miniatur|hochkant=1.3|Mercedes-Benz 300d: Den Aufbau seines 1957 präsentierten Modells W189 bezeichnete Daimler-Benz selbst als „Vollsichtkarosserie“, als Hardtop-Limousine und mit großen gewölbten Scheiben vorn und hinten in zweifacher Hinsicht ein typischer Vertreter dieser Karosseriegattung. Vollsichtkarosserie ist ein Begriff aus der Kraftfahrzeugtechnik, genauer dem Karosseriebau, und bezeichnete vor allem in den 1950er- und 1960er-Jahren besonders gestaltete Fahrzeugkarosserien. Er ist nicht eindeutig definiert; in einem weiter gefassten Sinn handelt es sich um Karosserieaufbauten mit besonders großen Fensterflächen für verbesserte Rundumsicht und einen helleren Innenraum, in einem enger gefassten Sinn ist es ein deutschsprachiges Synonym für die Karosseriebauformen Hardtop und Faux Cabriolet. Für aktuelle Fahrzeuge wird die Bezeichnung Vollsichtkarosserie hingegen nicht mehr verwendet, weil diese Art der Karosseriegestaltung vor allem wegen der heutigen Anforderungen an die Crashsicherheit und den Überschlagschutz nicht mehr üblich ist.

Terminologie und Begriffsherkunft Im Bereich der Personenkraftwagen existieren der Alternativbegriff Vollsichtaufbau sowie als Untergruppen die Vollsichtlimousine und das Vollsichtcoupé; mitunter finden sich die Alternativschreibweisen Vollsicht-KarosserieHans Trzebiatowsky: Die Kraftfahrzeuge und ihre Instandhaltung, ein Lehr- und Nachschlagebuch für Kraftfahrzeughandwerker, Kraftfahrzeugelektriker, für Reparaturwerkstätten, Meisterkurse, Fach- und Fahrschulen. 10. Auflage Fachbuchverlag Pfanneberg, Gießen 1961, Seite 7 und Vollsicht-Limousine Hans Trzebiatowsky: Die Kraftfahrzeuge und ihre Instandhaltung, ein Lehr- und Nachschlagebuch für Kraftfahrzeughandwerker, Kraftfahrzeugelektriker, für Reparaturwerkstätten, Meisterkurse, Fach- und Fahrschulen. 10. Auflage Fachbuchverlag Pfanneberg, Gießen 1961, Seiten 489 und 496 (mit Bindestrich). Vielfach wird auch nur von Vollsichtscheiben gesprochen, die überdurchschnittlich hoch sowie breit sind und insbesondere auf einen störenden Mittelsteg verzichten; ein solcher war über Jahrzehnte üblich, solange die Windschutzscheibe aus zwei planen, winklig zueinander angeordneten Scheiben gebildet wurde und auch Heckscheiben aus zwei oder drei planen oder nur wenig gebogenen Elementen bestanden.

Im Bereich der Nutzfahrzeuge existieren die Begriffe der Vollsichtkabine/der Vollsichtkarosserie beispielsweise bei Lastkraftwagen,Patentschriften-Dossier für eine Vollsicht-Karosserie mit Sonnen- und Blendschutz, insbesondere für Straßen- und Schienenfahrzeuge von 1959 beim Eidgenössischen Amt für Geistiges Eigentum, Schweizer Patentschriften aus dem Kanton Zürich (1888 bis ca. 1978), abgerufen am 20. Oktober 2015 Traktoren,Grundlagen der Landtechnik, VDI-Verlag, Band 28, 1978, Seite 125Motor-Kalender der DDR, Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, 1988, Seite 26Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft (BRD), DLG-Mitteilungen, DLG-Verlag, Band 92, 1977, Seite 1092; Band 104, Ausgaben 1–12, 1989, Seite 544Landwirtschaft Schweiz (Zeitschrift), Band 5, 1992, Seiten 24 und 370 Gabelstaplern, BaggernDer Tiefbau (Zeitschrift), Band 15, 1973, Seite 59 und Kranwagen/Portalkränen,Technisches Zentralblatt, Abteilung Maschinenwesen, 1956, Seite 1493Hansa, wöchentlich erscheinendes Zentralorgan für Schiffahrt, Schiffbau, Hafen, Band 120, 1983, Seite 302Jürgen Koop, Hans-Otto Hannover, Fritz Mechtold, Berthold Heinke, Sicherheit bei Kranen, Springer-Verlag, 2013, Seite 21 sowie der Vollsichtaufbau/die Vollsichtkarosserie bei Omnibussen.Saurer-Frontlenker-Car mit 26 Plätzen und „Vollsichtkarosserie“ (Sonder-/Aufsetzkarosserie der Seitz & Co. AG, Kreuzlingen): AR – Automobil Revue (Schweizer Zeitschrift), Zeitung Nr. 22/1949 vom 11. Mai 1949, Seite 12 und Nr. 19/1951 vom 18. April 1951, Seite 30

Bereits seit den 1930er-Jahren gibt es im Flugzeugbau, vor allem bei Kampfflugzeugen die Begriffe Vollsichtkabine und Vollsichtkanzel für Baumuster mit besonders guter Sicht.Roderich Cescotti, Kampfflugzeuge und Aufklärer: Entwicklung, Produktion, Einsatz und zeitgeschichtliche Rahmenbedingungen von 1935 bis heute, Bernard & Graefe, 1989, Seiten 64 und 216 ff. Im Personenwagenbau gab es konstruktiv und in der Bezeichnung ähnliche Konzepte bei wenigen Fahrzeugen aus Frankreich und Italien ab 1926.

Begriffsinhalte und Definitionen Wie vielfach im Bereich des Karosseriebaus, existieren keine verbindlichen Definitionen des Begriffs Vollsichtkarosserie und seiner Abwandlungen; auch hat sich in der Praxis keine völlig einheitliche Begriffsverwendung herausgebildet.

In einem weiter gefassten Sinn nutzen Fachbuchautoren und Journalisten den Begriff und seine Abwandlungen beim Vorliegen bestimmter typischer Karosseriemerkmale wie einer großen, einteiligen, häufig gewölbten Frontscheibe,Metall (Zeitschrift), Metall-Verlag GmbH, Band 9, 1955, Seite 334Achim Gaier, Personenwagen in der DDR, Band 1, RM-Buch- und Medienvertrieb, 2000, Seite 65 schmalen A- und B-Säulen oder einer großen mehrteiligen oder gewölbten Heckscheibe, oft mit weit herumgezogenen Panoramascheiben.Du (Schweizer Zeitschrift), Band 14, Verlag Conzett & Huber, 1954, Seite 63Karl Kerker, Die absatzpolitische Bedeutung der Kreditgewährung im Exportgeschäft, Seite 153Halwart Schrader: Automobile in Deutschland 1950–1970 in der Berichterstattung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung für Deutschland, Heel Verlag, 1988, Seite 32

Vereinzelt nutzten auch Werbetexter bewusst den Begriff Vollsichtkarosserie, um einem neuen Fahrzeugmodell ein besonders fortschrittliches zu verleihen.So beim Mercedes-Benz 300d gemäß Mercedes-Benz Classic-Magazin, Ausgabe 1/2012, Seite 18 Auch im Zusammenhang mit Experimentalfahrzeugen und Designstudien wurde der Begriff und seine Abwandlungen gebraucht.So beim Ford XP 500 mit „Vollsichtaufbau“: Europa-Verkehr. European transport. Transport européen (Zeitschrift), Bände 2–4, 1954, Seite 183 (englisch)

Neben diesem weiten Begriffsverständnis gab es Bestrebungen, den Begriff enger und klarer zu fassen. Seit März 1959 existiert die DIN 70011 „Aufbauten für Personenkraftwagen – Benennungen und Begriffe“ des Deutschen Instituts für Normung, Normenausschuß Kraftfahrzeuge. Im Rang einer Empfehlung wird darin für das damalige Westdeutschland einschließlich West-Berlin unter Ziffer 7 die Vollsicht-Limousine und unter Ziffer 6 die „normale“ Limousine definiert. Beiden gemeinsam ist der Aufbau als „geschlossener Personenkraftwagen“ mit „4 oder mehr Sitzen“ und „2 oder 4 Türen“. Für die „Vollsicht-Limousine“ wird jedoch ergänzend gefordert: „4 Seitenfenster mit Rahmen vollständig versenkbar (Schwenkfenster in den vorderen Türen brauchen nicht versenkbar zu sein) und ohne Mittelsäulen zwischen den Seitenfenstern“. Für die normale „Limousine“ heißt es darin hingegen: „4 oder mehr Seitenfenster, mit feststehenden Rahmen und Mittelsäulen zwischen den Seitenfenstern“.Wiedergegeben zum Beispiel im FAKRA-Handbuch – Normen für den Kraftfahrzeugbau, Beuth Verlag GmbH, 1969, Seite 28 und Frank P. Freudenberg, Auto A–Z, Franz Schneider Verlag, München/Wien, 1979, ISBN 3-505 07958-8, Seite 207

Dem folgend wurde und wird der Begriff Vollsichtkarosserie, speziell die Vollsicht-Limousine mitunter auch als deutschsprachiges Synonym für die Karosseriebauformen Hardtop (im Sinne von Hardtop Sedan und Hardtop Coupé) und Faux-Cabriolet verwendet, die durch dieselben Merkmale gekennzeichnet sind. So heißt es in Dr. Gablers Verkehrslexikon:

„Faux-Cabriolet (franz. = falsches Cabriolet), Personenkraftwagen mit festem Dach, aber ohne mittleren Seitenpfosten; vielfach ist in Deutschland die Bezeichnung ‚Vollsicht-Limousine‘ üblich.“Walter Linden (Herausgeber), Dr. Gablers Verkehrslexikon, 2013, Seite 480

Auch ein japanisch-englisch-deutsches Fachwörterbuch aus dem Jahr 1984 übersetzt die Karosseriebauform Hardtop mit Vollsichtlimousine.Japanese-English-German Dictionary of Mechanical Engineering, 和・英・独機械術語大辞典, 増補版, 和英独機械術語大辞典編纂委員会, Seiten 377, 1175 (dort mit der Schreibweise Vollsicht-Limousine) und 1378

Das Verständnis von Vollsicht-Limousine im engen Sinn des Anglizismus Hardtop hat sich jedoch letztlich weder in Westdeutschland noch dem weiteren deutschsprachigen Raum völlig durchgesetzt.

Der Begriff Vollsichtkarosserie in zeitgenössischen Veröffentlichungen Beispiele für Personenwagen mit Vollsichtkarosserie aus DDR-Produktion miniatur|hochkant=1.2|Der IFA F 9 ab 1954: „Vollsichtkarosserie“ mit größerer, einteiliger, gewölbter Windschutzscheibe und größerer, einteiliger Heckscheibe

Der Begriff Vollsichtkarosserie erschien 1954 in der DDR in Verbindung mit der überarbeiteten Karosserie des IFA F 9. Die im thüringischen Eisenach gebaute zweitürige Limousine hatte fortan neben einer durchgehenden, gewölbten Frontscheibe auch eine größere, ungeteilte Heckscheibe.Eberhard Kittler, DDR-Automobil-Klassiker, Band 2, Motorbuch Verlag, Stuttgart, 2003, Seiten 47 und 48 Mit Hinweis unter anderem auf die „gewölbte Windschutzscheibe“, zum Teil auch ein ursprünglich noch „zweiteiliges, über die ganze Breite gehendes Rückfenster aus Sicherheitsglas“ war schon 1953 in mehreren Berichten von einer „Vollsichtlimousine“ die Rede.ATZ Automobiltechnische Zeitschrift, Verlag Franck, Band 55, 1953, Seite 312Die Webseite wiki.w311.info mit Bildergalerie zum IFA F 9 (311)-Prototyp, abgerufen am 12. Oktober 2015Illustrierter Motorsport (Zeitschrift), 3. Jahrgang, Heft Nr. 17 (zweites September-Heft 1953), Fachblatt der Sektion Motorrennsport der Deutschen Demokratischen Republik, Sportverlag Berlin, 1953, Bericht zu Kraftfahrzeugen auf der Leipziger Herbstmesse (u. a. mit einem Bildbericht zum IFA-F-8-Cabriolet mit Sonderkarosserie und zur IFA F 9-Vollsichtlimousine)Das Auto (Zeitschrift), Ausgabe 20, 1953, Autoschau des Ostens in Leipzig (u. a. zum IFA F 9 als Vollsicht-Limousine mit großem, zweiteiligem Heckfenster)

Auch dem Nachfolger des F 9, der viertürigen Limousine Wartburg 311 von 1956 wurde attestiert, dass seine Pontonkarosserie mit einteiligen, gewölbten Scheiben vorne und hinten „Vollsicht“ biete.KFT Kraftfahrzeug-Technik, Ausgabe Februar 1956, wiedergegeben hier

Beispiele für Personenwagen mit Vollsichtkarosserie aus bundesdeutscher Produktion miniatur|hochkant=1.2|Große Fensterflächen und dünne Dachsäulen, deshalb mitunter als „Vollsicht-Karosserie“ eingestuft: Der Aufbau des ab 1962 gebauten Opel Kadett A. In der Bundesrepublik Deutschland nutzte die Daimler-Benz A.G. in Stuttgart den Begriff Vollsichtkarosserie ab 1957 für den neuen Mercedes-Benz 300d. Charakteristisch für die Hardtop-Limousine mit großen Fensterflächen waren das Fehlen einer B-Säule (jedenfalls bei den normalen Versionen ohne Trennwand), der Verzicht auf Fensterrahmen an den vier Türen, die Möglichkeit, alle sechs Seitenfenster (mit Ausnahme der kleinen Ausstellfenster an den Vordertüren) voll versenken zu können, sowie die große, gewölbte Panoramaheckscheibe. Als Vorteil dieser Vollsichtkarosserie nannte das Unternehmen eine „gesteigerte Verkehrssicherheit“ und dass sie „dem Fahrgast die Annehmlichkeiten des geschlossenen und offenen Wagens vermittelt“.Daimler-Benz A.G., Corporation Annual Reports to Shareholders, 1957, Seite 15Daimler-Benz A.G. Unternehmensmitteilung, in: Baden-Württemberg (Jahrbuch), Baden-Württembergische Verlagsanstalt, 1959, Seite 57, abgerufen am 12. Oktober 2015Umfassende Internetseite zum Mercedes-Benz 300d, insbesondere dem Pullman-Cabriolet, Bj. 1960, von Papst Johannes XXIII, abgerufen am 12. Oktober 2015