mini|Steinzeitliche Höhlenmalerei mit jägerischem Kontext: „Herr der Tiere“ oder Schamane? Als Herr der Tiere oder seltener auch Herrin der Tiere wird ein göttliches Wesen bezeichnet, das in den Primärreligionen vieler Wildbeuter-Kulturen als Hüter der Tierwelt, bisweilen als ihr Schöpfer und Bewahrer ihrer Fruchtbarkeit oder auch als Helfer des Jägers angesehen wird. Diese Vorstellung war vor allem im nördlichen Eurasien, in Teilen Afrikas sowie Nord- und Südamerikas verbreitet.Walter Hirschberg (Begründer), Wolfgang Müller (Redaktion): Wörterbuch der Völkerkunde. Neuausgabe, 2. Auflage, Reimer, Berlin 2005. S. 171 – Stichwort: Herr(in) der Tiere.
Eine trotz Unterschieden vergleichbare Rolle spielte die Potnia theron (Herrin der Tiere) in der minoischen Kultur und der griechischen Antike. Die religionsgeschichtliche Wissenschaft geht davon aus, dass diese gottähnliche Vorstellung bereits in den ältesten archaisch-animistischen Religionen der Menschheitsgeschichte verehrt wurde.
Vielfalt der Figuren mini|Jaguar-Gott der Maya: Bärtiger Gott mit Jaguarumhang und Jaguar an der LeineChristian Ratsch und Heinz Jürgen Probst: Le bàho: Ethnozoologie bei den Maya in Yucatán am Beispiel der Orthogeomys spp. In. INDIANA 10, Ibero-Amerikanisches Institut Berlin, Gebr. Mann, . S. 240–242. Die Erscheinungsformen dieses Geistwesens waren sehr verschieden: Die Gestalt wurde entweder als menschenähnlich, als tierähnlich oder als Mischwesen beschrieben. Der Großteil dieser Wesen ist männlich, es kommen aber auch weibliche oder androgyne Figuren vor. Einige Beispiele:Klaus E. Müller: Schamanismus. Heiler, Geister, Rituale. 4. Auflage, C. H. Beck, München 2010 (Originalausgabe 1997), ISBN 978-3-406-41872-3. S. 17–18, 41. verschiedene Völker des Kulturareales Sibirien: bärengestaltiger Herr der Tiere, der tief in der Taiga lebt Ainu (Japan): Kamuy, Synonym für Gott und Bär Hindukusch: Mütter der Wildziegen und Steinböcke, die im eisigen Hochgebirge leben Tungusische Völker: Herrin der Elche und Hirsche, die im Wurzelwerk des Weltenbaumes lebt Pygmäen (Zentralafrika): Kmvum, himmlischer Schöpfergott und Herr der Tiere und PflanzenRudolf Tammeus u. Gerd-Rüdiger Koretzki (Hrsg.): Werkbuch. Religion entdecken – verstehen – gestalten. 7./8. Schuljahr: Materialien für Lehrerinnen und Lehrer. Vandenhoeck & Ruprecht 2001. S. 149. Eskimo: Sedna, die Gebieterin der Fische und Meeressäuger, die auf dem Meeresgrund lebt Cheyenne (USA): Ehyoph’sta, der Geist einer Büffelfärse in FrauengestaltHans Peter Duerr: Sedna, oder, Die Liebe zum Leben. Band 2, Suhrkamp 1984, S. 35. Maya (Yucatan): Yuntsil balam, der pfeifende Jaguargott, dem Hilfsgeister für einzelne Tierarten unterstehen Mbyá (Gran Chaco): Gu-achu Ja Ete bzw. Omimby i va’e – Derjenige, der pfeift –, die „wahren Herrn des Wildes“Sabine Lenke: Heil und Heilung. Krankheitsvorstellungen und Heilkunde der südamerikanischen Guaraní-Indianer, gespiegelt in den Quellen der Jesuiten. Inaugural-Dissertation, Freie Universität Berlin, 2012. S. 154–155, 157–158. Tupí-Guaraní-Völker (vor allem Brasilien, Bolivien): Curupi soll – wahrscheinlich seit der frühkolonialen Zeit – als „Herr der Tiere“ gelten. „[...] vollkommen behaart, in einer Hand trage er Pfeil und Bogen, in der anderen einen Stock, er schieße das Wild und entführe manchmal den einen oder anderen Menschen in seine Heimat“ Aché (Paraguay): Chono („Donner, Blitz, Gewitter“), Schutzherr oder -herrin einiger Tiere, insbesondere einiger Vögel. Soll früher ein dem Kolibri ähnlicher Vogel gewesen sein, heute ein arm- und beinloser Rumpf mit Kopf. Murngin (Australien): „Great Father up there in the sky“, sieht aus wie ein sehr großer Mensch und ist Besitzer aller Tiere. Er selbst verspeist sie im Himmel und nur, wenn er deren Knochen danach auf die Erde wirft, entstehen daraus viele neue Tiere der jeweiligen Art.W. Lloyd Warner aus A Black Civilisaition. London 1937/1958, S. 542, zitiert auf Wintersemester 1976/77, abgerufen am 30. März 2016. (Man beachte die Ähnlichkeit zu den Dema-Gottheiten der Gartenbaukulturen Neuguineas)
Bedeutung
Allen diesen Götterwesen ist gemeinsam, dass sie bestimmte Tiere beschützen und darüber entscheiden, ob ein Tier getötet werden darf oder nicht. Der Mensch – der sich in traditionellen Jägerkulturen als Verwandter der Tiere versteht – gerät durch die Jagd in ein Dilemma, denn das Töten von Verwandten gilt in allen menschlichen Kulturen als Vergehen. Der Jäger muss die Geisterwelt um Versöhnung bitten. Er kann die Entscheidung des Herrn der Tiere durch seinen Respekt oder durch Geschenke beeinflussen. Dazu müssen bestimmte Regeln und Rituale eingehalten werden. Bei Verstößen fürchteten die Menschen Bestrafungen durch den Herrn der Tiere. Eine weit verbreitete Regel, die offensichtlich der nachhaltigen Bewahrung des Wildbestandes diente, war die Beschränkung auf die Anzahl der Beutetiere, die für den Lebensunterhalt notwendig waren.
Bei manchen Ethnien war der lokale Geisterbeschwörer für die Kontaktaufnahme zum Tiergott zuständig und trug zum Teil auch die Verantwortung für das Jagdglück.
Siehe auch Animismus (Religion) Animatismus Totemismus Schamanismus Gehörnter Gott
Einzelnachweise
Kategorie:Tiergottheit Kategorie:Geistwesen Kategorie:Religionsethnologie