mini|Anatolischer Doppelnischen-Teppich, Region Konya, ca. 1650–1750, LACMAEin anatolischer Teppich, auch türkischer Teppich genannt, ist ein geknüpfter Orientteppich, der in Anatolien und den angrenzenden Regionen in Handarbeit produziert wird. Anatolische Teppiche bilden ebenso wie Kelims einen wichtigen Bestandteil des kulturellen Erbes der heutigen Türkei.

Der anatolische Teppich zeichnet sich durch charakteristische Farben, Muster und Techniken aus. Traditionell aus Wolle, später auch zunehmend aus Baumwolle und manchmal auch aus Seide oder Mohair bestehend, werden anatolische Teppiche in der Regel mit dem Gördesknoten geknüpft. Die Formate reichen vom kleinen Kissen (yastik) bis hin zu raumfüllenden Teppichen. Sie werden bis heute in Fabriken, Manufakturen, Werkstätten, in Dörfern oder von Nomaden hergestellt. Jede soziale Gruppe kennt dabei eigene Techniken und Materialien. Wissenschaftliche Versuche, ein bestimmtes Muster einer ethnischen, regionalen, oder auch nur der nomadischen oder dörflichen Tradition zuzuordnen, blieben aufgrund des kontinuierlichen Austauschs von Mustern im Rahmen der ausgedehnten Migrationen und des Einflusses der kommerziellen Produktion erfolglos.

Das Teppichknüpfen ist ein traditionelles Kunsthandwerk, das weit in die präislamische Zeit zurückreicht. Im Lauf der Geschichte Anatoliens und der Teppichherstellung wurden unterschiedliche kulturelle Einflüsse in die Gestaltung integriert. Spuren byzantinischer Ornamente haben sich in den Teppichmustern ebenso erhalten wie die traditionellen Muster und Dekore der Turkvölker, die aus Zentralasien einwanderten. Auch Griechen, Armenier, kaukasische und kurdische Stämme haben ihre Muster eingebracht. Die Entwicklung der islamischen Kunst beeinflusste die Gestaltung tiefgreifend. Seit den 1980er Jahren entstanden mehrere Initiativen, deren Ziel es ist, die traditionelle Kunst des Teppichknüpfens wiederzubeleben.

Begriff Weil sich der direkte Handel zuerst zwischen dem Osmanischen Reich und Europa etablierte, waren Orientteppiche in Europa zunächst nur unter dem Handelsnamen „türkische“ Teppiche bekannt, unabhängig von ihrem tatsächlichen Ursprungsort. Erst nachdem im späten 19. Jahrhundert das wissenschaftliche Interesse westeuropäischer Kunsthistoriker erwacht war, wurde die künstlerische und kulturelle Vielfalt des anatolischen Teppichs besser verstanden.

Geschichte

mini|Der Pasyryk-Teppich, ca. 400 v. Chr., Eremitage

Der älteste erhaltene Knüpfteppich ist der Pasyryk-Teppich, der auf das 5. Jahrhundert v. Chr. datiert wird. Seine Herkunft ist umstritten, unter anderem wird jedoch eine phrygisch-armenische Produktion diskutiert, was ihn zum Vorläufer der anatolischen Teppiche machen würde. Seine feine Knüpfung in Gördesknoten und das fein ausgearbeitete Muster zeigen, dass das Handwerk des Teppichknüpfens schon damals zu hoher technischer und künstlerischer Reife gelangt war.Wilfried Menghin, Im Zeichen des goldenen Greifen: Königsgräber der Skythen, Prestel, 2007, S. 126: "Er wurde mit symmetrischen Doppelknoten (sogenannten türkischen Knoten) geknüpft. [...] Der Teppich hat eine sehr dichte Textur und ist ein seltenes Exemplar der vorder- und mittelasiatischen Knüpfkunst jener Zeit." Weitere Funde belegen, dass die Teppichknüpftechnik zwischen dem 3. Jahrhundert v. Chr. und dem 6. Jahrhundert n. Chr. von China über den Irak bis nach Ägypten verbreitet war, es ist jedoch unbekannt, ob die Technik sind von einem Zentrum aus verbreitete oder sich an mehreren Stellen unabhängig voneinander entwickelte.

Früheste Teppiche: Seldschukische Periode (11.–13. Jahrhundert) mini|250x250px|Seldschukischer Teppich aus der Alâeddin-Moschee in Konya, 13. Jahrhundert, Museum für türkische und islamische Kunst Die ältesten erhaltenen geknüpften Teppiche aus Anatolien werden auf das 13. Jahrhundert datiert. Anatolien wurde zu dieser Zeit von dem im Niedergang begriffenen Sultanat der Rum-Seldschuken beherrscht, mit Konya als Hauptstadt. Seit dem 11. Jahrhundert lebten unter seldschukischer Herrschaft auch turkmenische Völker aus Westasien in Anatolien, die die Knüpftechnik nach Anatolien gebracht haben könnten.

Acht Fragmente dieser Periode wurden 1905 von Frederic Robert Martin in der Alâeddin-Moschee von Konya gefunden, vier weitere fand 1925 Rudolf Meyer Riefstahl in der Eşrefoğlu-Moschee in Beyşehir in der Provinz Konya. Fragmente derselben Zeit tauchten außerdem im ägyptischen Al-Fustat auf.

Es ist nicht bekannt, wo diese Teppiche geknüpft wurden. Aufgrund ihrer Größe von bis zu sechs Metern Länge können sie nur in einer spezialisierten, städtischen Manufaktur hergestellt worden sein, denn Webstühle dieser Größe finden keinen Platz in einem Dorfhaus oder einem Nomadenszelt. Die Feldmuster der Konya-Teppiche sind meist geometrisch und im Verhältnis zur Größe des Teppichs eher klein. Die untereinander sehr ähnlichen Muster sind in diagonalen Reihen angeordnet: Sechsecke, Quadrate mit Sternen darin oder stilisierte Blumen und Blätter in Rautenornamenten. Die Bordüre enthält oft kufische Ornamente. Die Teppiche aus Beyşehir sind denen aus Konya in Muster und Farbgebung sehr ähnlich.

Der Stil dieser Teppiche weist Parallelen auf zu architektonischen Schmuckelementen zeitgleicher Bauwerke wie der Divriği-Moschee oder Bauten in Sivas und Erzurum und könnte verwandt sein mit Ornamenten der byzantinischen Kunst. Heute werden die Teppiche im Mevlana-Museum in Konya und im Museum für türkische und islamische Kunst in Istanbul verwahrt.

Tierteppiche

Nur sehr wenige Teppiche sind noch aus der Übergangszeit zwischen dem Seldschuken- und dem frühen Osmanischen Reich erhalten, darunter einige Tierteppiche. Charakteristisch sind die in den Flor eingeknüpften stilisierten Tierdarstellungen. Sie wurden auch nach Westeuropa exportiert.

Ein Teppich mit zwei Medaillons, die einander gegenüberstehende Vögel zu beiden Seiten eines Baumes zeigen, wurde in der Kirche des Ortes Marby, Provinz Jämtland, Schweden, gefunden. Die Radiokarbondatierung deutet auf eine Entstehungszeit zwischen 1300 und 1420.

Teppiche der Turkmenen und frühen Osmanen (13.–14. Jahrhundert) Die Schwäche der Seldschukenherrschaft ausnutzend, schlossen sich im frühen 13. Jahrhundert turkmenische Stämme, die Oghusen, in Anatolien zu unabhängigen Herrschaftsgebieten, den Beyliks, zusammen. Aus einem Beylik entstand das Osmanische Reich. mini|Teppich der Tekke aus Turkmenistan, 19. Jahrhundert, Metropolitan Museum of Art Erzählungen wie das Dede Korkut bestätigen, dass die Turkmenenstämme in Anatolien Teppiche knüpften. Es ist nicht bekannt, wie diese Teppiche aussahen. Einer der turkmenischen Stämme, die Tekke, siedelten im 11. Jahrhundert in Südwest-Anatolien, zogen aber später zurück in das Gebiet am Kaspischen Meer. Die Tekke-Stämme in Turkmenistan, die im 19. Jahrhundert in der Gegend um Merw und am Amudarja lebten, knüpften einen besonderen Typ Teppich, der durch stilisierte Blumenmotive (göl) gekennzeichnet ist, die in Reihen wiederholt auf dem Innenfeld erscheinen.

Als die politischen und Handelsbeziehungen zwischen Westeuropa und der islamischen Welt intensiver wurden, erlangten anatolische Knüpfteppiche auch in Europa Bekanntheit. Im frühen 14. Jahrhundert schrieb Marco Polo, als er von Sivas nach Kayseri reiste:

Abu’l-Fida zitierte Ibn Sa’id al-Maghribi, der im späten 13. Jahrhundert von Teppichexporten aus anatolischen Städten berichtete: „Hier werden Turkomanische Teppiche gemacht, die in alle anderen Länder gehandelt werden“. Er, wie auch der marokkanische Kaufmann und Reisende Ibn Battūta, nennen Aksaray als großes Zentrum der Teppichknüpferei im frühen bis mittleren 14. Jahrhundert.

Teppiche des Osmanischen Reichs (15.–19. Jahrhundert) Mit dem wachsenden politischen und wirtschaftlichen Einfluss des Osmanischen Reiches wurde die Hauptstadt Istanbul zum Treffpunkt von Diplomaten, Händlern und Künstlern. Während der Regierung Süleymans I. arbeiteten Kunsthandwerker und Künstler unterschiedlichster Spezialisierung zusammen in den Hofmanufakturen (Ehl-i Hiref). Kalligraphie und Miniaturmalerei in den Skriptorien (nakkaşhane) übten starken Einfluss auf die Gestaltung der Teppichmuster aus. Im ganzen Reich etablierten sich spezialisierte Hofmanufakturen, die Städte Gördes und Ladik wurden bekannt für ihre Teppiche. Die Region von Uşak produzierte einige der schönsten Teppiche des 16. Jahrhunderts. Sehr wahrscheinlich wurden die Holbein- und Lotto-Teppiche hier geknüpft.

Holbein- und Lotto-Teppiche

Anatolische Teppiche vom Holbein- und Lotto-Typ erhielten ihre Bezeichnung von europäischen Kunsthistorikern des 19. Jahrhunderts, weil man die Teppiche dieses Typs zunächst nur von den Gemälden der Renaissancemaler kannte. Aufgrund der Verteilung und Größe der geometrischen Medaillons im Teppichfeld unterscheidet man klein- und großmustrige Holbein-Teppiche.

Die ältesten Lotto-Teppiche haben „pseudo-kufische“ Hauptbordüren. Das Feld hat meist einen roten Grund und ist mit leuchtend gelben Blattornamenten auf zugrundeliegendem Rapportmuster aus geometrischen Arabesken abwechselnd mit kreuzförmigen, oktogonalen oder rautenförmigen Ornamenten bedeckt. Teppiche unterschiedlichen Formats bis zu 6 m² sind erhalten. C. E. Ellis unterschied drei Hauptgruppen des Lotto-Musters: den „anatolischen“, „Kelim“- und den „ornamentalen“ Stil.

Holbein- und Lotto-Teppichmuster haben wenig Gemeinsamkeiten mit den dekorativen Mustern und Ornamenten, die man auf anderen Gegenständen der osmanischen Kunst sieht. Amy Briggs zeigte Ähnlichkeiten zwischen diesen beiden Teppichtypen und solchen, die auf timuridischen Buchilluminationen abgebildet sind. Die Mustertradition der Holbein- und Lotto-Teppiche könnte somit auf die Timuridenzeit zurückgehen.

Uşak-Teppiche Die Region um die Stadt Uşak wurde schon im Jahr 1671 von Evliya Çelebi als bedeutendes Zentrum der Teppichproduktion erwähnt. Ein Istanbuler Preisregister (narh defter) von 1640 listet bereits zehn verschiedene Typen von Uşak-Teppichen auf.Kütükoğlu, M.S.: Osmanlılarda Narh Müessesessi ve 1640 Tarihli Narh Defteri. Enderun kitabevi, Istanbul 1983, S. 178–179. Ein Zollregister aus Caffa auf der Krim für den Zeitraum von 1487 bis 1491 erwähnt ebenfalls Teppiche aus Uşak und erbringt somit den Nachweis für die lange Tradition der Teppichherstellung in dieser Region.Inalcık, Oriental Carpet and Textile Studies, 2, Carpets of the Mediterranean countries 1400–1600. London, 1986, S. 39–66. Aufzeichnungen belegen, dass Uşak-Teppiche im Auftrag des Sultans zur Ausstattung von Moscheen angefertigt wurden, speziell für die Selimiye-Moschee in Edirne.Ellis, C.G.: „The Ottoman prayer rugs“. In: Textile Museum Journal I, Nr. 2, 1969, S. 5–22.

Stern-Uşak-Teppiche wurden in verschiedenen, oft sehr großen Formaten hergestellt. Sie sind gekennzeichnet durch große sternförmige Hauptmedaillons in unendlichem Rapport auf rotem Feld mit sekundären floralen Ornamenten. Das Muster ist sehr wahrscheinlich durch die nordwestpersische Buchkunst oder durch persische Medaillonteppiche beeinflusst. Im Vergleich zu den Medaillon-Uşakteppichen erscheint das Konzept des „unendlichen Rapports“ konsequenter verfolgt und eher im Einklang mit der frühen anatolischen Gestaltungstradition.

Medaillon-Uşak-Teppiche haben gewöhnlich ein rotes oder blaues Feld, das mit Blumengittern oder Blattranken, eiförmigen Medaillons abwechselnd mit kleineren achtlappigen Sternen, oder gelappten Medaillons mit eingeflochtenem Blumenschmuck gestaltet ist. Ihre Bordüre weist oft Palmetten auf floralen oder Blattranken und „pseudo-kufischen“ Schriftzeichen auf.