mini|Manfred Tischer im Jahr 2005 (Foto: Sebastian Tischer).
Manfred Tischer (* 13. März 1925 in Naumburg an der Saale; † 22. Februar 2008 in Düsseldorf) war ein deutscher Künstlerfotograf, der insbesondere mit seinen Fotografien im Umfeld der Düsseldorfer ZERO-Gruppe und durch die fotografische Begleitung von Aktionen des Künstlers Joseph Beuys bekannt wurde. Seit 2010 sind zahlreiche seiner Fotografien online über das Tischer-Archiv zugänglich.
Leben mini|Manfred Tischer mit der Frau des Zero-Künstlers Otto Piene (mit Zigarette), Alfred Schmela (Galerist Düsseldorf) liegend, seiner Gattin der Galeristin Monika Schmela, der Tochter und späteren Galeristin Ulrike Schmela und Dr. Erika Tischer (Ehefrau des Fotografen, mit Sonnenbrille) am Strand von Nizza 1961. (© Manfred Tischer)
Manfred Tischer wuchs in Naumburg an der Saale als ältester von drei Söhnen des Textilkaufmanns Wilhelm Tischer und dessen Ehefrau Lisa, geb. Herrmann auf. Sein Vater nahm an beiden Weltkriegen teil. Als ältester Sohn hätte Manfred Tischer eigentlich das Familienunternehmen übernehmen sollen. Nach dem Notabitur 1943 absolvierte Tischer aber stattdessen 1948/49 in Karlsruhe und Frankfurt am Main ein Zeitungsvolontariat und zeigte damals bereits Interesse am Fotojournalismus. Kurz darauf verließ Manfred Tischer die DDR mit einem gefälschten Pass über Berlin nach München.
Nach seinem familiär bedingten Weggang aus München, wo er ab 1951 zunächst bei Hanns Hubmann und dann bei Lars von Looschen als Assistent beschäftigt war, lernte er in Düsseldorf seine zukünftige Ehefrau Erika Kiepka kennen. Das Ehepaar bekam zwei Söhne.
Parallel zu seiner freiberuflichen Tätigkeit studierte Manfred Tischer zwischen 1958 und 1963 Kunstgeschichte an der Universität zu Köln. Zwischen 1973 und 1992 war Manfred Tischer an der Fachhochschule Düsseldorf zudem Lehrbeauftragter für Fotografie. Manfred und Erika Tischer trennten sich 1985; bis Ende 2004 lebte Manfred Tischer mit seiner zweiten Ehefrau Regina und anschließend allein in Düsseldorf. Manfred Tischer starb am 22. Februar 2008, beigesetzt ist er auf dem Südfriedhof Düsseldorf. Der Düsseldorfer Kunstverein verlautbarte in seinem Nachruf in der Westdeutschen Zeitung, Tischer sei „kein Freund menschenleerer Ausstellungshallen“ gewesen, „wo nur die Kunst zählte“. Ihn interessierte „das Milieu, die menschliche Situation, wenn etwa Gerhard Richter 1971 vor seinen Farbtafeln stand und seinen Arm über seine kleine Tochter Betty legte. Oder wenn Tischer mit Konrad Klapheck parlierte, beide korrekt wie Banker gekleidet.“N.N.: Fotograf Manfred Tischer ist tot. Der Kunstverein trauert um seinen Dokumentaristen, in: Westdeutsche Zeitung, 5. März 2008, abgerufen am 25. Februar 2014.
Schaffen Ausbildungszeit in München und Düsseldorf (1949–1958) Tischer absolvierte von 1949 bis 1951 in Weißenfels eine Fotografenlehre und arbeitete nach abgeschlossener Gesellenprüfung zunächst zwei Jahre lang als Assistent des Fotografen und Fotojournalisten Hanns Hubmann, der Mitbegründer der Zeitschrift Quick und bis 1980 einer ihrer wichtigsten Fotografen war. Einen ersten Einblick in die Möglichkeiten, die die Porträtfotografie gerade Filmschauspielern zur aktiven Persönlichkeitslenkung bot, erhielt Tischer dann bis 1953 im Münchner Atelier von Lars Looschen, der Ingrid Bergman, Mario Adorf, Edith Teichmann, Helmut Schmid und andere mit der Großbildkamera in Szene setzte. Anschließend war Tischer in Düsseldorf rund vier Jahre lang als Industriefotograf in der Jagenberg AG tätig.
Fotografen-Atelier in Düsseldorf (ab 1958) Als freier Fotograf erhielt Manfred Tischer ab 1958 erste Aufträge aus der Werbebranche; außerdem fotografierte er für Architekturzeitungen und fertigte erste Porträts an – seine große Leidenschaft und jenes Genre, in dem er zur Meisterschaft gefunden hat. Denn seine Fotografien, stets mit der Leica in nüchternem Schwarz-Weiß gemacht, sind ohne Scheinwerfer und Assistenten, nicht inszeniert, sondern genau beobachtet, und ließen deshalb den Porträtierten wenig Gelegenheit, sich selbst in Szene zu setzen. Sie zeigen scheinbare Schnappschüsse, die doch seitens des Fotografen durchdacht sind: „Bei langen Fotoserien ist Glück im Spiel; ich mache nur ein Bild, das entsteht im Kopf“, so Manfred Tischer.Manfred Tischer, zit. nach: Trauerfeier für Manfred Tischer, 7. März 2008, Nachlass Tischer. Insofern hielt er sich bei den von ihm dokumentierten Vernissagen, Ausstellungen und Kunstaktionen, aber auch in den Ateliers der Künstler stets im Hintergrund, wartete den perfekten Augenblick ab und drückte dann – ebenso unauffällig – den Auslöser. Mit dieser ruhigen, zurückhaltenden Art und Weise zu fotografieren, mit seinen analogen Schwarz-Weiß-Fotografien geriet er in den Jahren vor seinem Tod ins Abseits. Doch in jüngster Zeit gab es einige Museumsankäufe, unter anderem von der Beuys-Sammlung Schloss Moyland, dem Museum Tinguely, Basel und dem Centre Pompidou in Paris.
Manfred Tischer und der Düsseldorfer Kunstverein Bereits 1957/58 war Manfred Tischer durch einen Düsseldorfer Freund, den Maler Gerhard Wind, in die Kunstszene eingeführt worden. Mit dem Schritt in die Selbständigkeit, der 1958 erfolgte, konnte Tischer dann das „tote Antlitz der Maschinen durch die Gesichter der Kunstszene“ ersetzen. Die rege Düsseldorfer SzeneEine kurze, gut zu lesende Einführung, die einen Eindruck der damaligen Zeit vermittelt, findet sich bei Uwe M. Schneede: Ein Impresario der Gegenwartskunst, in: Uwe M. Schneede: Karl Ruhrberg. Köln 2009, ISBN 978-3-86560-724-9 (= Reihe Energien | Synergien, Hrsg. von der Kunststiftung NRW, Bd. 10), S. 9–19. begleitete er als fester freier Fotograf des Düsseldorfer Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen, nachdem er 1959 anlässlich der Abendausstellung mit Lichtballett von Otto Piene dessen Geschäftsführer Karl-Heinz Hering und Ewald Rathke kennengelernt hatte. Tischer dokumentierte zwischen 1960 und 1985 alle Ausstellungen und Vernissagen des Düsseldorfer Kunstvereins und war ab 1967 auch als „Hausfotograf“ der Düsseldorfer Kunsthalle tätigKlaus Sebastian: Fotograf Manfred Tischer gestorben, in: Rheinische Post, 7. März 2008. – eine Tätigkeit, die damals wie heute unter einem Dach stattfinden konnte, weil der Kunstverein ab 1947 die Räumlichkeiten der Kunsthalle mit Ausstellungen bespielte.Mirjam Wittmann: Zeiten und Orte, in: Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen (Hrsg.): 175 Jahre Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen. Düsseldorf 2004, ISBN 3-925974-64-4, S. 14–21, hier: S. 17. Entsprechend enthält auch die Festschrift, die anlässlich des 175-jährigen Jubiläums des Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen 2004 veröffentlicht wurde, ein eigenes Kapitel mit Fotografien von Manfred Tischer.Manfred Tischer. Fotografien 1960–1980, in: Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen (Hrsg.): 175 Jahre Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen. Düsseldorf 2004, ISBN 3-925974-64-4, S. 45–93. Seine Fotografien fanden zudem Eingang in die Kataloge etlicher von ihm dokumentierter Ausstellungen, so zum Beispiel bereits 1961 für die Publikation zur Ausstellung Aktuelle Kunst, Bilder und Plastiken aus der Sammlung Dotremont, 1964 für Victor Vasarely, Gemälde, Collagen, kinetische Objekte, Teppiche, Druckgraphik, 1965 für die Einzelausstellungen von Eva Hesse und Tom Doyle oder 1970 für Peter Brüning und 1975/76 für Ferdinand Kriwet.Marie-Luise Otten (Hrsg.): Von Dada bis Beuys. 30 Jahre Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen mit Karl-Heinz Hering. Ratingen 1998, ISBN 3-00-003137-5, Dokumentation ab S. 219. Uwe M. Schneede zählt in der 2009 erschienenen Publikation über Karl Ruhrberg all jene Künstler auf, die damals in Düsseldorf tätig waren (einen Großteil porträtierte Manfred Tischer im Verlauf seiner Tätigkeit) – eine Liste, die „fast ein Querschnitt durch die deutsche Kunstszene der Zeit [ist] – mit internationalen Zugaben: von der politischen Kunst bis zum Experimentalfilm, von ZERO bis zur Materialkunst, von der Konzeptkunst bis zur jungen Malerei, von Fluxus bis Minimal – eine phantastische Übersicht.“Uwe M. Schneede: Karl Ruhrberg. Köln 2009, ISBN 978-3-86560-724-9 (= Reihe Energien | Synergien, Hrsg. von der Kunststiftung NRW, Bd. 10), S. 48. Weshalb Schneede durchaus zuzustimmen ist, dass Düsseldorf damals „Vorort der Avantgarde“ war. Die Düsseldorfer Kunstakademie kann als Zentrum der bundesrepublikanischen Kunstszene der damaligen Zeit bezeichnet werden, „die Kunsthalle war das Epizentrum“, wodurch in Düsseldorf eine positive Ausnahmesituation herrschte, denn die Ausstellungen und Sonderveranstaltungen fanden ein interessiertes, begeisterungsfähiges, aufgeschlossenes Publikum, das seinesgleichen suchte.Vgl. Uwe M. Schneede: Karl Ruhrberg. Köln 2009, ISBN 978-3-86560-724-9 (= Reihe Energien | Synergien, Hrsg. von der Kunststiftung NRW, Bd. 10), S. 13.
Manfred Tischer: freie Arbeiten im Kunstumfeld der Avantgarde Parallel zu dieser festen freien Tätigkeit im Düsseldorfer Kunstverein sei er „so etwas wie der unbezahlte Hausfotograf von Otto Piene“ gewesen, meinte Manfred Tischer 2005 in einem Schreiben an den Basler Museumsdirektor Guido Magnaguagno. Er begleitete ihn entsprechend mit den übrigen ZERO-Künstlern zur Ausstellung Bewogen Beweging, die 1961 am Stedelijk-Museum in Amsterdam gezeigt wurde und die sich auf internationaler Ebene mit dem Thema „Bewegung“ in der damaligen zeitgenössischen Kunst auseinandersetzte, von der Presse allerdings verrissen wurde.Dieter Honisch (Bearb.): 1945–1985 Kunst in der Bundesrepublik Deutschland. Berlin 1985, ISBN 3-87584-158-1, (Ausstellungskatalog Nationalgalerie Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz Berlin), S. 147. Im Rahmen dieser Ausstellung trat Tischers Frau Erika in einer dort aufgeführten Aktion Pienes auf und bewegte dessen Objekte – später durften sich dann auch gelegentlich die Kinder des Ehepaares Tischer beteiligen. Die ZERO-Feste in Düsseldorf, im Umfeld der Galerie Schmela, mit denen die Künstlergruppe auch heute noch verbunden werden, hat Manfred Tischer in die Zeitlosigkeit der Fotografie übertragen, wie er auch Fluxus-Events von Bazon Brock und Ben Vautier begleitete und weitere Ausstellungen, die Alfred Schmela in diesen Jahren zeigte. So fotografierte Tischer dort beispielsweise 1959 Jean Tinguely, den Schmela am Vorabend der Eröffnung noch „mit 10 Mark zum Kaufhaus C&A schickte, damit er sich ein weißes Hemd kaufen solle.“ Zur Eröffnung gab es Düsseldorfer Altbier, womit eine Tradition begründet war, die später gegründete Galerien ebenfalls übernahmen. Neben den Ausstellungen in Schmelas Galerie besuchte Tischer aber auch weitere wichtige Düsseldorfer Galerien der damaligen Zeit, wie Denise René/Hans Meyer – die Galeriefusion des Esslinger Galeristen mit der Pariser Galeristin wurde 1967 in Krefeld mit einer Andy Warhol-Ausstellung gebührend begangen, bevor das Galeristen-Duo zwei Jahre später in die Düsseldorfer Altstadt umzog – und Konrad Fischer, den man als Maler unter dem Mädchennamen seiner Mutter, als Konrad Lueg, kennt. Er organisierte 1963 in einer ehemaligen Metzgerei gegenüber der Galerie 22 von Jean-Pierre Wilhelm eine erste Ausstellung mit deutscher Pop Art, bevor er 1967 unter seinem Geburtsnamen in den Galeriebetrieb einstieg. Seine Ausrichtung auf die amerikanische Avantgarde, den Minimalismus und die Konzeptkunst, trugen in diesen Jahren zur Internationalisierung des Düsseldorfer Kunstbetriebs bei.