Das Landschulheim in Florenz war eine Schule für Flüchtlingskinder aus Deutschland und wurde am 17. Oktober 1933 von Werner Peiser und Moritz Goldstein in Florenz eröffnet. Es wurde das größte und bedeutendste von sechs Instituten, die für deutsche Emigrantenkinder in Italien ab 1933 gegründet worden waren.Klaus Voigt: Zuflucht auf Widerruf. Exil in Italien 1933–1945. Erster Band, Klett-Cotta, Stuttgart, 1989, ISBN 3-608-91487-0, S. 200 ff. Die anderen von Voigt genannten Schulen sind: Die „Schule am Mittelmeer“, das „Alpine Schulheim am Vigiljoch“ in Lana bei Bozen, die „Töchterschule am Gardasee“ und das „Landschulheim am Gardasee“ in Gardone Riviera sowie das „Vita Nuova. Jüdisches Heim der Erziehung“ in Maderna.
Gründungsvoraussetzungen Die beiden Gründer, die wegen ihrer jüdischen Herkunft früh ihre berufliche Existenz in Deutschland verloren hatten, konnten bei ihrem Vorhaben auf das Wohlwollen der italienischen Behörden bis hinauf in höchste Regierungskreise vertrauen.Robert M. W. Kempner: Ankläger einer Epoche. S. 137 ff. Kempner erwähnte in dem Zusammenhang vor allem Giuseppe Bottai, doch der Herausgeber des Buches Dial 22-0756, pronto. Villa Pazzi: memories of Landschulheim Florenz 1933–1938 behauptete (Seite 10), dass es sich hier um einen Irrtum Kempners gehandelt habe und der wahre Unterstützer Giovanni Gentile gewesen sei. Irmtraud Ubbens scheint auch dieser Version zuzuneigen. (Irmtraud Ubbens: Das Landschulheim in Florenz. S. 118) Gleichwohl ausschlaggebend war jedoch, dass es zu dieser Zeit noch keine engen Verbindungen zwischen den beiden faschistischen Staaten gab und Italien der Judenverfolgung in Deutschland recht kritisch gegenüberstand.Erich Kuby: Verrat auf deutsch. S. 53. Das führte zu einer kleinen Auswanderungswelle aus Deutschland nach Italien. Sie wurde durch die fehlende Visumspflicht für deutsche Staatsbürger begünstigt, wenn diese nach Italien einreisen wollten, aber auch durch die noch legale Möglichkeit, Gelder aus Deutschland nach Italien zu überweisen; Robert Kempner spricht von zweihundert Mark monatlich.Robert M. W. Kempner: Ankläger einer Epoche. S. 143. Vorausschauende jüdische Eltern in Deutschland nutzten diese Möglichkeiten, um ihre Kinder vorsorglich in das zu dieser Zeit für sie sichere Italien zu bringen, und dafür wurden Schulen benötigt.Robert M. W. Kempner: Ankläger einer Epoche. S. 138. Dank des legalen Devisentransfers war deren finanzielle Grundversorgung gesichert. Hinzu kam aber auch als Startkapital Privatvermögen von Moritz Goldstein.
Die Entwicklung der Schule In einer Villa in Fiesole bei Florenz begann am 17. Oktober 1933 der Schulbetrieb. Nach Irmtraud Ubbens fungierte Werner Peiser als pädagogischer und Moritz Goldstein als wirtschaftlicher Leiter des neuen Instituts.Irmtraud Ubbens: Das Landschulheim in Florenz. S. 119. Hildegard Feidel-Mertz weist allerdings darauf hin, dass bereits zu Beginn Hans Weil zum pädagogischen Leiter berufen worden sei, da die Gründer nicht über eigene professionelle pädagogische Qualifikationen verfügt hätten.Hildegard Feidel-Mertz: Erziehung zur sozialen Humanität.. S. 95. Naheliegender ist es demnach, dass Hans Weil der den beiden Schulleitern nachgeordnete Studienleiter war. Diese Funktion übte nach ihm bis 1938, dem Ende des Landschulheims Florenz, Heinrich KahaneIrmtraud Ubbens: Das Landschulheim in Florenz. S. 129. aus, nach dem Ausscheiden von Moritz Goldstein auch als Stellvertreter der Schulleiter Peiser und Robert Kempner.Robert M. W. Kempner: Ankläger einer Epoche. S. 146. Hans Weil wiederum trennte sich aufgrund anderer pädagogischer Vorstellungen bereits Anfang 1934 vom Landschulheim Florenz, um sofort anschließend in Recco an der ligurischen Küste die Schule am Mittelmeer (auch bekannt als „Scuola sul Mediterraneo“) zu gründen.Hildegard Feidel-Mertz: Erziehung zur sozialen Humanität.. S. 96.
Im Juli 1934 musste die Schule für einige Monate nach Forte dei Marmi ausweichen, da der Mietvertrag für das bisher genutzte Gebäude ausgelaufen war. Diese Verlegung des Schulbetriebs nach Forte dei Marmi und ab 1937 nach Bordighera blieb allerdings auch in den Folgejahren nach dem Umzug in die Villa Pazzi notwendig, da deren Vermieter, ein englischer Bankier, seine Villa im Sommer für sich selber beanspruchte.Klaus Voigt: Zuflucht auf Widerruf, Band 1 Am 3.IX.1937 beispielsweise sandte Else Seligmann aus Bordighera „zum Jahreswechsel“ eine Postkarte an „Signor Harry Seligmann, Ronnenberg (Hannover)“Sammlung Hertel, Ronnenberg, Nr. 59.. Auf einem Briefumschlag, den die Schulleitung am 23.12.37 an „Herrn Siegfried Seligmann, Ronnenberg b.Hannover, Germania“ schickte, war als Absender eingedruckt: „Landschulheim Florenz, Höhere Schule und Internat, Pian dei Giullari (Firenze), Villla Pazzi“Sammlung Hertel, Ronnenberg, Nr. 49..
Ab 1. Oktober 1934 fand der Schulbetrieb in Florenz in der eben erwähnten Villa Pazzi statt, einem ehemaligen Sommersitz der Familie Pazzi auf dem „Pian dei Guillari“ neben der Sternwarte und dem Haus von Galileo Galilei.Robert M. W. Kempner: Ankläger einer Epoche. S. 142. Wie Kempner berichtet, erstreckte sich der Schulbetrieb später auf insgesamt fünf Gebäude, darunter die Galileo-Villa und die Villa Placci. Der Schulbetrieb verblieb in der Villa Pacci, wo sich auch die Aufenthalts- und Speiseräume befanden. Zwei Villen dienten der Unterbringung der Jungen, eine der Mädchen. Im fünften Gebäude befanden sich zwei Krankenzimmer und einige Lehrerwohnungen, während viele Lehrkräfte auch über die anderen Villen verteilt wohnten und dort zugleich die Aufsicht ausübten. In den Villen gab es Werkstätten und Laborräume und in dem großen Garten der Villa Pazzi einen Tennisplatz. Nach Voigt herrschten „ideale räumliche Bedingungen […] in einer der am schönsten gelegenen großbürgerlichen Wohngegenden von Florenz“. Doch all diese Räumlichkeiten wurden angesichts des Wachstums der Schule auch dringend benötigt. Sie war im Oktober 1933 mit fünf Schülern gestartet, verfügte ein Jahr später über 20 Schüler, 1935 über etwa 60 und 1936 über ungefähr 100 im Alter von acht bis zweiundzwanzig Jahren.
1936 schied Moritz Goldstein aus der Schule aus. Zuvor schon, 1935, war Robert Kempner, der mit Peiser ebenfalls aus Berliner Zeiten bekannt war, zur Schulgemeinde hinzugestoßen. Er wurde Goldsteins Nachfolger und leitete fortan zusammen mit Peiser das Landschulheim Florenz. In diese Zeit fällt auch der Beginn der stärkeren Beobachtung der Schule durch die deutschen Behörden, was 1938 dazu führte, dass ab Juli keine Devisen mehr aus Deutschland an die Schule überwiesen werden durften.Irmtraud Ubbens: Das Landschulheim in Florenz. S. 124. Parallel dazu verschärfte sich die Situation für Juden in Italien. Der Hitlerbesuch in Rom im Mai 1938 führte zu einer Annäherung beider Seiten und in der Folge zu einer zunehmenden Repression gegenüber den Emigranten. Kempner, der während des Hitlerbesuchs für kurze Zeit verhaftet worden war, entschloss sich, Italien zu verlassen. Er erhielt eine Einreise- und Aufenthaltsgenehmigung für die USA und reiste dort am 1. September 1939 ein.Robert M. W. Kempner: Ankläger einer Epoche. S. 145 ff.
Zwischen dem 3. und 9. Mai besuchte Adolf Hitler ItalienRalph-Miklas Dobler: Hitler in Rom 1938, Forschungsbericht der Max-Planck-Gesellschaft, 2009: und dabei auch Florenz. In dieser Zeit kamen die Schülerinnen und Schüler des Landschulheims für etwa eine Woche ins Gefängnis. Für sie hieß das: „Unsere Inhaftierung war Teil der Feierlichkeiten.“„our imprisonment was part of the festivities“
Zudem waren für einige Jugendliche auch die Begegnungen mit den erwachsenen Mithäftlingen, darunter ein Frauenmörder, durchaus spannende Ereignisse, und auch die Kommunikation mit der Außenwelt war dank der Hilfe eines Priesters, der unter seiner Soutane Nachrichten und kleinen Pakete schmuggelte, möglich.
Doch es gab auch Schüler, die diesen Gefängnisaufenthalt und seine Begleitumstände ganz anders erlebten, so etwa Fritz Cohen, für den der Hitler-Besuch in keiner guten Erinnerung blieb. „Ich erinnere mich noch genau! Vor seiner Ankunft in Florenz wurden die Jungen und jungen Männer unserer Schule zusammengerufen, in den Speisesaal. Dort mussten wir Formulare ausfüllen und dann wurden wir in unsere Wohnhäuser geschickt, um mit dem Notwendigsten kleine Koffer zu packen. Dann sollten wir sofort wieder zurückkommen. Busse warteten schon auf uns, und es wurde uns gesagt, wir sollten einsteigen, wir würden nun in Haft genommen. Wir kamen dann alle ins Gefängnis, für circa eine Woche, vielleicht waren es zehn Tage.“Matthias Horndasch: Ein Amerikaner zurück in Deutschland. Die Geschichte des Zeitzeugen Fritz G. Cohen aus Ronnenberg. Shaker media, Aachen 2009, ISBN 978-3-86858-268-0 „Da saßen wir eine Woche lang fest - tagsüber in Langeweile, von abends sieben bis morgens sieben hinter Gitter geschlossen.“Peter Hertel: Die Juden von Ronnenberg – Teil 2: 1933–1939-2012. Hrsg.: Stadt Ronnenberg 2012, S. 62 (Zwei Arten des Holocaust – Erinnerungen von Fritz Cohen). Am bedrückendsten an dieser Aktion war für Fritz Cohen, so seine Erinnerung, dass seitens der Schulleitung keinerlei Erklärungen dazu abgegeben wurden und die Betroffenen nicht wussten, weshalb man sie in ein Gefängnis steckte. Das steht allerdings in einem gewissen Widerspruch zu dem vorhergehenden Zitat, in dem ja Heinrich Kahane sehr wohl als jemand erwähnt wurde, der mit den Schülern über diese Verhaftung gesprochen hat. Und Voigt verweist zudem auf den politischen Zwangscharakter der Aktion, die seiner Meinung nach wesentlich auf Initiativen der Gestapo und der lokalen NSDAP-Ortsgruppe beruhte, die länger schon die Stilllegung der Schule betrieben.
Italien hatte am 7. September 1938 ein Rassengesetz verabschiedet, das allen ab 1919 in Italien eingebürgerten Juden die Staatsbürgerschaft aberkannte und die Ausweisung aller nicht-italienischen Juden androhte. Zusammen mit dem Wegfall des Devisentransfers war dies das Aus für das Landschulheim Florenz. Peiser und Kempner konnten noch mit einem Teil der Schüler nach Nizza ausreisen und dort für kurze Zeit den Schulbetrieb fortsetzen, die übrigen Schüler wurden von in Italien verbliebenen Lehrkräften betreut. Doch über dieses Ende des Landschulheims gibt es ebenso kontroverse Erzählungen wie über den Umgang der Schulleitung mit den Verhaftungen während des Hitlerbesuchs.
Das hier erwähnte „schlimmste Szenario“ wurde vor allem von Gabriele Schöpflich und ähnlich von Ernst Levinger beschrieben.
Ernst M. Oppenheimer versuchte Gründe für das Verhalten von Peiser und Kempner zu finden, die gegen ein vorschnelles Urteil über die beiden sprechen, und für Klaus Voigt „war diese Schlussperiode, die im Exil Erregung hinterließ, nicht zu klären“. Positiv ist nachzutragen, dass es Schöpflich und Hirsch gelang, alle Kinder unterzubringen. Lediglich die Geschwister Stefan und Mimi Rosenthal musste Schöpflich mit nach Florenz nehmen, wo sie dann aber auch von deren Mutter in Empfang genommen werden konnten.
Konzept und Alltag Orientierung an der Tradition der deutschen Gymnasialbildung