Minuteman bezeichnet eine Serie von Interkontinentalraketen aus den Vereinigten Staaten. Die Minuteman-Raketen waren bei ihrer Einführung die ersten Interkontinentalraketen mit Feststoffraketentriebwerken sowie später die ersten Raketen mit MIRV-Gefechtsköpfen. Benannt sind sie nach der Minutemen-Miliz.
Entwicklung In den 1950er-Jahren hatte das Strategic Air Command (SAC) die Interkontinentalraketen CGM-16 Atlas und LGM-25 Titan im Bestand. Diese Raketen verfügten über Flüssigkeitsraketentriebwerke und verwendeten toxische Kraftstoffe. Dies führte zu einem hohen Wartungsaufwand und die Raketen hatten, wenn sie einmal betankt waren, nur eine beschränkte Lebensdauer. Weiter kam es bei Wartungsarbeiten bei den stationierten Titan-Raketen wiederholt zu Unfällen. Ebenso wurde für den Start dieser Raketen eine längere Vorbereitungszeit benötigt. Mitte der 1950er-Jahre gelang es der United States Navy mit der U-Boot-gestützten ballistischen Rakete UGM-27 Polaris erstmalig ein Feststoffraketentriebwerk mit großem Rumpfdurchmesser und damit einer großen Reichweite zu entwickeln. Angespornt durch die Erfolge der United States Navy entwickelte das Verteidigungsministerium der Vereinigten Staaten noch während des Atlas-Entwicklungsprogramms das Konzept einer Feststoff-Interkontinentalrakete. Federführend dabei war Oberst Edward N. Hall, welcher schlussendlich den Anstoß zur Entwicklung einer dreistufigen Feststoff-Interkontinentalrakete gab. Im Februar 1958 formulierte das Verteidigungsministerium der Vereinigten Staaten eine Bedarfsforderung an die Industrie. Diese sollte für die United States Air Force eine Feststoff-Interkontinentalrakete entwickeln, welche in Raketensilos oder mobil auf Eisenbahnzügen stationiert werden konnte. Im Rahmen der anschließenden Ausschreibung reichten 14 Firmen ihre Angebote ein. Im Oktober 1958 bekam Boeing den Zuschlag für die Entwicklung der HSM-80 Minuteman.Duncan Lennox: Jane’s Strategic Weapon Systems – 38th Edition. Jane’s Information Group, 2003, S. 624–625.David K. Stumpf: Minuteman: A Technical History of the Missile That Defined American Nuclear Warfare. University of Arkansas Press, 2021, S. 17–31.
Dem Minuteman-Projekt wurde vom Kabinett Eisenhower höchste Priorität zugesprochen. Zwischen September 1959 und Mai 1960 wurden mit den einzelnen Raketenstufen 18 Teststarts durchgeführt. Am 1. Februar 1961 erfolgte ab der Startrampe vom Launch Complex 31 der Cape Canaveral Space Force Station der erste Teststart einer kompletten HSM-80 Minuteman IA-Rakete. Am 30. August 1961 erfolgte der Startversuch einer Minuteman IA-Rakete aus einem Raketensilo vom Launch Complex 31, welcher mit einer Explosion der Rakete endete. Am 17. November 1961 glückte ein Minuteman 1A-Start mit einem anschließenden Flug über rund 9.000 km. Im Dezember 1961 strich das Kabinett Kennedy die Eisenbahn-Version aus Termin- und Kostengründen. Am 29. Juni 1962 erfolgte der erste erfolgreiche Start einer Minuteman I-Rakete aus einem Raketensilo. Nachdem bereits im Februar 1961 auf der Vandenberg Space Force Base mit dem Bau von sieben Minuteman-Raketensilos begonnen worden war, erfolgten ab September 1962 Teststarts aus diesen Silos. Am 23. Juli 1962 trafen die ersten 20 Minuteman I-Raketen auf der Malmstrom Air Force Base ein und im Dezember 1962 gingen diese Raketen in Bereitschaft. Im Juni 1963 erfolgte die Umbenennung von HSM-80 Minuteman I zu LGM-30A Minuteman I. In den darauffolgenden Jahren wurden die Minuteman-Raketen weiterentwickelt und modernisiert. Es folgten die LGM-30B Minuteman I (1963), die LGM-30F Minuteman II (1966) und die LGM-30G Minuteman III (1970). Die Produktion der Minuteman-Raketen endete im Januar 1977, nachdem über 2.400 Raketen produziert wurden.
Technik Rakete mini|Verschiedene Versionen (v.l.n.r)LGM-30A Minuteman IALGM-30B Minuteman IBLGM-30F Minuteman IILGM-30G Minuteman III Die LGM-30 Minuteman-Raketen sind dreistufige Interkontinentalraketen mit Feststoffantrieb. Gegenüber einem Flüssigkeitsraketentriebwerk ist dieser wesentlich kompakter. Weiter sind die Raketen nahezu wartungsfrei und der Raketenstart kann innerhalb von Minuten erfolgen. Als Treibstoff wird Ammoniumperchlorat-Verbundtreibstoff (APCP) verwendet. Für die Beplankung der Raketenstufen wird je nach Version rostfreier Stahl, Titan und Glasfaserverstärkter Kunststoff verwendet. Alle Minuteman-Raketen verwenden dieselbe erste Raketenstufe. Die Raketen unterschieden sich in den zweiten und dritten Raketenstufen sowie in den Gefechtsköpfen. Die Düsen der drei Raketenstufen sind starr verbaut und die Richtungs-Steuerung während des Betriebs erfolgt durch Einspritzen von flüssigem Inertgas in den Schubstrahl. Die Raketen haben eine typisch zylinderförmige Rumpfgeometrie mit einer ogivalen Raketenspitze. Die Raketen können grob in vier Sektionen aufgeteilt werden: Die drei übereinander angebrachten Raketenstufen sowie die Gefechtskopfsektion. Die dritte Raketenstufe verfügt über eine Schubterminierung. Zu diesem Zweck sind an dieser Raketenstufe kopfseitig Öffnungen angebracht, die zum gewünschten Zeitpunkt aufgesprengt werden, wobei sich der Innendruck in der Treibstoffkammer schlagartig reduziert. Oberhalb vom Raketenmotor der dritten Raketenstufe befindet sich das Instrumentenfach. In diesem ist die Lenkeinheit, die aus einem Trägheitsnavigationssystem mit einem Steuersystem besteht verbaut. Für die Übermittlung der Steuerbefehle verläuft auf der Raketenoberfläche ein Kabelkanal zum Raketenheck. Zuoberst auf den Raketenstufen ist die Gefechtskopfsektion mit dem Wiedereintrittskörper aufgesetzt. Dieser wird mit Bremsraketen, die sich oben auf der dritten Raketenstufe befinden abgetrennt.David K. Stumpf: Minuteman: A Technical History of the Missile That Defined American Nuclear Warfare. University of Arkansas Press, 2021, S. 157–236.
Raketensilo Die Minuteman-Raketen werden aus dem Herstellerwerk zu den Raketensilos transportiert. Dort werden sie in das Silo abgesenkt und dieses danach mit der Abdeckung verschlossen. Jedes WS-133-Raketensilo kann eine Minuteman-Rakete aufnehmen. Das Raketensilo entspricht einem stehenden Hohlzylinder mit einer Tiefe von rund 27 m sowie einem Innendurchmesser von 3,66 m. Die Silowände und die Abdeckung bestehen aus Stahlbeton. Die horizontal bewegliche Abdeckung ist 1,07 m dick und wiegt rund 100 Tonnen. Im Innern des Raketensilos befindet sich eine Klimaanlage, welche für eine optimale Temperatur für den Raketentreibstoff sorgt. Weiter ist ein Stromerzeugungsaggregat und Bleiakkumulatoren, welche später durch Lithium-Thionylchlorid-Batterien ersetzt wurden, verbaut. Die Rakete ist im Siloinnern auf Stoßdämpfern abgestellt und im unteren Bereich mit Drahtseilen an der Silowand fixiert. Damit soll die Rakete Erschütterungen durch Kernwaffenexplosionen aushalten können. Die Minuteman I/II-Silos sollen einem Außendruck von rund 82,7 bar (8,2 MPa) standhalten. Die verbesserten Minuteman III-Silos sind für einen maximalen Außendruck von rund 137,9 bar (13,7 MPa) ausgelegt. Die einzelnen Silos haben einen Mindestabstand von etwa 10 km zueinander. Jeweils 10 Raketensilos sind mit einem Launch Control Center (LCC) verbunden. Von dort aus werden die Raketen überwacht und gestartet.Max Walmer: An Illustrated Guide to Strategic Weapons. Salamander Books, 1988, S. 22–25.David K. Stumpf: Minuteman: A Technical History of the Missile That Defined American Nuclear Warfare. University of Arkansas Press, 2021, S. 83–124.
Varianten LGM-30A/B Minuteman I mini|Minuteman I beim Start in Cape Canaveral LGM-30A Minuteman IA Die LGM-30A Minuteman IA ging erstmals im Dezember 1962 in Bereitschaft. Bei ihrer Einführung war sie die weltweit erste Interkontinentalrakete mit Feststoffantrieb die in Serie hergestellt wurde. Die Rakete hatte eine Länge von 16,36 m und wog rund 29.400 kg. Die Rakete verwendete als erste Raketenstufe die Thiokol M55-Stufe. Diese hatte vier Düsen und entwickelte am Boden einen Startschub von 933 kN. Die Stufe hatte einen Durchmesser von 1.680 mm, war 5,67 m lang und wog 23.247 kg, wovon 20.716 kg auf den Treibstoff entfielen. Die Beplankung bestand aus rostfreiem und hitzebeständigen D6AC-Stahl. Die zweite Aerojet M56-Raketenstufe hatte ebenfalls vier Düsen und entwickelte einen Schub von 267 kN. Die Stufe hatte einen Durchmesser von 1.128 mm, eine Länge von 2,77 m und war 5.455 kg schwer, wovon 4.708 kg auf den Treibstoff entfielen. Die Beplankung bestand aus einer Titanlegierung. Die dritte Hercules Inc. M57-Stufe mit vier Düsen entwickelte einen Schub von 156 kN. Diese Stufe hatte einen Durchmesser von 945 mm, war 1,55 m lang und wog 2.034 kg, wovon 1.664 kg auf den Treibstoff entfielen. Die Beplankung bestand aus glasfaserverstärktem Kunststoff. Die Gefechtskopfsektion hatte eine Länge von 1,83 m. Verwendet wurde ein Mk 5-Wiedereintrittskörper mit einem W59-Nukleargefechtskopf. Diese Wasserstoffbombe hatte ein Gewicht von rund 250 kg und eine Sprengleistung von 1.000 kT. Zur Lenkung wurde das NS-10-Trägheitsnavigationssystem sowie die D-17-Lenkeinheit mit einem Analog-Digital-Umsetzer verwendet. In der Lenkeinheit konnte ein einzelnes Ziel gespeichert werden. Die LGM-30A Minuteman IA hatte eine maximale Schussdistanz von 9.600 km. Je nach Schussdistanz wurde ein Streukreisradius (CEP) von 2,0–2,4 km erzielt.
Insgesamt wurden 150 LGM-30A Minuteman IA auf der Malmstrom Air Force Base stationiert. Bis zum Juni 1965 wurde alle LGM-30A Minuteman IA durch die LGM-30B Minuteman IB ersetzt.David K. Stumpf: Minuteman: A Technical History of the Missile That Defined American Nuclear Warfare. University of Arkansas Press, 2021, S. 12 & 411–416.
LGM-30B Minuteman IB Die LGM-30B Minuteman IB ging erstmals im April 1963 in Bereitschaft. Gegenüber dem Vorgängermodell wurden die erste und zweite Raketenstufe verbessert. Weiter wurde die verbesserte D-17B-Lenkeinheit verwendet, in der nun zwei Ziele gespeichert waren. Da die Raketen bei einem Angriff auf die Sowjetunion über den Nordpol fliegen würden, wurden in der Lenkeinheit auch die dort vorkommenden Gravitationsanomalien berücksichtigt. Damit konnte der Streukreisradius der Minuteman IB auf rund die Hälfte des Vorgängermodelles reduziert werden. Die Rakete hatte eine Länge von 17,03 m und wog rund 29.500 kg. Die neue Gefechtskopfsektion hatte eine Länge von 2,44 m. Verwendet wurde ein Mk 11A-Wiedereintrittskörper mit einem W56-Nukleargefechtskopf. Diese Wasserstoffbombe hatte ein Gewicht von rund 270 kg und eine Sprengleistung von 1.200 kT. Die LGM-30B Minuteman IB hatte eine maximale Schussdistanz von 10.100 km und je nach Schussdistanz wurde ein Streukreisradius (CEP) von 0,69–1,1 km erzielt.Thomas B. Cochran: Nuclear Weapons Databook 1984, Volume I, U.S. Nuclear Forces and Capabilities. Natural Resources Defense Council, 1984, S. 62.
Im Rahmen der STRAT-X-Studie wurde im Oktober 1974 eine Minuteman IB aus einem Flugzeug abgeworfen und gestartet. Dabei wurde die Rakete auf einer Transportpalette aus einer C-5 „Galaxy“ abgeworfen. Der Abwurf geschah in einer Höhe von rund 6.100 m über dem Pazifik. Nachdem die Rakete sich von der Transportpalette gelöst hatte und mit einem Fallschirm abgebremst worden war, zündete in rund 2.400 m Höhe das Raketentriebwerk. Die 10-sekündige Triebwerkszündung beförderte die Minuteman IB wieder auf rund 6.100 m, bevor das Triebwerk abgeschaltet wurde und die Rakete ins Meer fiel. Trotz einer positiven Bilanz wurde aufgrund von technischen und sicherheitspolitischen Bedenken zukünftig auf dieses Startverfahren verzichtet.
Insgesamt wurden 650 LGM-30B Minuteman IB auf der Ellsworth Air Force Base (150), Minot Air Force Base (150), Francis E. Warren Air Force Base (200), und auf der Whiteman Air Force Base (150) stationiert. Ab 1966 wurde die LGM-30B Minuteman IB durch die LGM-30F Minuteman II ersetzt. Die letzte Minuteman IB wurde im Jahr 1969 ausgesondert.
LGM-30F Minuteman II mini|Minuteman II beim Start in Vandenberg