Die Bahnstrecke Nizza–Digne-les-Bains ist eine meterspurige Schmalspurbahn in Südfrankreich. Sie ist die letzte in Betrieb befindliche Strecke des Netzes der ehemaligen Chemins de fer de Provence (CP) und wird durch die Région Provence-Alpes-Côte d’Azur (PACA) betrieben.
Die 150 km lange Strecke zwischen Nizza und Digne-les-Bains gehört dem französischen Staat, jedoch nicht zu dessen Eisenbahninfrastrukturunternehmen Réseau ferré de France (RFF). Die Bahn ist auch als Train des Pignes bekannt, diese Bezeichnung trug allerdings ursprünglich die stillgelegte Strecke von Nizza nach Meyrargues.
Ursprünge 1860 trat das Königreich Sardinien mit dem Vertrag von Turin die Grafschaft Nizza an das Kaiserreich Frankreich ab. Vier Jahre später erreichte, von Marseille her, die normalspurige Strecke der Compagnie des chemins de fer de Paris à Lyon et à la Méditerranée (PLM) die Stadt Nizza. Sie berührte das Hinterland aber kaum, und eine Unterbrechung im Jahr 1872 ließ auch aus militärischen Gründen eine zweite Verbindung bedeutsam erscheinen.
Der Freycinet-Plan von 1879 sah den Bau zahlreicher Strecken von lokaler Bedeutung vor, darunter von Digne über Castellane nach Draguignan, wo ein Anschluss an die PLM-Strecke geplant war, und von Nizza nach Puget-Théniers. 1881 wurde statt ersterer die Strecke Digne–Puget-Théniers genehmigt, so dass eine durchgehende Verbindung zwischen Digne und Nizza entstand.
Die PLM, die von Digne her an der Strecke baute, stellte 1884 die Arbeiten ein. Daraufhin wurde die Compagnie des chemins de fer du Sud de la France (SF) ins Leben gerufen, die den Eisenbahnbau in reduziertem Umfang fortsetzte. Drei Strecken kamen bis 1911 letztlich zur Ausführung: von Nizza nach Digne über Puget-Théniers (150 Kilometer) von Nizza nach Meyrargues über Grasse und Draguignan (210 Kilometer) von Toulon nach Saint-Raphaël (100 Kilometer) mit einer Zweigstrecke von Cogolin nach Saint-Tropez (10 Kilometer)
Hinzu kamen mehrere Anschlussstrecken der Tramways des Alpes-Maritimes (TAM) in Seitentäler der Var. Angesichts der schwierigen topografischen Verhältnisse wurde, um enge Kurven zu ermöglichen, als Spurweite Meterspur gewählt.
Endstation in Nizza war der Gare du Sud, ein Kopfbahnhof, 400 Meter nördlich des PLM-Bahnhofs gelegen. Die denkmalgeschützte Stirnwand des Gare du Sud mit ihrem großen Glasfenster stammt vom russischen Pavillon der Weltausstellung von 1889 in Paris. Zwischenzeitlich vernachlässigt, ist sie inzwischen restauriert worden.
1899 wurde zwischen dem Normalspur- und dem Schmalspurbahnhof ein Verbindungsgleis durch die Stadt gelegt, um Güterverkehr abzuwickeln. Bis 1939 konnten Güterzüge der C.P. über die Straßenbahngleise auch den Hafen von Nizza erreichen. Auf diesem Weg wurde das Kraftwerk der Energie électrique du Littoral méditerranéen mit Kohle versorgt. Diese Transporte behinderten jedoch den städtischen Verkehr und wurden daher eingestellt.
Geschichte Bau
Die Strecke von Nizza nach Digne entstand ab 1883 in Teilabschnitten. Von Nizza aus wurde das Tal des Var und insbesondere Puget-Théniers erschlossen. Von Digne aus erfolgte der Bau zunächst in Richtung Castellane, die Umlenkung der Strecke Richtung Nizza wurde erst 1901 beschlossen. Am 3. Juli 1911 wurden die beiden Teilstrecken vereinigt. Der Zugverkehr begann im August 1891 und wurde, je nach Baufortschritt, abschnittsweise erweitert. In Digne liegen der Normalspur- (PLM / SNCF) und der Schmalspurbahnhof (C.P.) nebeneinander, der alte C.P.-Bahnhof wurde später zugunsten einer Bahnsteiganlage direkt am SNCF-Bahnhof aufgegeben.
Eröffnungsdaten der Bahnstrecke Nizza–Digne: von bis Länge (km) Teilstrecke eröffnet am Digne Mezel 13 14. August 1891 Mezel Saint-André-de-Méouilles(heute: Saint-André-les-Alpes) 31 1892 Nizza Colomars 13 2. Juni 1892 Colomars Puget-Théniers 45 8. August 1892 Puget-Théniers Pont-de-Gueydan 12 1907 Pont-de-Gueydan Annot 8 15. Mai 1892 Annot Saint-André-de-Méouilles 1911
Betrieb 1943 wurde die Rekordzahl von 1.014.327, 1970 das Minimum von 143.652 Reisenden auf der Strecke ermittelt. Der Rekord im Güterverkehr lag bei 336.710 Tonnen im Jahr 1926.
Aufgrund finanzieller Probleme der Compagnie des chemins de fer du Sud de la France wurde ein neuer Vertrag mit dem Staat ausgehandelt und 1925 die Compagnie des Chemins de fer de (la) Provence (C.P.) gegründet. Sie übernahm zunächst alle Strecken des Netzes, gab 1933 aufgrund dennoch wachsender finanzieller Probleme die Strecken Nizza–Digne und Nizza–Meyrargues ab. Unter staatlicher Zwangsverwaltung wurden sie von den Ponts et Chaussées betrieben, der C.P. blieb nur die Küstenstrecke.
Ab 1935 begann der Einsatz von Triebwagen. Sie ersetzten bis dahin verkehrende Dampfzüge und brachten dem Verkehr auf der Strecke einen Aufschwung. Der Zweite Weltkrieg, insbesondere der Befreiungskampf im Département Alpes-Maritimes, führte zu schweren Schäden an Infrastruktur und rollendem Material, so dass die Strecke Nizza–Meyrargues und die Küstenstrecke bereits bis 1950 aufgegeben und später abgebaut wurden.
1952 hob der Staat die Zwangsverwaltung auf, die Strecke von Nizza nach Digne wurde unter die „provisorische Verwaltung“ der C.P. gestellt. Bereits 1959 verlangte er jedoch „einschneidende“ Maßnahmen zur Sanierung und wiederholte die Einstellungsdrohungen 1967 und 1968. Die Städte Digne und Nizza, die beiden Départements Alpes-Maritimes und Var sowie die Région Provence-Alpes-Côte d’Azur-Corse gründeten daraufhin 1968 das Syndicat mixte Méditerranée-Alpes (SYMA). Ihm wurde 1972 für 99 Jahre das Betriebsrecht übertragen und die Betriebsführung 1974 an die Société générale de chemins de fer et de transports automobiles (CFTA) weitergegeben. Der regelmäßige Güterverkehr wurde 1977 eingestellt, bedarfsweise verkehrten aber weiterhin Güterzüge.
1980 ließ der Groupement d’études pour le Chemin de fer de Provence den ersten touristischen Dampfzug auf der Strecke verkehren. Ein Jahr später konnte die C.P. der SNCF die Einrichtung einer Umsteigeverbindung von Genf nach Nizza über Digne (seit 1988: Digne-les-Bains) abringen. Auf beiden Spurweiten verkehrten als Alpazur beschriftete Dieseltriebwagen. Die Entfernung zwischen den beiden Städten war auf diesem Weg 220 Kilometer kürzer als über Marseille. Seit der Betriebseinstellung auf der Normalspurstrecke von Digne nach Saint-Auban durch die SNCF 1989 ist diese Verbindung nicht mehr möglich. Die von der C.P. gewünschte Übernahme dieser Strecke wurde von der SNCF seit den 1930er Jahren abgelehnt.
Am Vergnügungspark Zygofolis in Nizza wurde 1987 ein neuer Halt eröffnet.
Die Stadtverwaltung von Nizza erkaufte sich ihre Zustimmung zum Weiterbetrieb der Gesamtstrecke über Colomars hinaus mit der Zusage, den Endbahnhof zu verlegen. 1992 wurde er knapp 200 Meter westlich des Gare du Sud eröffnet.
Am 1. Juli 2005 gründete die CFTA von Veolia Transport eine Tochtergesellschaft, Compagnie ferroviare du Sud-France (CFSF), die den Betrieb der Strecke im Auftrag der SYMA übernahm. Zum 1. Januar 2007 wurde die Région Provence-Alpes-Côte d’Azur (PACA) alleiniger Gesellschafter des SYMA, der daraufhin aufgelöst wurde. Der Vertrag über den Betrieb zwischen PACA und CFTA lief zum 31. Dezember 2013 aus. Auf Basis eines Beschlusses des Regionsrats vom 29. Oktober 2012 wurde der Vertrag nicht verlängert und der Betrieb stattdessen in Eigenregie von der Région PACA übernommen.
Im Januar 2019 begannen Instandsetzungs- und Modernisierungsarbeiten im Umfang von 59,5 Millionen Euro, die durch den Contrat de plan Etat-Région (CPER) der Région finanziert werden. Die Arbeiten umfassen die Renovierung und Sicherung von Tunneln, den abschnittsweisen Tausch des Oberbaus, die technische Sicherung von Bahnübergängen, die Erneuerung von Bahnsteigen und die Anlage barrierefreier Zugänge und die Renovierung von Empfangsgebäuden. Bei Bauarbeiten im Tunnel de Moriez stürzte am 20. Februar 2019 ein Teil der Tunneldecke ein, was zu erheblichen Verzögerungen der Arbeiten führte. Anfang Juni 2020 war der Tunnel weiterhin zur Beweissicherung im Ermittlungsverfahren gesperrt; anschließend musste die Tunneldecke wieder hergestellt werden. Für den rund 45 km langen Streckenteil zwischen Saint-André-les-Alpes und Digne-les-Bains war im Juli 2020 daher noch kein Termin zur Wiederaufnahme des Betriebs benannt. Auch kurz vor dem Jahreswechsel 2024/25 ist noch nicht bekannt, wann der Betrieb nach Digne-les-Bains wieder aufgenommen wird.
In der Wintersaison nutzen Touristen die Strecke, um über Thorame-Haute, wo direkter Busanschluss besteht, weiter in das Wintersportzentrum Val d’Allos zu gelangen.
Zwischenfälle Die Entgleisung eines Güterzugs in Entrevaux 1992 führte zu Betriebseinschränkungen, die bis Mitte 1993 andauerten.
Im Herbst 1994 zerstörte ein Hochwasser des Var mehrere hundert Meter der Trasse, die derst nach 18 Monaten wieder in Betrieb genommen werden konnte.
Am Morgen des 8. Februar 2014 kam es auf der Strecke zwischen Annot und St.-Benoît zu einem Unfall. Ein etwa zwanzig Tonnen schwerer abstürzender Felsblock traf auf das führende Fahrzeug eines AMP 800-Doppeltriebwagens auf dem Weg von Nizza nach Digne-les-Bains, woraufhin der Zug entgleiste. Von den dreißig Passagieren kamen zwei ums Leben, acht Fahrgäste wurden verletzt, darunter einer schwer. Leicht verletzt wurde auch der Triebfahrzeugführer.lemonde.fr vom 8. Februar 2014, abgerufen am 9. Februar 2014
Beim Herunterbrechen eines Teils der Einwölbung im Tunnel de Moriez während der Sanierung am 20. Februar 2019 starb ein Arbeiter. Die Strecke ist seither zwischen Saint-André-les-Alpes und Digne-les-Bains außer Betrieb.
Im November und Dezember 2019 beschädigten Regenfälle und Hochwasser erneut längere Streckenabschnitte, wonach zunächst der gesamte Betrieb mit Ausnahme des 13 km langen Streckenabschnitts zwischen Nice und Colomars–La Manda eingestellt wurde. Die folgenden etwa zehn Streckenkilometer bis Plan-du-Var konnten nach einigen Wochen wieder eröffnet werden. Die weiteren Reparaturen wurden durch die COVID-19-Pandemie beeinträchtigt und zeitweise unterbrochen. Am 13. Juli 2020 wurde der reguläre Betrieb auf dem Abschnitt von Plan-du-Var bis Saint-André-les-Alpes wieder aufgenommen, nachdem bereits am Vortag die touristischen Dampfzüge zwischen Puget-Thénier und Annot wieder angeboten worden waren.
Am 2. Oktober 2020 wurden durch Starkregen und Überschwemmungen erneut erhebliche Schäden an der Strecke verursacht. Während der Betrieb zwischen Nizza und Plan-du-Var am 4. Oktober 2020 wieder aufgenommen wurde, war die Strecke nördlich davon bis 2022 außer Betrieb.
Streckenbeschreibung mini|Viaduc de Moriez
Die Gesamtstrecke ist 150 Kilometer lang, eingleisig und nicht elektrifiziert. Neben den beiden Endbahnhöfen existieren 14 Zwischenbahnhöfe und 48 Bedarfshaltestellen. Die Spurweite beträgt 1000 mm, der kleinste Kurvenradius 150 m, die größte Steigung 30 ‰. Das Planum und die Bauwerke waren ursprünglich für ein normalspuriges Gleis vorgesehen, für eine Schmalspurbahn ist das Lichtraumprofil daher großzügig. Auf der Strecke gibt es 31 Brücken, davon 16 gemauert und 15 aus Metall. Der gemauerte Viaduc de Moriez bei Saint-André-les-Alpes ist 109 Meter lang und weist neun Bögen auf.Viaduc de Moriez bei Structurae (französisch), abgerufen am 31. März 2014 Von den 25 Tunneln ist der Tunnel de la Colle-Saint-Michel mit 3457 m der längste, dort befindet sich auch der höchste Punkt der Strecke auf 1023 m ü. M.