Soziologische Theorien entwerfen Konzepte, innerhalb derer sich soziale Vorgänge und Phänomene verstehen, deuten und erklären lassen. Anders als im naturwissenschaftlichen Bereich gibt es für den Gegenstand der Soziologischen Theorien (noch) keinen Konsens in Bezug auf eine einzige Grundlagentheorie. Das Feld der Soziologischen Theorie zeichnet sich somit durch eine Multiparadigmatizität aus.
Definition Soziologische Theorien stellen die wissenschaftliche Grundlage zur Erfassung des sozialen Zusammenlebens dar und sind meist der Fachdisziplin Soziologie zugeordnet. Soziologische Theorien versuchen nicht einen spezifischen Aspekt sozialer Gemeinschaften, Handlungen und Phänomene zu erfassen, sondern ein Gesamtbild der gesellschaftlichen Ordnung auszuarbeiten, sie werden daher dem Bereich der Allgemeinen Soziologie zugeordnet. Das menschliche Verhalten und die sozialen Strukturen werden aus einem Komplex vielfältiger, sozialer Dimensionen (wie Kultur, Geschlechterzusammenhänge, ökonomische oder politische Verhältnisse, Machtgefüge usw.) erklärt. mini|Émile Durkheim 1858–1917 Die menschlichen Zusammenschlüsse, sozialen Phänomene und Praktiken werden nicht auf rein individuelles Verhalten zurückgeführt. Es werden vor allem Strukturen, Beziehungsgeflechte (Figuration oder Relation) und geschichtliche Zusammenhänge zur Erklärung sozialer Vorgänge miteinbezogen. In diesem Sinne deuten soziologische Theorien Gesellschaft und menschliche Handlungen anders als psychologische Interpretationen. Es werden stattdessen gesellschaftliche Hintergründe und Zusammenhänge herausgearbeitet und aufgezeigt.Norbert Elias: Was ist Soziologie. (= Grundfragen der Soziologie). 11. Auflage. Juventa-Verlag, Weinheim u. a. 2009, ISBN 978-3-7799-0102-0, S. 9–31.J. Morel, E. Bauer, T. Meleghy, H.-J. Niedenzu, M. Preglau, H. Staubmann (Hrsg.): Soziologische Theorie. Abriss der Ansätze ihrer Hauptvertreter. 9., aktualisierte und erw. Auflage. de Gruyter Oldenbourg, München 2015, S. 1 f.Hartmut Rosa, Andrea Kottmann, David Strecker: Soziologische Theorien. (= UTB; UTB basics. 2836). 2., überarb. Auflage. UTB, Konstanz 2013, S. 14–17.
Klassisches Beispiel für diese soziologische Vorgehen ist die Selbstmordstudie von Émile Durkheim. Während im Alltagsverständnis Selbstmord ein rein individuelles Phänomen zu sein schien, zeigte Durkheim in einer der ersten soziologischen Studien bereits 1897, dass die Hintergründe für die tatsächlich individuellen Selbstmorde in großem Maße mittels sozialer Faktoren erklärt werden können. So untersuchte er Selbstmorde innerhalb unterschiedlicher Berufs- und Einkommensstände und konfessionellen Gruppen. Bei seinen Analysen zog er gesamtwirtschaftliche und jahreszeitliche Bedingungen mit ein. Laut seinen Schlussfolgerungen sind es die gesellschaftlichen Bedingungen von sozialer Kontrolle und Integration, die Aufschluss geben über Selbstmordraten und warum bestimmte soziale Gruppen eher dazu neigen als andere.Émile Durkheim: Der Selbstmord. 1. Auflage. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1983. mini|Max Weber 1864–1920 Anders als sozialphilosophische Ansätze versuchen soziologische Theorien über eine rein moralische Betrachtung gesellschaftlicher Phänomene hinausgehend den Gegenstand analytisch-methodisch (mit Hilfe von empirischen Methoden) fassbar zu machen.Kenneth Allan: Contemporary social and sociological theory. Visualizing social worlds. 1. Auflage. Pine Forge, Thousand Oaks Calif. u. a. 2006, S. 10 ff. Das Verhältnis von Gesellschaft und Individuum, die soziale Integration und Interaktion zwischen Gesellschaftsmitgliedern, soziale Differenzierungsprozesse, Wandel und Statik sozialer Phänomene und Handlungsmuster werden in Soziologischen Theorien grundsätzlich konzeptualisiert.Eva Bauer: Zur Entstehung soziologischer Theorie: Anfänge soziologischen Denkens. In: Julius Morel, Eva Bauer, Tamás Meleghy, Heinz-Jürgen Niedenzu, Max Preglau, Helmut Staubmann (Hrsg.): Soziologische Theorie. Abriss der Ansätze ihrer Hauptvertreter. 9. Auflage. de Gruyter Oldenbourg, München 2015, S. 1–31. Nicht alle Soziologischen Theorien behandeln diese Themen gleich ausführlich. Meist erschließen soziologische Theorien das Soziale aus einem Teilbereich der sozialen Wirklichkeit heraus und werden oft mittels dieses erklärenden Schwerpunktes eingeteilt. Beispielsweise beginnen manche Theorien ihre Erklärungen aus geschlechterspezifischen Dynamiken, andere erklären soziale Vorgänge mehr aus geschichtlich-gewachsenen Prozessen während wiederum andere soziologische Theorien Erklärungsansätze aus der sozio-ökonomischen Sphäre in den Vordergrund rücken. Je nach analytischem Deutungs- und Erklärungsansatz können soziologische Theorien nach ihrem Blick auf die soziale Wirklichkeit unterschieden werden. Schlüsselbegriffe in soziologischen Theorien sind sozialer Sinn, Akteure, Sozialstruktur, Funktion, soziale Bewegung, soziale Gruppe, Interaktion, soziale Beziehungen, soziale Differenzierung, Kommunikation, soziale Handlung, soziale Ordnung und soziale Systeme. Die Begriffe dienen zur Erfassung soziologischer Gegenstände und stellen oftmals auch den Blickwinkel einer soziologischen Theorie dar.
Jedoch finden weiterhin anhaltende Diskussionen über die grundlegende Ausrichtung und Zielsetzung soziologischer Theorien im Allgemeinen, ihre Eingrenzung und Einteilungsmöglichkeit statt.Georg Kneer, Stephan Moebius (Hrsg.): Soziologische Kontroversen. Beiträge zu einer anderen Geschichte der Wissenschaft vom Sozialen. (= Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft. 1948). 1. Auflage. Suhrkamp, Berlin 2010. Die starke Überschneidung mit anderen Disziplinen wird oft als problematisch für theoretische Grundlagen und Abgrenzung zu anderen Fächern empfunden.
Entstehungsgeschichte Soziologische Theorien nahmen ihren systematischen Anfang mit der Formung der Soziologie vorrangig im Europa des 18. und 19. Jahrhunderts. Die Beschäftigung mit (zeit-aktuellen,) sozialen Erscheinungen und ihre theoretisch-wissenschaftliche Analyse fällt somit in den zeitlichen Kontext der Industrialisierung, Säkularisierung, Urbanisierung, Rationalisierungsprozesse der politischen Herrschaft inklusive der Entstehung von Nationalstaaten und dem Geiste der Aufklärung. So thematisierten die ersten soziologischen Theorien vorrangig auch genau diese zeitaktuellen Umbrüche: soziale Differenzierungen, politische Ökonomie, Urbanisierung, Arbeitsteilung, Demokratisierungsprozesse und neue sozial-politische Ordnungen. Die historische Periode der Moderne ist somit wesentlicher Bestandteil der wissenschaftlichen Thematisierung von Gesellschaft in soziologischen Theorien. Mit dieser Zeit wurden also aufgrund des sozialen Wandels die ersten Fragen zur Gesellschaft aufgeworfen.Oliver Dimbath: Einführung in die Soziologie. (= UTB Soziologie. 3463). 1. Auflage. Fink, München, S. 51–70.Friedrich Jonas: Geschichte der Soziologie. Band II: Sozialismus, Positivismus. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1969, S. 7–10.J. Morel, E. Bauer, T. Meleghy, H.-J. Niedenzu, M. Preglau, H. Staubmann (Hrsg.): Soziologische Theorie. Abriss der Ansätze ihrer Hauptvertreter. 9., aktualisierte und erw. Auflage. de Gruyter Oldenbourg, München 2015, S. 1–7.Hartmut Rosa, Andrea Kottmann, David Strecker: Soziologische Theorien. (= UTB; UTB basics.). 2., überarb. Auflage. UTB, Konstanz 2013, S. 25–27.
Wegbereitend für die soziologischen Theoriebildungen waren schon vor der Entstehung der Soziologie als Wissenschaft andere Disziplinen, die sich früh mit der sozialen Welt beschäftigten. Die Fächer der politischen Philosophie, Geschichtswissenschaften, Nationalökonomie, Rechtswissenschaften und Staatswissenschaften können als frühe theoretische Beschäftigungen mit der Gesellschaft gelesen werden. Platon, Aristoteles, Jean-Jacques Rousseau, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Immanuel Kant, Alexis de Tocqueville, Karl Marx, Lorenz von Stein, Henri de Saint-Simon, John Stuart Mill, Herbert Spencer, Auguste Comte zählen unter anderem zu den Vorreitern der Wissenschaft vom Sozialen.Oliver Dimbath: Einführung in die Soziologie. (= UTB Soziologie. 3463). 1. Auflage. Fink, München 2011, S. 51–70.J. Morel, E. Bauer, T. Meleghy, H.-J. Niedenzu, M. Preglau, H. Staubmann (Hrsg.): Soziologische Theorie. Abriss der Ansätze ihrer Hauptvertreter. 9., aktualisierte und erw. Auflage. de Gruyter Oldenbourg, München 2015, S. 1–9. Hinweise auf allererste soziologische Überlegungen gehen bis in das 14. Jahrhundert auf Ibn Chaldūn zurück. Chaldūns philosophische Überlegungen zur sozialen Ordnung und sozialem Konflikt gelten als eine der allerersten spezifischen Auseinandersetzungen mit soziologischen Themen.Mehmet Soyer, Paul Gilbert: Debating the Origins of Sociology Ibn Khaldun as a Founding Father of Sociology. In: International Journal of Sociological Research. Band 5, Nr. 1-2, 2012, S. 13–30.
Im Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert und bis in das 20. Jahrhundert verhalfen die besonderen, europäischen Verhältnisse der soziologischen Thematik und Theoriebildung zum Durchbruch. Durch das Denken der Aufklärung und der Romantik motiviert, gelang es der Soziologie, sich vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis in das frühe 20. Jahrhundert als eigenständige Disziplin zu emanzipieren. Die Beschäftigung mit soziologischen Gegenständen und die zunehmende Institutionalisierung der jungen Disziplin wurde dabei stets von intensiver Theoriearbeit begleitet. Zu den Vertretern vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum 20. Jahrhundert zählen unter anderen Émile Durkheim, Max Weber, Georg Simmel, Ferdinand Tönnies, George Herbert Mead, Karl Mannheim.Oliver Dimbath: Einführung in die Soziologie. (= UTB Soziologie. 3463). 1. Auflage. Fink, München 2011, S. 62–68.J. Morel, E. Bauer, T. Meleghy, H.-J. Niedenzu, M. Preglau, H. Staubmann (Hrsg.): Soziologische Theorie. Abriss der Ansätze ihrer Hauptvertreter. 9., aktualisierte und erw. Auflage. de Gruyter Oldenbourg, München 2015, S. 14–31. Ab Mitte des 20. Jahrhunderts sind unter anderem Alfred Schütz, Norbert Elias, Raymond Aron, Claude Lévi-Strauss, Arnold Gehlen, Helmuth Plessner, Ralf Dahrendorf, Talcott Parsons, Robert K. Merton, Michel Foucault, Niklas Luhmann, Jürgen Habermas, Jean-François Lyotard uvm. zu nennen, deren soziologische Theorien sich mit den Sozialgefügen und der (kritischen) Beschreibungen ihrer Gegenwart beschäftigten.
Pluralität soziologischer Paradigmen Zwischen den Positionen soziologischer Theorien wird stets auch über die jeweilige Ausrichtung diskutiert. Die zugeordnete Fachdisziplin Soziologie reflektiert diese Uneinigkeit der theoretischen Grundlagen:
Die anhaltenden Versuche, soziale Verhältnisse in einer einzigen soziologischen Theorie (Gesamttheorie) zu erfassen, sind innerhalb des Faches selbst umstritten.Friedrich Jonas: Geschichte der Soziologie. Band II: Sozialismus, Positivismus. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1969, S. 132–141. Neben den Versuchen, eine Gesamttheorie zu formulieren, gibt es in den Sozialwissenschaften auch Auffassungen, die den Zustand multipler, soziologischer Zugänge akzeptieren. Mit dieser letzteren Sichtweise einer Multiparadigmatizität können unterschiedliche soziale Phänomene nur mit jeweils spezifischen Theorien erklärt werden. Diesem Ansatz folgend, deckt eine soziologische Theorie nur gewisse Dimensionen sozialer Verflechtungen ab.Joachim Fischer: Multiparadigmatizität der Soziologie Übersichten, Unterscheidungen, Ursachen und Umgangsformen. In: Die multiparadigmatische Struktur der Wissenschaften. Springer Fachmedien Wiesbaden, Wiesbaden 2014, S. 337–370. Es wird also davon ausgegangen, dass die komplexe, soziale Wirklichkeit nicht durch eine einzige Theorie erklärt werden kann.
Die Ursachen dafür sind vielfältig und strittig: Beispielsweise wird das im wissenschaftsgeschichtlichen Verlauf relativ späte Auftreten der Soziologie als Fach oder der überaus komplexe Gegenstand von Gesellschaft und menschlichem Verhalten zueinander, angeführt.