Paul Bosse (* 8. März 1881 in Wittenberg; † 5. März 1947 ebendort) war ein deutscher Chirurg, Gynäkologe, langjähriger Chefarzt des Paul-Gerhardt-Stiftes Wittenberg (1919–1935) und Gründer einer Klinik. Seine ehemalige Privatklinik (1936–1996) in Wittenberg ist als Bosse-Klinik bekannt.

Leben und Wirken Vor 1933 Paul Bosse wurde 1881 als Sohn des Kaufmanns und Wittenberger Stadtrats Julius Bosse und dessen Frau Pauline geboren. Er absolvierte das Melanchthongymnasium in Wittenberg, studierte Medizin an den Universitäten Genf (1 Semester), Berlin (3 Semester) und Freiburg im Breisgau (6 Semester). Er war Mitglied der Studentenverbindung Albingia Freiburg.Miltenberger Ring: General-Verzeichnis der Mitglieder des Miltenberger Rings. Tübingen 1931, S. 73. Er wurde 1903 approbiert und 1904 bei Alfred Hegar in Freiburg mit einer Dissertation Ueber interstitielle Gravidität promoviert.Katalogkarte zur Dissertation im Dissertationenkatalog bis 1980 der Universitätsbibliothek Basel, abgerufen am 5. November 2015. In den Jahren 1903 bis 1906 absolvierte er eine klinische Weiterbildung in Chirurgie, Frauenheilkunde und Geburtshilfe in Freiburg und Weimar. Ab 1907 war er Assistent unter Erwin Wachs, leitender Arzt des Paul-Gerhardt-Stift Wittenberg und des Hebammen-Lehrinstitutes.Neben Erwin Wachs zählt er zu den Mitbegründern des modernen Paul-Gerhardt-Stifts. Siehe Helmut Bräutigam: Heilen und Unheil. Zur Geschichte des Paul-Gerhardt-Stifts zwischen 1918 und 1945. Hrsg. von der Paul-Gerhardt-Stiftung. Wittenberg 2017, ISBN 978-3-942005-64-7, S. 15. Zugleich arbeitete Paul Bosse als niedergelassener Arzt. Ab 1914 war er Spezialarzt für Chirurgie und Frauenleiden und ab 1915 zuständig für die chirurgische Abteilung des Stiftes. Er nahm am Ersten Weltkrieg teil und war Chirurg des Heimkehrer-Lazaretts in Wittenberg. 1919 wurde er leitender Arzt, später leitender Chefarzt des Evangelischen Krankenhauses Paul Gerhardt Stift. Im folgenden Jahr unterstützte er es mit einem Kredit aus eigenem Vermögen zur Tilgung dessen „dringendster Schulden“. Unter seiner Ägide (1919–1935) wurde das Stift zu einem regional bedeutenden, größeren Krankenhaus, nachdem es 1921 nach der Schließung der städtischen Klinik die stationäre medizinische Versorgung von Stadt und Kreis übernommen hatte und daraufhin 1925 und 1929 vergrößert werden musste.Wolfgang Böhmer: Das Krankenhaus Paul-Gerhardt-Stift im Wandel der Zeiten. In: Peter Gierra (Hrsg.): Impulse zur Diakonie in der Lutherstadt Wittenberg. Evangelische Verlagsanstalt, Berlin 1983, , S. 40–104.

Paul Bosse war ab 1906 verheiratet mit Käte Bosse geb. Levin (1886–1944), die jüdische Urgroßeltern hatte, selbst aber wie ihre Geschwister seit den 1890er Jahren der evangelisch-lutherischen Kirche angehörte. Das Ehepaar hatte zwei Töchter, Dorothea (* 1907) und Käthe (1910–1998), sowie zwei Söhne, Günther (* 1913) und Fritz (* 1915). Käte Bosses Eltern, beide dissident, änderten zusammen mit der Familie des Onkels 1914 den Nachnamen in „Ledien“Ronny Kabus: Juden der Lutherstadt Wittenberg im III. Reich. 3., neubearb. und erw. Ausgabe. Books on Demand, Norderstedt 2012, ISBN 978-3-8448-0249-8, S. 161. Der Vetter von Käte Bosse ist Kurt Ledien (Heini Gruffudd: A Haven from Hitler. A young woman’s escape from Nazi Germany to Wales. Y Lolfa Cyf., Talybont, Wales 2014, ISBN 978-1-84771-817-4, S. 12, 207).. Sie – die Eltern – wurden kremiert und auf dem evangelischen Friedhof in Wittenberg bestattet: Schlusspunkt einer erfolgten Assimilation.Hans-Jürgen Grabbe: Verleumdet, verfolgt, vertrieben – Der Wittenberger Arzt Paul Bosse und seine Familie 1900–1949. Mitteldeutscher Verlag, Halle 2019, ISBN 978-3-96311-189-1.Eva, Käte Bosses Schwester, wurde 1938 nach ihrem „Suicid“ im Familiengrab der dissidenten, 1925 bzw. 1931 gestorbenen Eltern bestattet. Zum Familiengrab siehe Ronny Kabus: Juden der Lutherstadt Wittenberg im III. Reich. 3., neubearb. und erw. Ausgabe. Books on Demand, Norderstedt 2012, ISBN 978-3-8448-0249-8, S. 176. mini|Ahnen-Nachweis der Tochter von Käte Bosse mit den dissidenten (Groß)eltern

Nationalsozialismus Bereits Ende 1933 wurde dem „jüdisch versippten“Paul Bosse war für die lokalen Nationalsozialisten ein „Rassenschänder“, obwohl seine Ehe nicht unter das „Blutschutzgesetz“ fiel. Zur Bedeutung der „jüdischen Versippung“ für die Nationalsozialisten siehe: Lothar Gruchmann: „Blutschutzgesetz“ und Justiz. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Band 31 (1983), H. 3, S. 418–442 (ifz-muenchen.de [PDF; 8,3 MB]). Chefarzt – ungeachtet seines Fronteinsatzes im Ersten Weltkrieg und seiner seitdem bestehenden Versehrtheit – gekündigt,Helmut Bräutigam behauptet 2017 in seinem Buch Heilen und Unheil (Ein Gutachten im Auftrag der Paul-Gerhardt-Stiftung), Paul Bosse sei gemäß den Bestimmungen seines Anstellungsvertrags von 1922 gekündigt worden (S. 56). und Bosse musste das Paul-Gerhardt-Stift Ende 1935 verlassen.Nikolaus Särchen, Kurt Jonas, Thorsten Sielaff: Klinik Bosse Gesundheitszentrum für Neurologie, Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik. In: Wolfgang Böhmer, Andreas Wurda (Hrsg.): Das heilkundige Wittenberg. Zur Geschichte des Wittenberger Gesundheits- und Sozialwesens von der Stadtfrühzeit bis zur Neuzeit. Drei Kastanien, Wittenberg 2009, ISBN 978-3-942005-10-4, S. 422–443. (Weiteres s. u. und im Einzelnachweis dazu.) Im Paul-Gerhardt-Stift wurden bis 1943 etwa 300 Zwangssterilisationen insgesamt vorgenommen. In der Literatur wird nahegelegt, ohne Beweise anzuführen, dass Paul Bosse als dessen Chefarzt 1934/35 Zwangssterilisationen durchgeführt habe.Wolfgang Böhmer u. a.: Zur Geschichte des Wittenberger Gesundheits- und Sozialwesens. Teil IV: Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wittenberg 1988, S. 60, und Helmut Bräutigam: Heilen und Unheil. Zur Geschichte des Paul-Gerhardt-Stifts zwischen 1918 und 1945. Wittenberg 2017, ISBN 978-3-942005-64-7, S. 89. Böhmer, der als einziger die heute verschollenen Operationsbücher von 1934/1935 gelesen und darüber geschrieben hat, redet nicht explizit davon, dass Paul Bosse Zwangssterilisierungen ausgeführt hat. Böhmer beschreibt die Veränderungen im Originaloperationsbuch von 1936 genau, die Bosses Nachfolger eingeführt hat. Wolfgang Böhmer: Das Krankenhaus Paul-Gerhardt-Stift im Wandel der Zeiten. Maschinenschrift. Wittenberg 1978, S. 43/44. Diese Eintragungen sind in dem von Bräutigam beigezogenen Operationsbuch nicht vorhanden. Am 13. Juni 1935 ereignete sich das verheerende Explosionsunglück im Sprengstoffwerk Reinsdorf.Die Zahl der Todesopfer schwankt zwischen 68 (Wittenberger Tageblatt vom 24. Juni 1935) und 125 (Wolfgang Böhmer u. a.: Zur Geschichte des Wittenberger Gesundheits- und Sozialwesens. Teil IV: Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wittenberg 1988, , S. 50). Die Nationalsozialisten hatten kein Interesse, die genaue Zahl der Opfer bekanntzugeben. Paul Bosses Umsicht und Können ist es zu verdanken, dass bis auf eine Ausnahme alle, fast 90 Schwerverletzte gerettet werden konnten.Paul Bosse: Kriegserfahrungen im Frieden. In: Deutsche Medizinische Wochenschrift. 41 (1935), , S. 1623–1642. Bis heute werden seine Verdienste bei der Bewältigung des Unglückes als Grund für eine Privilegierung – man spricht vom „Schutzbrief“ – durch das NS-System angeführt.Eine Geschichte kehrt zurück. In: Mitteldeutsche Zeitung. Ausgabe Lutherstadt Wittenberg, 18. Juni 2015. Die Zeitung redet vom „Zugeständnis der Nationalsozialisten“. Anfang 1936 eröffnete er seine „Privatklinik und Entbindungsanstalt Dr. Bosse“, die trotz sogleich einsetzender repressiver Maßnahmen (z. B. der Versuch einer Aberkennung der Kassenzulassung) stetig wuchs. Die Möglichkeit zur Eröffnung einer Klinik muss Bestandteil eines erzwungenen Auflösungsvertrages gewesen sein, den Paul Bosse im April 1934 unterschrieben und der ihm seine Chefarztstellung bis Ende 1935 garantiert hatte.Helmut Bräutigam: Heilen und Unheil. Wittenberg 2017, ISBN 978-3-942005-64-7, S. 64–67, sowie Detlev und Ute Stummeyer: Paul Bosse. Seine Klinik in Wittenberg. Unerwünschte Wahrheitssuche. S. 57–87. – Zur Chronologie: Gekündigt wurde Paul Bosse am 28. Dezember 1933 zum 31. Dezember 1934 (Bräutigam, S. 187). „Juristisch“ wurde sein unbefristeter Arbeitsvertrag von 1922 umgewandelt durch einen am 18. April 1934 „vereinbarten“ Auflösungsvertrag zum 31. Dezember 1935. „Wegen offensichtlich berechtigter Gegenforderungen“ Paul Bosses, wie Böhmer (1978) S. 41 schreibt, kam es unter dem Druck der erfolgten Kündigung zu diesem „Vertrag“. Nach seiner Ehrung durch Goebbels und Hitler nach dem Explosionsunglück am 13. Juni 1935 keimte für kurze Zeit die Hoffnung auf, das Paul-Gerhardt-Stift werde die Kündigung zurücknehmen, doch lokale Nationalsozialisten ließen keinen Zweifel am Fortbestehen der Kündigung aufkommen (Bräutigam, S. 206). Bis auf den heutigen Tag wird der „befristete“ Vertrag und die „Kündigung“ widerspruchsfrei nebeneinander gestellt. Schönstätter Marienschwestern, von Pater Kentenich beauftragt, standen ihm zur Seite und kamen dadurch selbst ins Visier der Gestapo.Wolfgang Marchewka: Aus der Geschichte der Bosse-Klinik: Blut und Leid der Familie. In: Freizeit Magazin. Ende 1990. Sogar lokale Nazigrößen ließen ihre Frauen anfänglich in seiner Klinik entbinden.Ronny Kabus: Juden der Lutherstadt Wittenberg im III. Reich. 3., neubearb. und erw. Ausgabe. Books on Demand, Norderstedt 2012, ISBN 978-3-8448-0249-8, S. 54. Denunziationen bei der Ärztekammer und öffentliche Diffamierungen machten die Klinikarbeit riskant. So war er 1942 in einem Ermittlungsverfahren nach einer Anzeige der Gestapo beschuldigt, er infiziere Frauen mit Gonorrhoe, um die Wehrkraft zu zersetzen. Zeitgleich, am 18. April 1942, wurde in einem „Führererlass“ der Familie Bosse eine „Sonderstellung“ eingeräumt.Helmut Bräutigam: Heilen und Unheil. Wittenberg 2017, ISBN 978-3-942005-64-7, S. 102, und Paul Bosse an den Reichsgesundheitsführer vom 25. Mai 1944. Steiner und Cornberg nennen dies „Willkür in der Willkür“. In: Willkür in der Willkür. Hitler und die Befreiungen von den antisemitischen Nürnberger Gesetzen. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. 2 (1998), S. 143–187 (ifz-muenchen.de [PDF; 8,5 MB]). Mit den Veröffentlichungen über die örtliche Sulfonamidtherapie aus seiner Klinik griff er als früher Mitstreiter von Gerhard Domagk in den heftigen Streit in der Kriegschirurgie ein.Hans Röding: 100 von 1000 Jahren. Heidelberg 2011, ISBN 978-3-942825-07-8, S. 74, und Angelika Ebbinghaus: Mediziner vor Gericht. In: Klaus-Dietmar Henke (Hrsg.): Tödliche Medizin im Nationalsozialismus. Von der Rassenhygiene zum Massenmord (= Schriften des Deutschen Hygiene-Museums Dresden. Band 7). Böhlau, Köln/Weimar/Wien 2008, ISBN 978-3-412-23206-1, S. 203–224, hier S. 222. 1943 wurden allein über 400 Entbindungen in der Bosse-Klinik gezählt.