Die bolivianische Literatur ist die Literatur Boliviens in spanischer Sprache und ein Bestandteil der hispanoamerikanischen Literatur. Sie gehört zu den weniger umfangreichen und in Europa weniger bekannten Literaturen Lateinamerikas, da sie sich aufgrund der tumultuarischen politischen Geschichte Boliviens nicht so ungestört entwickeln konnte wie die Literatur in einigen anderen lateinamerikanischen Ländern. Die indigenen Völker, vor allem die Quechua und Aymara, machen mindestens 65 Prozent der Gesamtbevölkerung des Landes aus. Ihre Sprachen (neben Quechua und Aymara gibt es etwa 30 weitere) beeinflussten nicht nur die Umgangssprache, sondern auch die spanischsprachige Literatur. Doch blieb die Schicht des gebildeten Lesepublikums im ärmsten Land Lateinamerikas über lange Zeit extrem schmal. In den Jahren von 2006 bis 2014 wurden fast eine Million Menschen alphabetisiert,Benjamin Beutler: UNESCO erklärt Bolivien frei von Analphabetismus. Amerika21.de, 26. Juli 2014 so dass hier eine neue Literatur im Entstehen begriffen ist. Während die Klassiker der bolivianischen Literatur vor allem die Geschichte des Landes, der Indigenen und die sozialen Bewegungen thematisierten, reflektieren die jungen individualistischen Autoren des 21. Jahrhunderts häufiger Erlebnisse des eigenen Lebens und schreiben und dichten über ihre Emotionen.

Im Gegensatz zu Peru und Ecuador gibt es in Bolivien außer Bibelübersetzungen kaum Prosatexte in Quechua (siehe Quechua-Literatur) und sehr wenige in Aymara. Zu ihrer Verbreitung trägt jedoch neuerdings das Internet bei.

Frühzeit, Romantik, Costumbrismo Vor seiner Unabhängigkeit gehörte Bolivien, einst eine Provinz des Inkareichs, zum spanischen Vizekönigreich Peru und seit 1776 zum Vizekönigreich des Río de la Plata. Die kreolische Oligarchie orientierte sich im 18. Jahrhundert an der höfischen Kultur Spaniens. Die indigenen mündlich-literarischen Traditionen, die noch im 17. Jahrhundert dokumentiert wurden, gerieten in Vergessenheit.Delina Aníbarro de Halushka: La narrativa oral en Bolivia: El cuento folklórico. Diss., University of California 1990.Adolfo Cáceres Romero (Hrsg.): Poésie quechua en Bolivie. Dreisprachige Ausgabe, Genf 1990. Doch fand das Quechua zum Teil Verwendung in zweisprachigen festlichen und liturgischen Gesängen, die auf der spanischen Form des Villancicos basierten. So inszenierte Roque Jacinto de Chavarría (1688–1719), Kirchenmusiker in Sucre, die Missionsgespräche der scheinheiligen Missionare mit den Indios in Form eines zweisprachigen Wechselgesangs. mini|hochkant|Nataniel Aguirre Als Begründer einer bolivianischen Literatur nach der Unabhängigkeit kann der liberale Politiker, Historiker, Dichter und Dramatiker Nataniel Aguirre (1843–1888) gelten, der Themen aus der bolivianischen und peruanischen Geschichte behandelte und durch den Roman Juan de la Rosa (1885, engl. Ausgabe 1999), ein Hauptwerk der bolivianischen Romantik, bekannt wurde. Darin verbindet er die melodramatische Darstellung von Ereignissen des Unabhängigkeitskrieges aus der Sicht eines Kindes mit akribischer Quellenanalyse,Heinz Krumpel: Aufklärung und Romantik in Lateinamerika. 2004, S. 215. sozialem Realismus und einer psychologisch schlüssigen Darstellung der Handlungen historischer Figuren. Er gilt nach dem Urteil des spanischen Literaturwissenschaftlers Marcelino Menéndez y Pelayo und auch heute noch als einer der besten lateinamerikanischen Romane des 19. Jahrhunderts. Ebenfalls der Generación de 1880, die sich gegen die feudale Oberschicht wendete und für eine neue Verfassung kämpfte, gehörte Adela Zamudio an, eine antiklerikale Dichterin, Lehrerin und Kämpferin für Frauenrechte aus Cochabamba mit aristokratischen Wurzeln. Sie verfasste von der Romantik beeinflusste, intellektuell anspruchsvolle Gedichte teils unter ihrem Künstlernamen Soledad, worin sich ihre geringe Bereitschaft zeigte, die geltenden sozialen Normen zu akzeptieren. Eingängige Landschaftsbeschreibungen und Expeditionsberichte aus dem Gran Chaco verfasste Daniel Campos (1829–1902). Allerdings verschlechterte sich im späten 19. Jahrhundert die Stellung der Indigenen unter dem Einfluss des sogenannten „republikanischen Sozialdarwinismus“; sie galten als nicht bildungsfähig und wurden in der Literatur der feudalen und liberalen Oberschicht weitgehend ignoriert, aber in der blutigen Revolution 1898/99 als Kanonenfutter von beiden Seiten, den Konservativen und den Liberalen, verheizt.

Als Bibliograph machte sich der Historiker Gabriel René Moreno (1834–1908), der lange in Chile lebte, um die Dokumentation bolivianischer Literatur verdient.

Kreolismus und Indigenismus Seit Beginn des 20. Jahrhunderts interessierten sich die Schriftsteller wieder stärker für die Besonderheiten ihres Landes, der Landschaft, der Bevölkerung (Kreolismus). Vom europäischen Symbolismus und nordischer Mythologie sowie vom Americanismo Rubén Daríos beeinflusst, verfasste der in Peru geborene und lange Zeit in Argentinien lebende Ricardo Jaimes Freyre (1868–1933) seine von nordischen Mythen beeinflussten, in Traumwelten angesiedelten Poeme in freien Versen und schuf mit Castalia bárbara: país der sueño, país de sombra eines der Hauptwerke des Modernismo. In Kooperation mit Darío gab er die einflussreiche aber kurzlebige Revista de América heraus. Seine wegen ihrer Grausamkeit nicht immer beliebte Erzählung Faustrecht gehört zu den Meisterwerken lateinamerikanischer Erzählkunst.Abgedruckt in Zapata: Bolivien, S. 182–188, und in Albert Theile (Hrsg.): Lateinamerika erzählt, Frankfurt 1962, S. 29–34. mini|hochkant|Alcides Arguedas (1919) Alcides Arguedas (1879–1946), Historiker, Soziologe, Romanautor, Essayist und Diplomat beim Völkerbund, in Paris und in Kolumbien, erkundete einfühlsam und zugleich präzise das Leben der indigenen Bevölkerung, der „Bronzerasse“. Er kann als Begründer des modernen Indigenismus gelten, einer Strömung, die sich mit anthropologischem Interesse den Völkern an der Peripherie und den Opfern der Kolonisation zuwendet. Sein Roman Raza de Bronze (1919) behandelt mit dem blutigen Konflikt zwischen einer Indiogemeinde und einem brutalen weißen Großgrundbesitzer ein immer wiederkehrendes Grundmotiv der indigenistischen Literatur. Aruguedas wandte sich gegen eine kulturelle Vermischung und zog – beeinflusst von der Diskussion, die er während seines Studiums in Europa rezipierte – pessimistische, teils rassistische Konsequenzen aus der tiefen kulturellen und sozialen Spaltung der postkolonialen Gesellschaft (La Plebe en Acción, 1924; La Dictadura y la Anarquía, 1926; Pueblo enfermo, 2009).Rössner 2002, S. 339. In seiner Tradition sah sich der Historiker Porfirio Díaz Machicao (1909–1981).Biographie von Porfirio Díaz Machicao

Auch der Essayist, Pädagoge und Politiker Franz Tamayo Solares (1878–1956), ein Mestize mit spanischen und Aymara-Wurzeln, beschwor die unterschiedlichen physischen und psychischen Fähigkeiten der beiden Rassen. Die Mestizen – so seine These, die in der späteren bolivianischen Politik eine problematische Rolle spielte – würden die Fähigkeiten beider Rassen vereinbaren und seien daher für Führungsaufgaben geschaffen; die Indios seien nur für die Landwirtschaft und den Militärdienst tauglich. Mit dieser rassistischen Ideologie prägte er die Revolution von 1952 mit; nach ihm wurde eine Provinz des Landes benannt.

Sozialer Realismus, Naturalismus, Indianismus Um 1925/30 endete die romantisch-„kreolistische“ Phase der bolivianischen Literatur. Die Autoren hoben nun den Eigenwert der Indiokultur hervor und stellten die zivilisatorischen „Erfolge“ des Kolonialismus in Frage. Der Costumbrist Jesús Lara (1898–1980), der wohl am häufigsten übersetzte bolivianische Autor aus dem Volk der Quechua, schilderte in seinen Werken, die er teils in dieser Sprache verfasste, die uralten Traditionen der Hirten. 1956 trat der mehrfach politisch Verfolgte als Kandidat der Kommunistischen Partei für das Amt des Vizepräsidenten an. Auch das Werk des Erzählers und Dramatikers Antonio Díaz Villamil (1897–1948) lässt sich der costumbristischen Tradition zuordnen. Sein Roman La voz de la quena inspirierte José María Velasco Maidana zu seinem Film Wara Wara (1930), dem bekanntesten bolivianische Stummfilm über ein Inka-Prinzessin. Das Leben eines Jugendlichen im Departamento Santa Cruz der 1920er Jahre behandelt der 1946 zuerst in Argentinien erschienene und 1997 verfilmte Roman Tierra adentro des Historikers und Politikers Enrique Finot (1891–1952).

mini|El Yatiri. Gemälde von Arturo Borda (1918) Mit dem von internationalen Ölfirmen angezettelten Chacokrieg, der zugunsten Paraguays ausging und mit großen Landverlusten für Bolivien endete, verbreitete sich ein realistischer und naturalistischer Stil, der mit einer Hinwendung zu den sozialen Realitäten, zu den Problemen der Arbeiter und Indios, aber auch zum „literarischen Nationalismus“ wie bei Raúl Botelho Gosálvez (1917–2004) einherging. Zu den wichtigsten Werken über den Krieg gehört der Roman Aluvión de Fuego des in allen literarischen Gattungen aktiven marxistischen Dichters, Journalisten und Diplomaten Óscar Cerruto (1912–1981). Augusto Guzmán (1903–1994) schrieb zahlreiche Romane, darunter aus eigenem Erleben als Kriegsteilnehmer Prisionero de guerra (1937). Seine Gedichte wurden auch ins Englische übersetzt (La noche, 1984, engl. The Night, 2007). Raúl Leyton Zamora (1904–2001), der als Militärkaplan im Krieg tätig war, beschrieb viele Jahre später in Indio „bruto“ die Auswirkungen des Krieges auf die Indios. Im teils melodramatischen Werks des auch in französischer Sprache schreibenden Erzählers, Dramatikers, Geschäftsmanns und Politikers Adolfo Costa du Rels (1891–1980), eines Trägers der Ordens der Ehrenlegion, fanden der Chacokrieg und die grausamen sozialen Realitäten auf dem Lande ihren Ausdruck in mythisch überhöhter Form (La laguna H. 3). Auch Roberto Leitón Medina (1903–1999) schrieb ein Werk über den Chacokrieg (La punta de los cuatro degollados, 1039). Er stellte in seinen Romanen als erste bolivianischer Autor die zentrale Rolle des Erzählers in Frage und fragmentierte den Erzählfluss. Vor allem bemühte er sich um den Aufbau von Dorfschulen mit dem Ziel einer praxisnahen landwirtschaftlichen Ausbildung für die Landbevölkerung, die zuvor weitgehend auf die religiöse Unterweisung beschränkt war.Roberto Leitón en la problemática de educar al campesino en cuestiones prácticas y útiles auf opinion.com.bo, 12. Juni 2022

mini|hochkant|rechts|Don Javier del Granado y Granado Während viele Autoren der 1930er und 1940er Jahren wie Costa du Rels in öffentlichen Ämtern tätig waren, mussten andere emigrieren. Augusto Céspedes (1904–1997), ein Mitbegründer des linksorientierten Movimiento Nacional Revolucionario (MNR), der bis 1952 im argentinischen Exil lebte, schrieb über den kometenhaften Aufstieg und den Reichtum der Zinnbarone. Seine Bücher über die Ausbeutung in den Bergwerken („Teufelsmetall“) und die mehr als 80.000 bolivianischen Opfer des Chacokrieges (Sangre des Mestizos) wurden u. a. ins Deutsche übersetzt.Zapata, Einleitung zu: Bolivien, 1973, S. 17 ff. Auch Ramírez Velarde (1913–1948) schrieb über das harte und kurze Leben der indianischen Bergleute. Der Anarchist, Arbeiterführer und Maler Arturo Borda (1883–1953) sammelte 50 Jahre lang Aufzeichnungen, Beobachtungen, Dialoge und Gedichte, die 1966 postum veröffentlicht wurden.