mini|« Traité des trois imposteurs » oder « L’Esprit de Spinosa » Der anonyme französischsprachige, religionskritische Traité des trois imposteurs ou L’esprit de Mr. Benoit de Spinosa (deutsch: „Traktat über die drei Betrüger“ oder „Der Geist des Herrn Benedikt von Spinoza“) ist ein legendenumwobenes Schlüsseldokument der materialistisch-atheistischen Radikalaufklärung und der klandestinen Literatur des 18. Jahrhunderts.

Die gedruckte Erstausgabe erschien 1719 in Den HaagSilvia Berti: L’Esprit de Spinosa: ses origines et sa première édition dans leur contexte spinozien. In: Heterodoxy, Spinozism and free thougt in early-eighteenth-century Europe: Studies on the Traité des Trois Imposteurs. ISBN 978-90-481-4741-0, S. 3–52, S. 6; books.google.de unter dem Titel „La Vie et l’Esprit de Mr. Benoit de Spinosa“. Ein Original des Erstdrucks von 1719 befindet sich in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main.Universitätsbibliothek Frankfurt am Main: La vie est l’esprit de Mr. Benoit de Spinosa, angeblicher Verfasser: Jean Maximilien Lucas; Einband-Slg. 703

Dieses „blasphemische“ Pamphlet wird nach dem aktuellen Forschungsstand (2015) auf den Zeitraum zwischen 1677 und 1700 datiert:Winfried Schröder: Ursprünge des Atheismus. Untersuchungen zur Metaphysik- und Religionskritik im 17. und 18. Jahrhundert (= Quaestiones, 11). 2. Auflage. Frommann-Holzboog, Stuttgart-Bad Cannstatt 2012, ISBN 978-3-7728-2608-5 (Anhang, § 7, S. 452–464)

Der französischsprachige „Traité des trois imposteurs ou L’Esprit de Mr. de Spinosa “darf nicht mit der quasi gleichlautenden mittellateinischen Schrift „De tribus impostoribus“ (Über die drei Betrüger) verwechselt werden. Indes weisen beide Pamphlete Gemeinsamkeiten auf, inhaltliche und gattungsgeschichtliche. Beide Kritiken der drei abrahmanitischen Religionen werden der klandestinen Literatur, der Untergrund-Literatur zugeordnet, wie auch der Theophrastus redivivus, die Schrift De imposturis religionum (Über die Betrügereien der Religionen) oder das Mémoire des Jean Meslier.

Inhalt und Gliederung des „Betrügerbuchs“ Inhalt

Der Religionshistoriker Georges Minois fasst die Kernaussage des Pamphlets in seiner Monographie prägnant zusammen:

Der Philosophiehistoriker Winfried Schröder (Philosoph) sieht im „Traité des trois imposteurs“ eine vorweggenommene Programmschrift der radikalaufklärerischen Strömung:

Winfried Schröder führt weiter aus, dass im Traktat über die drei Betrüger nicht allein die Stifterfiguren der drei abrahamitischen Religionen als Betrüger dargestellt werden. Auch der Deismus wird des Betruges verdächtigt. Ebenfalls wird die natürliche Theologie, theologia naturalis oder philosophische Theologie als ein Bündel von Vorurteilen entlarvt:

Gliederung des Traktates Das WerkNach der von Winfried Schröder herausgegebene Ausgabe, welcher der Text von 1768 zugrunde liegt. – Anonymus: Traktat über die drei Betrüger / Traité des trois imposteurs, Philosophische Bibliothek Meiner, 1992, Französisch/Deutsch, ISBN 978-3-7873-1174-3, Editorische Hinweise, S. XLIV gliedert sich in sechs große Kapitel, welche jeweils in Unterabschnitte unterteilt sind: Kapitel: «De Dieu» — „Über Gott.“ Dieses 1. Kapitel ist in sechs durchnummerierte Abschnitte unterteilt. Kapitel: «Des raisons qui ont engagé les hommes à se figurer un Être invisible qu’on nomme communément Dieu», — „Über die Gründe, welche die Menschen bewegt haben, sich ein unendliches Wesen vorzustellen, das man gemeinhin Gott nennt.“ Das 2. Kapitel weist 11 Unterabschnitte auf. Kapitel: «Ce que signifie ce mot RELIGION: comment et pourquoi il s’en est introduit un si grand nombre dans le monde» — „Was das Wort RELIGION bedeutet: wie und warum sich eine so große Zahl in der Welt verbreitet hat.“ Das 3. Kapitel ist in 23 Abschnitte unterteilt, z. B. X. Abschnitt „Über Moses“, XII. Abschnitt „Über Jesus Christus“, XXII. Abschnitt „Über Mohammed“. Kapitel: «Vérités sensibles et évidentes» — „Sinnliche und evidente Wahrheiten.“ Das 4. Kapitel ist in 6 Abschnitte unterteilt. Kapitel: «De l’âme» — „Über die Seele.“ Das 5. Kapitel ist in 7 Abschnitte unterteilt. Kapitel: «Des esprits qu’on nomme démons» — „Über die Geister, die man Dämonen nennt.“ Das 6. und letzte Kapitel ist in 7 Abschnitte unterteilt und endet mit einem Vergil-Zitat: Felix qui potuit rerum cognoscere causas Atque metus omnis et inexorabile fatum Subjecit pedibus strepitumque Acherontis avari Glücklich, wer die Ursachen der Dinge erkennen konnte Und jedwede Furcht und das unerbittliche Schicksal Und das Rauschen des unersättlichen Acheron Unter die Füße zwang. Vergil, Georgica, Zweites Buch, Verse 490–492

Editions- und Rezeptionsgeschichte Editionsgeschichte mini|Frontispiz einer anonymen Ausgabe von Les trois Imposteurs aus dem 18. Jahrhundert Die erste Druckversion des Betrügertraktates erschien 1719 unter dem Titel et de Mr. Benoit de Spinosa. Vorangestellt war eine kurze Lebensbeschreibung Baruch Spinozas: La vie de Spinosa, die dem französischen Hugenotten-Flüchtling Jean-Maximilien Lucas zugeschrieben wird.Jean-Maximilien Lucas: Vie de Spinoza, 1735 (?), traduit par E. Saisset, réédité 1842Eine deutsche Übersetzung dieser Spinoza-Biographie von J.-M. Lucas findet man in: Baruch de Spinoza: Sämtliche Werke. Felix Meiner Verlag, Hamburg 1998; Band 7: Spinoza – Lebensbeschreibungen und Dokumente, herausgegeben von Manfred Walther, Übersetzung der Spinoza-Biographie durch Carl Gebhardt. ISBN 3-7873-0699-4, S. 21–47. Spinoza galt den Zeitgenossen als ketzerischer, „verruchter“ Philosoph. So polemisiert zum Beispiel der lutherische Theologe Christian Kortholt 1680 gegen Baruch de Spinoza:

Spinozas Sentenz Deus sive Natura (deutsch: Gott oder auch die Natur),Baruch de Spinoza: Ethica ordine geometrico demonstrata – Ethik. In geometrischer Weise behandelt in fünf Teilen Vorwort des Vierten Buches‘‘ die man im Vierten Buch seiner Ethik findet, ist die Formel für die Gleichsetzung von Gott und Natur. Diese philosophische Position Spinozas, nach der Gott mit dem Weltall identisch ist, nennt man Pantheismus.

L’esprit de Spinosa, der Hauptteil des Erstdrucks, umfasste 21 Kapitel.Anonymus: Traktat über die drei Betrüger / Traité des trois imposteurs. Philosophische Bibliothek Meiner, 1992, Französisch/Deutsch. Herausgeber Winfried Schröder, ISBN 978-3-7873-1174-3, S. XXVI: Synoptische Übersicht der Kapiteleinteilung der Ausgaben 1719 und 1768. Der Text wurde um Exzerpte aus den Schriften von Gabriel Naudé und Pierre Charron vermehrt. Spätere Ausgaben erschienen in der Regel ohne eine vorangestellte Spinoza-Biographie und wiesen abweichende Kapiteleinteilungen auf.

Rezeptionsgeschichte Der Betrügertraktat wurde zuerst geheim als Manuskript „klandestin“ von Hand zu Hand gereicht. Es wurde der gebildeten Öffentlichkeit erst durch die Druckversion aus dem Jahre 1719 bekannt. Ein Großteil der Auflage wurde verbrannt, doch es zirkulierten Abschriften und Übersetzungen ins Italienische und Deutsche.

1768 redigierte der materialistische Radikalaufklärer, Sammler und Herausgeber klandestiner Schriften Baron D’Holbach eine stark überarbeitete Fassung, Traité des trois imposteurs, die das allgemeine Publikum ansprechen sollte.Paul Henri Thiry, baron d’Holbach: Traité des trois imposteurs: Moïse, Jésus-Christ, Mahomet, 1777. Da sie sich nicht nur gegen die Offenbarungsreligionen, sondern auch gegen die Natürliche Theologie wendet, erregte sie auch bei den Philosophen Aufmerksamkeit.

1769 veröffentlichte Voltaire – als Deist ― eine Gegenschrift: Épitre à l’auteur du livre des trois imposteurs, Brief an den Verfasser des Buches der drei Betrüger, in dem man einen oft zitierten Alexandriner vorfindet:

Für Voltaire ist der Glaube an einen strafenden und belohnenden Gott ein notwendiges moralisches Ordnungsprinzip von Staat und Gesellschaft, unabhängig von dessen ontologischer Wahrheit.

Der Traité beeinflusste den Marquis de Sade, der Motive wie den Priesterbetrug oft aufgriff und Abschnitte über die Kritik des Gottesbegriffs und der traditionellen Sittenlehre fast wörtlich in der Histoire de Juliette von 1796 übernahm.Anonymus: Traktat über die drei Betrüger / Traité des trois imposteurs. Philosophische Bibliothek Meiner, 1992, ISBN 978-3-7873-1174-3 (französisch, deutsch). Herausgeber Winfried Schröder, Einleitung III, S. XLI.

Quellen des anonymen Autors Der Traité ist zu beträchtlichen Teilen aus Paraphrasen und gelegentlich wortgetreuen Übersetzungen von Passagen aus verschiedenen Texten des 17. Jahrhunderts montiert.Winfried Schröder: Ursprünge des Atheismus. Untersuchungen zur Metaphysik- und Religionskritik im 17. und 18. Jahrhundert (= Quaestiones, 11). 2. Auflage. Frommann-Holzboog, Stuttgart-Bad Cannstatt 2012, ISBN 978-3-7728-2608-5 (Anhang, § 8, S. 463). Der anonyme Autor bediente sich in der religionskritischen Literatur seit der Antike, etwa bei Philon von Alexandria, dem Platoniker Kelsos (überliefert in Origenes’ Contra Celsum) und dem Kaiser Julian. Wesentliche Anregungen lieferten Lucilio Vanini,Iulii Caesaris Vanini: De admirandis naturae, reginae deaeque mortalium arcanis, libri IV. Lutetiae, Apud Adrianum Perier, 1616. (Digitalisat) François de La Mothe le Vayer, Thomas Hobbes und Baruch Spinoza:

Spinoza-Paraphrasierungen sind dem Appendix des Ersten Buches der Ethica, ordine geometrico demonstrata und dem Tractatus theologico-politicus entlehnt.Anonymus: Traktat über die drei Betrüger / Traité des trois imposteurs. Philosophische Bibliothek Meiner, 1992, Französisch/Deutsch. Herausgeber Winfried Schröder, ISBN 978-3-7873-1174-3, Vorwort III, S. XXIX. Des Weiteren findet man Paraphrasen aus Werken von Hobbes (I, 5; II, 1; III, 2–9, 11; VI, 1–6), Vanini (I, 5; II, 11; III, 13–15, 22), La Mothe Le Vayer (III, 12, 17–18) und Guillaume Lamysiehe französischsprachige Wikipedia:Guillaume Lamy (V, 2–7).Anonymus: Traktat über die drei Betrüger / Traité des trois imposteurs. Philosophische Bibliothek Meiner, 1992, Französisch/Deutsch. Herausgeber Winfried Schröder, ISBN 978-3-7873-1174-3, Vorwort III, S. XXIX.

Mögliche Autoren Umfangreiche quellenhistorische Untersuchungen der italienischen Historikerin Silvia Berti haben in ihren Augen ergeben, dass der anonymen Autor der niederländische Jurist Jan Vroese (1672–1725) war.Silvia Berti: L’Esprit de Spinosa: ses origines et sa première édition dans leur contexte spinozien. In: Heterodoxy, Spinozism and free thougt in early-eighteenth-century Europe: Studies on the Traité des Trois Imposteurs. ISBN 978-90-481-4741-0, S. 3–52, books.google.de/books

Raoul Vaneigem nennt in seiner WerkausgabeRaoul Vaneigem (Verfasser des Vorwortes und Herausgeber): L’Art de ne croire en rien suivi de Livre des trois imposteurs. Payot & Rivages 2002, ISBN 978-2-7436-1002-9, S. 125–233. als möglichen Autor den französischen Hugenotten-Flüchtling Jean Rousset de Missy.

Für den Philosophiehistoriker, Übersetzer und Herausgeber diverser klandestiner Texte Winfried Schröder hingegen bleibt die Frage nach der Verfasserschaft des Traité des trois imposteurs völlig offen, „unanswerable in our current state of ignorance.“Winfried Schröder: Ursprünge des Atheismus. Untersuchungen zur Metaphysik- und Religionskritik im 17. und 18. Jahrhundert (= Quaestiones, 11). 2. Auflage. Frommann-Holzboog, Stuttgart-Bad Cannstatt 2012, ISBN 978-3-7728-2608-5 (Anhang, § 8, S. 463). Derselben Ansicht sind Miguel BenítezS. V sowie Bertram Eugene Schwarzbach und Andrew W. Fairbairn:Bertram Eugene Schwarzbach, Andrew W. Fairbairn: Structure of our Traité des trois imposteurs. In: Heterodoxy, Spinozism and free thougt in early-eighteenth-century Europe: Studies on the Traité des Trois Imposteurs. S. 75–130, ISBN 978-90-481-4741-0: Seite VII

Editionen Anonymus: Traktat über die drei Betrüger / Traité des trois imposteurs. Philosophische Bibliothek Meiner, 1992, Französisch/Deutsch. Herausgeber Winfried Schröder, ISBN 978-3-7873-1174-3.