Gerald Daniel Blanchard (* um 1972 in Winnipeg) ist ein kanadischer ehemaliger Dieb, der als einer der erfolgreichsten, diskretesten und planerisch anspruchsvollsten Vertreter seines Metiers in die Kriminalgeschichte einging. Er führte aufwendige Überfälle auf drei Kontinenten durch. Polizeiermittler und Staatsanwälte charakterisierten ihn als „raffiniert, clever, intrigant und kreativ“;National Post: (englisch) die Medien betitelten ihn nach seiner Enttarnung als „Meisterdieb“,„Master thief released from prison“. Am 2. Mai 2012 auf cbc.ca/news (CBC News). Abgerufen am 21. September 2015. „Superhirn“,canada.com: (englisch) „Jahrhundertdieb“Thomas Staisch: „Der Meisterdieb des ‚Sisi-Sterns‘ ist wieder frei!“. Am 4. Mai 2012 auf heute.at (Heute). Abgerufen am 21. September 2015. oder „Gentleman-Dieb“.Lewis Page: „Canadian hi-tech gentleman jewel thief finally nabbed“. Am 8. November 2007 auf theregister.co.uk. Abgerufen am 21. September 2015.

Bereits als Jugendlicher war er in schwere Straftaten verwickelt, die ihm sowohl ein Vermögen als auch etwas später seine erste Freiheitsstrafe einbrachten. Er blieb ohne formale Berufsausbildung, beschäftigte sich aber autodidaktisch leidenschaftlich mit elektronischen Geräten und Überwachungstechnologien, die im weiteren Verlauf seiner kriminellen Karriere zu seinen wichtigsten Werkzeugen werden sollten. Im Alter von 26 Jahren stahl er in einer waghalsigen Aktion ein kostbares Schmuckstück der Kaiserin Elisabeth von Österreich-Ungarn („Sisi“) aus dem Schloss Schönbrunn in Wien. Während der nächsten Dekade baute Blanchard eine eigene kleine, kriminelle Organisation auf und erbeutete mehrere Millionen Kanadische Dollar. Sein Hauptziel waren Geldautomaten in Bankfilialen, die er stets unbewaffnet und unbeobachtet leerte. Den Überfällen gingen akribische Planungen, wochenlange Observierungen und die unauffällige Installation zahlreicher technischer Hilfsmittel voraus. Blanchard arbeitete mit seinem Team überwiegend auf eigene Rechnung, nahm aber auch Aufträge aus dem Ausland an.

Anfang 2007 wurde er nach langjähriger Fahndung verhaftet und sein Ring in einer landesweit abgestimmten Polizeirazzia zerschlagen. Er kooperierte während der Ermittlungen umfassend mit den Behörden und wurde im April 2012 vorzeitig aus der Haft entlassen.

Leben Persönlicher Hintergrund Blanchard wuchs zunächst in seiner Geburtsstadt Winnipeg auf. Nach einigen Jahren zog seine Mutter mit ihm und seiner Schwester nach Omaha in den US-Bundesstaat Nebraska. Aufgrund seiner kriminellen Verwicklungen (siehe nächster Abschnitt) musste er zeitweise eine Erziehungsanstalt besuchen. Er litt an Legasthenie und hatte einen leichten Sprachfehler.Joshuah Bearman: „Art of the steal. On the trail of world’s most ingenious thief“. Am 22. März 2010 auf wired.com (Wired). Abgerufen am 20. September 2015. Randy Flanagan, ein Lehrer, nahm sich seiner an und lud ihn in seinen Heim-Mechanikkurs ein. Dort beschäftigten sich die Kinder und Jugendlichen mit einfachen Konstruktionen, Holzarbeit, Modellbau sowie Automechanik. Blanchard zeigte viel Talent und Flanagan wurde für ihn zu einer Vaterfigur. In der Highschool suchte er sich einen Schülerjob und arbeitete kurzzeitig in einem Supermarkt, in dem er die Regale auffüllte.

Durch seine Großmutter in Winnipeg behielt Blanchard enge familiäre Bindungen nach Kanada.

Kriminelle Karriere Anfänge Seinen eigenen Angaben zufolge ist Blanchard seit seinem sechsten Lebensjahr davon fasziniert gewesen, sich anderer Leute Eigentum anzueignen. Damals konnte sich die Familie keine Milch leisten. Als er einige gerade gelieferte Flaschen auf der Veranda eines Nachbarn entdeckte, versteckte er sich zwischen parkenden Autos und nahm die Flaschen in einem unbeobachteten Moment an sich. In diesem Augenblick habe „es ihn gepackt“. 1984 machte er anhand eines funkferngesteuerten Modellautos seine ersten Erfahrungen mit UmtauschbetrugVideo-Interview mit Blanchard. Am 11. Januar 2010 auf cbc.ca/news (CBC News). Abgerufen am 22. September 2015. und während der Schulzeit entwendete er einmal ein VCR-Gerät aus einem Klassenraum.

Zu Beginn seiner Highschool-Jahre suchte sich Blanchard dann gezielt Angestellte von Geschäften und freundete sich mit ihnen an. Er brachte sie dazu, unzählige Produkte aus den eigenen Läden zu stehlen, die er anschließend verhehlte. Auf diese Weise verdiente er mehrere zehntausend US-Dollar. Darüber hinaus entwickelte er eine Leidenschaft für elektronische Geräte, Kameras und Überwachungstechnologie. Er studierte sie sehr genau, untersuchte ihr technisches Innenleben und wollte ihre Funktionsweisen bis ins letzte Detail verstehen. An einem Ostersonntag brach er in eine RadioShack-Filiale ein und erbeutete neben Geld auch zahlreiche Elektronikartikel. Im Alter von 16 Jahren kaufte er sich mithilfe eines Anwaltes ein eigenes Haus, das er mit 100.000 US-Dollar in bar bezahlte. Seiner Mutter erklärte er, es sei das Haus eines Freundes. Er versuchte seine Machenschaften vor ihr zu verbergen und sie fragte wohl auch nicht nach. Etwas später wurde er vom Wachmann eines Ladens beim Diebstahl von Kleidungsstücken erwischt und verhaftet. Er verbrachte mehrere Monate in Haft. Bei einer Gerichtsanhörung verbürgte sich Randy Flanagan für ihn und Blanchard wurde in dessen Obhut entlassen. Auch danach verheimlichte Blanchard seinen Reichtum nicht. Er prahlte damit, gab wahllos Geld aus und lebte sehr verschwenderisch.

Im April 1993 machte er in der Lokalpresse Schlagzeilen, als es ihm in Council Bluffs (Iowa) binnen zwei Tagen zweimal gelang, aus Polizeigewahrsam zu entwischen. Verhaftet wegen des Verdachts der Autobrandstiftung, saß er bis nach Mitternacht im Verhörraum des Polizeireviers. Er konnte sich in einen Nebenraum schleichen, eine Wand hinaufklettern und sich in der Zimmerdecke verstecken. Dort harrte er mehrere Stunden aus und verfolgte akustisch, wie die Polizisten seine Flucht bemerkten und annahmen, er sei durch den Notausgang entkommen. In einem günstigen Moment entwendete er eine Dienstmarke, eine Pistole, ein Holster, ein Polizeifunkgerät sowie eine Mütze und eine Jacke als Teil einer Polizeiuniform. Derart ausgestattet verließ er das Revier durch den Haupteingang und fuhr in der Morgendämmerung per Anhalter zurück nach Omaha, das direkt am anderen Ufer des Missouri River liegt. Dem Fahrer erklärte er, gerade von einer Kostümparty zu kommen. Ein SWAT-Team der Polizei spürte ihn am darauffolgenden Tag auf, als er sich auf dem mütterlichen Dachboden versteckte. Im Streifenwagen gelang es ihm, seine Beine durch die Handschellen (die die Hände hinter dem Rücken fixierten) zu winden und so seine Arme und Hände wieder auf die Körpervorderseite zu drehen. Während die Beamten draußen warteten und den Autoschlüssel hatten stecken lassen, setzte er sich auf den Fahrersitz, verriegelte die Türen und fuhr davon. Nach einer Verfolgungsjagd bog er auf den Parkplatz eines Steakhauses ein und flüchtete zu Fuß weiter, wurde aber bald darauf endgültig überwältigt. Diesmal wurde Gerald Blanchard zu einer Haftstrafe von vier Jahren verurteilt. Im März 1997 erfolgte die Haftentlassung, der allerdings eine umgehende Abschiebung nach Kanada folgte – verbunden mit einem fünfjährigen Einreiseverbot in die Vereinigten Staaten.

Der Coup in Wien mini|Elisabeth von Österreich-Ungarn („Sisi“) mit den Edelweiß-Sternen im Haar. Gemälde von Franz Xaver Winterhalter (um 1860, Werkstattwiederholung, Öl auf Leinwand, 80 × 64 cm) Seine bekannteste Straftat verübte Blanchard Anfang Juni 1998 in der österreichischen Hauptstadt Wien. Im Schloss Schönbrunn stahl er einen der so genannten Edelweiß-Sterne.Jörg Diehl: „Sissis geraubte Juwelen: Ein Coup wie bei ‚Ocean’s 11‘“. Am 27. November 2007 auf spiegel.de (Spiegel Online). Abgerufen am 21. September 2015. Diese ursprünglich 27 Schmuckstücke aus Diamanten und Perlen hatte der k.u.k. Hof- und Kammerjuwelier und Goldschmied Alexander Emanuel Köchert 1855 zum ersten Hochzeitstag von Franz Joseph I. und Elisabeth von Österreich-Ungarn („Sisi“) für die Kaiserin gefertigt. Sie trug die Sterne gerne im Haar. Ende der 1990er Jahre existierten nur noch zwei Exemplare. Sie waren zu Broschen umgearbeitet worden, jedoch seit 75 Jahren nicht mehr der Öffentlichkeit präsentiert worden. Dies sollte erstmals wieder in den Tagen von Blanchards Wien-Aufenthalt geschehen. Zusammen mit seiner damaligen Ehefrau befand er sich in den Flitterwochen, die jedoch zu einer sechsmonatigen Rundreise durch Europa ausgeweitet wurden, an der auch sein vermögender Schwiegervater teilnahm. Das Trio bereiste unter anderem London, Rom, Wien, Barcelona und die Côte d’Azur. In Wien erhielten sie dank des prominenten Status des Schwiegervaters eine exklusive Führung durch das Schloss und einen Vorabblick auf den Stern, der aus einer Privatsammlung stammte und zwei Tage später offiziell enthüllt werden sollte.

Blanchard war augenblicklich fasziniert von dem Stern. Dessen materieller Wert belief sich auf etwa 10.000 kanadische Dollar, der ideelle Wert jedoch war kaum bezifferbar. Er wusste, dass er niemals mit dem Stück würde hehlen können, sondern betrachtete den Diebstahl eher als persönliche Herausforderung. Noch während des Rundgangs begann er, den Ausstellungsraum in Augenschein zu nehmen – die Bewegungssensoren, die Art der Schrauben am Sicherheitsglaskasten und die Fenster. Unauffällig nahm er mit seiner Videokamera jedes Detail des Zimmers auf. Als das Personal in angrenzende Räume weitergegangen war, öffnete er heimlich das Fenster, lockerte mit einem Schlüssel die Schrauben und stellte sicher, dass die Bewegungssensoren ihm ein sehr langsames Bewegen innerhalb des Gebäudes ermöglichten. Darüber hinaus prägte Blanchard sich die bewaffneten Wachen ein, die an jedem Eingang postiert waren und regelmäßig durch das Schloss patrouillierten. Im Souvenirladen erstand er eine billige Plastikreplik des Sterns, auch um ein Gefühl für die Größe zu bekommen.

Bereits am nächsten Tag führte Blanchard den Diebstahl durch. Kurz zuvor hatte er einen deutschen Piloten kennengelernt, der gegen ausreichende Bezahlung bereit war, sich auf kriminelle Aktionen einzulassen. Blanchard selbst beherrschte das Fallschirmspringen und hatte das unbewachte Dach des Schlosses als neuralgischen Punkt ausgemacht. Mit einem Kleinflugzeug ließ er sich über oder in die Nähe der Anlage fliegen. Aus etwa 1600 Metern Höhe sprang er ab. Beinahe hätte er das Dach des Schlosses verfehlt, konnte aber beim Rutschen über einen Giebel gerade ausreichend abbremsen, um eine Brüstung an der Dachkante zu greifen. Durch das am Vortag geöffnete Fenster stieg er ein. Wachen waren keine im Raum und sollte er sie hören, hatte er geplant, sich hinter den dicken, bodenlangen Vorhängen zu verstecken. Er entfernte die bereits gelockerten Schrauben an der Vitrine und hielt dabei mit einem Buttermesser die langen Stäbchen in Position, die ansonsten einen Alarm ausgelöst hätten. Der Edelweiß-Stern selbst ruhte auf einem federgelagerten Mechanismus, der jede Gewichtsveränderung registriert hätte. Daher tauschte er ihn schnell und übergangslos gegen das Duplikat aus dem Souvenirshop aus.

Am nächsten Tag erschien Blanchard zur feierlichen Ausstellungseröffnung und beobachtete, wie die Besucher den Plastikstern bestaunten. Einige Zeit später wurde sein Fallschirm in einem nahen Müllcontainer gefunden. Man stellte jedoch keine Verbindung zum Diebstahl her – da dieser noch gar nicht bemerkt worden war. Erst nach zwei Wochen fiel der Austausch der Sterne auf. Im Atemregler seiner Tauchausrüstung schmuggelte Blanchard das Schmuckstück auf der Rückreise mit nach Kanada.

Weitere Straftaten