Als Finanzinnovation gilt im Finanzwesen eine Innovation, die neue oder modifizierte bestehende Finanzdienstleistungen, Finanzierungsinstrumente, Finanzinstrumente oder Finanzprodukte sowie die Veränderung bestehender Verfahrenstechniken oder die Einführung neuer Verfahrenstechniken hervorbringt. Das Pendant bei Produkten ist die Produktinnovation.

Allgemeines Die Finanzinnovation ist eine Innovation, also eine (Er-)Neuerung (). Die Innovation muss mithin kein völlig neues Finanzprodukt hervorbringen, sondern kann in der Modifizierung eines vorhandenen bestehen. Deshalb unterschied Joseph Schumpeter 1964 in seiner Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung zwischen „Inventionen“ (technische Erfindungen eines völlig neuen Produkts), „Innovationen“ (Umsetzung einer Erfindung durch einen „dynamischen Unternehmer“) und Imitationen (Nachahmung einer Innovation durch die Konkurrenz).Joseph Schumpeter, Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, 1964, S. 100 ff.

Innovationen sind allgemein neue Produkte, neue Verfahren und neue Konzepte oder Modifikationen an bestehenden Produkten, Verfahren und Konzepten. Zu den Finanzinnovationen gehören alle Geldmarkt-, Kapitalmarkt-, Finanz-, Finanzierungs- und Zahlungsverkehrsinstrumente sowie geänderte Prozesse, die potenziell die Strukturen des monetären Sektors von Volkswirtschaften in relevanter Weise verändern können. Die meisten Finanzinnovationen betreffen das Bankwesen, dessen Bankprodukte und dessen Verfahrenstechniken. Nicht nur die Markteinführung ganz neuer Bankprodukte stellt eine Finanzinnovation dar, sondern auch die geringfügige Veränderung bestehender Produkte ist als Finanzinnovation einzustufen. Eine Finanzinnovation ist erst vollendet, wenn ihre Markteinführung erfolgt ist.

Geschichte Finanzinnovationen gab es bereits im Mittelalter, als immer neue Methoden der Finanzierung wie der Wechsel entstanden.Christoph Graf von Bernstorff, Finanzinnovationen: Anwendungsmöglichkeiten, Strategien, Beispiele, 1996, S. 5 Der aus dem „instrumentum ex causa cambii“ („causa cambii“ ist die Wechselklausel) in Italien im 12. Jahrhundert hervorgegangene Wechsel machte durch seine Verwendung als Zahlungsmittel das Bargeld überflüssig, als Kreditmittel ermöglichte er den Warenkredit. Die Geldwechsler () fungierten als Makler zwischen den Kaufleuten () und den Zahlungsempfängern (), die „von Ort zu Ort“ () auf Messen zogen, wobei schriftliche Anweisungen (; „Tausch“) ausgestellt wurden, aufgrund derer die Geldsumme am Messestandort an eine urkundlich bestimmte Person wieder ausgezahlt werden konnte.Wilhelm Hartmann, Das deutsche Wechselrecht, 1869, S. 30

Erste Nachweise für den Lombardkredit finden sich bereits um das Jahr 1400, als Kaufleute Kredite an Feudalherren und Adelige gegen Pfandüberlassung vergaben. Bereits im Jahre 1677 gab es in London 38 registrierte „Blackwell Hall“-Factors,The History of Factoring. The Bureau of National Affairs, 2011, S. 10 die das Factoring betrieben. Als 1771 der schwedische Ökonom John Hartman Eberhardt den Begriff Delkredere definierte,The History of Factoring. The Bureau of National Affairs, 2011, S. 3 wurde das Factoring-Verfahren seit langem praktiziert. In den USA begann die Textilindustrie 1890 mit ersten organisierten Factoring-Transaktionen. Eine frühe Form des Reiseschecks waren die 1874 ausgegebenen Circular Notes des Reiseunternehmers Thomas Cook. Das Leasing entstand mit Inkrafttreten des Mineral Leasing Act im Februar 1920, als der Staat öffentliche Grundstücke zur Kohleausbeutung verpachtete.United States Office of Technology Assessment, 1989, S. 48

Die meisten heutigen Finanzinnovationen stammen aus den USA. Hier bildete sich das im Februar 1932 durch den Glass-Steagall Act gesetzlich kodifizierte Trennbankensystem (Spezialbanken­system) heraus, das eine Segmentierung des Bankenmarktes in „Commercial banking“, „Investment Banking“ und den Sektor der Einlageninstitute zur Folge hatte. Der ab 1950 verstärkt aufgekommene Rembourskredit dient als grenzüberschreitende Finanzierung von Warengeschäften und bezieht beim Wechselrembours die alte italienische Erfindung ein. Die Forfaitierung geht auf einen Devisenmangel der Sowjetunion zurück. Während des Besuchs von Richard Nixon in Moskau im Mai 1972 wurden amerikanische Weizenlieferungen für die Sowjetunion vereinbart. In der Folge kaufte die Sowjetunion auch in Europa Weizen wegen einer langandauernden Trockenperiode auf. Wegen des Devisenmangels zahlte Russland nicht sofort, sondern durch mittelfristige Wechsel der staatlichen sowjetischen Außenhandelsbank unter Wechselbürgschaft des sowjetischen Staates nach Diskontierung bei westeuropäischen Banken. In der Diskontierung des Wechsels lag der Forderungsankauf, die Wechselbürgschaft führte zu einer unechten Forfaitierung. Commercial Papers (CPs) entwickelten sich rasant ab etwa 1956, Certificates of Deposit (CDs) gelangten erstmals 1961 in nennenswertem Umfang auf den Markt; Hoechst brachte die ersten CDs in Europa im Mai 1970 heraus. Seit 1974 gibt es ein Rating für Strukturierte Finanzierungen, seit November 1978 gibt es den Automatic Transfer Service (ATS), der dem US-Bankkunden den automatischen Übertrag vom Sparkonto zum Girokonto und umgekehrt ermöglicht.

Finanzinnovationen auf Wertpapierbasis verbreiterten die Produktpalette für Geldanlagen institutioneller und privater Anleger erheblich. Convertible bonds entstanden zur Zeit des Eisenbahnbaus in den USA. Von den 567 zwischen 1930 und 1940 begebenen Industrieanleihen waren 26 % Wandelanleihen.Andreas Bohn: Bewertung von Wandelanleihen, 2013, S. 109 Nullkuponanleihen kamen in den USA erstmals im April 1981 auf den Markt; die den Nullkuponanleihen ähnelnden Stripped bondsInvestmentbanken kaufen umlaufende Staatsanleihen auf, trennen („strippen“) die Zinskupons vom Wertpapier-Mantel, verbriefen beide separat und verkaufen beide als abgezinste Wertpapiere: Erhard Glogowski,Manfred Münch, Neue Finanzdienstleistungen, 2013, S. 208 tauchten in den USA ab September 1982 auf. Forward Rate Agreements (FRAs) wurden erstmals 1975 am Chicago Board of Trade gehandelt. Europäische Erfindungen waren die 1964 in Großbritannien aufgekommenen Doppelwährungsanleihen, die Floating Rate Notes (FRNs) wurden erstmals 1969 emittiert oder die seit 1986 bestehenden Euronote facilities.

Der höchste Innovationsgrad besteht an den Derivate- und Terminmärkten, die seit 1972 eine rasante Entwicklung erlebt haben. Das financial engineering suchte dabei nach innovativen Lösungen unter Verwendung bereits bekannter, traditioneller Produktelemente. Die ersten bekannten Cross Currency Swaps wurden 1981 zwischen IBM und der Weltbank geschlossen, Zinsswaps gab es erstmals 1982. Die logische Fortentwicklung beider Swaps war der Integrierte Swap, einer Kombination von Währungs- und Zinsswap. Finanzinnovationen auf den Terminmärkten waren die Financial Futures, unter denen man verschiedene Gruppen von Terminkontrakten zusammenfasst: Currency Futures wurden erstmals im Mai 1972 an der Chicago Mercantile Exchange gehandelt, wo 1975 auch die Interest Rate Futures angeboten wurden. Die Stock Index Futures wurden 1982 erstmals an der Kansas City Commodity Exchange eingeführt.

Auch Prozessinnovationen brachten Fortschritte und Komfort für Bankkunden. Seit 1957 wurde in Deutschland zunehmend die Barzahlung mit der Lohntüte durch das Girokonto verdrängt, das die unbare Lohn- und Gehaltszahlung ermöglichte. Das Postscheckamt Hamburg führte 1961 den Dauerauftrag ein. Geldautomaten kamen im Mai 1968 auf den Markt, der kartengarantierte Eurocheque wurde im Mai 1969 eingeführt. Debitkarten und Kreditkarten wären ohne die Infrastrukturinnovationen von Geldautomat, Point-of-Sale (1972) und den Durchzugleser nicht erfolgreich geworden.Thomas Lammer (Hrsg.), Handbuch E-Money, E-Payment & M-Payment, 2006, S. 26 Die Mellon National Bank bot 1969 das erste Cash-Management-System an, auf dem deutschen Markt folgte die Commerzbank 1983 mit COBRA. Electronic Banking wurde durch die Kreissparkasse Köln 1987 zunächst für mittelständische Unternehmen eingeführt.

Der Begriff der Finanzinnovation () tauchte ersichtlich erstmals in der US-amerikanischen Fachliteratur im Jahre 1975 auf.William L. Silber, Toward a Theory of Financial Innovation, in: William L. Silber (Hrsg.), Financial Innovation, 1975, S. 73–85 Für den Autor Silber engagierten sich Finanzinstitute im Rahmen interner (Arbeitsanweisungen), regulatorischer (Marktregulierung) und marktmäßiger (Marktschranken) Einschränkungen bei Finanzinnovationen, um Gewinnmaximierung zu betreiben.William L. Silber, Toward a Theory of Financial Innovation, in: William L. Silber (Hrsg.), Financial Innovation, 1975, S. 73 Die deutsche Bankbetriebslehre befasste sich ersichtlich erstmals 1985 mit Finanzinnovationen.Clemens Burkart, Finanzinnovationen an den Euromärkten, in: Mitteilungen aus dem Institut für das Spar-, Giro- und Kreditwesen an der Universität Bonn/Nr. 17, 1985, S. 1 ff. Es folgten 1986 Hans-Jacob KrümmelHans-Jacob Krümmel, Finanzinnovationen und Wandel der Beschäftigungsstruktur im Kreditgewerbe von 1948 bis zur Gegenwart, in: Mitteilungen aus dem Institut für das Spar-, Giro- und Kreditwesen an der Universität Bonn/Nr. 19, 1986, S. 4 und Hans E. Zahn.Hans E. Zahn, Finanzinnovationen: Glossarium der neuen Hedging- und Finanzierungsinstrumente, 1986, S. 2 ff. In kurzen Zeitabständen erschienen weitere Beiträge.Max Bigler, Finanzinnovationen und Geldpolitik, in: Kredit und Kapital, 1988, S. 221–242Michael Demuth, Fremdkapitalbeschaffung durch Finanzinnovation, 1988 Hans-Jacob Krümmel definierte die Finanzinnovation 1986 als ein Finanzprodukt, was bestimmte Eigenschaften von Finanzinstrumenten so trennt und wieder neu bündelt, dass dadurch eine bisher nicht praktizierte Kombination von Leistungsmerkmalen der finanziellen Intermediation entsteht.Hans-Jacob Krümmel, Finanzinnovationen und Wandel der Beschäftigungsstruktur im Kreditgewerbe von 1948 bis zur Gegenwart, in: Mitteilungen aus dem Institut für das Spar-, Giro- und Kreditwesen an der Universität Bonn/Nr. 19, 1986, S. 4 Hans Büschgen verschaffte 1988 einen systematischen Überblick über die seither auf den Markt gekommenen Finanzinnovationen.Hans Büschgen, Finanzinnovationen – Ein Überblick, in: Armin Gutowski (Hrsg.), Neue Instrumente an den Finanzmärkten, 1988, S. 9–42

Das weltweite Zahlungsverkehrssystem SWIFT wurde inzwischen erstmals im Mai 1977 zur Übertragung von Zahlungsdaten eingesetzt. Der Anteil der jungen Produkte, die erst in den letzten 5 Jahren entwickelt wurden, stieg im Produktspektrum der Großbanken zwischen 1970 und 1980 von 5 % auf 25 %. Aus dem im Januar 1999 lediglich innerhalb des Bankensystems installierten Echtzeit-Bruttoabwicklungssystem (TARGET, TARGET2) zur Verbuchung in Echtzeit entstand im November 2017 die Echtzeitüberweisung für Bankkunden.

Im Jahre 1996 tauchte elektronisches Geld auf, eine Querschnittstechnologie, die Bankbetriebslehre und Bankenaufsicht vor große Herausforderungen stellte.

Arten Man unterscheidet Total- oder Partialinnovationen. Von Totalinnovation wird gesprochen, wenn ein neues Finanzprodukt entsteht oder alle Leistungselemente oder Bestandteile eines bestehenden Finanzprodukts neu sind oder verändert werden. Eine Partialinnovation liegt entsprechend vor, wenn mindestens eins oder wenige Elemente eines bestehenden Produktes verändert werden. Ferner wird zwischen Produkt- und Verfahrens- (Prozess-) Innovationen unterschieden. Produktinnovationen betreffen die Finanzprodukte selbst, Prozessinnovationen sind übergeordnete Techniken, die sich mit der Abwicklung oder Überwachung des Bankgeschäfts befassen.

Bankrecht