mini|Karte mit Zuordnung des KZ Ravensbrück, in dem sich das Siemenslager befand mini| KZ Ravensbrück mit Siemenslager Kommandanten- und Aufseherinhäuser

Das Siemenslager Ravensbrück war ein Teil des Lagerkomplexes des KZ Ravensbrück in der Zeit des Nationalsozialismus. Es wurde ab 1942 in der Gemeinde Ravensbrück (heute Stadt Fürstenberg/Havel) im Norden der Provinz Brandenburg errichtet. Weibliche Häftlinge mussten dort Zwangsarbeit für Siemens & Halske (S&H) leisten.

Planung und Bau mini|Lageplan des Siemenslagers Ravensbrück südlich des Stammlagers des KZ Ravensbrückmini|hochkant|Erweiterungsplanung des Siemenslagers (1942)

1942 sollten ausländische Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge in die Kriegswirtschaft einbezogen werden, um die zur Front einberufenen Betriebsangehörigen zu ersetzen.Silke Schäfer: Zum Selbstverständnis von Frauen im Konzentrationslager. Das Lager Ravensbrück. Berlin 2002 (Dissertation TU Berlin), , , S. 67 Der Direktor der Wernerwerke, Gustav Leifer, und Friedrich Heinrich Lüschen führten ab Anfang 1942 mit der Schutzstaffel (SS) und dem Reichsluftfahrtministerium Verhandlungen zum Einsatz von KZ-Häftlingen. Von 1942 bis 1944 ließ Siemens & Halske in Zusammenarbeit mit der SS und dem Reichsluftfahrtministerium in einem eingezäunten Areal südlich des Stammlagers des KZ Ravensbrück zehn Arbeitsbaracken mit je 675 m² Fläche und Gleisanschluss errichten. Hier sollten weibliche Häftlinge Zwangsarbeit verrichten. Das Gelände war westlich und südlich durch den Schwedtsee und die Havel begrenzt, östlich schlossen sich ein Waldgebiet und das Jugend-KZ Uckermark an. Das Siemenslager sollte zum Modell für den Einsatz von KZ-Häftlingen in der Kriegswirtschaft werden. In der Rüstungsproduktion war es der erste Einsatz von Häftlingen direkt auf einem KZ-Gelände.

Das Reichsluftfahrtministerium war für die Errichtung der Gebäude und sämtliche Anschlüsse mit Strom, Telefon und Wasser verantwortlich, für die Einrichtung der Gebäude und Werkstätten war Siemens & Halske zuständig. Die Arbeitsbaracken wurden von Häftlingen des Männerlagers des KZ Ravensbrück errichtet. Die Bauzeichnung zur Planung der ersten zehn Arbeitsbaracken enthielt bereits eine Erweiterung des Lagers, die 1943 realisiert wurde. Auf der Baubesprechung zwischen dem Reichsluftfahrtministerium und Siemens & Halske am 16. April 1942 in Berlin-Siemensstadt wurde vereinbart, dass Siemens & Halske eine maximale Miete von zwei Reichsmark pro m² und Monat an die KZ-Lagerleitung zahlte. Ende 1944 stellten im Siemenslager rund 2500 Frauen und Mädchen Bauteile für die Siemens-Wernerwerke her.

Produktion mini|hochkant|1944 wurde die komplette Fertigung von Feldtelefonen ins Siemenslager verlegt

Der Siemens-Betriebsteil Wernerwerk für Fernsprechgeräte (WWFG) nahm am 24. August 1942 mit 20 Häftlingen (nach anderer Quelle mit 50 Häftlingen) seine Tätigkeit auf. In einer eingezäunten Baracke wurden Justierarbeiten von überwiegend deutschen Frauen mit schwarzem Winkel als Zeichen für „Asoziale“ durchgeführt. Im September waren es 300 Frauen; bis Dezember 1942 wurden bereits rund 500 und 1944 über 2000 Frauen und Mädchen eingesetzt, vorwiegend zum Wickeln von Spulen und zum Bau von Relais und Telefonen.

In der Produktion wurden zunehmend Häftlinge aus dem Ausland eingesetzt, deutsche und österreichische Häftlinge arbeiteten vor allem in der Verwaltung. 1943 wurden weitere Baracken aufgestellt. Im Oktober 1944 wurde das Wernerwerk für Messgeräte aus Metz hierher verlagert und im Dezember kam noch eine hochmoderne Galvanisiererei und Lackiererei hinzu.

Schließlich bestanden im Siemenslager das Wernerwerk für Fernsprechgeräte mit sechs Produktionsbaracken, das Wernerwerk für Radios mit fünf Produktionsbaracken und das Wernerwerk für Messgeräte mit fünf Produktionsbaracken. Insgesamt existierten 20 Baracken für die Produktion und den Versand sowie acht, nach anderen Quellen 13 Wohnbaracken für die Frauen und Mädchen.

Diese Wohnbaracken wurden Ende 1944 direkt neben den Arbeitsbaracken aufgestellt und am 3. Dezember 1944 von den Häftlingen bezogen. Dadurch wurde die Qualität der Erzeugnisse verbessert und die Quantität gesteigert. Zu dieser Zeit waren rund 80 Zivilarbeiter und etwa 2400 Häftlinge mit kriegswichtigen Arbeiten im Siemenslager beschäftigt. Es handelte sich vorwiegend um das Wickeln von Spulen, die Herstellung von Mikrofonen sowie von elektrischen Schaltteilen vornehmlich für die Luftrüstung. In effektiver Arbeitsteilung mit anderen Siemensfabriken wurden vom Siemenslager Ravensbrück immer weitere Aufgaben übernommen. Die komplette Fertigung von Feldtelefonen wurde nach Ravensbrück verlagert. Es entstanden hier außerdem elektrotechnische Bauteile für U-Boote und ab 1944 für das V2-Raketenprogramm. Im benachbarten Jugend-KZ Uckermark für Mädchen und junge Frauen wurden darüber hinaus in zwei Arbeitsbaracken von 100 Mädchen Bauteile für Siemens & Halske produziert.

Zwangsarbeiterinnen und Arbeitsbedingungen mini|hochkant|Am 12. Dezember 1942 um 12:54 wurden 284 Zwangsarbeiterinnen vom Siemenslager zum Mittagessen in das Stammlager gebracht mini|hochkant|Ausstellung KZ Ravensbrück, Zeichnung von Yvonne Useldinger auf Verpackungspapier, denn nach Feierabend mussten die Frauen des Siemenslagers Moorboden für den Garten eines SS-Führers transportieren

Das Alter der Häftlinge lag zwischen 17 und 48 Jahren. Zur Auswahl von geeigneten Frauen mussten die KZ-Häftlinge eine Geschicklichkeitsprüfung und Intelligenzprobe bestehen. Da viele Arbeiten gute Augen erforderten, wurde die Sehschärfe festgestellt. Außerdem war ein Draht in eine bestimmte Form zu biegen und ein Stück Papier nach vorgeschriebenem Schema zu falten. Die Arbeit war wie in den Siemenswerken mit zivilen Arbeitern organisiert.

Die Firma Siemens zahlte der SS monatlich pro eingesetztem Häftling den Tagessatz von anfangs zwei, später drei oder vier Reichsmark.Silke Schäfer: Zum Selbstverständnis von Frauen im Konzentrationslager. Das Lager Ravensbrück. Berlin 2002 (Dissertation TU Berlin), , , S. 68. Es gab eine Lohnstaffelung, da für Fachkräfte mehr gezahlt wurde. Auf den Lohnzetteln der einzelnen KZ-Insassinnen wurde die erbrachte Arbeit eingetragen. Außerdem der sich daraus ergebende Lohn (etwa 40 Pfennig pro Stunde), der dem von Siemensarbeiterinnen entsprach. Jedoch erhielten die Frauen des Siemenslager diesen Lohn nicht. Die Häftlingsfrauen erreichten trotz der unzureichenden Ernährung nach einer Einarbeitungsphase bei der elfstündigen Arbeitszeit etwa die gleichen Durchschnittsleistungen wie die Akkordarbeiterinnen in Berlin bei einem Achtstundentag. Selbst hohe Siemensvertreter einer Kommission aus Berlin waren darüber erstaunt.

Diese Lohnzettel dienten unter anderem zur Kontrolle, ob das Pensum erbracht wurde. Wurde das Pensum nicht erreicht, gab es vom Meister eine Strafpredigt. Bei Wiederholung wurde die SS-Aufseherin geholt, die „Backpfeifen“ verteilte und eine „Meldung“ schrieb, die dann zum Strafblock oder „Bunker“ führte. Als Anreiz für gute Arbeit gab es eine zusätzliche Scheibe Brot oder Wurst und bei der Pensumübererfüllung gab es Prämien in Form von Fünfzig-Pfennig- oder Eine-Mark-Gutscheinen, die in der Häftlingskantine gegen Salz und Fischpaste eingelöst werden konnten. Ab 1943 wurden den Häftlingen nach Arbeitsschluss zur Belohnung Kulturfilme vorgeführt.

Die Arbeit im Siemenslager war nach Augenzeugenberichten gegenüber den anderen Beschäftigungen im KZ Ravensbrück noch die am besten zu ertragende gewesen. Die hohen geräumigen Arbeitsbaracken waren sehr hell aufgrund der vielen großen Fenster. Jede KZ-Insassin saß an einem eigenen Arbeitsplatz, der außerdem mit starkem elektrischen Licht beleuchtet wurde. Hier wurden Spulen gewickelt, geprüft und justiert, Montagearbeiten durchgeführt und Schalter und Telefonapparate hergestellt. Relais für Selbstwähler-Telefonapparate und Bombenabwurfgeräte wurden montiert, geprüft und verpackt. Im November 1942 wurde die tägliche Arbeitszeit von acht Stunden für Montag bis Freitag auf 10,75 Stunden und für Samstag auf neun Stunden erhöht. Weiterhin wurden Nachtschichten von 10,5 Stunden Dauer eingeführt. Die Arbeitszeit im Siemenslager betrug anfangs 48 und ab dem 27. November 1943 auf Anordnung der SS 62,2 Stunden pro Woche.

Bau und Bezug von Wohnbaracken neben dem Arbeitsbaracken Anfangs kamen die Häftlinge zu Fuß vom Stammlager. Sie waren besonders in den kalten Jahreszeiten durch die vorherigen bis zu zwei Stunden langen Zählappelle und Einteilung der Arbeitskolonnen durch die SS und den Marsch zum Siemenslager mit unzureichender Bekleidung und Schuhwerk, meist Holzschuhe, unterkühlt. Erst nach längerer „Auftauzeit“ waren sie in der Lage, die im Siemenslager geforderten anspruchsvollen Arbeiten wie Wickeln von Spulen mit sehr dünnen isolierten Drähten durchzuführen. Zum Mittag erfolgte der Rückmarsch zum Hauptlager. Da die Mittagspause von 11:45 Uhr bis 12:45 Uhr aufgrund der Aufstellung, Kontrolle durch die SS und den Weg zum Hauptlager zu kurz war, erhielten die Häftlinge häufig kein Essen mehr.

Das war mit ein Grund, Wohnbaracken aufzustellen und eine Küche einzurichten (Wohnbaracken siehe Lageplan des Siemenslagers Ravensbrück). Der andere Grund war die geplante provisorische Gaskammer und das Krematorium, an denen die Häftlingsfrauen auf dem Weg zum Siemenslager vier Mal am Tag vorbeigekommen wären. Es wurden im Siemenslager sechs Wohnbaracken, die größer waren als im Frauenlager, aufgestellt. Diese Baracken waren in jeweils drei Räume unterteilt und es stand anfangs für jeden Häftling ein eigenes Bett zur Verfügung. Die Wohnbaracken wurden mit einem doppelten Stacheldrahtzaun und vier Wachtürmen gesichert.

Am 3. Dezember 1944 übersiedelten die rund 2100 Häftlingsfrauen des Siemenslagers in das kleine Wohnlager westlich des Betriebes am Siemensgelände. Dort begann eine ruhigere Zeit., Umzug ins Wohnlager, abgerufen am 7. Oktober 2019 Die Appelle dauerten jetzt nur noch wenige Minuten und das Essen war deutlich besser als im Hauptlager. Wie schon im Hauptlager waren jedoch die hygienischen Bedingungen mit den 32 Waschstellen und einer großen Außenlatrine katastrophal.

Insgesamt haben mit Einbeziehung des Siemenslagers Ravensbrück 54.000 Frauen und 17.000 Männer aus dem KZ Ravensbrück in vielen KZ-Außenlagern Zwangsarbeit für die SS, Wirtschaft, Wehrmacht und Staat leisten müssen.

Organisation des Siemenslagers Die Verwaltung des Siemenslagers erfolgte durch das SS Wirtschafts-Verwaltungshauptamt in Oranienburg, die Aufsicht und Bestrafung der KZ-Häftlingsfrauen durch die SS und die Arbeitsanweisungen gaben die Siemens-Zivilarbeiter.

Verwaltung durch das SS Wirtschafts-Verwaltungshauptamt mini|hochkant|Anweisung der SS vom 27. November 1943, die wöchentliche Arbeitszeit im Siemenslager auf 62,2 Stunden zu erhöhen

Das KZ Ravensbrück und das Siemenslager wurde wie alle KZ und Außenlager vom SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamt (WVHA) zentral verwaltet. Das WVHA organisierte in allen Konzentrationslagern die SS-eigenen Außenlager, Industrien, Gewerbe und Betriebe (zum Beispiel die 1939 gegründete Texled im KZ Ravensbrück) und führte diese zu eigenen Konzernen zusammen.

Das im März 1942 durch SS-Obergruppenführer Oswald Pohl gegründete WVHA betrieb die wirtschaftliche Ausbeutung der Kriegsgefangenen und KZ-Häftlinge. 1943/44 waren es mehr als 40.000 KZ-Häftlinge, die wie im Siemenslager in rund 30 Unternehmen mit über 100 Betrieben arbeiten mussten und zum Wirtschaftsimperium der SS gehörten. Das WVHA hatte ab 1944 eine zentrale KZ-Häftlingskartei angelegt, die alle Häftlinge des KZ-Systems erfassen sollte. Dabei war das WVHA dem SS-Hauptamt unterstellt. Zur Erfassung diente das Lochkarten-System der Deutschen Hollerith-Maschinen Gesellschaft mbH (DEHOMAG), einer Tochtergesellschaft von IBM. Damit sollte der Arbeitseinsatz der KZ-Häftlinge zentral gesteuert werden. Oswald Pohl wurde im Nürnberger Prozess zum Tode verurteilt und 1951 hingerichtet.