Bei der Schlafparalyse, auch Schlafstarre oder Schlaflähmung, ist die Skelettmuskulatur während des Schlafs gelähmt. Dies dient dem Schutz des Körpers, indem es verhindert, dass geträumte Bewegungen tatsächlich ausgeführt werden. Beim Aufwachen verschwindet die Lähmung sofort und wird nicht wahrgenommen. Vereinzelt wird die Lähmung auch bewusst erlebt, entweder kurz vor dem Einschlafen oder nach dem Aufwachen. Für Außenstehende ist die Muskulatur nicht starr (wie bei Muskelsteifheit) oder verkrampft, sondern schlaff.
Falls man sie zu oft bewusst erlebt, spricht man von einer Schlafstörung; oft wird das Wort „Schlafparalyse“ für die Störung verwendet. Die normale Lähmung, die man nicht wahrnimmt, wird eher als REM-Atonie bezeichnet. Entsprechend heißt die Störung im Englischen „sleep paralysis“, die natürliche Lähmung „REM atonia“.
Ein bewusstes Erleben der Lähmung kann mit albtraumartigen Erfahrungen einhergehen.
Schlafparalyse/REM-Atonie Die natürliche Lähmung der im Wachzustand dem Willen unterworfenen Muskulatur tritt während der REM-Schlafphase auf. Davon ausgenommen ist die Augenmuskulatur. Geträumte Augenbewegungen werden so auch körperlich ausgeführt, was an einem Träumenden auch durch die geschlossenen Lider leicht zu beobachten ist. Beim Erwachen wird die REM-Atonie für gewöhnlich ohne Verzögerung durchbrochen; das heißt, sie wird nicht bewusst erlebt.
Die neuronalen Aktivitäten, die die weitreichende Muskellähmung während des REM-Schlafs verursachen, haben ihren Ursprung hauptsächlich im Pons, auch „Brücke“ genannt, einem Teil des Hirnstamms. Die Motoneuronen des Hirnstamms und des Rückenmarks werden gehemmt, was eine hochgradige Atonie zur Folge hat.
Als Schlafstörung Grundlegendes Eine bewusst erlebte Schlafparalyse wird als Schlafstörung (Parasomnie) betrachtet. Es kommt dabei zu einer Entkoppelung (Dissoziation) der Lähmung vom Schlafzustand, wodurch die für den REM-Schlaf typische Muskelatonie auf benachbarte Wachphasen ausgedehnt wird. Dies kann beim Einschlafen oder beim Erwachen geschehen. Im ersteren Fall spricht man von der hypnagogen oder prädormitalen, im letzteren von der hypnopompen oder postdormitalen Form.Geert Mayer: Narkolepsie. Georg Thieme Verlag, Stuttgart 2006, ISBN 978-3-13-134431-1, S. 18. Innerhalb der Schlafstörungen gehört die Schlafparalyse zur Untergruppe der Erscheinungen, die gewöhnlich im Zusammenhang mit den Schlafphasen des REM-Schlafs auftreten.J. A. Fleetham, J. A. Fleming: Parasomnias. In: CMAJ: Canadian Medical Association journal = journal de l’Association medicale canadienne. Band 186, Nummer 8, Mai 2014, S. E273–E280, doi:10.1503/cmaj.120808, PMID 24799552, (Review). Sie wird manchmal auch als Wachanfall bezeichnet.Heinz-Walter Delank, Walter Gehlen: Neurologie. 12. Auflage. Georg Thieme Verlag, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-13-160002-8, S. 422. Die Häufigkeit, dass so eine Schlafstarre einmal im Verlauf des Lebens bewusst erlebt wird, wird auf 40 % der Gesamtbevölkerung geschätzt.Boris A. Stuck: Praxis der Schlafmedizin. Springer-Verlag, 2017, ISBN 978-3-662-54383-2, S. 238 ().
Eine isolierte, also nicht als Element einer anderen Störung auftretende, Schlafparalyse (isolated sleep paralysis, ISP) kann ein einziges Mal, während einiger Wochen gehäuft oder sporadisch mit Abständen von Monaten bis Jahren vorkommen. Im Gegensatz dazu steht eine Störung, die über längere Zeit gehäuft wiederkehrend auftritt (recurrent isolated sleep paralysis, RISP), manchmal phasenweise mit längeren Zeiträumen ohne Ereignisse. RISP ist häufig mit Halluzinationen verbunden.James Allan Cheyne: Recurrent isolated sleep paralysis. In: Michael J. Thorpy, Giuseppe Plazzi (Hrsg.): The Parasomnias and Other Sleep-Related Movement Disorders. Cambridge University Press, Cambridge/UK 2010, ISBN 978-1-139-48572-2, S. 142–152.
Zur Neurophysiologie der Schlafparalyse als Störung gibt es bisher (Stand: Juli 2016) nur vage Annahmen und keine vollständigen Theorien.J. J. Fraigne, Z. A. Torontali, M. B. Snow, J. H. Peever: REM Sleep at its Core – Circuits, Neurotransmitters, and Pathophysiology. In: Frontiers in neurology. Band 6, 2015, S. 123, doi:10.3389/fneur.2015.00123, PMID 26074874, (Review).James Allan Cheyne: Recurrent isolated sleep paralysis. In: Michael J. Thorpy, Giuseppe Plazzi (Hrsg.): The Parasomnias and Other Sleep-Related Movement Disorders. Cambridge University Press, Cambridge/UK 2010, ISBN 978-1-139-48572-2, S. 142–152.
Begleiterscheinungen Die bewusst erlebte Schlafparalyse ist an sich ungefährlich, wird aber von vielen Menschen als sehr unangenehm oder auch angsterregend empfunden. Manche Betroffene haben das Gefühl zu ersticken, weil sie ihre Atmung nicht spüren, andere fühlen einen Druck auf der Brust, als ob dort etwas Schweres laste. Bei etwa einem Drittel der Betroffenen treten auch visuelle, taktile oder akustische Halluzinationen auf.Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM): S3-Leitlinie – Nicht erholsamer Schlaf / Schlafstörungen. (PDF; abgerufen am 13. Juli 2016) Abschnitt 5.11.5 auf S. 110–111: Rezidivierende isolierte Schlaflähmung (RISL). In: Somnologie – Schlafforschung und Schlafmedizin (Suppl 1), Band 13, 2009, S. 4–160, doi:10.1007/s11818-009-0430-8. Die Halluzinationen können auch den Charakter außerkörperlicher Erfahrungen und der Sicht auf den eigenen Körper von außen (Autoskopie) haben.James Allan Cheyne: Recurrent isolated sleep paralysis. In: Michael J. Thorpy, Giuseppe Plazzi (Hrsg.): The Parasomnias and Other Sleep-Related Movement Disorders. Cambridge University Press, Cambridge/UK 2010, ISBN 978-1-139-48572-2, S. 142–152, hier S. 145–147.
Verbreitung Eine systematische Übersichtsarbeit von 2011, die 35 Einzelstudien mit Daten von insgesamt 36.533 Personen auswertete, zeigte ein mindestens einmaliges Vorkommen von Schlafparalyse während des bisherigen Lebens (Lebenszeitprävalenz) bei 7,6 % der Gesamtbevölkerung, 28,3 % der Studenten und 31,9 % der Psychiatrie-Patienten. Frauen waren geringfügig stärker betroffen als Männer (18,9 % gegenüber 15,9 % bei Summierung über alle Gruppen). Nur 6 der 35 Einzelstudien enthielten verwertbare Altersangaben. Hierbei zeigten sich keine signifikanten Auffälligkeiten.B. A. Sharpless, J. P. Barber: Lifetime prevalence rates of sleep paralysis: a systematic review. In: Sleep medicine reviews. Band 15, Nummer 5, Oktober 2011, S. 311–315, doi:10.1016/j.smrv.2011.01.007, PMID 21571556, (Review).
Schlafparalysen treten auch als eines der kennzeichnenden Symptome der Narkolepsie auf, einer Störung, die besonders geprägt ist durch Einschlafattacken. 40–50 % der Patienten, bei denen eine Narkolepsie diagnostiziert wurde, erlebten die Schlafparalyse als eines ihrer Symptome.Geert Mayer: Narkolepsie. Georg Thieme Verlag, Stuttgart 2006, ISBN 978-3-13-134431-1, S. 14.
Erblichkeit Die Zwillingsforschung deutet darauf hin, dass die Wahrscheinlichkeit, eine Schlafparalyse zu erleben, eine erbliche Komponente hat. Ist einer von zwei eineiigen Zwillingen davon betroffen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass auch der andere entsprechende Erfahrungen macht, stark erhöht. Es wurde von einem autosomal-dominanten Erbgang berichtet.A. Sehgal, E. Mignot: Genetics of sleep and sleep disorders. In: Cell. Band 146, Nummer 2, Juli 2011, S. 194–207, doi:10.1016/j.cell.2011.07.004, PMID 21784243, (Review).E. Mignot: Genetics of narcolepsy and other sleep disorders. In: American Journal of Human Genetics. Band 60, Nummer 6, Juni 1997, S. 1289–1302, doi:10.1086/515487, PMID 9199548, (Review).
Diagnose Die Diagnose erfolgt durch Erhebung der Krankengeschichte (Anamnese). Im Zweifelsfall sollen andere mögliche Ursachen schlafbezogener Lähmungen ausgeschlossen werden. Dies trifft insbesondere für die Narkolepsie zu, bei der Schlafparalyse als Störung eines der kennzeichnenden Symptome ist. In diesem Fall kann – falls notwendig – eine Klärung durch Polysomnographie und multiplen Schlaflatenztest (MSLT) in einem Schlaflabor erreicht werden.Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM): S3-Leitlinie – Nicht erholsamer Schlaf / Schlafstörungen. (PDF; abgerufen am 13. Juli 2016) Abschnitt 5.11.5 auf S. 110–111: Rezidivierende isolierte Schlaflähmung (RISL). In: Somnologie – Schlafforschung und Schlafmedizin, (Suppl 1), Band 13, 2009, S. 4–160, doi:10.1007/s11818-009-0430-8.
Bei einer Polysomnographie ist eine Schlafparalyse – als Störung – leicht erkennbar, da hier ein zeitgleiches Bestehen von Schlaffheit der Muskulatur (Atonie) in der Elektromyografie und ein Zustand von Wachheit (Nicht-Schlaf) in der Elektroenzephalografie (EEG) angezeigt wird.M. J. Howell: Parasomnias: an updated review. In: Neurotherapeutics: the journal of the American Society for Experimental NeuroTherapeutics. Band 9, Nummer 4, Oktober 2012, S. 753–775, doi:10.1007/s13311-012-0143-8, PMID 22965264, (Review). Ein MSLT gibt Aufschluss darüber, ob es sich um eine isolierte – und damit ungefährliche – Störung oder um ein Anzeichen von Narkolepsie handelt.
Behandlung Nicht-medikamentöse Therapie Die medizinische Behandlung beginnt damit, den Betroffenen über die verschiedenen Schlafphasen und darüber, dass er natürlicherweise nicht im Stande ist, seine Muskeln während der REM-Schlafphase zu bewegen, aufzuklären. Die Information, dass es sich um ein ungefährliches, wohlbekanntes, natürliches Phänomen handelt, das von etlichen Menschen erlebt wird, kann Ängste nehmen. Es kann auch hilfreich sein, den Betroffenen dazu anzuhalten, sich während einer bewusst erlebten Schlafparalyse die Harmlosigkeit des Vorganges zu vergegenwärtigen. Vor allem das Wissen, dass jede Schlafparalyse von selbst endet, davon keine Gefahr ausgeht und den eventuell wahrgenommenen Halluzinationen keine reale Existenz zukommt, erleichtert das entsprechende Erleben und ist geeignet, das Aufschaukeln von Furcht und Panik zu durchbrechen. Manchen Betroffenen gelingt es, Techniken zu entwickeln, den Zustand der Schlafparalyse aktiv zu beenden. Einige vermögen mit äußerster Willenskraft Zehen oder Finger zu bewegen und sich so aus der Lähmung zu lösen. Andere alarmieren durch bewusst lautes Atmen ihren Partner, damit der sie berührt und so die Lähmung beendet.
Empfohlen wird Schlafhygiene mit ausreichendem Schlaf und regelmäßigen Schlafzeiten, der Einsatz von Strategien zur Stressbewältigung, gedimmtes Licht am Bett, Positionstraining zur Vermeidung der Rückenlage und ein Training der Konzentration auf den Versuch, einen Körperteil (Finger oder Hand) zu bewegen.Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM): S3-Leitlinie – Nicht erholsamer Schlaf / Schlafstörungen. (PDF; abgerufen am 13. Juli 2016) Abschnitt 5.11.5 auf S. 110–111: Rezidivierende isolierte Schlaflähmung (RISL). In: Somnologie – Schlafforschung und Schlafmedizin (Suppl 1), Band 13, 2009, S. 4–160, doi:10.1007/s11818-009-0430-8.
Medikamentöse Therapie In schweren Fällen, wenn der Betroffene stark unter der Schlafparalyse leidet, gibt es die Möglichkeit medikamentöser Behandlungsmethoden. Die am häufigsten verwendeten Medikamente sind trizyklische Antidepressiva, z. B. Imipramin oder Clomipramin, die auch zur Behandlung der Narkolepsie eingesetzt werden, und selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRIs). Ebenfalls kann L-Tryptophan mit gleichzeitiger oder ohne gleichzeitige Gabe von Amitryptilin (ein trizyklisches Antidepressivum) verabreicht werden. Diese Medikamente werden nur bei sehr schweren Fällen von RISP (recurrent isolated sleep paralysis) verschrieben. Eine effektive Behandlung kann nicht für jeden Betroffenen garantiert werden.James Allan Cheyne: Recurrent isolated sleep paralysis. In: Michael J. Thorpy, Giuseppe Plazzi (Hrsg.): The Parasomnias and Other Sleep-Related Movement Disorders. Cambridge University Press, Cambridge/UK 2010, ISBN 978-1-139-48572-2, S. 142–152.
In Kunst und Kultur mini|320px|Der Nachtmahr von Johann Heinrich Füssli (1781): Künstlerische Darstellung