Bei der Bombardierung der Klinik von Ärzte ohne Grenzen in Kundus durch mehrere gezielte Luftangriffe auf das Hauptgebäude der Klinik durch ein Flugzeug der Streitkräfte der USA im Norden Afghanistans wurden in den frühen Morgenstunden des 3. Oktober 2015 42 Menschen getötet, darunter 13 Angestellte von Ärzte ohne Grenzen und 10 Patienten. Drei davon waren Kinder. 37 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt. Von neun Patienten fehlte zwei Wochen später immer noch jede Spur.
Bei den US-Luftangriffen wurde das Hauptgebäude der Traumatologie-Klinik zerstört, das Krankenhaus war seither nicht mehr in Betrieb und die Organisation Ärzte ohne Grenzen zog sich aus Kundus zurück. Laut Ärzte ohne Grenzen, auf internationaler Ebene auch französischsprachig als Medecins Sans Frontières (MSF) bekannt, hatten somit „zehntausende Menschen in einer Stadt, die durch wochenlange Kämpfe zerstört war, keinen Zugang zu medizinischer und chirurgischer Nothilfe“.
Die Untersuchung der amerikanischen Streitkräfte erklärte, dass der Angriff nicht hätte erfolgen dürfen, da Angehörige Einsatzregeln nicht eingehalten haben. Mehrere Angehörige wurden von ihrem Dienst suspendiert. Die Untersuchung nannte den Angriff „menschliches Versagen“ („tragic and avoidable accident, caused by human error“).US says deadly strike on Afghan hospital was avoidable, Al Jazeera, 25. November 2015
Allgemeine Lage Kriegssituation
Lange vor diesem Vorfall war der Kampfeinsatz der Bundeswehr und der NATO in Afghanistan ausgelaufen; das Feldlager Kundus und die Region Kundus waren am 6. Oktober 2013 in eine regionale Sicherheitsverantwortung übergeben worden. (Zum größeren Rahmen der Kriegshandlungen siehe auch: Krieg in Afghanistan seit 2001.)
Die US-Regierung unter Barack Obama hatte geplant, alle amerikanischen Soldaten bis zum Ende der Amtszeit Obamas aus Afghanistan abzuziehen (allgemeiner zur Rolle der USA dort siehe: US-amerikanische Beteiligung am Krieg in Afghanistan). General John F. Campbell forderte jedoch im Februar 2015 eine „größere Flexibilität“ beim Abzug.
In einem überraschenden Angriff hatten die Taliban am Morgen des 28. September 2015 die Stadt Kundus gestürmt und eingenommen. Nach Angaben der afghanischen Regierung wurden weite Teile der Stadt in den nächsten Tagen durch afghanische Spezialkräfte, unterstützt durch US-Luftangriffe, zurückerobert. Der Spiegel berichtete, dass diese Gegenoffensive rasch startete, zunächst allerdings sehr schleppend verlief.
Die deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen äußerte, die NATO solle ihre Beschlüsse über die weitere Truppenstationierung nicht nach „starren Zeitlinien“, sondern nach der aktuellen Sicherheitslage treffen. Nach Angaben der „Washington Post“ vom 6. Oktober 2015 prüfte Präsident Obama die Möglichkeit, den geplanten Komplettabzug zu verschieben oder aufzugeben. Am 15. Oktober gab er die Absicht der Regierung bekannt, tausende US-Truppen bis 2017 in Afghanistan zu belassen.
Die Klinik mini|Lage des MSF Trauma Centers in Kundus. Bei der Klinik handelte es sich um eine Einrichtung, die ausschließlich aus Spenden finanziert wurde. Dort wurde jeder nach medizinischen Erforderlichkeiten und unabhängig von Herkunft, Religion oder politischen Verbindungen behandelt. Kämpfer mit Waffen hatten keinen Zutritt zur Klinik. Nach dem Beginn der Offensive am 29. September bis zur Zerstörung der Klinik waren dort nach Angaben von MSF 345 Verletzte behandelt worden, einschließlich 59 Kinder. In den meisten Fällen handelte es sich um Schusswunden. 89 Patienten waren in kritischem Zustand eingeliefert worden. Bei der Klinik handelte es sich um eine chirurgische Spezialklinik; sie war aufgrund fehlender Funktionsfähigkeit des Provinzkrankenhauses die einzige Einrichtung in der Stadt Kundus, wo akute Traumafälle behandelt werden konnten. Sie war in den Tagen vor dem Fliegerangriff an die Grenze der Belastbarkeit gekommen.
Die 2011 eingerichtete Klinik hatte den Zweck, „qualitativ hohe kostenlose medizinische Hilfe und chirurgische Versorgung für Menschen mit Verletzungen durch Verkehrsunfälle und Kriegsverwundungen durch Bombenexplosionen und Schussverletzungen zu ermöglichen“. So wurden 2014 über 22.000 Patienten dort behandelt und mehr als 5.900 chirurgische Eingriffe durchgeführt; in der ersten Hälfte von 2015 waren es 13.442 Patienten und 3.378 Operationen. Die meisten Patienten kamen aus Kundus, viele aber auch aus benachbarten Provinzen, teils sogar aus dem entfernten Herat.
Im Juli 2015 war es bereits zu einem anders gelagerten Zwischenfall in der Klinik gekommen: Damals waren schwer bewaffnete Soldaten der afghanischen Spezialkräfte in die Klinik eingedrungen, schossen in die Luft, griffen drei Mitarbeiter der Organisation tätlich an und betraten anschließend bewaffnet das Krankenhaus, wo sie drei Patienten verhafteten, bis sie das Gelände ungefähr eine Stunde später verließen. Zwischenzeitlich wurde einer der Mitarbeiter, der die medizinische Versorgung der Patienten aufrechtzuerhalten versuchte, von zwei der eindringenden Soldaten mit der Waffe bedroht. Als Reaktion auf die Bedrohung hatte die Hilfsorganisation ihre Aktivitäten in Kundus vorübergehend eingestellt und bekanntgegeben: „Wir haben den afghanischen Verteidigungsminister und den Innenminister dringend um Treffen gebeten, um offizielle Zusicherungen zu erhalten, dass unsere medizinische Arbeit respektiert wird und es nicht mehr zu solchen Zwischenfällen kommt.“
In der Woche, in der die Klinik vom Luftangriff getroffen wurde, hatte sie 400 afghanische und zehn internationale Mitarbeiter. Aufgrund der großen Zahl der Verletzten arbeiteten viele der Mitarbeiter zu dieser Zeit über mehrere Tage ununterbrochen durch. Noch am Donnerstag vor dem Angriff, am 1. Oktober, hatte der Leiter des medizinischen Teams berichtet: „Wir befinden uns inmitten der Kampfhandlungen. Dennoch respektiert man unser Krankenhaus und die Mitarbeiter. Bisher können wir ungehindert unsere Arbeit machen.“
Verlauf Der Angriff fand in der Nacht zum Samstag, den 3. Oktober 2015 statt und dauerte Ärzte ohne Grenzen zufolge von 2:08 bis 3:15 Uhr Ortszeit an. Späteren Angaben des US-Militärs zufolge hätten afghanische Sicherheitskräfte als Luftunterstützung einen Angriff auf die Klinik angefordert. Auch die Luftangriffe bei Garani und Kundus 2009 waren auf Anforderung erfolgt.
Eine Untersuchung des Vorfalls durch die New York Times im Mai 2016 zeigte, dass das Personal der Klinik zwar Kämpfern mit Waffen den Zutritt zum Krankenhaus verboten, ihnen aber ihre Funkgeräte belassen hatte, deren Emissionen von afghanischen Spezialeinheiten mit Sensoren im Gebäude geortet wurden, woraus diese schlossen, die Taliban würden ihre Verbände im Kampf um die Stadt aus dem Krankenhaus heraus führen. Schließlich kam es im Verlauf der Kämpfe um die Stadt bei der Anforderung eines Luftangriffes auf ein Gebäude in der Nähe des Krankenhauses zu Unstimmigkeiten wegen der Koordinaten. Die Besatzung des angreifenden Flugzeuges verlangte eine Beschreibung des anzugreifenden Gebäudes von den Bodentruppen. Durch ANA-Einheiten wurde das Krankenhaus beschrieben. Die AC-130-Besatzung erkannte das beschriebene Gebäude mithilfe ihrer Sensoren und begann um 2.30 Uhr morgens mit dem Beschuss. Das Gebäude war eines der wenigen beleuchteten Gebäude der Stadt und lag in exponierter, unverwechselbarer Lage. Das Dach war am Freitag frisch mit zwei rot-weißen Flaggen der Ärzte ohne Grenzen gekennzeichnet worden, es war jedoch nicht mit Zeichen der Organisationen des Roten Kreuzes oder des Roten Halbmondes versehen.Matthieu Aikins: „Doctors With Enemies: Did Afghan Forces Target the M.S.F. Hospital?“ New York Times vom 17. Mai 2016
Nach dem ersten Angriff um 2.08 Uhr telefonierte die Projektleitung in Kundus sofort mit der Zentrale in Kabul, die wiederum die NATO-Zentrale in Kabul und das Pentagon in Washington informierte und sie aufforderte, umgehend die Angriffe einzustellen. Trotzdem wurden aber weiterhin alle zehn bis fünfzehn Minuten Beschüsse durchgeführt. Insgesamt wurde die Klinik im Verlauf von mehr als einer Stunde bis 3.15 Uhr fünfmal angeflogen und beschossen. In dieser Zeit befanden sich 105 Patienten und 80 Personen des medizinischen Personals in der Klinik. Wegen der Kämpfe in Kundus hatten viele Mitarbeiter nicht nach Hause gehen können, sondern waren im Krankenhaus geblieben. mini|Besatzung einer AC-130 des 4th Special Operations Squadron beim Beladen der 105mm Kanone im Vordergrund und der 40mm Kanone im Hintergrund. Der Angriff wurde von einem Schlachtflugzeug des Typs AC-130 der 4th Special Operations Squadron der US-Luftwaffe durchgeführt. Da diese großen Maschinen beim Angriff recht tief fliegen, werden sie, um die Gefahr eines Abschusses zu vermindern, meist nachts eingesetzt und sind mit Nachtsichtgeräten ausgestattet. Die Crew, in der Regel befinden sich zwölf Mann an Bord, schießt auf Sicht, das heißt, die Schützen müssen das Ziel im Visier haben. Die Bewaffnung besteht aus einem 25-mm-Geschütz, einem 40-mm-Geschütz und einer 105-mm-Haubitze. Verschossen werden unter anderem Sprengbrand- und Splittersprenggranaten.
Von der Klinik, die sich in einer ausgedehnten Anlage befand, wurde ausschließlich und ganz gezielt das im Mittelpunkt liegende Hauptgebäude, in dem sich die wichtigsten Teile der Klinik, die Intensivstation, die Notaufnahme und die physiotherapeutische Abteilung befanden, angegriffen. Die umliegenden Gebäude wurden nicht angegriffen und blieben unbeschädigt.
Zunächst wurde berichtet, bei den Angriffen seien 19 Personen getötet worden. Es handle sich dabei um zwölf Mitarbeiter der Klinik und sieben Patienten, darunter drei Kinder. Zudem seien weitere 37 Menschen – 19 Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen und 18 Patienten oder Angehörige – zum Teil schwer verletzt worden. Bei den Betroffenen handle es sich in allen Fällen um Afghanen. Drei internationale Mitarbeiter der Hilfsorganisation, die sich während des Angriffs in der Klinik aufhielten, überlebten. Am Tag nach dem Vorfall berichteten Agenturen von 22 Toten. Die Zahl der getöteten Patienten hatte sich um drei Personen auf zehn erhöht. Später wurden zwei weitere Ärzte für tot erklärt.
Die MSF hatten allen Parteien in den vergangenen Monaten mehrfach die genauen Koordinaten aller Gebäude der Klinik mitgeteilt, zuletzt am 29. September. Ein solches Vorgehen ist üblich, um zivile Einrichtungen wie Krankenhäuser zu schützen. Überlebende berichteten davon, dass mehrere Patienten bei lebendigem Leib in ihren Betten verbrannten.
Die Ärzte ohne Grenzen berichteten, dass überlebende Mitarbeiter die Versorgung von Verletzten in einem Nebengebäude sowie in einem anderen Krankenhaus fortsetzten. Ärzte unter Schock versuchten, denjenigen zu helfen, die behandelbare Verletzungen hatten, und führten Notoperationen durch.
Reaktionen Ärzte ohne Grenzen Die Präsidentin von MSF Melanie Nicolai erklärte, es handele sich um einen abscheulichen Angriff, der eine schwere Übertretung internationalen humanitären Rechts darstelle. Den in einer ersten Stellungnahme eines US-Militärsprechers verwendeten Begriff aufgreifend, erklärte sie es für inakzeptabel, diesen großen Verlust an Menschenleben als „Kollateralschaden“ abzutun. MSF forderte eine unabhängige Untersuchung auf internationaler Ebene.
Am Tag nach dem Angriff kündigte MSF ihren Rückzug aus Kundus an. MSF ziehe sich vorerst aus der Stadt zurück, da die Klinik nicht mehr nutzbar sei; ob das Traumazentrum später wiedereröffnet werde, sei noch unklar. Wenige Tage später verkündeten die Vereinten Nationen, dass sämtliche humanitäre Organisationen inzwischen Kundus verlassen hätten.