mini|320x320px|Wortmarke der nationalsozialistischen Nachrichtenagentur Zeitungsdienst Graf Reischach. Der Zeitungsdienst Graf Reischach war eine deutsche Nachrichtenagentur mit Sitz in Berlin. Sie entstand in den letzten Jahren der Weimarer Republik und wurde durch Hans Joachim Graf von Reischach betrieben, einem frühen Anhänger des Nationalsozialismus (Teilnahme am Hitlerputsch von 1923) und (Chef-)Redakteur verschiedener NS-Zeitungen. Von Anfang an NSDAP-nah und für deren Gaupresse konzipiert, wurde das Unternehmen einige Jahre nach der Gründung für die Partei erworben und blieb bis 1945 unter ihrer Kontrolle. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde der Betrieb eingestellt.
Geschichte Aufbauphase 1931 wurde der Nationalsozialistische Zeitungsdienst durch Robert Ley gegründet, der im September jenes Jahres an Reischach den Auftrag gab, in Berlin ein Büro einzurichten. Ende des Jahres folgte bereits der komplette Umzug in die Hauptstadt. Am 1. Dezember 1932 übernahm Reischach den nun nach ihm benannten Dienst, zu dem im Zuge der Umwandlung der NS-Zeitungen von wöchentlicher auf täglicher Erscheinungsweise weitere Interessenten hinzukamen.Fünfjähriges Bestehen des Zeitungsdienstes Graf Reischach. In: Deutsche Presse. (Jg. 28), Ausgabe 2, 1938, S. 33. Werner Loesch: Wesen und Bedeutung der Korrespondenz in der Publizistik. Dissertation. Dresden 1939, S. 59. Isabell Voigt: Korrespondenzbüros als Helfer der Presse. In: Jürgen Wilke (Hrsg.): Unter Druck gesetzt. Vier Kapitel deutscher Pressegeschichte. (= Medien in Geschichte und Gegenwart. 17). Böhlau, Wien / Köln / Weimar 2002, ISBN 3-412-10506-6, S. 122. (In der Literatur und den zeitungswissenschaftlichen Fachzeitschriften wird die Gründungsgeschichte des Dienstes meist nur jeweils in Teilaspekten und zuweilen mit der Übernahme als Neugründung dargestellt.Die Vorgeschichte wird in folgenden Werken/Artikeln nicht behandelt: Hans Bohrmann, Institut für Zeitungsforschung der Stadt Dortmund (Hrsg.): NS-Presseanweisungen der Vorkriegszeit. Band 4/III, Saur, München 1993, ISBN 3-598-11004-9, S. 1150 (aufgegriffen durch Jürgen Wilke: Presseanweisungen im zwanzigsten Jahrhundert. Erster Weltkrieg, Drittes Reich, DDR. Böhlau, Wien / Köln / Weimar 2007, ISBN 978-3-412-10506-8, S. 121). Zehn Jahre Zeitungsdienst Graf Reischach. In: Zeitungswissenschaft. (Jg. 18), Ausgabe 6/7, 1943, S. 273–274. André Uzulis schreibt in seiner Dissertation, dass der Dienst durch den Reichsleiter für die Presse der NSDAP Max Amann geschaffen wurde, es scheint hier, dass er die folgenden Sätze Fritz Schmidts so interpretierte: „Auch für die eigene Auslandsberichterstattung der großen gauamtlichen Parteiblätter wurden besondere Einrichtungen vom Stabe Amanns geschaffen. Sie wurden in dem ‚Graf-Reischach-Dienst‘, Berlin, zusammengefasst […]“ Anonym (Fritz Schmidt): Presse in Fesseln. Eine Schilderung des NS-Pressetrusts. Verlag Archiv und Kartei, Berlin 1947, S. 230 und André Uzulis: Nachrichtenagenturen im Nationalsozialismus. Propagandainstrumente und Mittel der Presselenkung. (= Europäische Hochschulschriften, Reihe 3: Geschichte und ihre Hilfswissenschaften. 636). Peter Lang, Frankfurt am Main / Berlin / Bern / New York / Paris / Wien 1995, ISBN 3-631-48061-X, S. 174 (Zugleich Dissertation Hannover 1994).) Laut einem Artikel anlässlich des 10-jährigen Bestehens des Dienstes sei der neutral wirkende Name ein „Tarnanstrich“ gewesen, in Wirklichkeit habe sich der Dienst in seinem Selbstverständnis einem Kampf mit (so auch ein vorangegangener Jubiläumsartikel) anfangs äußerst bescheidenen Mitteln gegen die „Systempresse“ verschrieben, die als zu jener Zeit scheinbar übermächtig beschrieben wurde.Fünfjähriges Bestehen des Zeitungsdienstes Graf Reischach. In: Deutsche Presse. 1938 (Jg. 28), Ausgabe 2, S. 33 und Zehn Jahre Zeitungsdienst Graf Reischach. In: Zeitungswissenschaft. (Jg. 18), Ausgabe 6/7, 1943, S. 273–274.
Zur Zeit der Übernahme durch Reischach stellte der Dienst Nachrichten für sechs Zeitungen (Bayerische Ostmark, Rote Erde, Schlesische Tageszeitung, Niedersächsische Tageszeitung, Westdeutscher Beobachter und Schleswig-Holsteinische Tageszeitung) bereit.Zehn Jahre Zeitungsdienst Graf Reischach. In: Zeitungswissenschaft. (Jg. 18), Ausgabe 6/7, 1943, S. 273–274. An anderer Stelle wird hingegen die Volksparole als eine der Zeitungen aufgeführt (Hans Bohrmann, Institut für Zeitungsforschung der Stadt Dortmund (Hrsg.): NS-Presseanweisungen der Vorkriegszeit. Saur, München 1993, ISBN 3-598-11004-9, Band 4/III, S. 1150 (aufgegriffen durch Jürgen Wilke: Presseanweisungen im zwanzigsten Jahrhundert. Erster Weltkrieg, Drittes Reich, DDR. Böhlau, Wien / Köln / Weimar 2007, ISBN 978-3-412-10506-8, S. 121)), diese wird an weiterer Stelle als eine der Zeitungen genannt, die noch vor der Übernahme durch Reischach Leys Dienst angehörte (Fünfjähriges Bestehen des Zeitungsdienstes Graf Reischach. In: Deutsche Presse. (Jg. 28), Ausgabe 2, 1938, S. 33). Im April 1933 wurde mit dem General-Anzeiger für Dortmund die erste Fernschreiberverbindung hergestellt, 1934 begann der Aufbau eines Auslandsdienstes, für den schließlich Korrespondenten in allen europäischen Hauptstädten tätig waren.Fernschreiberverbindung: Hans Bohrmann, Institut für Zeitungsforschung der Stadt Dortmund (Hrsg.): NS-Presseanweisungen der Vorkriegszeit. Band 4/III, Saur, München 1993, ISBN 3-598-11004-9, S. 1150. Auslandsdienst: Fünfjähriges Bestehen des Zeitungsdienstes Graf Reischach. In: Deutsche Presse. (Jg. 28), Ausgabe 2, 1938, S. 33 und Werner Loesch: Wesen und Bedeutung der Korrespondenz in der Publizistik. Dissertation. Dresden 1939, S. 59 (aufgegriffen durch Isabell Voigt: Korrespondenzbüros als Helfer der Presse. In: Jürgen Wilke (Hrsg.): Unter Druck gesetzt. Vier Kapitel deutscher Pressegeschichte. (= Medien in Geschichte und Gegenwart. 17). Böhlau, Wien / Köln / Weimar 2002, ISBN 3-412-10506-6, S. 122). Weitere Nennung durch Hans Bohrmann, Institut für Zeitungsforschung der Stadt Dortmund (Hrsg.): NS-Presseanweisungen der Vorkriegszeit. Band 4/III, Saur, München 1993, ISBN 3-598-11004-9, S. 1150. Für den außereuropäischen Raum ist bekannt, dass es zumindest einen Vertreter im Iran gegeben hat.André Uzulis: Nachrichtenagenturen im Nationalsozialismus. Propagandainstrumente und Mittel der Presselenkung. (= Europäische Hochschulschriften, Reihe 3: Geschichte und ihre Hilfswissenschaften. 636). Peter Lang, Frankfurt am Main / Berlin / Bern / New York / Paris / Wien 1995, ISBN 3-631-48061-X, S. 249. (Zugleich Dissertation Hannover 1994) 1937 folgte der Deutschlanddienst.Fünfjähriges Bestehen des Zeitungsdienstes Graf Reischach. In: Deutsche Presse. (Jg. 28), Ausgabe 2, 1938, S. 33–34. Die rasche Expansion führte dazu, dass nach dem obengenannten Jubiläumsartikel schließlich 40 Gauzeitungen beliefert und 150 Festangestellte sowie zahlreiche freie Mitarbeiter beschäftigt wurden.Hans Bohrmann, Institut für Zeitungsforschung der Stadt Dortmund (Hrsg.): NS-Presseanweisungen der Vorkriegszeit. Band 4/III, Saur, München 1993, ISBN 3-598-11004-9, S. 1150 und Zehn Jahre Zeitungsdienst Graf Reischach. In: Zeitungswissenschaft. (Jg. 18), Ausgabe 6/7, 1943, S. 273–274.
Etablierte Agentur der Vorkriegszeit Innerhalb der Zentrale arbeiteten etwa 15 bis 20 Redakteure, die zusätzlich zum Auslands- und Deutschlanddienst einen Kultur- und politischen Dienst herausgaben.Isabell Voigt: Korrespondenzbüros als Helfer der Presse. In: Jürgen Wilke (Hrsg.): Unter Druck gesetzt. Vier Kapitel deutscher Pressegeschichte. (= Medien in Geschichte und Gegenwart. 17). Böhlau, Wien / Köln / Weimar 2002, ISBN 3-412-10506-6, S. 122. Als regelmäßige Beilagen erschienen die Berliner Musik- und Theaterbriefe sowie ein Kabeldienst mit „Interessantem aus aller Welt“.Institut für Zeitungswissenschaft an der Universität Berlin (Hrsg.): Handbuch der deutschen Tagespresse. Armanen, Leipzig / Frankfurt am Main 1937, S. 334.
Nach Fritz Schmidt, einem damaligen Mitarbeiter des Verwaltungsamts des Reichsleiters für die Presse (Max Amann) der NSDAP unter Rolf Rienhardt, wurden durch den Dienst „junge, sprachbegabte und besonders befähigte“ Journalisten, die bereits Erfahrungen in den Parteizeitungen gesammelt hatten und ideologisch gefestigt erschienen, zu Studienzwecken und zur Berichterstattung ins Ausland entsandt. Vorbild für diese Vorgehensweise seien für Rienhardt die britischen Zeitungen gewesen, von denen besonders die Times auf einen solchen beständig aufgefrischten Stab von Spezialisten fürs Ausland gesetzt habe. Zusätzlich habe es noch hauptamtliche Korrespondenten gegeben, deren Berichte durch den Dienst zusammen mit der Schriftleitung des Verwaltungsamts für diejenigen Parteizeitungen aufgeteilt worden seien, deren Verbreitungsgebiete sich nicht berührten. Für die Zeitungen, hinter denen der NSDAP-eigene Franz-Eher-Verlag nicht als Herausgeber sichtbar sein sollte, seien andere Dienste mit eigenen Korrespondenten eingerichtet worden (Schmidts kurz nach dem Zweiten Weltkrieg verfasster Bericht ist aufgrund von zahlreichen Fehlern und apologetischer Tendenz im Allgemeinen nur kritisch zu verwenden),Oron J. Hale: Presse in der Zwangsjacke 1933–45. Droste, Düsseldorf 1965, dt. Übersetzung von The captive press in the Third Reich. University Press, Princeton 1964, S. 332–335 und Hans Dieter Müller (Hrsg.): Facsimile Querschnitt durch das Reich. Scherz, Bern / München 1964, S. 29. von den vorgenannten Aussagen kann allerdings zumindest ein Teil bestätigt werdenEs finden sich einige Beispiele für das junge Alter und/oder eine gefestigte Ideologie der ins Ausland entsandten Redakteure (vgl. Abschnitt „Mitarbeiter (Auswahl)“ und die dortigen Einzelnachweise). Korrekt ist auch, dass bspw. die Besatzungszeitungen während des Zweiten Weltkriegs offiziell von eigenen Verlagen herausgegeben wurden und über eigene Korrespondenten verfügten. Hierzu näheres in folgenden Arbeiten zu Besatzungszeitungen: Rolf Falter: De Brüsseler Zeitung (1940–1944) In: Historica Lovaniensia. 137, Katholieke Universiteit Leuven (Fakultät für Geschichte), Löwen 1982, S. 41–83. Exkurs: Die Deutsche Zeitung in den Niederlanden. In: Gabriele Hoffmann: NS-Propaganda in den Niederlanden: Organisation und Lenkung der Publizistik. (= Kommunikation und Politik. 5). Verlag Dokumentation Saur, München-Pullach / Berlin 1972, ISBN 3-7940-4021-X, S. 78–93. (Dissertation. München 1972)).Anonym (Fritz Schmidt): Presse in Fesseln. eine Schilderung des NS-Pressetrusts. Verlag Archiv und Kartei, Berlin 1947, S. 230–231.