Bernhard Nitsche (* 1963 in Sulzburg) ist ein deutscher römisch-katholischer Theologe und Philosoph, Professor für Fundamentaltheologie und Religionsphilosophie an der Universität Münster.
Leben Nach dem Studium der Katholischen Theologie, Geschichte und Philosophie in Mainz und Wien und einer Ausbildung zum Pastoralassistenten in der Erzdiözese Freiburg war Nitsche von 1993 bis 2008 wissenschaftlicher Mitarbeiter und wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Dogmatik und Dogmengeschichte in Tübingen (Bernd Jochen Hilberath). 2001 wurde er mit einer Arbeit über die transzendentale Vergewisserung der Christologie im Dialog mit Richard Schaeffler und Karl Rahner zum Dr. theol. promoviert. 2004 erfolgte die Promotion zum Dr. phil. mit einer transzendentalen Rekonstruktion der Möglichkeit des Gott-Denkens in der Spätmoderne. Er habilitierte sich (2006) mit einer Arbeit zur Trinitätstheologie, welche das christliche Gottdenken freiheitstheoretisch rekonstruiert und die interreligiösen Bezüge freilegt. Die Habilitationsschrift wurde in zwei Bänden – Gott und Freiheit (2008) bzw. Gott – Welt – Mensch (2008) publiziert.
2007 hatte Nitsche einen Unfall. Er überlebte diesen Unfall mit der Folge hoher Querschnittslähmung. Ungeachtet seiner physischen Einschränkungen konnte er seine Habilitationsschriften veröffentlichen und sich wieder aktiv in den theologisch-systematischen Diskurs einbinden.
Seit 2015 ist er Professor für Fundamentaltheologie und Religionsphilosophie am Fachbereich Katholische Theologie der Uni Münster. Im selben Jahr lehnte er einen Ruf nach Kassel ab.
Arbeitsschwerpunkte Zu den Arbeitsschwerpunkten von Bernhard Nitsche gehören die philosophische und theologische Anthropologiehttps://www.uni-muenster.de/imperia/md/content/fb2/c-systematischetheologie/fundamentaltheologie/materialien/anthropologisch_gewendete_theologie.pdf, die philosophische und trinitätstheologische Gotteslehre, das Gott-Denken in interreligiöser Perspektivehttps://www.uni-muenster.de/imperia/md/content/fb2/c-systematischetheologie/fundamentaltheologie/materialien/gott-denken.pdf sowie die Frage nach einem ganzheitlich-katholischen Denkenhttps://www.uni-muenster.de/imperia/md/content/fb2/c-systematischetheologie/fundamentaltheologie/materialien/katholizit__t_der_ekklesiologie.pdf. In interreligiöser Perspektive fragt er nach Familienähnlichkeiten und funktionale Entsprechungen zwischen den unterschiedlichen religiösen Vermittlungsvorstellungen von Transzendenz und Immanenz aus kulturell und theologisch differenten Systemen.https://www.uni-muenster.de/imperia/md/content/fb2/c-systematischetheologie/fundamentaltheologie/materialien/gott_oder_g__ttliches.pdf Dazu treten grundlegende Reflexionen über die Möglichkeit, christlich von einer Erfahrung Gottes und einer Offenbarung Gottes zu sprechen.
Die Beschäftigung mit Jesus Christus als universale concretum in Auseinandersetzung mit Richard Schaeffler und Karl Rahner führt ihn zu einer universalgeschichtlichen Sicht von göttlicher Selbstmitteilung und Offenbarung sowie zu einer Rückbindung Jesu an das Judentum.Bernhard Nitsche, Jesus Christus zwischen jüdischem Messianismus und christlichem Triumphalismus – Thesen. In: „Ernstfall Christologie. Christliche Identität und ungekündigter Bund (Röm 11,29)?“ Hg. v. Vereinigung katholischer Religionslehrerinnen und Religionslehrer an Gymnasien im Bistum Trier (2002). Trier 2003, 1–41.Bernhard Nitsche, Diskontinuität und Kontinuität zwischen dem jüdisch-alttestamentlichen und dem christlich-trinitarischen Gottesbild. Hermeneutische Erwägungen und pneumatologische Zugänge. In: Magnus Striet (Hg.), Monotheismus Israels und christlicher Trinitätsglaube (QD 210), (Herder) Freiburg/Br. 2004, 93–127. Trinitätstheologisch beansprucht Nitsche eine freiheitstheoretische Reformulierung des Gedankens der innergöttlichen Communio, mit der er behauptet, die Alternative überwinden zu können, der zufolge das interpersonale Modell die substantiale Einheit nicht erreichen kann und die intrapersonale Analogie nicht in der Lage ist, das reale und bleibende Gegenüber der Hypostasen angemessen grundzulegen.Bernhard Nitsche, Gott und Freiheit. Skizzen zur trinitarischen Gotteslehre (ratio fidei 34). (Pustet) Regensburg 2008.Bernhard Nitsche, Der drei-eine Gott als Freiheitskommerzium. Versuch über das trinitarische Selbstsein und die Eigenschaften Gottes. In: Thomas Marschler / Thomas Schärtl (Hg.), Gottes Eigenschaften. Ein Gespräch zwischen Systematischer Theologie und Analytischer Religionsphilosophie, (Aschendorff) Münster 2015, 411–444.Bernhard Nitsche Hypostase als freie Selbstvollmächtigkeit. Response auf Thomas Schärtl. In: Georg Gasser / Ludwig Jaskolla / Thomas Schärtl (Hg.), Handbuch für analytische Theologie, (Aschendorff) Münster 2017, 519–543. Werden innergöttlich die Ursprungsbeziehungen, die Existenzbeziehungen, die Wesensbeziehungen und die Sendungsbeziehungen kann ökumenisch die Filioque-Kontroverse überwunden werden.Bernhard, Nitsche, Heiliger Geist – unheilsames »Filioque«? In: Christine Büchner u. a. (Hg.), Kommunikation ist möglich. Theologische, ökumenische und interreligiöse Lernprozesse (FS Bernd Jochen Hilberath), (Grünewald) Ostfildern 2013, 282–295.Bernhard Nitsche, Jesus als Geistträger und das Verhältnis von Pneuma und Logos in der Trinitätstheologie, in: Benjamin Dahlke / Cornelia Dockter / Aaron Langenfeld (Hgg.), Christologie im Horizont pneumatologischer Neuaufbrüche. Bestandsaufnahmen und Perspektiven (QD 325), Freiburg u. a. 2022, 205–254. Ekklesiologisch betont er die Sendung Berufung aller Christgläubigen, die in der Teilhabe aller Getauften am Priesteramt und Prophetenamt Jesu Christi im Zweiten Vatikanischen Konzil auch lehramtlich festgehalten wurde, weshalb die differentia specifica zwischen dem sacerdotium commune und dem sacerdotium ministeriale vom Konzil sachlich und semantisch durch die Unterscheidung zwischen dem allen gemeinsamem Priestertum (AA) und dem sakramental ordinierten Dienst des Presbyters vollzogen wird (OT).
Nitsche strebt in seiner theologischen Arbeit eine adäquate Vermittlung zwischen katholischer Tradition und dem Freiheitsdenken der Moderne sowie den pluralen religiösen Überlieferungen an. Weiterhin ist sein Denken von der sogenannten „Kommunikativen Theologie“ inspiriert, welche nach den impliziten Anliegen und Axiomen hinter den religiösen Aussagen fragt.
In seinem DFG-Projekt Gott oder Göttliches? hat er sich u. a. mit der Transformation religiöser Einstellungen in der posttraditionalen Moderne beschäftigt und in Kooperation mit Hermann-Josef Wagener ein Klassifikationssystem für religiös flach profilierte und popularisierte Spiritualitäten erarbeitet. Dem korrespondieren interreligiöse Recherchen zur Bestimmung göttlicher Transzendenz sowie historisch-systematische Studien zur Panentheismus Frage.Bernhard Nitsche (Hg.), Gott zwischen Theismus und Panentheismus. Historisch-Systematische Skizzen zur Panentheismusfrage. Baden-Baden 2023Bernhard Nitsche, God or the Divine. Religious Transcendence beyond Monism and Theism, between Personality and Impersonality, Berlin-Boston 2023. Zusammen mit Marcus Schmücker. Er plädiert bezüglich des Gott-Welt-Verhältnisses für eine konsequent chalkedonische Hermeneutik ohne Trennung und Vermischung, sowohl in der Christologie als auch in der Pneumatologie.Bernhard Nitsche, Eine freiheitstheologische Relektüre chalcedonischer Christologie. Chancen und Problemanzeigen. In: Christian Danz / Georg Essen (Hgg.), Dogmatische Christologie in der Moderne. Problemkonstellationen gegenwärtiger Forschung (Ratio Fidei 70). Regensburg 2019, 263–285.Bernhard Nitsche, Die gottmenschliche Einheit Jesu Christi in konsequent chalkedonischer Perspektive. In: Mouchanad Khorchide / Klaus von Stosch / Muna Tartari (Hg.), Streit um Jesus. Muslimische und christliche Annäherungen, (Schöningh) Paderborn 2016, 195–232.
Den philosophischen Zugang des Menschen zum „Umgreifenden“ (Jaspers) oder zum „Ganzen“ (Gerhardt) der Wirklichkeit und seiner göttlichen Auslegung realisiert Nitsche vor allen Dingen mit Kant und dem Sinnbedürfnis praktischer Philosophie (Gerhardt, Krings, Rentsch) sowie in einer Auseinandersetzung mit Dieter Henrich durch die Bestimmung des Grundes im Bewusstsein. Gegenüber Henrich weist er darauf hin, dass der Grund geeignet sein muss, genetisch nicht nur die Dimensionen des Bewusstseins, sondern auch die Momente der Ich-Subjektivität und der transzendentalen Freiheit zu eröffnen.
Religionsphilosophisch arbeitet er an der Hypothese, dass der Weltbezug, Sozialbezug und Selbstbezug des Menschen die Grundlage dafür bildet, dass in unterschiedlichen religiösen Traditionen mundan-kosmomorphe, beziehungsbestimmt-soziomorphe und bewusstseinsbestimmt-noomorphe Register der Transzendenzvorstellung ausgebildet werden. Diese haben jeweils eine Nähe zu pantheistischen, relational-theistischen und panentheistischen Ausgestaltungen des Verhältnisses von göttlicher Transzendenz und weltlicher Immanenz.Bernhard Nitsche, Formen des menschlichen Transzendenzbezuges (2. Teil): Phänomene und Reflexionen. In: Bernhard Nitsche / Florian Baab (Hg.), Dimensionen des Lebens – Wege der Transzendenz?, (Schöningh) Paderborn 2018, 31–87.Bernhard Nitsche, Formen des menschlichen Transzendenzbezuges (1. Teil): Hypothese. In: Bernhard Nitsche / Klaus von Stosch / Muna Tatari (Hg.), Gott – jenseits von Monismus und Theismus?, (Schöningh) Paderborn 2017, 25–61. Bernhard Nitsche, Die vielfältige Rede von Gott oder dem Göttlichen. Orientierungsversuche in der Krise des Theismus. In: Theologische Revue 113 (2017), 267–286.
In interreligiöser Perspektive sondiert er von daher komparativ„Familienähnlichkeiten“ (WittgensteinBernhard Nitsche, Viele Welten – eine Wahrheit? Transzendentallogische Forderungen nach Wittgenstein. In: Johann Ev. Hafner (Hg.), Parallelwelten. Christliche Religion und die Vervielfachung von Wirklichkeit (ReligionsKulturen 6), (Kohlhammer) Stuttgart 2009, 53–79.) und „funktionale Äquivalente“ (Panikkar) zwischen den unterschiedlichen religiösen Vermittlungsvorstellungen von Transzendenz und Immanenz aus kulturell und theologisch differenten Systemen.Bernhard Nitsche, Homeomorphic equivalents (logos, vac) as chances of interreligious understanding. In: Milena Carrara Pavan / Kala Acharya (Eds.), Raimon Panikkar: His Legacy and Vision, (Somaiya Publications) Mumbai – New Delhi 2008, 167–181 Nitsche nimmt dabei Bezug auf buddhistische, hinduistische und muslimische Figuren.Bernhard Nitsche, Divine Transcendence and Personal Elements in Mahāyāna Buddhism. Christian »exegesis« or »eisegesis«? In: Takao Aoyama (Hg.), Hôrin. Vergleichende Studien zur japanischen Kultur. Comparative Studies in Japanese Culture. Eine Veröffentlichung des Hauses der japanischen Kultur (EKō) in Düsseldorf, (Iudicium) München 2016, 197–221.Bernhard Nitsche, Islamischer Monotheismus und christliche Trinitätslehre. Ureigene Anliegen und Chancen der Begegnung. In: Mouchanad Korchide / Klaus von Stosch (Hg.), Trinität – Anstoß für das islamisch-christliche Gespräch (Beiträge zur Komparativen Theologie 7), (Schöningh) Paderborn 2013, 87–125.Bernhard Nitsche, Poison of the Mind and Deadly Sins. A Christian-Buddhist Dialog. In: Clemens Mendonca (Ed.), „Culture and Religion – A multicultural Discussion“, Pune 2011, 271–287. Umgekehrt regen ihn diese interreligiösen Bezüge dazu an, innerchristlich die Apophase des Vaters als ursprungslosen Ursprung der ganzen Gottheit und die sich zentrifugal in alles hinein differenzierende Allpräsenz des Geistes sowie die personale Konzentration in Jesus Christus besonders zu akzentuieren.
Publikationen Monographien Frömmigkeit und Marktfrömmigkeit. Zur Sozioökonomie von Heilsökonomien. Berlin 2016. Glauben zwischen Trend und Milieu. Berlin 2015. Christologie. (Schöningh) Paderborn 2012.