mini|Paul Gäbler um 1965 Paul Hermann Julius Theodor Gäbler (* 25. Dezember 1901 in Tiruvallur in Tamil Nadu; † 3. Oktober 1972 in Göttingen) war ein evangelischer Theologe. Er arbeitete als Missionar in Tamil Nadu und als Pastor in Oesselse und Niedernjesa sowie als Lehrbeauftragter für Missionswissenschaft an der Georg-August-Universität Göttingen und veröffentlichte als Autor theologische Fachliteratur zur Missionswissenschaft.

Leben Herkunft und Ausbildung

Paul Hermann Julius Gäbler wurde 1901 als Sohn des Pfarrers und Missionars Gustav Hermann Gäbler (1867–1918) und seiner Ehefrau Else geborene Thomä (1878–1943) geboren. Hermann Gäbler arbeitete im Auftrag der Leipziger Mission von 1891 bis 1916 als Missionar in Tamil Nadu.Hermann Gäbler als Missionar der Leipziger Mission. Paul Gäbler erlebte die ersten Lebensjahre von 1901 bis 1905 in dem Missionshaus in Tiruvallur, das sein Vater gebaut und als erster Missionar selbst bezogen hatte. Von 1906 bis 1908 lebte er in Tranquebar, nachdem sein Vater dorthin versetzt wurde.Paul Gäbler: Einst und jetzt in Tranquebar. 1. Auf Kindheitspfaden. (Erinnerungen an die Kindheit in Tranquebar 1906 bis 1908.) In: Evangelisch-lutherisches Missionsblatt vom 1. Mai 1927 S. 102–105. Ev.-luth. Mission Leipzig 1927.

Da zuvor seine Stiefschwester Elisabeth Johanna Gäbler (1895–1897) und seine Stiefmutter Hedwig Gäbler geborene Buckan (1872–1897) aus der ersten Ehe des Vaters in Indien und seine Schwester Hanna Elisabeth Gäbler (*/† 1905) an Tropenkrankheiten gestorben waren, wurde Paul Gäbler 1908 von seinen Eltern zusammen mit seinen Brüdern Ernst Johannes Gäbler (1903–1995) und Ernst Heinrich Gerhardt Gäbler (1907–1974) zu seiner Großmutter und den Schwestern seiner Mutter nach Braunschweig geschickt, während sein Stiefbruder Johannes Karl Hans Gäbler (1897–1980) aus der ersten Ehe von Hermann Gäbler bereits bei Großeltern in Deutschland aufwuchs.

Paul Gäbler besuchte die Bürgerschule und dann von Michaelis 1911 bis zur Reifeprüfung Michaelis 1920 das Wilhelm-Gymnasium. Danach studierte er von 1920 bis 1924 Evangelische Theologie an der Universität Leipzig und bestand 1924 die Prüfung zum ersten Theologischen Examen (pro candidatura et licentia concionandi). Als Vikar unterrichtete er von Ostern 1924 bis Ostern 1925 als Hauskandidat und Lehrer am Evangelisch-Lutherischen Missionsseminar zu Leipzig. Zugleich begann er auf Anregung von Hans Haas an der Universität Leipzig mit den Vorarbeiten für seine Dissertation über Sadhu Sundar Singh. Ostern 1925 reiste er für drei Monate zu Sprachstudien nach England und Schweden. Im Oktober 1925 bestand er in Dresden vor dem sächsischen Landeskonsistorium die Prüfung zum zweiten Theologischen Examen (pro ministerio).

Gäbler wurde am 18. Oktober 1925 in der Thomaskirche in Leipzig ordiniert und am 25. Oktober in der Nikolaikirche zum Missionsdienst in Indien abgeordnet. Im November reiste er über Sri Lanka nach Tamil Nadu aus.Paul Gäbler: Nach Indien! Ein Abschiedsgruß. In: Evangelisch-lutherisches Missionsblatt vom 1. Dezember 1925 S. 185–1987. Ev.-luth. Mission Leipzig 1925. Als erster junger Missionar nach dem Ersten Weltkrieg reiste er in sein zukünftiges Arbeitsgebiet in Tamil Nadu.Paul Gäbler: Auf der Fahrt nach Indien. In: Evangelisch-lutherisches Missionsblatt vom 1. Januar 1926 S. 7–9. – Paul Gäbler: Im Indischen Ozean. In: Evangelisch-lutherisches Missionsblatt vom 1. Februar 1926 Seite 32–36. – Paul Gäbler: Meine ersten Eindrücke in Indien. In: Evangelisch-lutherisches Missionsblatt vom 1. April 1926 Seite 71–75. Jeweils Ev.-luth. Mission Leipzig 1926. Am 15. Dezember 1925 betrat er indischen Boden.

Das Leipziger Missionswerk bis 1950

Im Jahr 1706 brachten die Deutschen Bartholomäus Ziegenbalg und Heinrich Plütschau als erste lutherische Missionare den Evangelisch-lutherischen Glauben nach Tamil Nadu. In dem von Dänen besetzten indischen Küstenort Tranquebar begannen sie im Dienst der Dänisch-Halleschen Mission die lutherische Missionsarbeit. Durch die Arbeit lutherischer Missionare der Dänisch-Halleschen Mission, der Leipziger Mission und des in dieser Arbeit partnerschaftlich entstandenen schwedischen Missionswerkes „Church of Sweden Mission (CSM)“ wuchsen im Umkreis lutherischer Missionsstationen vor allem in der Mitte von Tamil Nadu innerhalb von 213 Jahren zahlreiche Kirchengemeinden und kirchliche Institutionen heran. Am 14. Januar 1919 erklärten die so entstandenen lutherischen Kirchengemeinden in Tamil Nadu auf der Synode zu Tanjore gegenüber der „Leipziger Mission“ und der „Church of Sweden Mission“ ihre Selbstständigkeit und gründeten die Tamil Evangelical Lutheran Church (TELC). Sie stellten ihre damit neu gegründete Kirche 1921 unter die Leitung ihrer zunächst schwedischen und später indischen Bischöfe von Tranquebar.

Damit verloren die beiden Missionswerke „Leipziger Mission“ und „Church of Sweden Mission“ ihre Zuständigkeit und ihre Verantwortung für die von ihnen begründeten und nun umgewidmeten Kirchengemeinden. Bis zum Jahr 1950 blieb den beiden Missionswerken im Bereich der TELC nur noch die Führung und Verwaltung der von ihnen in Tamil Nadu aufgebauten kirchlichen Institutionen (beispielsweise Missionsstationen, Schulen, Internate und Krankenhäuser).Quelle: Hugald Grafe (Hrsg.): Evangelische Kirche in Indien. Auskunft und Einblicke. Verlag der Ev.-luth. Mission Erlangen. Erlangen 1981, S. 183. Im Jahr 1950 übernahm die TELC auch die Führung und Verwaltung dieser kirchlichen Institutionen. Den beiden Missionsgesellschaften blieb danach als Aufgabe nur noch die Zahlung der Subventionen für die TELC und ein Stimmrecht, mit dem sie Entscheidungen der TELC nur beratend begleiten konnten.

Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurden die deutschen Missionare von den englischen Kolonialherren interniert und 1918 nach Deutschland zurückgebracht. Dazu gehörte auch Paul Gäbler's Vater Hermann Gäbler, der 25 Jahre lang als Missionar und schließlich als Senior (Kirche) der Leipziger Mission in Tamil Nadu gearbeitet hatte. Von 1914 bis zur Entsendung von Paul Gäbler im Jahr 1925 wirkten keine Missionare des Leipziger Missionswerkes in Tamil Nadu. Das Leipziger Missionswerk hatte bis 1914 ebenso wie die anderen deutschen Missionswerke die Zahlung von Gehältern der lutherischen Gemeinden und der kirchlichen Institutionen in Tamil Nadu subventioniert. Ab 1914 konnten die deutschen Missionswerke aufgrund der zurückgegangenen Spendengelder und wegen der Gehaltszahlungen in Deutschland, der kriegsbedingten Geldausfuhrsperren, der Nachkriegsinflation in Deutschland und der Weltwirtschaftskrise kein Geld nach Indien transferieren. So mussten andere lutherische Missionswerke die ausstehenden Zahlungen der deutschen Missionswerke übernehmen. Die amerikanische „United Lutheran Church of America (ULKA)“ zahlte mehr als 100.000 US-Dollar jährlich und die schwedische „Church of Sweden Mission“ zahlte allein in den 8 Jahren 1914 bis 1922 insgesamt rund 1.300.000 US-Dollar,Kurt Schmidt-Clausen: Vom Lutherischen Weltkonvent zum Lutherischen Weltbund. Geschichte des Lutherischen Weltkonvents (1923–1947). S. 80–81. musste aber die Subventionen der verschiedenen deutschen Missionswerke für die TELC und die Gehälter von neu ausgesandten deutschen Missionaren noch viele Jahre lang übernehmen, bis der Zweite Weltkrieg die Arbeit der deutschen Missionare in Indien beendete und bis die TELC ihre Ausgaben irgendwann ganz finanzieren würde, was selbst 1981 nicht abzusehen war.

Paul Gäbler Missionar des Leipziger Missionswerkes 1925–1940 Die Aufgabenverteilung zwischen der neu gegründeten Kirche TELC einerseits und der „Leipziger Mission“ und der „Church of Sweden Mission“ andererseits fand Gäbler in Tamil Nadu vor, als er mit seiner Arbeit als Missionar begann. Die Jahre 1925 bis 1926 galten der Erlernung der tamulischen Sprache, zunächst in Kodaikanal, anschließend in Madras. Ende 1926Paul Gäbler: Auf der Tamulischen Sprachschule in Kodaikanal. In: Evangelisch-lutherisches Missionsblatt vom 1. August 1926 S. 156–161. Ev.-luth. Mission Leipzig 1926. und Ende 1927 legte er in Madras die beiden vorgeschriebenen tamulischen Sprachexamina ab. Am 10. Februar 1928 heiratete er in Mayavaram Elisabeth Paul, eine Tochter von Carl Paul, der MissionsdirektorBiografie von Carl Paul von dem Leipziger Missionswerk der Leipziger Mission gewesen war und kurz vor der Hochzeit verstarb. Von 1928 bis 1931 arbeitete er in den Missionsstationen von Coimbatore, Kodaikanal und im Stadtteil Purasawalkam von Madras; er führte diese Missionsstationen selbständig. Er war Mitarbeiter des CVJM. Er leitete in Purasawalkam das MädcheninternatPaul Gäbler: Unsere Mädels. In: Evangelisch-lutherisches Missionsblatt vom 1. November 1931 Seite 341–345. Ev.-luth. Mission Leipzig 1931. und die JugendfreizeitenPaul Gäbler: Eine Jugendfreizeit in Tranquebar. In: Evangelisch-lutherisches Missionsblatt vom 1. April 1928 Seite 85–89. Ev.-luth. Mission Leipzig 1928.. Er gab Religionsunterricht an der Fabrizius-Highschool;Paul Gäbler: Meine Jungens (Unterricht an der Fabrizius-Highschool) In: Evangelisch-lutherisches Missionsblatt vom 1. Oktober 1930 Seite 295–299. Ev.-luth. Mission Leipzig 1930. dort führte er die Aufsicht über sämtlichen Religionsunterricht, da es sich um eine Highschool der Leipziger Mission handelte. Zugleich war er Studentenpfarrer und Universitätslektor der deutschen Sprache an der University of Madras. Als Anerkennung für seine Arbeit als Universitätslektor wurde er 1929 zum Mitglied eines Studienausschusses der Universität Madras berufen. Zu diesem Zeitpunkt besaß die Leipziger Mission für ihre Schulen in Indien zu wenige christliche Lehrer; deshalb stand die Leipziger Mission vor der Grundsatzfrage: „Mehr Evangelisation, weniger Schule“ oder „Die Schulen sind Evangelisation“. Gäbler empfahl wenige Hochschulen mit christlich geführten Internaten. Die Auffassung „Die Schulen sind Evangelisation“ setzte sich in der Leipziger Mission durch; die bisherigen Schulen wurden weitergeführt, und die Ausbildung christlicher Lehrer wurde intensiviert.

Bis 1930 erarbeitete und veröffentlichte Gäbler deutsche Übersetzungen von zwei englischsprachigen Büchern des amerikanischen Autors Stanley Jones: The Christ of the Indian Road (1925). Deutsche Übersetzung: Der Christus der indischen Landstraße. Jesu Nachfolge in Indien von Paul Gäbler (1928). Christ at the Round Table (1928). Deutsche Übersetzung: Christus am Runden Tisch. Offene Aussprachen unter Jesu Augen in Indien von Paul Gäbler (1930). Eli Stanley Jones (1884–1973) war als Methodist ein besonders in Indien bekannter amerikanischer Theologe und Missionar. Er arbeitete seit 1907 als Missionar in Indien und unterbrach 1925 die Missionarsarbeit, um die Bücher The Christ of the Indian Road und Christ at the Round Table zu schreiben, die ihn weltweit berühmt machten. Er fand durch seine Toleranz gegenüber den indischen Religionen und seine Befürwortung des indischen Freiheitskampfes einen Zugang zu der indischen Elite. Er war befreundet mit Mohandas K. Gandhi und der Nehru-Gandhi-Familie. In Indien begründete er die christliche Ashram-Bewegung. Seine Bücher waren Bestseller, das Buch The Christ of the Indian Road erzielte weltweit eine Auflage von über einer Million Exemplaren. Gäbler wurde von Stanley Jones zum einzigen deutschen Übersetzer der beiden Werke The Christ of the Indian Road und Christ at the Round Table bestimmt; diese Bücher durften in deutscher Übersetzung nur in den kontinental-europäischen Ländern verkauft und nicht nach Großbritannien, Irland, nach den Vereinigten Staaten von Amerika und in die anderen englischsprachigen Länder exportiert werden.