mini|450px|Alltag der Wikingerzeit. Unter Wikingern versteht man gemeinhin ein kriegerisches Volk. Auf den Färöern waren es arme Bauern, die sich eine neue, freie Heimat schufen. Briefmarkenblock von 2005
Die Wikingerzeit auf den Färöern dauerte von der Landnahme durch Grímur Kamban um 825 bis zum Tode von Tróndur í Gøtu, dem letzten Wikingerhäuptling auf dem Färöer-Archipel, 1035, und der Machtübernahme von Leivur Øssursson im selben Jahr.S. V. Arge, G. Sveinbjarnardóttir, K. J. Edwards u. a.: Viking and Medieval Settlement in the Faroes: People, Place and Environment. In: Hum Ecol. Band 33, 2005, S. 597–620. doi:10.1007/s10745-005-4745-1
Der größte historische Bruch in dieser Zeit war die Christianisierung der Färöer durch Sigmundur Brestisson ab 999, die das Ende der Wikingerzeit einläutete und gleichzeitig das Ende der Färöer als freie Siedlerrepublik.Christianisierung der Färöer
Zum Leidwesen der Historiker sind sehr viele Quellen aus dieser Zeit bei verschiedenen Verwüstungen von Bibliotheken und Archiven verloren gegangen. Als wichtigste Quelle haben wir daher heute nur noch die Färingersaga und Aussagen in anderen Quellen von außerhalb, die die dortigen Erzählungen stützen können und eine Datierung erlauben.
Obwohl die in diesem Artikel genannten Jahreszahlen und Ereignisse zwar auf den Färöern allgemein als unstrittig gelten und zum nationalen Gründungsmythos gehören, sind sie immer mit einem gewissen Vorbehalt zu betrachten, denn die Färingersaga ist keine Chronik im wirklichen Sinne, sondern ein historischer Roman. Ganz eindeutige Mythen, die völlig unrealistisch erscheinen, werden als solche gekennzeichnet (meist in den weiterführenden Artikel zu einzelnen Episoden der Saga).
Es gab in den letzten Jahrzehnten zahlreiche archäologische Untersuchungen auf den Färöern, so dass sich unser Bild über die damalige Zeit immer mehr verdichtet. Im Historischen Museum der Färöer befinden sich die meisten der archäologischen Funde aus dieser Zeit.
Landnahme
Als die Färöer das erste Mal um 795 von den Wikingern besucht wurden, fanden sie Mönche aus Irland vor, die hier ein Einsiedlerdasein führten. Jene wiederum hatten keinerlei Urbevölkerung vorgefunden, die sie hätten bekehren können, und so züchteten sie Schafe und pflanzten u. a. Hafer an, der inzwischen eine Datierung ihrer Ankunft auf den Zeitraum um 625 erlaubt.
Erste Landnahmewelle mini|Schematische Darstellung der Landnahme mit Hilfe einer alten Landkarte. Der dortige Pfeil von den Färöern in Richtung britische Inseln ist etwas irreführend. Die Landnahme geschah in genau umgekehrter Richtung. Auch waren die Färinger keine Eroberer anderer Länder. Färöische Briefmarke von 1982. mini|Grab von Havgrimur Es ist nicht völlig geklärt, ob die oft behauptete Vertreibung der irischen Mönche durch die Wikinger um 795 wirklich stattfand, oder ob sich nur ein Teil von ihnen nach Island aufmachte. Dort jedenfalls galten jene wiederum als erste Siedler. Zu dieser Zeit könnten die Färöer für 30 Jahre unbewohnt gewesen sein, da sich damals Skandinavier noch nicht auf den Färöern niederließen.S. V. Arge: The Landnám in the Faroes. In: Arctic Anthropology. Band 28, Nr. 2, 1991, S. 101–120. Universität von Wisconsin Press. https://www.jstor.org/stable/40316279 Folgt man dieser Hypothese, die sich auf den Bericht im Buch Liber de Mensura Orbis Terræ des irischen Chronisten Dicuil (825) stützt, so betrat Grímur Kamban um 825 ein Land, in dem es nur die von den Mönchen zurückgelassenen Schafe und Seevögel gab.
Der Name Kamban selbst deutet auf einen keltischen Ursprung hin. Grímur Kamban könnte von den britischen Inseln gekommen sein, wo die Skandinavier bereits ihre Herrschaft errichtet hatten, oder er war ein getaufter Norweger, dem irische Missionare diesen Beinamen gaben. Die ersten Menschen, die um diese Zeit die Färöer besiedelten, waren jedenfalls Leute aus dem umliegenden Herrschaftsbereich der Skandinavier im Süden und Osten – selber meist Skandinavier, aber sicher auch mit keltischen Sklaven und Frauen im Gepäck.L. Curtin, W. J. D’Andrea, N. L. Balascio u. a.: Sedimentary DNA and molecular evidence for early human occupation of the Faroe Islands. In: Commun Earth Environ. Band 2, 2021, S. 253. doi:10.1038/s43247-021-00318-0
Grímurs Siedlung soll in Funningur auf Eysturoy gewesen sein. Ausgrabungen belegen weitere Siedlungsplätze der Wikinger in der Nachbarschaft und auf den anderen Inseln.
In jenen Zeitraum fällt auch die Ankunft des norwegischen Auswanderers Naddoddur auf den Färöern. Er entdeckte der Überlieferung zufolge um 850 Island, das er damals Schneeland taufte. Seine (vermutete) Tochter Ann Naddodsdóttir ist einer neueren These zufolge die Mutter von Brestir und Beinir, von denen unten noch die Rede sein wird.
Zweite Landnahmewelle Etwa 880 bis 900 fand die große Einwanderung auf den Färöern statt. Diese Landnahmewelle wird präzise auf 885–890 eingegrenzt. Es war die Zeit Harald Schönhaars von Norwegen (reg. 870–933). Die Färingersaga berichtet, dass viele Leute vor seiner Herrschsucht flohen. Damit sind unter anderem Steuerlasten gemeint. Wie schon bei der ersten Landnahme kamen die Einwanderer aus Norwegen und wahrscheinlich auch den von Norwegen kontrollierten Teilen der britischen Inseln.
mini|links|300px|Die Wikinger waren hervorragende Seefahrer. Ihre Navigationskünste wurden 2002 auf diesem Briefmarkenblock der Färöer gewürdigt.
Dass der überwiegende Teil dieser Wikinger auf den Färöern aus Norwegen kam, kann an einer linguistischen Besonderheit festgestellt werden (neben sonstigen Gemeinsamkeiten mit den Dialekten Westnorwegens): Im Färöischen heißt Nordosten landnyrðingur („Landnord“), Südosten landsynningur („Landsüd“), Nordwesten útnyrðingur („Hinausnord“) und Südwesten útsynningur („Hinaussüd“). Diese Begriffe können nur von Menschen geprägt sein, die an einer kontinentalen Westküste leben, wie zum Beispiel in Bergen. Aus färöischer Perspektive würde eine solche Wortschöpfung keinen Sinn ergeben, denn im Nordwesten befindet sich mit Island gleichermaßen Land wie mit Shetland im Südosten, während sich in Nordost und Südwest die Gestade Spitzbergens bzw. Neufundlands befinden – damals terra incognita (unbekanntes Land). Und: aus färöischer Sicht ist jede Himmelsrichtung hinaus aufs Meer.
Es wird gesagt, dass sich Menschen von den Färöern und aus Bergen heute noch in ihren jeweiligen lokalen Dialekten ohne große Mühe verständigen können. Die Beziehungen dieser norwegischen Handelsmetropole und späteren Hansestadt zu den Färöern haben in den Jahrhunderten bis heute immer eine besondere Rolle gespielt. Siehe auch: Monopolhandel über die Färöer (Zeitraum 1529–1856)
Erstes Thing mini|links|Tinganes, die alte Thingstätte der Färöer, ist heute nach wie vor politisches Zentrum des Landes. Um 900 hatten die Färinger bereits ihr Thing auf der nach ihm benannten Halbinsel Tinganes. Tórshavn wurde so früh zum Hauptort der Inseln. Das damalige Thing hieß (wie heute noch dasjenige in Island) Althing. Seit etwa 1400 trägt es seinen heutigen Namen Løgting. Es ist eines der ältesten Parlamente der Welt (siehe dort). Neben dem zentralen Thing gab es lokale Thingstätten, Várting genannt.
Auch wenn nicht ganz klar ist, wie die politische Ordnung der Färöer zu dieser Zeit aussah, so ist es nicht übertrieben, von einer Republik zu sprechen, denn der König im 500 Kilometer entfernten Norwegen hatte auf dem Archipel zur Wikingerzeit keine Macht, und das Thing war eine Versammlung der freien Männer vor Ort, also der Großbauern. Dort wurde auch die Gerichtsbarkeit ausgeübt.
Besiedlung und Bevölkerungsentwicklung Zu diesem Zeitpunkt waren alle Inseln der Färöer bereits bewohnt, mit Ausnahme von Lítla Dímun. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Die Bevölkerungszahl der Färöer nach der zweiten Landnahmewelle betrug vielleicht 3000 Menschen. Diese Zahl blieb bis Ende des 18. Jahrhunderts nahezu stabil und wuchs nicht über 4000. Mehr gab die Landwirtschaft auf diesem sehr begrenzten Areal nicht her.
Die Nachkommen der beiden Landnahmewellen bildeten faktisch die Bevölkerung der nächsten 450 Jahre. Erst der Schwarze Tod 1349 und 1350 sorgte mit dem Verlust eines Drittels der Bevölkerung für dramatische Änderungen, sodass Platz und Bedarf für neue Einwanderer entstand.
Alltag Ernährung und Erwerb mini|links|Ein Pferd als Kinderspielzeug. Es wurde 1957 in Kvívík gefunden. Briefmarke von Bárður Jákupsson 1989. Die Wikinger auf den Färöern waren ein Bauernvolk. Sie pflanzten Gerste an, die mit aus Norwegen importierten Mühlsteinen aus Schiefer gemahlen wurde. Die wichtigsten Haustiere waren Schafe, und die färöische Wolle war schon damals ein wichtiges Exportgut. Daneben wurden Kühe gehalten und, im Gegensatz zu heute, sehr viele Schweine. Der Name der Insel Svínoy zeugt davon. Als Tierfutter wurde Heu hergestellt. Aus den Pferden der Färöer entwickelte sich im Laufe der Zeit die eigenständige Rasse des Färöerponys, von der heute nur noch wenige Individuen leben.
mini|Ein geschnitztes Holzboot als Kinderspielzeug fand sich 1955 bei den Ausgrabungen von Kirkjubøur. Es ist 24,7 cm lang und aus einem Stück Treibholz geschnitzt. Heute wird es im Historischen Museum der Färöer ausgestellt. Briefmarke von Bárður Jákupsson 1989. Der Fischfang und Grindadráp diente als wichtige Nahrungsergänzung und wurde in Küstennähe in den Fjorden betrieben. Das typisch färöische Boot zeugt noch heute von dieser Zeit. Es wird nach wie vor im Stile des Wikingerlangboots gebaut.
Die färöische Vogelwelt bot darüber hinaus Nahrung im Überfluss. Die Jagd von Seevögeln war hier weitaus wichtiger als in anderen Ländern – und ist es noch heute. Von den dutzenden Arten wurden drei bevorzugt bejagt.
Hausrat Einheimische Keramik gab es nur relativ wenig. Der färöische Ton hat keine besonders günstigen Eigenschaften, und durch den Mangel an Bäumen war Brennmaterial stets knapp. Vorherrschend waren Gefäße aus Speckstein, die wahrscheinlich aus Norwegen importiert wurden. Speckstein gibt es allerdings auch auf den benachbarten Shetlandinseln, vielleicht stammen sie also von dort. Aus dem heimischen Tuff, einem relativ weichen vulkanischen Gestein, wurden unter anderem Öllampen geschnitzt. Körbe und dergleichen wurden aus dem einheimischen Wacholder geflochten. Der Wacholder ist auf den Färöern heute beinahe verschwunden, was u. a. auch auf eine Klimaänderung zurückzuführen ist. mini|links|Der Runenstein von Sandavágur. Im Hintergrund die Inschrift des Steines von Kirkjubøur. Briefmarke von 1981
Wertgegenstände Metall musste importiert werden. Es wurden Eisen und Bronze verarbeitet. Silber diente als Währung, aber später auch schon ausländische Münzen, wie der Münzfund von Sandur andeutet. Schmuck wurde nicht nur aus den genannten Metallen hergestellt, sondern auch aus Knochen, Perlen und Bernstein. Die Kleidung entsprach wohl derjenigen in Norwegen oder auf den britischen Inseln.
Behausungen mini|Das Langhaus von Kvívík war 21 m lang und 5,75 m breit. Die Wände waren 1,5 m dick. Briefmarke von 1982 Gewohnt wurde in typischen Langhäusern aus Stein. Sie besaßen nur einen Raum mit einer Feuerstelle in der Mitte und Bänken an den Wänden. An vielen Orten der Färöer wurden ab 1941 Fundamente solcher Häuser ausgegraben, zuerst in Kvívík, später dann auch in Fuglafjørður, Gøta und Sandavágur.
Sprachdenkmäler Die Sprache der ersten Färinger war Altnordisch, aus dem die heutige färöische Sprache hervorging. Es wurde in Runen geschrieben. Drei Runensteine wurden auf den Färöern gefunden: Der Kirkjubøstein, Sandavágsstein und Fámjinsstein. Letzterer stammt allerdings aus dem 16. Jahrhundert, belegt so also die Verwendung der Runen neben der lateinischen Schrift noch weit in die katholische Zeit hinein. Die färöischen Sigurdlieder und andere färöische Balladen stammen sehr wahrscheinlich von alten mündlichen Überlieferungen aus der Wikingerzeit ab.
Nordische Religion