mini|hochkant|Johann Ulrich Schellenberg (1773–1838): Andreas Moser, 1800 mini|hochkant|Karoline von Sonneburg oder die Maskerade im Königssaale. Wien 1797. Allegorischer Titelkupfer Andreas Moser (getauft am 22. November 1766 in Landshut; † Anfang 1806, angeblich in LinzHeinrich Zschokke: Der aufrichtige und wohlerfahrne Schweizer-Bote (Aarau). 28. Februar 1806, S. 71 ().) war ein bayerischer Schriftsteller und Pädagoge, der in der Monarchie des Hauses Österreich und in der Helvetischen Republik tätig war. Sein Hauptwerk Gesunder Menschenverstand über die Kunst Völker zu beglücken […]Gesunder Menschenverstand über die Kunst Völker zu beglücken […]. (Johann Jakob Hausknecht, St. Gallen 1800) (). erschien 1800 in St. Gallen. Moser sollte Nachfolger Johann Heinrich Pestalozzis als Waisenvater in Stans werden und war an der Gründung der Kantonsschule in Aarau beteiligt, wo er den ältesten Turnplatz der Schweiz schuf. Am Vorabend der Konterrevolution von 1802 (Stecklikrieg) wurde er als angeblicher Illuminat zur Zielscheibe einer Hetzkampagne. Sein weiteres Schicksal ist nur in Ansätzen bekannt.
Aus dem Kloster in die Türkei Mosers Vater Jakob war ein Bauernsohn aus Dessing (Gemeinde Kumhausen), der als Zimmermann das Bürgerrecht von Landshut erworben hatte,Stadtarchiv Landshut, Band 32d, S. 83. die Mutter Ursula Oberhofer die Tochter eines Beisitzers (Hintersassen) und Tagwerkers (Tagelöhners).Bischöfliches Zentralarchiv Regensburg, Landshut St. Nikola, Band 5, S. 108, 346. Der junge Moser wurde Mönch.Brief aus dem Kanton Arau [sic] in der Schweiz, vom Febr. 1803. In: Christoph Martin Wieland (Hrsg.): Neuer Teutscher Merkur (Weimar). März 1803, S. 233–236 (). Dies ermöglichte ihm, in seiner VaterstadtNeue oberdeutsche allgemeine Literatur-Zeitung (München). 14. April 1810, Intelligenz-Blatt Nr. 15, Sp. 113. oder in MünchenEin Andreas Moser wird erwähnt in: Gegenstände zur öffentlichen Prüfung der zweyten rhetorischen Klasse in München im Jahre 1784 […]. S. 2 (), und in: Verzeichniß der Studenten, welche sich in dem kurfürstlichen Schulhause zu München […] ausgezeichnet und Preise erhalten haben, im Jahr 1785 […]. S. 7 (). das Gymnasium zu besuchen. Dann bezog er die Universität Ingolstadt, wo nach dem Verbot des Illuminatenordens im Jahr 1785 wieder der Geist der Inquisition herrschte. 1787/88 war Moser Kandidat der Theologie.Franz Xaver Freninger (Hrsg.): Das Matrikelbuch der Universitæt Ingolstadt-Landshut-München […]. 2. Theil. A. Eichleiter, München 1872, S. 100. 1790 finden wir ihn an der Juristischen Fakultät.Rainer Albert Müller: Die Matrikel der Ludwigs-Maximilians-Universität Ingolstadt-Landshut-München. Teil 1, Band 3, 2. Halbband. Lindauer, München 1979, S. 220. In der Zwischenzeit hatte er offensichtlich mit der Kirche gebrochen. Während einer zehn- bis zwölfjährigen Wanderschaft gelangte er anschliessend bis in die Türkei (bzw. die türkischen Vasallenstaaten Moldau und Walachei). Später bekundete er Polen und Juden seine Sympathie. Er beklagte die gegenüber den Untertanen, wie er sie in der Türkei, im geteilten Polen und in Ungarn erlebt hatte.Ein Nordamerikaner an die Helvetier (anonym erschienen). In: Der helvetische Volksfreund. Johann Jakob Hausknecht, St. Gallen, 1800, S. 85–88, 95–97, 115–117, hier: S. 86 (). Auch verurteilte er von den Russen begangene Kriegsverbrechen.Gesunder Menschenverstand über die Kunst Völker zu beglücken […]. (Johann Jakob Hausknecht, St. Gallen 1800) S. 273 ().
Ab 1793 lebte Moser in Wien. Er muss Kenntnisse im Umgang mit Firnissen und Farben mitgebracht haben, veröffentlichte er dort doch ein Buch für Handwerker, das entsprechende Rezepte enthält.Der Künstlerfreund, ein Buch für Chemiker, Mechaniker, Oekonomen, Baumeister, Kupferstecher, Mahler, Bildhauer, Lackirer, Drechsler, Instrumenten- und Geigenmacher, Gold-, Silber- und andere Metallarbeiter, Tischler, Zimmerleute, Steinhauer und dergleichen Künstler und Handwerker, herausgegeben von einem Künstlerfreunde. Christoph Peter Rehm, Wien 1793. Obwohl von Rezensenten negativ beurteiltNeue Allgemeine Deutsche Bibliothek. 51. Band, 1. Stück, Kiel 1800, S. 420 f. (); Annalen der Literatur und Kunst in den österreichischen Staaten (Wien). 1804 (), April, Sp. 319 f.: ., erlebte es mehrere Ausgaben.
Ein verkapptes Revolutionsstück
Sein Brot verdiente Moser als Hauslehrer. In der Folge war er Verwalter auf Schloss Schwarzenau in Niederösterreich.Moser an Innenminister Rengger, St. Gallen, 8. Dezember 1800. Actensammlung aus der Zeit der Helvetischen Republik […]. 11. Band, bearbeitet von Johannes Strickler, Stämpfli & Cie., Bern 1911, S. 1312. Sein Arbeitgeber Vinzenz Graf Strassoldo leitete als Obersthofmeister die Erziehung einer jungen Schwester des Kaisers, Erzherzogin Maria Amalia (1780–1798). In dieser Zeit verfasste Moser das verkappte Revolutionsstück Karoline von Sonneburg oder die Maskerade im Königssaale. Es handelt von der Liebe zwischen einer Adligen und einem Verwalter und konfrontiert ein ländliches Arkadien mit der Residenzstadt, . Die Titelheldin sagt einer Hofschranze, die es auf ihre Unschuld abgesehen hat: Der allegorische Titelkupfer von Karoline von Sonneburg zeigt u. a. einen Freiheitshut auf einer Stange und eine Stele mit der Inschrift «VOELKERGLÜK».Karoline von Sonneburg oder die Maskerade im Königssaale. Ein dramatisches Gemälde. Christoph Peter Rehm, Wien 1797 (), Titelkupfer, S. 63, 80.
Für eine zweiteilige Neuausgabe des Künstlerfreunds verfasste Moser gesellschaftskritische Lieder.Der Künstlerfreund […]. 2. Bändchen, Christoph Peter Rehm, Wien 1797, S. 4 (). Darin heisst es zum Beispiel:
«[…] Wenn von der Tugend Wegen, Wie böse Ritter pflegen, Euch Mädchen wer will ziehn; So fodertAlte ostmitteldeutsche Form von «fordert». nur zu Thaten, Die edles Herz verrathen,Im Lied: Der Ritter soll einem fleissigen Bauern mit Kindern helfen, der nach einer Feuersbrunst hungert. Ihn auf, so wird er fliehn. […]»Die junge Spinnerin. In: Der Künstlerfreund […]. 2. Bändchen, Christoph Peter Rehm, Wien 1797, S. 111–115, hier S. 114 ().
«[…] Ich trag’ nicht Ordensbänder, auch nicht Sterne, Vor mir bückt sich die Welt nicht schon von Ferne; Und doch bin ich ein reicher Mann. Ich selbst bin mir der Stern an meinem Kleide, Und dies sey einfach, rein, und nicht von Seide, Dabei bin ich ein reicher Mann. […]»Mein Reichthum. In: Der Künstlerfreund […]. 2. Bändchen, Christoph Peter Rehm, Wien 1797, S. 116–118, hier S. 116 ().
Redaktor des Helvetischen Volksfreunds 1797Jahr des Vorfriedens von Leoben und des Friedens von Campo Formio zwischen Frankreich und Österreich. hielt Moser sich vermutlich in Tscherniwzi (Czernowitz), der Hauptstadt der Bukowina, auf.Auszug aus einem Schreiben aus Czernowitz in der Bukowina, datirt vom 20. Februar 1800 (anonym erschienen). In: Der helvetische Volksfreund, St. Gallen, 18. Mai 1800, S. 167 f. Im von Frankreich annektierten Mainz suchte er vergeblich eine Beschäftigung. Nach der Helvetischen Revolution wurde er 1798 Hauslehrer beim Indiennefabrikanten Johann Georg Tschanz in Kirchberg bei Burgdorf (Emmental). 1799 beteiligte Moser sich an einer Umfrage, die der Minister für Wissenschaften und Künste der Helvetischen Republik Philipp Albert Stapfer unter Künstlern – im damaligen, weiteren Sinn des Wortes – durchführte, wobei er sich als bezeichnete. Er bot Stapfer seine Dienste als oder Lehrer an. Als die Schweiz im Zweiten Koalitionskrieg zum Schlachtfeld der Grossmächte wurde, brachte er sich vorübergehend in Paris in Sicherheit.
Nach der Zweiten Schlacht bei Zürich erhielt Moser bei der Verwaltungskammer des Kantons Säntis in St. Gallen eine Aushilfsstelle als Schreiber. Auch katalogisierte er jenen Teil der dortigen Stiftsbibliothek, den die geflohenen Mönche zurückgelassen hatten.Hanspeter Marti: Zwei Klosterbibliotheken in der Zeit der Helvetik. In: Schweizerische Zeitschrift für Religions- und Kulturgeschichte. Fribourg 2005, S. 267–278, hier: S. 274–276. Von März bis Dezember 1800 redigierte er die in St. Gallen erscheinende Zeitung Der helvetische Volksfreund. Darin plädierte er unter anderem dafür, den Juden das Bürgerrecht zu gewähren.Andreas Moser: Freimüthige Gedanken über die Sache des jüdischen Bürgerrechts in freien Staaten. In: Der helvetische Volksfreund, St. Gallen, 26. Oktober 1800, S. 357–360.
Eine
mini|hochkant|Der helvetische Volksfreund. 2. Jahrgang, St. Gallen 1800 mini|hochkant|Gesunder Menschenverstand über die Kunst Völker zu beglücken […]. Erstausgabe (St. Gallen 1800) Im November 1800 veröffentlichte Moser sein Hauptwerk Gesunder Menschenverstand über die Kunst Völker zu beglücken […]. Verlegt wurde es vom Herausgeber des Volksfreunds, Johann Jakob Hausknecht.Peter Ehrenzeller: Jahrbücher der Stadt St. Gallen 1828. 2. Band, (St. Gallen) 1829, S. 93–95. Hanspeter Marti nannte es eine .Hanspeter Marti: Zwei Klosterbibliotheken in der Zeit der Helvetik. In: Schweizerische Zeitschrift für Religions- und Kulturgeschichte. Fribourg 2005, S. 267–278, hier: S. 275. Am meisten Raum nehmen darin das Erziehungswesen, die Religion und die (repräsentative) Demokratie ein. Man fühlt sich an Mozarts Zauberflöte erinnert, wenn Moser dem Leser verheisst, eine auf gegründete Verfassung werde die Menschen zu den glücklichsten Geschöpfen machen. Oder an Beethovens Fidelio, wenn er ausruft: Gesunder Menschenverstand über die Kunst Völker zu beglücken […]. (Johann Jakob Hausknecht, St. Gallen 1800) S. 5 ().
Am meisten Beachtung fand, was Moser über die Religion schrieb. Die Idee eines in die Welt eingreifenden Gottes (Theismus) ablehnend, schwankte er zwischen Pantheismus und Deismus: Gesunder Menschenverstand über die Kunst Völker zu beglücken […]. (Johann Jakob Hausknecht, St. Gallen 1800) S. 36 (). Er propagierte die Einführung einer überkonfessionellen Weltreligion und schrieb, vom Optimismus der Aufklärung erfüllt: Gesunder Menschenverstand über die Kunst Völker zu beglücken (…) gedruckt im Lande der Freiheit für das Jahr der Gegenwart und die Zeit der Zukunft. (Johann Jakob Hausknecht, St. Gallen 1800), S. 64.
Der Gesunde Menschenverstand fand nach Mosers Angaben Verbreitung.Der Kampf eines Laien mit einem Priester, oder Vertheidigung und Beleuchtung des gesunden Menschenverstandes gegen den erklärten Feind desselben Johann Jakob Pfleger, ersten Pfarrer in Aarau. Helvetien (Bern) 1802, S. 11. Ein Kritiker attestierte dem Verfasser nicht nur , sondern auch . Seine Schrift sei .Jahrbuch der neuesten Literatur. Leipzig, 7. November 1801, Spalten 260 f. Ein anderer Rezensent hingegen, der bereits Karoline von Sonneburg verrissen hatte,Neue Allgemeine Deutsche Bibliothek. 44. Band, 1. Stück, Kiel 1799, S. 48. schrieb, dass Moser an leide und dass seine Vorschläge .Neue Allgemeine Deutsche Bibliothek. 75. Band, 1. Stück, Berlin/Stettin 1803, S. 263, 265.
Mitbegründer der Kantonsschule in Aarau mini|Aarau auf dem Aareplan von Samuel Kyburz, 1809. 1: Meyerhaus. 2: Kantonsschule. 3: Telliring mini|Sitz der Kantonsschule war bis 1896 das heutige Amthaus. Ende 1800 bewarb sich Moser bei Innenminister Albrecht Rengger um die Nachfolge Johann Heinrich Pestalozzis als Leiter des Kriegswaisenhauses in Stans. Der mit der Auswahl der Kandidaten betraute Stanser Pfarrer Joseph Maria Businger setzte sich nachdrücklich für ihn ein. Zur Vorbereitung auf die neue Tätigkeit liess sich Moser von Januar bis Mai 1801 von Pestalozzi in dessen Lehrerseminar in Burgdorf ausbilden. Der Vollziehungsrat der Helvetischen Republik übernahm einen Teil der Kosten. Die Stelle eines Waisenvaters wurde aber schliesslich nicht wieder besetzt.