Theobald Maria Michael Lang, auch in Kurzform Theo Lang (* 26. Juli 1898 in Augsburg; † 25. November 1957 in München), war ein deutscher Psychiater, Erbbiologe und Rassenhygieniker. Ab 1926 arbeitete er an der Deutschen Forschungsanstalt für Psychiatrie in München, wo er über Kropfbildung und Kretinismus forschte. Er engagierte sich während der Weimarer Republik stark in der NSDAP sowie der SA und publizierte zur Rassenhygiene. Langs weitere Forschungen waren die bis dahin umfangreichsten zur erblichen Bedingtheit der Homosexualität. Sie wurden aber methodisch kritisiert und widersprachen den im NS-Staat herrschenden Annahmen. Da er als Anhänger des linken Parteiflügels um Gregor Strasser nach der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ aus den NS-Organisationen ausgetreten war, galt Lang zudem als politisch unzuverlässig und setzte sich 1941 in die Schweiz ab. Seine Thesen, an denen es nach dem Zweiten Weltkrieg noch einmal ein kurzzeitiges Interesse gegeben hatte, wurden Ende der 1950er Jahre endgültig widerlegt.
Herkunft, Studium und Berufseinstieg Theobald Lang war der Sohn des Bahnverwalters Josef Lang und dessen Ehefrau Therese. Im Dezember 1916 legte er das Notabitur ab. Als Kriegsfreiwilliger nahm er am Ersten Weltkrieg teil und war an der Palästinafront eingesetzt. Aus der britischen Kriegsgefangenschaft wurde er im November 1919 entlassen. Er studierte danach Medizin an der Universität München, schloss das Studium im Mai 1923 mit dem Staatsexamen ab und wurde anschließend zum Dr. med. promoviert. Nach Studienende fand er kein sicheres Anstellungsverhältnis und bestritt seinen Lebensunterhalt mit Vertretungstätigkeiten an Krankenhäusern in München-Schwabing und Augsburg sowie Arztpraxen.Florian Mildenberger: Theobald Lang. In: Volkmar Sigusch, Günter Grau (Hrsg.): Personenlexikon der Sexualforschung. Campus Verlag, Frankfurt u. a. 2009, S. 402.
Ab 1926 war er 15 Jahre als wissenschaftlicher Assistent an der Deutschen Forschungsanstalt für Psychiatrie beschäftigt, wo er die Bayerische Kropf- und Kretinenuntersuchung leitete. Dabei ging er der Frage nach, welche Rolle Umweltfaktoren bzw. „Erbschäden“ bei der Entstehung von Schwachsinn bzw. einer Neigung zum Kropf spielten. Er führte systematische Messungen zur Parallelität von Boden- bzw. Luftradioaktivität und der Stärke der Kropfendemie in verschiedenen bayerischen Bezirken durch. Lang vertrat die These, dass die Kropfbildung, verursacht durch Bodenradioaktivität, genetisch bedingt sei und nicht Folge von Jodmangel.Florian Mildenberger: Theobald Lang. In: Volkmar Sigusch, Günter Grau (Hrsg.): Personenlexikon der Sexualforschung. Campus Verlag, Frankfurt u. a. 2009, S. 402f.
Hinwendung zum Nationalsozialismus Spätestens seit 1923 war Lang Mitglied der NSDAP und trat der Partei nach dem reichsweiten Verbot im Zuge der Neugründung 1925 wieder bei. Ab 1925 gehörte er auch der SA an.Susanne zur Nieden: Erbbiologische Forschungen zur Homosexualität an der Deutschen Forschungsanstalt für Psychiatrie während der Jahre des Nationalsozialismus. Zur Geschichte von Theo Lang (= Forschungsprogramm Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus. Ergebnisse. 25.). Forschungsprogramm Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus, Berlin 2005, S. 15.
Lang stieg schnell in der Hierarchie der Partei auf. Ihm wurden gute Kontakte zur SA-Führung um Ernst Röhm nachgesagt. So wurde er 1931 Stellvertreter des Reichsarztes im Stab der Obersten SA-Führung und 1932 SA-Oberarzt. 1929 gehörte er zu den Mitbegründern des Nationalsozialistischen Ärztebundes. Er saß im Vorstand dieser NS-Organisation und fungierte zeitweise als deren Schriftführer.Susanne zur Nieden: Erbbiologische Forschungen zur Homosexualität an der Deutschen Forschungsanstalt für Psychiatrie während der Jahre des Nationalsozialismus. Zur Geschichte von Theo Lang (= Forschungsprogramm Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus. Ergebnisse. 25.). Forschungsprogramm Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus, Berlin 2005, S. 40. 1932 übernahm er den stellvertretenden Vorsitz des NS-Ärztebundes.Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Frankfurt am Main 2007, S. 356.
In Aufsätzen wie Der Nationalsozialismus als politischer Ausdruck unserer biologischen Kenntnis (1930) und Die Belastung des Judentums mit Geistig-Auffälligen (1932) brachte Lang ein radikales Wissenschaftsverständnis und Antisemitismus zum Ausdruck. 1932 betreute er auch ein Heft der Nationalsozialistischen Monatshefte zum Thema „Rassenhygiene“. In dem Zusammenhang führte er unter anderem Schriftwechsel mit Alfred Rosenberg und Hermann Boehm. Er warnte die Reichsleitung der NSDAP vor Kontakten zu Eugen Fischer und Hermann Muckermann vom Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik. Lang stand dem linken Parteiflügel der NSDAP um Gregor Strasser nahe. Er trat am 30. Januar 1933 im Zuge der „Machtergreifung“ aus NSDAP sowie SA aus und beendete seine Mitgliedschaft auch bei den anderen NS-Organisationen, blieb jedoch der nationalsozialistischen Ideologie verbunden und pflegte weiterhin Kontakte zu Parteifunktionären.Susanne zur Nieden: Erbbiologische Forschungen zur Homosexualität an der Deutschen Forschungsanstalt für Psychiatrie während der Jahre des Nationalsozialismus. Zur Geschichte von Theo Lang (= Forschungsprogramm Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus. Ergebnisse. 25.). Forschungsprogramm Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus, Berlin 2005, S. 15 f. Hintergrund seines Parteiaustritts war die Enttäuschung darüber, dass er nicht für höhere Funktionen im NS-Staat vorgesehen war.Günter Grau: Lexikon zur Homosexuellenverfolgung 1933–1945: Institutionen – Kompetenzen – Betätigungsfelder. Berlin 2011, S. 195.
Von allen wissenschaftlichen Mitarbeitern der DFA hatte sich Lang bereits in der Weimarer Republik am deutlichsten nationalsozialistisch betätigt. Im Institut galt er als fachlich überdurchschnittlich begabt.
Forschungen zur Homosexualität und Habilitation Ab Mitte der 1930er Jahre beschäftigte sich Lang mit der Ätiologie der Homosexualität. Lang führte Magnus Hirschfelds Zwischenstufenmodell fort und nahm Hypothesen des Biologen Richard Goldschmidt von 1916 zur Entstehung von Intersexualitätsstufen auf, wonach ein Teil der homosexuellen Männer Intersexe („Umwandlungsmännchen“) seien und damit phänotypisch Männer, aber genotypisch Frauen. Goldschmidt hatte seine Hypothesen auf der Grundlage von Kreuzungsversuchen mit Schmetterlingen entwickelt und unter Vorbehalt auf den Menschen übertragen.Günter Grau: Lexikon zur Homosexuellenverfolgung 1933–1945. Institutionen - Kompetenzen - Betätigungsfelder. Lit-Verlag, Berlin 2011, ISBN 978-3-8258-9785-7, S. 195.
Lang führte erbbiologische und genealogische Untersuchungen der Familien homosexueller Männer durch. Er ging davon aus, dass es sich bei Homosexuellen ursprünglich um Mädchen gehandelt habe, die sich noch im Mutterleib in Jungen gewandelt hätten. Seiner Ansicht nach würde die retrospektive Untersuchung des Geschlechterverhältnisses in Familien von nach dem § 175 verurteilten Männern ergeben, dass in diesen Familien mehr Jungen geboren worden seien, als statistisch zu erwarten gewesen wäre. Mittels erbbiologischer Auswertung Hamburger und Münchner Rosa Listen (etwa 5000 Fälle nach Polizeiakten) gelang ihm zwar die statistische Feststellung, dass ein Teil der Homosexuellen „sehr wahrscheinlich […] genetische Weibchen“ seien,Susanne zur Nieden: Erbbiologische Forschungen zur Homosexualität an der Deutschen Forschungsanstalt für Psychiatrie während der Jahre des Nationalsozialismus. Zur Geschichte von Theo Lang (= Forschungsprogramm Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus. Ergebnisse. 25.). Forschungsprogramm Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus, Berlin 2005, zit, S. 25.Florian Mildenberger: Theobald Lang. In: Volkmar Sigusch, Günter Grau (Hrsg.): Personenlexikon der Sexualforschung. Campus Verlag, Frankfurt u. a. 2009, S. 403. aber Kritiker wiesen ihm methodische Fehler nach. Siegfried Koller etwa hielt die Methoden für ungenügend. Zudem verwarf die Fachwelt seine These von der genetischen Bedingtheit der Homosexualität grundsätzlich. Hans Bürger-Prinz zum Beispiel forderte eine stärkere Orientierung am Körperbau und kritisierte das Dogma von der Endogenität der Homosexualität. Die nationalsozialistische Homosexuellenverfolgung basierte ohnehin auf der Annahme, Homosexualität sei weniger erblich bedingt als vielmehr eine durch Verführung erworbene Krankheit.Susanne zur Nieden: Erbbiologische Forschungen zur Homosexualität an der Deutschen Forschungsanstalt für Psychiatrie während der Jahre des Nationalsozialismus. Zur Geschichte von Theo Lang (= Forschungsprogramm Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus. Ergebnisse. 25). Forschungsprogramm Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus, Berlin 2005, S. 30; Florian Mildenberger: Der Diskurs über männliche Homosexualität in der deutschen Medizin von 1880 bis heute. In: Dominik Groß, Sabine Müller, Jan Steinmetzer (Hrsg.): Normal – anders – krank? Akzeptanz, Stigmatisierung und Pathologisierung im Kontext der Medizin. MWV, Berlin 2008, S. 97. Nicht unveränderliche Erbanlage, sondern der Wert der Persönlichkeit sei entscheidend.Günter Grau: Lexikon zur Homosexuellenverfolgung 1933–1945. Institutionen – Kompetenzen – Betätigungsfelder. Lit-Verlag, Berlin 2011, ISBN 978-3-8258-9785-7, S. 195f. Das SS-Ahnenerbe forderte das Reichsministerium des Innern auf, Langs wissenschaftliche Arbeiten zu überprüfen. Beauftragte Prüfer des Statistischen Reichsamts und der Beratende Psychiater des Heeres-Sanitätsinspekteurs Otto Wuth stellten schließlich bei diesem „politisch motivierten Vorgang“ methodische Fehler bei Langs Untersuchungen fest.Susanne zur Nieden: Erbbiologische Forschungen zur Homosexualität an der Deutschen Forschungsanstalt für Psychiatrie während der Jahre des Nationalsozialismus. Zur Geschichte von Theo Lang (= Forschungsprogramm Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus. Ergebnisse. 25). Forschungsprogramm Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus, Berlin 2005, S. 36.