mini|Foto von Johannes Brahms, ca. 1875

Die Sinfonie Nr. 1 c-Moll op. 68 von Johannes Brahms wurde im November 1876 uraufgeführt. Erste Skizzen stammen von 1862, ihre Entstehungszeit erstreckt sich inklusive Unterbrechungen auf über 14 Jahre. Letzte Änderungen an dem Werk nahm Brahms 1877 vor.

Entstehungsgeschichte Robert Schumann verglich im Aufsatz „Neue Bahnen“ vom Oktober 1853 die frühen Klaviersonaten von Brahms mit „verschleierten Symphonien“ und äußerte sich lobend zu dessen zukünftiger Laufbahn als Sinfoniker. Wahrscheinlich führte die sich bereits hier zeigende Erwartungshaltung, die von anderen, aber auch vom selbstkritischen Brahms an seine erste Sinfonie herangetragen wurden (insbesondere im Vergleich zu den Sinfonien Ludwig van Beethovens, siehe unten), dazu, dass Brahms seine erste Sinfonie erst 1876 fertigstellte. 1854 hatte Brahms den Plan, den ersten Satz einer Sonate für zwei Klaviere in einen Orchestersatz zu überführen. Daraus entstand dann jedoch bis 1856 keine Sinfonie, sondern der erste Satz seines Klavierkonzertes op. 15.Giselher Schubert: Sinfonie Nr. 1 c-Moll op. 68. In Giselher Schubert, Constantin Floros, Christian Martin Schmidt (Hrsg.): Johannes Brahms. Die Sinfonien. Einführung, Kommentar, Analyse. Schott-Verlag, Mainz 1998, ISBN 3-7957-8711-4, S. 7–74.Christian Martin Schmidt: Brahms Sinfonien. Ein musikalischer Werkführer. Beck-Verlag, München 1999, ISBN 3-406-43304-9, S. 37–56. 1858 wollte Brahms eine dreisätzige Serenade für Oktett-Besetzung zur Sinfonie ausbauen, arbeitete das Werk dann aber in die fünfsätzige Serenade Nr. 1 für großes Orchester op. 11. um, denn wenn jemand es unternehme, „nach Beethoven Symphonien zu schreiben, so müssten sie ganz anders aussehen“ (Brief an den Geiger Carl Bargheer). 1862 zeigte Brahms seinen Freunden einen Sinfoniesatz, der eine Frühfassung des späteren ersten Satzes der ersten Sinfonie (ohne dessen Einleitung) darstellt. Clara Schumann schrieb dazu am 1. Juli 1862 an den Geiger Joseph Joachim:

Warum Brahms die Sinfonie 1862 nicht weiter ausführte, ist unbekannt. Möglicherweise hatte er noch keine Konzeption für die Gesamtform gefunden. Auf drängende Fragen seiner Freunde nach der Sinfonie antwortete Brahms ausweichend oder äußerte sich dahingehend, wie schwierig es sei, nach Beethoven noch Sinfonien zu komponieren. Bis 1876 gibt es kein eindeutiges Dokument dazu, ob Brahms seine Arbeit vorantrieb, möglicherweise arbeitete er seit 1874 verstärkt an dem Werk.Wolfram Steinbeck: Romantische und nationale Symphonik. In: Wolfram Steinbeck, Christoph von Blumröder: Die Symphonie im 19. und 20. Jahrhundert, Teil 1. In: Siegfried Mauser (Hrsg.): Handbuch der musikalischen Gattungen. Band 3.1. Laaber-Verlag, Laaber 2002, ISBN 3-89007-126-0, S. 181–199. Unklar ist, ob der 1868 an Clara Schumann geschriebene Geburtstagsgruß, der das Alphornthema aus dem letzten Satz enthält, bereits in Hinblick auf die Sinfonie geschrieben wurde.Rüdiger Heinze: „Das ist nun wohl etwas stark.“ 1. Symphonie c-Moll, Op. 68. In Renate Ulm (Hrsg.): Johannes Brahms. Das Symphonische Werk. Entstehung, Deutung, Wirkung. Bärenreiter-Verlag, Kassel 1996, ISBN 3-7618-1264-7, S. 206–216. Am 12. Juni 1876 fuhr Brahms nach Sassnitz auf Rügen und arbeitete an der Sinfonie. Am 5. Oktober 1876 schrieb er an den Verleger Fritz Simrock: „an den Wissower Klinken ist eine schöne Symphonie hängen geblieben“. Im September beendete er die Kompositionsarbeit (bis auf Kleinigkeiten, s. u.) in Lichtenthal bei Baden-Baden. Brahms zeigte die Sinfonie zuerst Clara Schumann, die davon in ihrem Tagebuch berichtet. Danach stellte er zuerst die beiden Außensätze fertig, erst am 10. Oktober 1876 trägt er ihr die ganze Sinfonie auf dem Klavier vor. Clara Schumann berichtet davon in ihrem Tagebuch, wobei sie offenbar keine Erinnerung mehr an den Sinfoniesatz von 1862 und den Geburtstagsgruß von 1868 hatte:

(Zur weiteren Rezeption siehe unten.)

Uraufführung, Drucklegung mini|350px|Tafel an der Stelle der Uraufführung in Karlsruhe

Nach dem langjährigen Kompositionsprozess wurden die Vorbereitungen zur Uraufführung energisch vorangetrieben. Sie wurde auf den 4. November 1876 in Karlsruhe unter der Leitung von Felix Otto Dessoff festgelegt, die Folgeaufführung, die Brahms selbst leitete, auf den 7. November 1876 in Mannheim. Bis dahin musste das Stimmenmaterial vervielfältigt werden. Im Oktober 1876 nahm Brahms noch einige Änderungen vor. Weitere Aufführungen folgten am 15. November 1876 in München, am 17. Dezember 1876 in Wien, am 18. Januar 1877 in Leipzig und am 23. Januar 1877 in Breslau.

Für die Drucklegung ließ sich Brahms viel Zeit. Sein Verleger Simrock plante mit Februar 1877 eine rasche Veröffentlichung. Doch auch nach der Aufführung in Breslau konnte noch nicht mit der Drucklegung begonnen werden, da Brahms sein Manuskript dem Geiger Joseph Joachim für Aufführungen in England mitgegeben hatte. Als er es im Mai 1877 zurückerhielt, arbeitete er den zweiten Satz insbesondere durch Kürzungen um, und schickt diese endgültige Fassung an Simrock. Im Oktober 1877 erschien dann die Erstausgabe (Partitur, Stimmen und Bearbeitung für Klavier zu vier Händen).

Rezeption Clara Schumann schrieb in ihr Tagebuch, dass ihr der „Melodien-Schwung“ im Werk fehle (siehe oben). Brahms äußerte sich in einem Brief an Otto Dessoff dahingehend, dass sich die 1. Sinfonie „nicht durch Liebenswürdigkeit empfiehlt“. Auch viele Musikkritiker bescheinigten dem Werk eine „karge Ernsthaftigkeit.“ Giselher Schubert fasst die zeitgenössische Rezeption zusammen:

Es können drei Grundpositionen in der Rezeption unterschieden werden: In den geschichtsphilosophischen Deutungen werden Rang und Bedeutung der Musik weniger aus ihrem Kunstcharakter abgeleitet, vielmehr wird mit der Bestimmung ihrer historischen Stellung ihr Gehalt gedeutet. Hierzu gehört die Diskussion um die Frage, inwieweit Brahms mit der Sinfonie die „Nachfolge“ von Beethovens Sinfonie Nr. 9 angetreten habe. Nach der Partei der „Neudeutschen“ um Franz Liszt und Richard Wagner sind das Wagnerische Musikdrama und die Lisztschen Sinfonischen Dichtungen legitime Nachfolger von Beethovens 9. Sinfonie, Brahms sei mit seiner ersten Sinfonie Beethoven lediglich epigonal nachgefolgt. Die Freunde Brahms’ äußerten sich dagegen lobend; so bezeichnete der Dirigent Hans von Bülow das Werk als „10. Sinfonie“ (damit meinte er jedoch nicht eine Fortführung von Beethovens Sinfonie Nr. 9, er sah das Werk von Brahms zwischen Beethovens zweiter und dritter Sinfonie gestellt). In den musiksoziologischen Interpretationen wird aus dem Charakter des Grüblerischen, Verschlossenen und aus der ungewöhnlich kunstvollen Arbeit auf den musiksoziologischen Gehalt, auf die Stellung dieser Sinfonie zur Gesellschaft, geschlossen. Mit der Sinfonie wurde etwa seit Beethoven die Vorstellung verbunden, dass sie eine ideelle Gemeinschaft der Menschen zu stiften vermöge und dass durch sie zugleich auch die ideelle Gemeinschaft ihren Ausdruck finde. Ausgehend von diesem Standpunkt wurde bei Brahms zunächst kritisiert, dass er mit seiner 1. Sinfonie versuche, Kammermusik zu monumentalisieren, der sinfonische Stil könne aber nicht aus der Steigerung des kammermusikalischen Stils hervorgehen. Im 20. Jahrhundert erfolgte dann eine Umdeutung: Das vorher als unsinfonisch Kritisierte wird als Zeichen der Modernität interpretiert, die im Unvermögen, ein Gesellschaftlich-Allgemeines zu repräsentieren, gerade ihre gesellschaftliche Wahrheit erhalte und bewahre. In programmatischen Deutungsversuchen wird der innere Entwicklungsgang von der tragischen Grundstimmung des ersten Satzes zur Aufhellung und Durchbruch im Schlusssatz programmatisch gedeutet. Einige Rezensenten vertraten die Ansicht, Brahms folge in der Sinfonie einem verschwiegenen Programm. Mehrere Rezeptionen enthalten autobiographische Deutungen, wonach Brahms z. B. sein Verhältnis zu Clara Schumann beschreibe.

Eine wichtige Rolle spielte die Sinfonie im Leben des Dirigenten Zubin Mehta. In einem Interview erzählte er: „Wahren Klang habe ich zum ersten Mal bei den Wiener Symphonikern erlebt, als sie Brahms’ Erste Sinfonie spielten. Ich dachte, meine Ohren würden explodieren. Es war tatsächlich eine Offenbarung.“Interview mit Louis Lewitan, in: Zeitmagazin Nr. 30, 18. Juli 2013, S. 46.

Bezüge zu Ludwig van Beethoven mini|400px|Die „rhythmische Figur“ in den ersten Sätzen der Sinfonie Nr. 5 (Beethoven) und Nr. 1 (Brahms, Takt 157 bis 161) mini|400px|Vergleich der Hauptthemen aus den Schlusssätzen von Beethovens Sinfonie Nr. 9 und Brahms Sinfonie Nr. 1 (ab Takt 62)

Verschiedene Ähnlichkeiten zwischen der 1. Sinfonie von Brahms und den Sinfonien von Beethoven werden oft genannt: (weitgehende) Übereinstimmung in der Instrumentierung; Übereinstimmung in der Grundtonart zu Beethovens 5. Sinfonie, weiterhin auch zum 3. Klavierkonzert (dort zweiter Satz auch in E-Dur) und zum Tripelkonzert (dort zweiter Satz in As-Dur); im ersten Satz spielt eine rhythmische Figur, bei der drei diatonisch geführte kurze Notenwerte in einen längeren münden, eine wesentliche Rolle („Motiv B“, siehe unten), ebenso wie das Zentralmotiv aus Beethovens Sinfonie Nr. 5, Satz 1; dramaturgischer Aufbau „per aspera ad astra“ („durch Nacht zum Licht“) wie bei Beethovens Sinfonie Nr. 5; Einbeziehung einer (Alp-)Hornweise sowie eines Chorals ähnlich wie bei Beethovens Sinfonie Nr. 6; Ähnlichkeit vom Hauptthema des Schlusssatzes zum Hauptthema des Schlusssatzes aus Beethovens Sinfonie Nr. 9.Bernhard Rzehulka: Symphonie Nr. 1 c-moll op. 68. In: Attila Csampai & Dietmar Holland (Hrsg.): Der Konzertführer. Orchestermusik von 1700 bis zur Gegenwart. Rowohlt-Verlag, Reinbek bei Hamburg 1987, ISBN 3-8052-0450-7, S. 505–508.Klaus Schweizer, Arnold Werner-Jensen: Reclams Konzertführer Orchestermusik. 16. Auflage. Philipp Reclam jun. Stuttgart, ISBN 3-15-010434-3, S. 428–433. Brahms soll auf die Bemerkung, dass sich beide Themen merkwürdig ähnlich seien, geantwortet haben: „Jawohl, und noch merkwürdiger ist, daß das jeder Esel gleich hört.“

Zur Musik Orchesterbesetzung: 2 Flöten, 2 Oboen, 2 Klarinetten, 2 Fagotte, Kontrafagott, 4 Hörner, 2 Trompeten, 3 Posaunen (nur im letzten Satz), Pauken, I. Violine, II. Violine, Viola, Violoncello, Kontrabass.

Aufführungszeit: ca. 40 bis 45 Minuten. Für die Mannheimer Aufführung im November 1876 (siehe oben) existieren Angaben über die Dauer der Sätze: 14 Minuten – 9 Minuten (für die erste Fassung des zweiten Satzes) – 4 Minuten – 16 Minuten.

Die Tonarten der Sätze stehen über eine große Terz zueinander in Beziehung: E-Dur steht eine große Terz über, As-Dur eine große Terz unter C-Dur bzw. c-Moll.

Die folgende Beschreibung ist als Vorschlag zu verstehen. Je nach Standpunkt sind auch andere Bezeichnungen, Abgrenzungen und Deutungen möglich.

Erster Satz: Un poco sostenuto – Allegro – Meno allegro Un poco sostenuto: c-Moll, 6/8-Takt (Takt 1–37) 200px|mini|Erster Satz, Czech National Symphony Orchestra (Musopen)