Lorenzo G. Vidino (* 1977 in Mailand, Italien) ist Programmdirektor für Extremismus an der George Washington University und gibt Publikationen auf den Gebieten Radikalisation, Gegenradikalisierung sowie Islamismus heraus.

Biografie und Positionen Lorenzo Vidino erwarb ein rechtswissenschaftliches Diplom an der Universität Mailand sowie ein Doktorat an der Tufts University Fletcher School in Internationale Beziehungen und hatte bisweilen Anstellungen am Belfer Center for Science and International Affairs an der Harvard-Universität, der RAND Corporation und dem Center for Security Studies (CSS) an der ETH Zürich. Seine Anfänge machte er in den 2000er-Jahren im Umfeld weit rechts stehender Republikaner in den USA.

Die Bridge Initiative kritisiert Vidino dafür, im November 2005 in einem Interview mit dem konservativen bis rechtsradikalen Frontpage Magazine gesagt zu haben: „Demografie lügt nicht: In einigen Jahrzehnten werden ethnische Nicht-Europäer in vielen europäischen Städten die Mehrheit der Bevölkerung darstellen, und ein großer Prozentsatz von ihnen werden Moslems sein.““Demography doesn't lie: in a couple of decades non-ethnic Europeans will represent the majority of the population in many European cities and a large percentage of them will be Muslim.” Jamie Glazov: Al-Qaeda in Europe. In: Frontpage Magazine, 14. November 2005.New Government Counter-Extremism Chief’s Ties to Pro-Trump Hate Groups

Vidino gehört dem wissenschaftlichen Beirat der von der Bundesregierung Kurz II eingesetzten Dokumentationsstelle Politischer Islam an, die im Juli 2020 von Bundesministerin Susanne Raab präsentiert wurde. Ursprünglich war diese Stelle ein geplantes Projekt der Koalition von ÖVP und FPÖ (Bundesregierung Kurz I).

Im Vergleich zum militanten Islamismus sieht Vidino im politischen Islam, der „ein Projekt der langfristigen gesellschaftlichen Umgestaltung“ verfolge, die größere Bedrohung für die westliche Kultur.

Der Standard und die österreichische Juristin und Nationalratsabgeordnete Stephanie Krisper (Neos)Jan Michael Marchart: Umstrittene Razzien gegen angebliche Muslimbrüder werden Thema im ÖVP-U-Ausschuss Der Standard, 18. Juli 2022. rechnen Vidino „dem Umfeld der rechtsstehenden Republikaner aus den USA“ zu. In einem Interview mit der Wiener Zeitung bezeichnete er diesen Vorwurf als typisch für den oberflächlichen Ansatz, dass jeder, der sich mit Islamismus beschäftigt, sofort ein extremer Rechter sei. Zudem sei er ein eingetragenes Mitglied der Demokraten gewesen und habe mit der linken Regierung in Italien rund um Matteo Renzi zusammengearbeitet. Er kritisierte darin die Politisierung des Problems in Österreich und die seiner Ansicht nach gezielten Methoden der Diffamierung ohne Grundlage. Kritik an Studien und Berichten sei gut und wichtig, in Österreich würden manche Informationen zum Politischen Islam aber sofort verworfen werden, und zwar nicht nur von Organisationen, die dem Islamismus nahestehen, sondern auch teils vom politischen Mainstream.

Kritik und Rezeption Operation Luxor In den Ermittlungen rund um die Operation Luxor, bei der eine Woche nach dem islamistisch motivierten Terroranschlag vom 2. November 2020 hunderte zum Teil schwer bewaffnete Polizisten Hausdurchsuchungen bei rund 70 Beschuldigten durchführte, bezog man sich auch auf eine Studie von Vidino aus dem Jahr 2017. Diese Studie mit dem Titel „Muslim Brotherhood in Austria“ wurde vom Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT) mit 10.000 Euro und vom Österreichischen Integrationsfonds mit 80.000 Euro finanziert. Schon damals hatte die Muslimische Jugend Österreich (MJÖ) eine Methodenkritik veröffentlicht. Zudem habe der Direktor des BVT gegenüber der MJÖ betont, das BVT habe keinen inhaltlichen Beitrag zur genannten Studie geleistet. Im Juli 2022 deckte der Der Standard auf, dass eine solche Studie bereits in einem im Jahr 2016 vom damaligen ÖVP-Politiker und späteren Bundeskanzler Sebastian Kurz entwickelten Strategieplan zur Machtergreifung, dem Projekt Ballhausplatz, geplant war. Aus diesem Grund schlug die Abgeordnete Stephanie Krisper (Neos) vor die Studie zum Gegenstand des ÖVP-Korruption-Untersuchungsausschusses zu machen. Im Fall des ehemaligen Präsidenten der IGGÖ, Anas Schakfeh, und seiner Stiftung wurden die Vorwürfe gerichtlich zurückgewiesen.Hans Rauscher: »Operation Luxor«: Entscheidender (Fehl)schlag Der Standard, 20. September 2022. Anlässlich der Anschuldigungen fragte Vidino in einem Wiener-Zeitung-Interview, warum er nicht verklagt würde. Es handle sich nur um allgemeine Kritik, persönliche Angriffe und leere rechtliche Drohungen: das sei für ihn ziemlich enthüllend. Anas Schakfeh entgegnete, dass in den USA ansässige Personen in Österreich so gut wie gar nicht geklagt werden können, und ob „nicht geklagt zu werden die falsche Behauptung“ beweise. Aus demselben Grund unterließ die MJÖ laut Eigenangaben eine Klage und zitierte eine Entscheidung des Oberlandesgerichts Graz, wonach die „unter anderem auf der Vidino-Studie und Nachgesagtem aufbauende Einschätzung im Gutachten Scholz/Heinisch“ als Beweismittel ungeeignet seien. Nachdem sich 2023 herausgestellt hatte, dass Vidino für den privaten Nachrichtendienst Alp Services tätig gewesen war, wurde seine Unabhängigkeit unter anderem vom NRC Handelsblad in Frage gestellt. Im Februar 2024 reichte der Geschäftsmann Hazim Nada eine Klage in der Höhe von mindestens 2.77 Milliarden US-Dollar gegen die VAE, deren Präsidenten und ADNOC ein, deren Mitbeklagter Vidino ist, da er über Alp Services in eine Schmutzkübelkampagne gegen Nada verwickelt gewesen sei, die ihm sein Geschäft zerstört habe. Die Klage lautet auf Verletzung von fünf US-Gesetzen, darunter Betrug mittels Telekommunikation ("wire froud"), Bankbetrug und Verstöße gegen das Kartellrecht., Gulf International Forum, 11. April 2024

Diese Studie von Lorenzo Vidino war später Grundlage für die Operation Luxor, während der Amtszeit von Herbert Kickl (FPÖ) als Innenminister wurde sie „analysiert“. In diesem Zusammenhang erstatten BVT-Beamte eine Anzeige gegen ehemalige Vorgesetzte.

Über diese Studie schrieb der Religionswissenschaftler Franz Winter, Professor an der Universität Graz:„Wie vielfach schon angemerkt wurde, besteht das Grundproblem dieser Arbeit darin, dass sie primär die vielen Gerüchte, die in verschiedenen österreichischen Medien über die Jahre kolportiert wurden, zitiert, affirmativ aufnimmt und ohne weitere Hintergrundausstattung oder zusätzliche Beweise im Raum stehen lässt. Es fehlt oft an Unterfütterung für die Behauptungen und in vielen Fällen werden zum Teil sehr alte Vorwürfe ohne Abwägung wiederaufgenommen.“In dieser Studie von 2017 und in seinem Buch The New Muslim Brotherhood in the West (2010) verwendet Vidino ein Zitat, das entweder frei erfunden ist oder einer fehlerhaften Übersetzung entstammt. Vidino legte dem ehemaligen Führer der Muslimbruderschaft ein Zitat in den Mund, das einen globalen Missionsanspruch der Organisation belegen soll und nach Vidinos Angaben aus der arabischsprachigen Zeitung Asharq Al-Awsat vom 11. Dezember 2005 stamme, jedoch nach einer Überprüfung des genannten Interviews im arabischen Original nicht zu finden ist, auch nicht in einer sinngemäß ähnlichen Formulierung.

2017 traf sich Vidino mit dem emiratischen Außenminister Abdullah Bin Zayed, um über dessen Arbeit zur Muslimbruderschaft zu sprechen. Weiters ist Vidino für mehrere aus den Emiraten finanzierte Organisationen tätig.Not All That Glitters Is Gold: The Gulf Interference with the EU Democratic Processes ECDHR Staff, 13. Mai 2022, abgerufen am 28. Februar 2026.

Im Jahr 2019 warf ein Mitarbeiter Lorenzo Vidino vor, versucht zu haben, ihn an der Veröffentlichung eines Artikels über den Mord an Jamal Khashoggi im Nachrichtenmagazin The Atlantic zu hindern. Nachdem der Beitrag dennoch erschien, soll Vidino die Redaktion von The Atlantic kontaktiert und darum gebeten haben, die Nennung des Arbeitgebers des Mitarbeiters aus dessen Autorenbiografie zu entfernen – insbesondere bei Artikeln, die sich kritisch mit Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten auseinandersetzten.

Laut Thijl Sunier, Professor an der Freien Universität Amsterdam, behauptet Vidino zwar ein unabhängiger Wissenschaftler zu sein, geleakte Dokumente zeigen jedoch, dass er von einem privaten Nachrichtendienst bezahlt wurde, um Vorwürfe gegen die Muslimbruderschaft wissenschaftlich zu untermauern. Zudem soll er Verschwörungstheorien über die Muslimbruderschaft verbreiten. Für Amira Mittermaier, Professorin an der University of Toronto, vertritt Vidino die Verschwörungstheorie eines Großen Austauschs, wonach Muslime die weiße Bevölkerung im globalen Norden verdrängen wollen. Das Argument Vidinos, wonach die Muslimbruderschaft ein Opfernarrativ verbreiten würde, kritisiert sie als bemerkenswerte rhetorische Verrenkung.

Abu Dhabi Secrets In der Zeitschrift The New Yorker erschien im März 2023 ein investigativer Artikel über die Beratertätigkeit von Lorenzo Vidino beim privaten Nachrichtendienst Alp Services, der ab 2017 durch die VAE mit einer Kampagne beauftragt worden war. Vidino wurde im Januar 20218 von Mario Brero nach Genf eingeladen, um ihn als Berater zu gewinnen, worauf Vidino einen Vertrag in Höhe von 3000 Euro gegen Informationen über die Muslimbruderschaft unterschrieb. Vidino teilte Alp Services beispielsweise mit, wer Geld bei der Qatar Charity beantragt hatte. Die niederländische Tageszeitung NRC wertete Vidinos Berichte als einseitig. Um den Februar 2020 versprach Vidino laut David D. Kirkpatrick vom The New Yorker Informationen, die er von europäischen Nachrichtendiensten erhält, weiterzuleiten: „Obviously I think that my memo would be ‘juicier’ after that visit. ”The next month, Vidino wrote that “many of the names on the list come indeed straight from various meetings with German intel.“ Insgesamt erhielt Lorenzo Vidino mit Stand April 2020 13.000 Euro für seine Arbeit. Vidino gab 2023 an, nicht zu wissen, wie viel Geld er erhalten hatte.

Zu bereits zuvor bestehenden Verbindungen zwischen Vidino und den VAE schrieb die französische Zeitung Mediapart, dass Lorenzo Vidino auf der Website des emiratischen Thinkthanks „Trends Research“ als Experte auftaucht. Laut Profil sitzt Vidino auch in dem in Abu Dhabi ansässigen Thinkthank „Hedayah“, dem hauptsächlich Vertreter der Herrscherfamilie vorstehen. Im September 2021 besuchte Außenminister Alexander Schallenberg das Zentrum „Hedayah“, im Oktober 2021 Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP). Der Spiegel veröffentlichte im Juli 2023 eine Recherche. Von Vidino an Alp Services gelieferte Informationen wurden anschließend an den Geheimdienst der VAE weitergeleitet. Auf diesen Listen befanden sich etwa Nawaf Salam, deutsche Lokalpolitiker und Mitglieder des Zentralrats der Muslime. In internen Unterlagen von Alp Services ist zudem Korrespondenz mit dem deutschen Bundestagsabgeordneten Christoph de Vries (CDU) enthalten, auf Spiegel-Anfrage erklärt dieser, über die wahre Identität von Alp Services getäuscht worden zu sein.

Unter Führung des investigativen Netzwerks EIC haben mittlerweile über 13 Medien aus 13 Staaten Recherchen zu Lorenzo Vidino unter dem Namen Abu Dhabi Secrets veröffentlicht, darunter Radio Télévision Suisse, Le Soir und NRC Handelsblad.

Infolgedessen distanzierten sich Hilary Matfess und Cynthia Millier-Idriss (Professorin für Soziologie an der American University) von Lorenzo Vidino. Im Juli 2023 folgte Beatrice de Graaf, Professorin an der Universität Utrecht.