Verlauf der Quickborner Straße begrenzt, während der Ortsteil das dahinterliegende Industriegebiet bis zur Bezirksgrenze nach Pankow einschließt. Im Norden stellt eine ehemalige Eisenbahnstrecke (ein Teil der Industriebahn Tegel–Friedrichsfelde) die Begrenzung dar. Unmittelbar nördlich liegt der Freizeitpark Lübars des ländlichen Ortsteils Lübars. Die Abgrenzung an dieser Stelle wirkt fast brutal: Unmittelbar südlich der Gleise erheben sich teils zehngeschossige Hochhäuser, während auf der Nordseite Kleingärten und Getreidefelder liegen.
mini|Abgrenzung des Märkischen Viertels nach Lübars
Im Nordwesten ist die Begrenzung der Siedlung nicht ganz eindeutig. Die Eisenbahnstrecke knickt leicht nach Süden ab, nähert sich jedoch nicht mehr den Hochhäusern. Allerdings liegt nördlich der Bahn, an der Kreuzung mit dem Eichhorster Weg, das Fernheizwerk des Märkischen Viertels. An dieser Stelle sind die nächsten Hochhäuser bereits rund 500 Meter entfernt. Gleichzeitig finden sich nach außen blickend in etwa 200 Meter Entfernung weitere Hochhäuser nördlich der Wittenauer Straße (bis zum Zabel-Krüger-Damm und um die dazwischenliegende Titiseestraße), die nicht mehr zum Märkischen Viertel gerechnet werden, obwohl sie aus der gleichen Zeit stammen. Sie gehören zum Reinickendorfer Ortsteil Waidmannslust. Die westliche Begrenzung stellt der Bahndamm der Berliner Nordbahn dar, eine Eisenbahntrasse, die heute von der S-Bahn befahren wird. Nach Westen schließt sich der Ortsteil Wittenau an.
Der Kreis schließt sich im Süden an der Stelle, wo die S-Bahn den Nordgraben überquert, der gleichzeitig Abgrenzung nach Pankow ist. Unmittelbar südlich des Nordgrabens liegt das Fabrikgelände von Bergmann-Borsig, das seit etwa 2000 zu einem Gewerbepark (Pankow-Park) umstrukturiert wird. Im Osten stößt der Nordgraben nach etwa einem Kilometer auf die Gleise der Heidekrautbahn, von denen er überquert wird, und die – auf Pankower Gebiet liegend – die Begrenzung nach Osten hin bilden.
Grün- und Wasserflächen mini|Im Zentrum des Viertels großzügig mit Bäumen bepflanzt: der Wilhelmsruher Damm mini|links|Seggeluchbecken
Konzeptionell von Anfang an vorgesehen waren neben Kinderspielplätzen zahlreiche Grünflächen und Wege zwischen den Hochhäusern und größere Grünzüge. Die nahezu komplett neugepflanzten Gewächse benötigten Zeit zum Wachsen, wodurch sich unmittelbar nach Fertigstellung der Großsiedlung der Eindruck einer kahlen Betonwüste ergab.
Im Märkischen Viertel gibt es im nördlichen Bereich zwei Seen. Das kleinere Mittelfeldbecken, das nur über Parkwege zu erreichen ist, und das doppelt so große Seggeluchbecken (der Name leitet sich von Segge für Riedgras und Luch für Sumpf her), das durch eine Straßenbrücke geteilt wird. Beide Seen sind durch kleine Gräben miteinander verbunden. Das Grabensystem rund um den Packereigraben durchzieht das ganze nördliche Viertel und dient der Entwässerung des Oberflächenwassers. Beim Bau des Märkischen Viertels wurden die Gräben kanalisiert, behielten jedoch ihren gewundenen Verlauf und wurden in Grünzüge integriert, in denen eine vielfältige Vogelwelt lebt, u. a. die Nachtigall. Im Süden übernimmt der Nordgraben die Entwässerung. Teile des heutigen Märkischen Viertels waren ursprünglich ein Feuchtgebiet, weswegen viele der Hochhäuser keine Keller aufweisen, sondern Abstellräume im Erdgeschoss haben, während die Wohnungen erst darüber liegen.
Geschichte Entstehung und Entwicklung mini|Luftbild von Süden mini|Auch hier als Namenspatron: Der große Wanderer der Mark mini|Brunnenplatz im Märkischen Zentrum
Das Märkische Viertel war die erste große Neubausiedlung im damaligen West-Berlin. Erste Ideen zu einer städtebaulichen Neuordnung an dieser Stelle reichen bis in die frühen 1950er Jahre zurück. Bereits 1952 wurde im Bezirk Reinickendorf ein erster Raumordnungsplan entworfen. 1959 bescheinigte ein soziologisches Gutachten dem Gebiet mit seinen zahlreichen Wohnlauben und Notunterkünften auf ungeordneten, oft unerschlossenen Grundstücken völlig unzulängliche hygienische Verhältnisse. Vor diesem Hintergrund zog der Senat Anfang der 1960er Jahre die Planung an sich. Die „grünen Slums“ sollten so rasch wie möglich verschwinden. Im Juli 1962 legten die Architekten Hans Christian Müller, Georg Heinrichs und Werner Düttmann ein städtebauliches Konzept für das Märkische Viertel vor. Im Dezember 1962 berief der damalige Berliner Bausenator Rolf Schwedler die Gesellschaft für sozialen Wohnungsbau (Gesobau) zum Sanierungsträger für das Vorhaben.
Mehr als 35 in- und ausländische Architekten planten die Neubauten. Mit einer übergreifenden Farbkoordinierung wurde der deutsche Künstler Utz Kampmann in den Jahren zwischen 1966 und 1968 betraut. Entwürfe für die Wohnbauten lieferten Karl Fleig, René Gagès, Ernst Gisel, Werner Düttmann, Georg Heinrichs, Hans Christian Müller, Lothar Juckel, Chen Kuen Lee, Ludwig Leo, Peter Pfankuch, Hansrudolf Plarre, Heinz Schudnagies, Herbert Stranz, O. M. Ungers, Schadrach Woods, Astra Zarina, Siegfried Hoffie, Erwin Eickhoff, Jo Zimmermann und die Bauabteilung der Degewo.Rolf Rave, Hans-Joachim Knöfel, Jan Rave: Bauen der 70er Jahre in Berlin. 3. Auflage. Kiepert, Berlin 1994. Die Wohnbauten bildeten Hochhausketten mit unregelmäßigen Grundrissen und gestaffelten Höhen, die größere Flächen mit Einfamilienhäusern umrahmen. Die Grünanlagen konzipierte und gestaltete die Gartenarchitektin Elisabeth Kutschera.Natalia Kvitkova: Märkisches Viertel. In: Antonello Scopacasa (Hrsg.): The Social City. Urban Development and Housing Projects in Berlin and Naples in the Post-War Era – A Comparison: Theoretical Models, Implemented Projects, Social and Political Impacts Today. Universitätsverlag der TU Berlin, Berlin 2022, S. 56–61, hier: S. 59 (library.oapen.org).
Das große, zentrale Einkaufszentrum, die Märkische Zeile wurde 2000 um die Shopping-Mall Märkisches Zentrum erweitert. Zusammen mit dem Veranstaltungs- und Kulturzentrum Fontane-Haus, dem Hallenbad und dem Thomas-Mann-Gymnasium gruppiert es sich um den zentralen Marktplatz. Daneben entstanden weitere, wesentlich kleinere Zentren, bei denen sich mehrere Geschäfte (Friseur, Zeitungsläden) um einen kleineren Supermarkt ansiedelten. Grundschulen und Kindergärten wurden ebenfalls nicht (nur) im zentralen Bereich vorgesehen, sondern ringsum am Rand zwischen den einzelnen Hochhaus-Gruppen. Innerhalb der Hochhausgruppen entstanden zahlreiche Spielplätze nah bei den Wohnungen.
Hans Bandel und Waldemar Proeike planten die Ladenzeilen, Schulen und Kindertagesstätten wurden nach Entwürfen von Stephan Heise, Harald Franke, Hasso Schreck, Karl Fleig, Jörn-Peter Schmidt-Thomsen, Günter Plessow, Hasso Windeck, Finn Bartels, Christoph Schmidt-Ott und der Bauabteilung des Bezirks Reinickendorf gebaut. Die Evangelischen Gemeindezentren stammen von Bodo Fleischer, Günther Behrmann, Stephan Heise, Gerd Neumann, Dietmar Grötzebach und Günter Plessow. Das Fernheizwerk und ein 1988 abgerissener Informations-Pavillon wurde durch Fridtjof Schliephacke gestaltet. Ein Seniorenzentrum entstand nach Entwürfen von Gert H. Rathfelder; Werner Düttmann verantwortete das Katholische Gemeindezentrum St. Martin, das Altenwohnheim und eine Grundschule. Bodo Fleischer mit Hanno Hübscher errichteten das Hotel Rheinsberg, Henning Schran und Hasso Schreck planten die Schwimmhalle, das Spielhaus des Bundes Deutscher Pfadfinder stammt von Engelbert Kremser, Ludwig Leo war der Architekt des Haus(es) der Fürsorge, schließlich lieferte die SAL-Planungsgruppe die Pläne für den Verkehrskindergarten sowie mehrere Sportanlagen.100 Jahre Gesobau. Gesobau, Berlin 2000, S. 19–20 (Jubiläumsbroschüre).
Bereits im August 1964 zogen die ersten Mieter ein. Der (vorerst) letzte Neubau wurde 1974 übergeben. Von den insgesamt 16.916 Wohnungen waren 15.043 von der landeseigenen Gesobau, 614 von der Degewo, 812 von der Deutschen Bau- und Siedlungsgesellschaft (Debausie) und weitere 304 von einem Privatunternehmen errichtet worden. 134 Wohnungen entstanden schließlich 1974 in einem Altenwohnheim.100 Jahre Gesobau. Gesobau, Berlin 2000, S. 25 (Jubiläumsbroschüre).
Aufgrund der fortschreitenden Wohnungsnot in den 2010er Jahren wurden hölzerne Atelierhäuser auf einigen Flachdächern des MV errichtet. Sie können bis zu drei Etagen hoch sein und wurden von der Wohnungsgesellschaft in Auftrag gegeben. Beispielhaft für die realisierten Auf-Bauten sei der Wilhelmsruher Damm genannt.RBB-Sendung zu einigen ausgewählten Berliner Gebäuden; Mitte September 2016.
Neben dem Märkischen Viertel entstanden in West-Berlin zwei weitere Großwohnsiedlungen: die etwa gleich große Gropiusstadt im Bezirk Neukölln und das etwas kleinere Falkenhagener Feld (Bezirk Spandau). In Ost-Berlin entstanden etwas später Großbausiedlungen in Hohenschönhausen (Bezirk Lichtenberg), Marzahn und Hellersdorf (beide im Bezirk Marzahn-Hellersdorf). Gemeinsam ist allen ihre Stadtrandlage.
Seit Juni 1999 ist das Märkische Viertel ein Ortsteil des Bezirks Reinickendorf (mit eigenem Wappen). Davor gehörte es zum Ortsteil Wittenau.
Imagewandel In den Anfangsjahren lobten vor allem die beteiligten Architekten das neue Viertel zum Teil enthusiastisch. So meinte der West-Berliner Architekt Herbert Stranz: „Die Maximalhöhe war vorgeschrieben, der Rest ist angewandte Sonne.“ Und: „Individualismus der Einzelwohnung im Arrangement, durch Staffelung und Farbe betont: Das ist Demokratie.“ Trotz der vielschichtigen Planung entwickelte das Märkische Viertel bald einen schlechten Ruf, der weit über Berlin hinausreichte. In dem vom Land Berlin herausgegebenen Reiseführer Berlin für junge Leute wurde dies 1983 wie folgt begründet:
Mit anderen Worten: Die Planung auf dem Papier hatte nicht mit der Umsetzung Schritt gehalten; die Anzahl der Wohnungen (und Einwohner) stieg schneller als die erforderliche Infrastruktur errichtet wurde.
Verstärkt wurde das Imageproblem durch einen Paradigmenwechsel der Planungsdisziplinen. Ende der 1960er Jahre wandten sich mehr und mehr Architekten und Stadtplaner von der Idee neuer Retortensiedlungen ab und der gewachsenen europäischen Stadt zu. Altbausanierung und die Erneuerung alter Stadtviertel rückten in den Mittelpunkt. Noch während der Bauzeit galt das Märkische Viertel damit plötzlich als Dinosaurier und Relikt nicht länger zeitgemäßer architektonischer Ideen. Als Gegenveranstaltung zu den offiziellen Berliner Bauwochen 1968 kritisierte eine Ausstellung an der TU das Märkische Viertel aufs Schärfste. Anschließende Artikel im Spiegel taten ein Übriges, um den Ruf des Viertels zu demontieren.