mini|„Phoenix und Drache“-Teppich, 164 × 91 cm, Anatolien, Mitte 15. Jh., Museum für Islamische Kunst, Berlin mini|Tierteppich, um 1500, gefunden in der Kirche von Marby, Jämtland, Schweden. Wolle, 160 × 112 cm, Staatliches Historisches Museum, Stockholm mini|Tierteppich, Anatolien, 11.–13. Jh., Museum für Islamische Kunst (Doha) mini|Tierteppich, vor 1500, Museum für Islamische Kunst, Berlin Inv. No. KGM 1885, 984 mini|„Batári-Crivelli“-Fragment, Anatolien, 15. Jh., Ungarisches Museum für Kunstgewerbe, Budapest
Anatolische Tierteppiche stellen eine spezielle Gruppe von Teppichen dar, die nach heutigem Wissen in Anatolien hergestellt wurden. Charakteristisch für Tierteppiche sind die in den Flor eingeknüpften stilisierten Tierdarstellungen. Sie wurden im 14. bis 16. Jahrhundert während der Seldschuken- und frühen Osmanenzeit hergestellt und auch nach Westeuropa exportiert. Sehr wenige dieser Teppiche sind heute noch erhalten, die meisten in fragmentarischem Zustand. Tierteppiche wurden jedoch häufig auf Gemälden der frühen Renaissancezeit dargestellt. Die Entstehungszeit der erhaltenen Teppiche kann durch Vergleich mit ihren gemalten Gegenstücken bestimmt werden. Ihre Untersuchung hat wesentlich zur Entwicklung der Chronologie der islamischen Kunst beigetragen.Kurt Erdmann: Seven hundred years of oriental carpets. University of California Press, Berkeley CA u. a. 1970, ISBN 0-520-01816-8. Bis zur Entdeckung des Pasyryk-Teppichs galten die anatolischen Tierteppiche als die ältesten erhaltenen Orientteppiche der Welt.
Erhaltene Teppiche „Drache-und-Phönix“-Teppich Der heute im Museum für Islamische Kunst in Berlin aufbewahrte Teppich zeigt ein traditionelles chinesisches Motiv, den Kampf zwischen Phönix und Drache. Radiokarbonanalysen datieren den Teppich in die Mitte des 15. Jahrhunderts und somit in das frühe Osmanische Reich.Jürg Rageth: Dating the dragon & phoenix fragments. In: Hali. Nr. 134, 2004, S. 106–109. Der Teppich ist mit symmetrischen Knoten geknüpft.Anna Beselin (Hrsg.): Geknüpfte Kunst. Teppiche des Museums für Islamische Kunst. Edition Minerva, München 2011, ISBN 978-3-938832-80-6, S. 46–47. Das chinesische Motiv wurde wahrscheinlich durch die mongolischen Invasoren während des 13. Jahrhunderts in die Islamische Kunst eingebracht.
Der „Drache-und-Phönix“-Teppich hat seine ursprünglichen Kanten verloren, und es scheint, als sei er an der rechten Seite abgeschnitten. Sein Feld ist in zwei rechteckige Abschnitte unterteilt, die jeweils ein gelbgrundiges Oktogon enthalten, in dem sich ein chinesischer Drache und ein Phönixvogel im Kampf gegenüberstehen. Beide Figuren sind in geometrischer Form stilisiert. Ihre blauen Farben und die rote Umrisszeichnung kontrastieren mit dem Gelb des Medaillons. Die Zeichnung des oberen Medaillons erscheint etwas gedrückter als die des unteren. Die Ecken zwischen den Medaillons und dem rechteckigen Rahmen sind mit roten Dreiecken und weißen Hakenreihen auf rotem Grund ausgefüllt, aus dem sich ein sich wechselseitig ergänzendes weiß-rotes Hakenmuster ergibt. Die rechteckigen Felder sind von einer schmalen Wächterborte aus Perlmustern in unterschiedlichen Farben eingefasst. Die Hauptbordüre zeigt rote florale Rankenmuster, die aus identischen, S-förmigen Motiven auf braunem Grund aufgebaut sind.Anna Beselin (Hrsg.): Geknüpfte Kunst. Teppiche des Museums für Islamische Kunst. Edition Minerva, München 2011, ISBN 978-3-938832-80-6.
Der „Phönix-und-Drache“-Teppich wurde erstmals 1881 von Julius LessingJulius Lessing: Orientalische Teppiche (= Vorbilder-Hefte aus dem Kgl. Kunstgewerbemuseum. 13, ). Ernst Wasmuth, Berlin 1891., und 1895 von Wilhelm von Bode beschrieben.K. k. österreichisches Handels-Museum (Hrsg.): Teppich-Erzeugung im Orient. Monographien von Sir George Birdwood, Wilhelm Bode, C. Purdon Clarke, M. Gerspach, Sidney J.A. Churchill, Vincent J. Robinson, J.M. Stoecket. Verlag des k. k. österreichischen Handels-Museums, Wien 1895. Er gehört zu den klassischen Teppichen, die immer wieder in der Literatur zum Orientteppich erwähnt werden.
Ein ähnliches Fragment wurde in Fustāt entdeckt. Auch hierauf sind Drache und Phönix kämpfend auf einem gelben Hintergrund abgebildet. Die Figuren in diesem Fragment sind in Rot mit blauen Umrisslinien gehalten. Die Nebenbordüre zeigt eine Variante der „kufischen“ Bordüre, die von anderen Teppichen aus der Seldschukenzeit bekannt ist.
Der Teppich von Marby Ein weiterer Teppich mit zwei Medaillons, die einander gegenüberstehende Vögel zu beiden Seiten eines Baumes zeigen, wurde in der Kirche des Ortes Marby, Provinz Jämtland, Schweden, gefunden. Die Radiokarbondatierung deutet auf eine Entstehungszeit zwischen 1300 und 1420. Auch von diesem Typ wurden Fragmente in Fustāt gefunden.Carl Johan Lamm: Carpet fragments. The Marby rug and some fragments of carpets found in Egypt (= Nationalmuseums Skriftserie. NS 7). Nationalmuseum, Stockholm 1985, ISBN 91-7100-291-X. Das Feld des „Marby“-Teppichs teilt sich ebenfalls in zwei Rechtecke, von denen jedes ein Oktogon mit den beiden Vögeln und dem Baum enthält. Der Baum scheint entlang der horizontalen Mittelachse des Medaillons wie auf einer Wasserfläche gespiegelt zu sein.
Sowohl der „Phönix-und-Drache“- als auch der „Marby“-Teppich weisen auf ihrer Rückseite zusätzlich eingeknüpfte Knotenreihen auf. Im Abstand von circa 6 cm sind locker geknüpfte Knotenreihen in rotem Garn eingefügt. Ein Teppichfragment aus Fustāt hat ähnliche Zusatzknoten. Es wird angenommen, dass diese Zusatzknoten die Arbeit der Knüpfer während einer bestimmten Zeitspanne dokumentieren. Im Durchschnitt wiederholen sich die Zusatzknoten etwa alle 15 Reihen im Drache-und-Phoenix-Teppich. Bei einer angenommenen Originalbreite von 1 m beträgt die Zahl der Knoten zwischen zwei Reihen Zusatzknoten etwa 3800. Dies stimmt sowohl mit den Ausmaßen des Teppichs als auch der Zahl von Einzelknoten, die ein Knüpfer pro Tag in einen Teppich knüpfen kann, überein.Anna Beselin (Hrsg.): Geknüpfte Kunst. Teppiche des Museums für Islamische Kunst. Edition Minerva, München 2011, ISBN 978-3-938832-80-6, S. 46–49.
Metropolitan Museum of Art, New York Der „Drache-und-Phönix“- und der „Marby“-Teppich waren bis 1988 die einzigen bekannten Tierteppiche aus Anatolien. Seitdem sind sieben weitere Teppiche dieses Typs aufgetaucht. Sie stammen aus tibetischen Klöstern, aus denen sie von Mönchen mitgenommen wurden, die vor der chinesischen Kulturrevolution nach Nepal flohen. Einer dieser Teppiche wurde für die Sammlung des Metropolitan Museum of Art erworben. Er weist Parallelen zu einem Gemälde des Sieneser Künstlers Gregorio di Cecco auf: Die Hochzeit der Jungfrau von 1423. Auf dem Teppich erscheinen große, gegenüberstehende Tiere, jedes enthält noch ein kleines Tier in seinem Inneren.
Vakıflar-Museum, Istanbul Das Feld eines Tierteppichs aus den Depots des Vakıflar-Museums, Istanbul (Inv. Nr. E-1).Belkıs Balpınar, Udo Hirsch: Carpets of the Vakıflar Museum Istanbul. = Teppiche des Vakıflar-Museums Istanbul. Hülsey, Wesel 1988, ISBN 3-923185-04-9, S. 190–191. ist durch ein Band mit gleichem Muster wie in der Bordüre in zwei rechteckige Abschnitte unterteilt. In jedem Medaillon befindet sich ein Paar einander gegenüberstehender Tiere. Die geflügelten Tiergestalten wenden sich einem stilisierten Baum zu. Sie haben gebeugte, schnauzenähnliche Köpfe mit geweihartigen Auswüchsen und geflecktes Fell, was ihnen eher das Aussehen von Damhirschen gibt als das von Vögeln, die gewöhnlich auf Tierteppichen abgebildet sind. Hirsche und Damhirsche sind schon auf den Bordüren des Pasyryk-Teppichs abgebildet und finden sich auch häufig auf frühen Textilien und anderen Objekten aus Anatolien und dem Iran. Unter jedem Hirsch und oberhalb der Hauptfigur befindet sich ein vogelartiges vierfüßiges Tier.Belkıs Balpınar, Udo Hirsch: Carpets of the Vakıflar Museum Istanbul. = Teppiche des Vakıflar-Museums Istanbul. Hülsey, Wesel 1988, ISBN 3-923185-04-9.
Ein weiterer Tierteppich mit im Vergleich zum Vakıflar-Teppich gröber gezeichnetem Muster befindet sich im Mevlânâ-Museum in Konya.Belkıs Balpınar, Udo Hirsch: Carpets of the Vakıflar Museum Istanbul. = Teppiche des Vakıflar-Museums Istanbul. Hülsey, Wesel 1988, ISBN 3-923185-04-9, S. 62.
Tierteppich aus dem Museum für Islamische Kunst, Berlin Ein weiterer Teppich aus dem Museum für Islamische Kunst in Berlin wird vor das Jahr 1500 datiert. Dieser zeigt vier doppelköpfige Vierfüßler innerhalb eines rechteckigen Felds, umgeben von einem achteckigen Stern. Der oberste Stern ist nicht vollständig ausgeführt. Die Sterne sind von kleineren oktogonalen Elementen eingerahmt, je zwei an ihren Seiten und einer ober- und unterhalb jedes Sterns. Eine schmalere Wächterbordüre mit stilisierten Blattmustern, die S-förmige Ornamente füllen, trennt das Feld von der Hauptbordüre. Kleinere dreieckige Musterelemente und die Umrisse der Tiere sind mit versetzten Knoten geknüpft. Auf der Rückseite des Teppichs können zusätzliche Schussfäden erkannt werden, die sich, jeweils über zwei Kettfäden geführt, etwa alle 22 reguläre Schussfäden wiederholen. Diese zusätzlichen Schussfäden wechseln in der ungefähren Mitte des Teppichs ihre Farbe von Gelb zu Rot. Man nimmt an, dass sie das Tagewerk zweier nebeneinander arbeitender Personen markieren. Unter dieser Annahme hätte jede Person etwa 2500 Knoten pro Tag geknüpft.Anna Beselin (Hrsg.): Geknüpfte Kunst. Teppiche des Museums für Islamische Kunst. Edition Minerva, München 2011, ISBN 978-3-938832-80-6, S. 50–51.
Batári-Crivelli-Fragment, Ungarisches Museum für Kunstgewerbe, Budapest Dieses Fragment eines Tierteppichs aus dem Ungarischen Museum für Kunstgewerbe, Budapest, hat noch ungefähr die Hälfte seiner ursprünglichen Größe. Sein Feld enthält zwei große, 16-strahlige Sternmedaillons mit gleichem Muster, die jeweils wiederum einen achtstrahligen Stern innerhalb eines Oktogons enthalten. In jedem zweiten Segment der Medaillons erscheinen zwei Vögel abwechselnd mit vierfüßigen Tieren. Im Feld zwischen den Medaillons liegen kleinere Rosetten und achtstrahlige Sterne. Jede Ecke enthält ein Ornament, das einer Moscheelampe entspricht. In der Mitte der Langseite ist ein kleineres oktogonales Medaillon. Das Batári-Crivelli-Fragment ist dem „Drache-und-Phönix“- und dem „Marby“-Teppich ähnlich, denn es weist ebenfalls einen gelben Grund und zwei große Medaillons als Hauptelemente des Musters auf. Chromatographische Analysen der Farbstoffe wiesen ein Gelb von einer nicht genauer definierbaren Pflanze, Indigoblau, Krapprot, Blaugrün aus Indigo, Färber-Wau sowie die Verwendung von Griechischem Salbei (Salvia fruticosa) nach, außerdem wurde ungefärbte dunkelbraune und weiße Wolle verwendet.Ferenc Batári: Ottoman Turkish carpets (= The Collections of The Museum of Applied Arts Budapest. 1). Museum of Applied Arts u. a., Budapest u. a. 1994, S. 46, . Während des 13. Internationalen Kongresses zur türkischen Kunst in Budapest 2007 wurde das Fragment zu Ehren von Ferenc Batári, dem ehemaligen Kurator der Abteilung für Teppiche und Textilien des Museums, umbenannt.
Andere Tierteppiche werden im Museum für Islamische Kunst (Doha) und in Privatsammlungen aufbewahrt.
Abbildung in Renaissancegemälden
mini|Simone Martini, Detail aus Sankt Ludwig von Toulouse krönt Robert von Anjou zum König von Neapel, 1317