mini|Die Balkanhalbinsel Als Balkanroute werden Transitrouten über die Balkanhalbinsel (hauptsächlich zwischen Mitteleuropa und Vorderasien) bezeichnet. Der Begriff wird auch im Zusammenhang mit der Migration aus dem Nahen und Mittleren Osten (sowie teils auch aus Nordafrika) und auch im Zusammenhang mit dem Drogenschmuggel verwendet.
Sie ist laut Frontex mit mehr als 100.000 Menschen pro Jahr die am zweithäufigsten genutzte Fluchtroute in die EU nach der Mittelmeer-Route (mit mehr als 220.000, jeweils für 2023).Grafik der dpa, basierend auf „Quelle: Frontex“, veröffentlicht in: Badische Zeitung vom 8. Dezember 2023, Seite 2.
West- und Ostbalkanroute Man unterscheidet zwei Routen: die Westbalkanroute über den inneren Balkan, von Griechenland über Nordmazedonien und Serbien die Ostbalkanroute vom Bosporus (Türkei) über Bulgarien und Rumänien die Donau aufwärts nach Serbien
Von Serbien führte die Balkanroute früher via Ungarn nach Österreich. Seitdem Ungarn seine 151 km lange Grenze zu Serbien abgeriegelt hat (Ungarischer Grenzzaun), hat die Variante durch den Save-Korridor Kroatien – Slowenien nach Österreich oder Italien an Bedeutung gewonnen. Bosnien-Herzegowina hat eine insgesamt 1538 Kilometer lange Außengrenze zu seinen drei Nachbarstaaten: 932 Kilometer zu Kroatien, das Bosnien-Herzegowina in einem Bogen nördlich und westlich umgibt, 357 Kilometer zu Serbien im Osten und 249 Kilometer zu Montenegro im Südosten. Migranten kommen aus Montenegro oder Serbien nach Bosnien-Herzegowina und versuchen, von dort aus über die EU-Außengrenze nach Kroatien zu gelangen.
In den ersten zehn Monaten des Jahres 2015 kamen laut EU-Kommission fast 700.000 Menschen auf der Balkanroute von Griechenland nach Zentraleuropa.ec.europa.eu: PDF (Grafik auf S. 1), 15. Dezember 2015 Transitstaaten ergriffen sukzessive Maßnahmen, um den Flüchtlingsstrom einzudämmen. Nach einem EU-Gipfel Anfang März 2016 gaben Slowenien und andere Staaten Maßnahmen bekannt, die die Balkanroute noch undurchlässiger als zuvor machen.FAZ.net vom 8. März 2016: Slowenien lässt keine Flüchtlinge mehr durch Österreichs Innenministerin Mikl-LeitnerFAZ.net vom 10. März 2016: Balkanroute bleibt geschlossen und Außenminister Kurz betonten, dies solle dauerhaft so bleiben.FAZ.net vom 13. März 2016: Österreich will Grenzen entlang der Mittelmeerroute schließen Das Vorgehen der Balkanstaaten ist von EU-Beschlüssen gedeckt, denen auch die deutsche Bundesregierung zugestimmt hat.FAZ.net / Nikolas Busse 9. März 2016: Der Balkan handelt
Zu den beiden Routen gibt es zahlreiche kleinere Nebenrouten und Querverbindungen wie auch Alternativen je nach Quell- und Zielgebiet, z. B. führt die Ostbalkanroute über Moldawien auch Richtung Russland.
Ein er Ausdruck ist , , .
Laut Frontex ist die westliche Balkan-Route „bei einem Rückgang von 26 Prozent immer noch die zweitwichtigste Route für Migranten und Migrantinnen“ in die EU, nach dem Weg über die zentrale Mittelmeer-Passage.
Geschichte Der historische Ursprung der Balkanroute und ihre Kulturgeschichte geht zurück bis in die Neusteinzeit (Neolithikum). Damals erreichten die ersten Bauern im Rahmen der vom Nahen Osten ausgehenden Migration über den Zentral- und den Nordbalkan Transdanubien und die Neolithisierung mit der Umstellung vom Sammler- und Jägertum zum Ackerbau begann auch in Europa.Ingo Endrick Lankau: Die Balkanroute – Ein Blick zurück in die Zukunft. in Bulgarica 2, S. 81.
mini|Römische Balkanstraßen der Antike Der Donauweg Via Istrum vom heutigen Belgrad bis zur Donaumündung ins Schwarze Meer zog sich am Rand des Balkans entlang und verband die Beobachtungsposten und Befestigungen des unteren Donaulimes. Die Via Pontica war die Verbindungsstraße vom Donaudelta an den Bosporus entlang der Schwarzmeerküste. Die Via Egnatia wurde als Verlängerung der Via Appia über die Meerenge von Otranto als die schnellste Verbindung von Rom an den Bosporus im 1. Jahrhundert vor Christi Geburt gebaut. Die Via Militaris (auch Via Diagonalis genannt) wurde im 1. Jahrhundert gebaut und hatte wegen der Streckenführung durch die Balkantäler nur relativ moderate Steigungen. Das machte sie zu einer bedeutsamen strategischen Route, die bei jedem Wetter umfangreiche Truppenbewegungen auch mit schweren römischen Kampfwagen zwischen den nördlichen, südosteuropäischen und vorderasiatischen Provinzen des römischen Reiches ermöglichte.Stephen Mitchell: The Administration of Roman Asia from 133 Ad to AD 250. In: Lokale Autonomie und römische Ordnungsmacht in den kaiserzeitlichen Provinzen vom 1. bis 3. Jahrhundert. Hrsg.: Werner Eck, Oldenbourg Wissenschaftsverlag 1999, ISBN 3-486-56385-8, S. 18.
Seit der Spätantike war die Balkanroute über Konstantinopel eine wichtige Verbindung zur Seidenstraße geworden und die Republik Venedig wickelte darüber einen beträchtlichen Teil des Handels ab.Ingo Endrick Lankau: Die Balkanroute – Ein Blick zurück in die Zukunft. in Bulgarica 2, S. 83.
Die Balkanroute war schon lange eine der wichtigsten Handels- und Heerstraßen in Europa. Für die Kreuzzüge, die Venezianer, Konstantinopel und das Habsburgermonarchie war sie zentral.Ingo Endrick Lankau: Die Balkanroute – Ein Blick zurück in die Zukunft. in Bulgarica 2, S. 81 ff.
Ausbau der Balkanroute in der Neuzeit mini|Orientbahn Auf dem Berliner Kongress 1878 zur Beendigung der Balkankrise wurde beschlossen, den Balkan durch den Bau einer Eisenbahnverbindung bis nach Istanbul zu erschließen. Im osmanischen Machtbereich wurde die Bahn durch die Compagnie des Chemins de fer Orientaux von Baron Maurice de Hirsch erbaut. 1888 konnte mit der Schließung der letzten Lücke in Bulgarien die durchgehende Verbindung zwischen Wien und Istanbul eingeweiht werden. Sie wurde vor allem durch den über die Strecke verkehrenden luxuriösen Orient-Express zwischen Paris und Istanbul bekannt.Ingo Endrick Lankau: Die Balkanroute – Ein Blick zurück in die Zukunft. In: Bulgarica 2, S. 83.
Während des Zweiten Weltkrieges gelangten europäische Flüchtlinge über die Balkanroute in die Türkei und von dort teilweise weiter in Flüchtlingslager der Middle East Relief and Refugee Administration im Nahen Osten.Marijana Hameršak, Sabine Hess, Marc Speer, Marta Stojić Mitrović: The Forging of the Balkan Route – Contextualizing the Border Regime in the EU Periphery. Movements, Vol. 5, Nr. 1, 2020. Die Flucht- und Einwanderungsrouten für Juden von Betar, Hechaluz, Mossad le Alija Bet und privaten Organisatoren ins Mandatsgebiet Palästina führten im Rahmen der Alija Bet auf der Donau und dann über das Schwarze Meer und den Bosporus.Dalia Ofer: Escaping the Holocaust – Illegal Immigration to the Land of Israel, 1939–1945. Oxford University Press, 1990, ISBN 0-19-506340-6. S. 17 u. Anhang: List of boats. Nach dem Anschluss Österreichs 1938 brachte Eichmann (Zitat:„Entweder ihr verschwindet über die Donau oder in die Donau!“)Arno Lustiger: faz.net, 27. Januar 2011, aufgerufen am 27. Juli 2023. mit der Zentralstelle für jüdische Auswanderung die Auswanderung nach Palästina aus dem gesamten Reichsgebiet unter seine Kontrolle. Zur Bekämpfung der illegalen Einwanderung nach Palästina hielt die britische Regierung Rumänien, Bulgarien, Griechenland, Jugoslawien und Ungarn zur Zerschlagung lokaler Alija-Bet-Organisationen an.Victoria Kumar: Land der Verheißung – Ort der Zuflucht. StudienVerlag, Band 26 der Schriften des Centreums für Jüdische Studien, Innsbruck-Wien-Bozen 2016, ISBN 978-3-7065-5419-0, S. 170 u. 173.
In den 1960er Jahren entstand der Begriff Gastarbeiterroute für die Strecke über den Balkan.
In den 1990er Jahren wurde der Ausbau der Balkanroute zur verbesserten Anbindung der osteuropäischen Länder in die arbeitsteilige Weltwirtschaft begonnen.Bernhard Heitger, Klaus Schrader, Eckhardt Bode: Die mittel- und osteuropäischen Länder als Unternehmensstandort. pdf, Kieler Studien, No. 250, Mohr Siebeck, 1992, ISBN 3-16-146037-5, S. 87. Durch den Zerfall Jugoslawiens und die damit einhergehenden Jugoslawienkriege wurde der traditionelle Routenabschnitt über den Autoput gemieden.Bernhard Heitger, Klaus Schrader, Eckhardt Bode: Die mittel- und osteuropäischen Länder als Unternehmensstandort. S. 69.
mini|Die zehn Paneuropäischen Verkehrskorridore Im Rahmen des Konzeptes der Transeuropäischen Netze wird an zehn paneuropäischen Verkehrskorridoren gearbeitet, um die Verkehrsinfrastruktur in Ost- und Südosteuropa auszubauen. In diesem Rahmen werden auf den Balkantransitrouten die Korridore IV, VII, VIII und X zur Verbesserung der Wasser-, Gleis- und Straßeninfrastruktur ausgebaut. China investiert im Rahmen des Seidenstraßenprojektes in den Ausbau der Bahnstrecke Budapest–Belgrad–Skopje–Athen nach Mitteleuropa.Hans-Peter Siebenhaar, Dieter Fockenbrock: Wie Österreichs Bahn die europäische Konkurrenz im China-Geschäft abhängen will. Handelsblatt, 30. April 2018, aufgerufen am 20. Juli 2023.Güterverkehr rollt wieder an. Budapester Zeitung, 3. August 2022, aufgerufen am 21. Juli 2023.
Migrationsbewegung der 2010er mini|hochkant=1.2|Die Westbalkanroute wurde 2015 zu der wichtigsten Migrationsroute in die EU.Frontex, , 26. Januar 2016
Viele der Migranten der Flüchtlingskrise in Europa, die eine Balkanroute nehmen, kommen aus Syrien, dem Irak, und dem weiteren südlichen Zentralasien, insbesondere Afghanistan und Pakistan, aber auch – nachdem die Mittelmeerrouten schwieriger oder teurer wurden – auch aus nordafrikanischen Ländern, aus Eritrea und aus Äthiopien. Diese Migranten wollen sich keinesfalls in einem der wirtschaftsschwachen Balkanländer niederlassen, sondern streben einen Aufenthalt in Zentraleuropa, den britischen Inseln oder Nordeuropa an. Daneben waren eine Zeitlang auch die relativ unterentwickelten Balkanländer Nordmazedonien, Albanien, Montenegro und Kosovo selbst Herkunftsländer.
Zu Beginn der Flüchtlingskrise 2011 war die Ostbalkanroute die Hauptroute. Frontex verzeichnete für 2012 und 2013 auf der Ostbalkanroute 12.000, der Westbalkanroute 4.000 Passagen, gegenüber den Vorjahren eine enorme Steigerung, aber weitaus geringer als 2015. Moving Europe, Dezember 2015 (abgerufen am 1. März 2016). Die Lage wurde aber als so kritisch empfunden, dass im November 2013 die erste Westbalkankonferenz („Frontex Westbalkan-Konferenz“) stattfand. Nach dem griechischen Grenzzaun zur Türkei 2012 wurde 2014 der bulgarische zur Türkei erbaut; damit wurde die Ostbalkanroute dichtgemacht.Western Balkan route: Trends prior to 2015. Frontex: Trends and Routes, abgerufen am 1. März 2015. Die Migration verlagerte sich von der Türkei auf Routen über die küstennahen griechischen Ägäisinseln. Diese Verlagerung war sowohl im Interesse Bulgariens und Rumäniens als auch im Interesse der Türkei, die Massenbewegungen über den Bosporus nicht toleriert hätte. Diese Route heißt im europäischen Frontex-Jargon Östliche Mittelmeerroute (Eastern Mediterranean route). Einige der Inseln Griechenlands (darunter Lesbos, Samos, Chios und Koszeit.de vom 4. Februar 2016: Griechenland kündigt Fertigstellung von Hotspots an) liegen in Sichtweite der türkischen Küste; Flüchtlinge können sie (und damit EU-Territorium) auf einfachen Booten erreichen. Winde, Meeresströmungen und Wellengang können ihnen dabei gefährlich werden; mitunter kentern Boote und Menschen ertrinken. Griechenland ließ 2015 die Flüchtlinge auf das Festland weiterreisen; dort zogen die meisten zu einem der Grenzübergänge an der griechisch-nordmazedonischen Grenze (z. B. Idomeni) und einige zur griechisch-albanischen Grenze. Nach Syrienkrieg und anhaltenden Dürren,Daniel Lingenhöhl: Wie der syrische Bürgerkrieg mit dem Klimawandel zusammenhängt. Auf: Spektrum.de, 2. März 2015. aber auch durch Geldmangel beim UNHCR, herrschten Anfang Sommer 2015 in den Flüchtlingslagern im Libanon, in Jordanien und auch in der Türkei teils katastrophale humanitäre Zustände, und die Levante geriet in Bewegung. Im heißen Sommer 2015 waren auch in Europa die Wanderbedingungen günstig.