mini|hochkant|Louis Jacquinot (1953)

Louis Jacquinot (* 16. September 1898 in Gondrecourt-le-Château, Département Meuse; † 14. Juni 1993 in Paris) war ein fran­zösischer Politiker, der von 1932 bis 1942, zwischen 1946 und 1959, 1962 bis 1963 sowie zuletzt von 1967 bis 1973 Mitglied der Nationalversammlung war. Er bekleidete mehrere Ministerämter und war unter anderem als Marineminister für die Modernisierung der Marine nach dem Zweiten Weltkrieg zuständig sowie Minister für die Überseegebiete.

Leben Dritte Republik Rechtsanwalt und Mitglied der Nationalversammlung Jacquinot trat nach dem Schulbesuch während des Ersten Weltkrieges freiwillig seinen Militärdienst an und absolvierte danach ein Studium der Rechtswissenschaften, das er mit einem Lizenziat abschloss. Für seine Tapferkeit und militärischen Verdienste wurde ihm das Croix de guerre 1914–1918 verliehen. Im Anschluss nahm er eine Tätigkeit als Rechtsanwalt auf und war beim Appellationsgericht (Cour d’Appel) von Paris zugelassen. Im März 1930 wurde er Kabinettschef von Kriegsminister André Maginot und übte diese Funktion bis Dezember 1930 aus.

Bei den Wahlen vom 1. Mai 1932 wurde Jacquinot als Kandidat des Centre républicain in einem Wahlkreis im Département Meuse, der unter anderem Commercy umfasste, erstmals zum Mitglied der Abgeordnetenkammer gewählt. Dabei erhielt er 8.266 der 13.696 abgegebenen Wählerstimmen und konnte sich deutlich gegen den bisherigen Wahlkreisinhaber Louis-Édouard Taton-Vassal von der Alliance démocratique (AD) durchsetzen, auf den 4.678 Stimmen entfielen. Während dieser Wahlperiode war er Mitglied verschiedener Ausschüsse wie dem Luftfahrtausschuss, dem Ausschuss für Rechnungs- und Wirtschaftsprüfung, dem Ausschuss für freie Regionen, dem Ausschuss für Zivil- und Strafgesetzgebung, dem Heeresausschuss, sowie zuletzt der Enquete-Kommission zur Untersuchung der Ursachen für die Ereignisse des 6. Februar 1934. An diesem Tag kam es in Paris zu Demonstration zahlreicher rechtsgerichteter Gruppierungen gegen die Regierung von Premierminister Édouard Daladier, die gewaltsam eskalierten und von der Linken als faschistischer Putschversuch eingestuft wurden. Die rechtsextreme Veteranenorganisation Croix de Feu nahm mit zwei Abordnungen an diesem Aufmarsch teil. Der Führer des Croix de Feu, François de La Rocque ordnete aber die Auflösung der Demonstration an, als die anderen Gruppen auf der Place de la Concorde vor dem Palais Bourbon, dem Innenministerium, gewalttätig wurden. Deshalb wurde ihm von anderen Vertretern der extremen Rechten vorgeworfen, nicht konsequent genug gewesen zu sein und nicht den Sturz der republikanischen Regierung Daladier unternommen zu haben.

Wiederwahl 1936 und Zweiter Weltkrieg Bei den Wahlen vom 26. April 1936 wurde Jacquinot als Kandidat der Alliance des républicains de gauche et des radicaux indépendants (ARGRI) in seinem Wahlkreis im Département Meuse bereits im ersten Wahlgang wiedergewählt. Er erreichte 9.454 der 13.249 abgegebenen Stimmen und konnte sich dabei deutlich gegen den Kandidaten der Section française de l’Internationale ouvrière (SFIO), Sauce, durchsetzen, auf den nur 2.273 Wählerstimmen entfielen. Während dieser Legislaturperiode war er wieder Mitglied des Heeresausschusses (Commission de l’armée) sowie des Ausschusses für Elsaß-Lothringen (Commission d’Alsace-Lorraine). In dieser Legislaturperiode befasste er sich schwerpunktmäßig mit Fragen der nationalen Verteidigung und der Außenpolitik.

Aufgrund eines Dekrets vom Juli 1939 wurde die Wahlzeit der 1936 gewählten Mitglieder der Nationalversammlung bis zum 31. Mai 1942 verlängert, so dass wegen des Zweiten Weltkrieges keine Neuwahlen stattfanden. Am 21. März 1940 wurde Jacquinot von Premierminister Paul Reynaud zum Unterstaatssekretär im Innenministerium ernannt und gehörte der Regierung Reynaud bis zum am 10. Mai 1940 an. Nach dem Beginn des Westfeldzuges zur Eroberung Frankreichs durch die deutsche Wehrmacht wurde er als Leutnant in den aktiven Militärdienst eingezogen, den er im 61. Artillerieregiment der 42. Division absolvierte. Während der Kampfhandlungen wurde er am 11. Juni 1940 schwer verwundet und nahm somit aufgrund seiner Verletzung nicht an der Parlamentssitzung am 10. Juli 1940 teil, in der die Nationalversammlung Marschall Philippe Pétain die Vollmacht zur Ausarbeitung einer neuen Verfassung übertrug.

Gegner des Vichy-Regimes, Mitglied der Résistance und Kommissar des CFLN Er war in der Folgezeit erklärter Gegner des Vichy-Regimes von Marschall Pétain und engagierte sich in der Réseau Alliance, einer Gruppe der Widerstandsbewegung Résistance. 1942 wurde er wegen seiner Aktivitäten in Marseille erstmals festgenommen und im Anschluss in Prades inhaftiert. Im Januar 1943 wurde er nach Spanien in das franquistische Konzentrationslager von Miranda de Ebro verbracht, ehe er nach London und später Algier fliehen konnte. Dort traf er auf General Charles de Gaulle, den Gründer der Forces françaises libres (FFL).

Jacquinot gehörte zu den 20 Mitgliedern der „Provisorischen Beratenden Versammlung“ (Assemblée consultative provisoire) in Algier und wurde, nachdem de Gaulle und General Henri Giraud am 3. Juni 1943 das Französische Komitee für die Nationale Befreiung CFLN (Comité français de la Libération nationale) gegründet hatten, im November 1943 zum Kommissar für Marine in dieser Exilregierung berufen. Zusammen mit Henri Queuille, Pierre Mendès France, André Philip, André Le Troquer und Jean Pierre-Bloch gehörte er zu den sechs Mitgliedern der Provisorischen Gesetzgebenden Versammlung im Komitee für die Nationale Befreiung und waren zugleich die einzigen moderaten Vertreter in dieser Exilregierung.

Für seine Verdienste im Zweiten Weltkrieg wurde ihm das Ritterkreuz der Ehrenlegion sowie das Croix de guerre 1939–1945 verliehen.

Minister und Mitglied der Verfassunggebenden Versammlungen Nach der Befreiung von Paris wurde Jacquinot als Marineminister auch Mitglied der Provisorischen Regierung der Französischen Republik und übernahm das Amt des Marineministers (Ministre de la marine) schließlich am 10. September 1944 in der ersten Regierung von Charles de Gaulle und übte dieses Ministeramt bis zum 21. November 1945 aus. Während dieser Zeit befasste er sich nicht nur mit der Reorganisation der Kriegsmarine, sondern leitete auch eine Säuberung des Offizierskorps ein. Die von ihm eingeleitete Modernisierung der Marine bezog sich auch auf die Strategie, Technik und Bewaffnung. Bereits zu dieser Zeit wies er General de Gaulle auf die Notwendigkeit der Erforschung und Bearbeitung der Kernenergie zugunsten der Marine hin.

Bei den Wahlen vom 21. Oktober 1945 für eine Verfassunggebende Versammlung (Assemblée nationale Constituante) kandidierte Jacquinot für die Parti républicain de la liberté (PRL) im Département Meuse und wurde mit 30.702 der 91.064 abgegebenen Stimmen gewählt. Zugleich wurde er Mitglied des Generalrates des Kantons (Wahlkreises) Gondrecourt-le-Château sowie Bürgermeister von Gondrecourt-le-Château. Dieses Amt bekleidete er 30 Jahre lang und war daneben auch Präsident des Generalrates des Département Meuse.

Nachdem de Gaulle am 21. November 1945 seine zweite Regierung gebildet hatte und diese ein eigenes Ministerium für die Streitkräfte gründete, das von Edmond Michelet als Ministre des armées leitete, verlor Jacquinot das Amt des Marineministers. Stattdessen wurde Jacquinot Staatsminister und Minister für muslimische Angelegenheiten (Ministre d’Etat chargé des affaires musulmanes). Dieses Amt bekleidete er bis zum Ende von de Gaulles Amtszeit am 20. Januar 1946, übte es aber kommissarisch noch bis zum Amtsantritt von Premierminister Félix Gouin am 26. Januar 1946 aus.

Bei der Neuwahl einer Verfassunggebenden Versammlung am 2. Juni 1946, aus denen die Mouvement républicain populaire (MRP) als führende Partei hervorging, wurde Jacquinot als Kandidat der Républicains indépendants mit 25.936 der 91.784 abgegebenen Stimmen im Département Meuse wiedergewählt, wenngleich er einige Stimmen an die Rassemblement des gauches républicaines (RGR) verlor.

Vierte Republik Wahl zum Mitglied der Nationalversammlung 1946 und Marineminister 1947 mini|Als Marineminister und Verteidigungsexperte setzte sich Jacquinot nachhaltig für die Fertigstellung des Baus des Schlachtschiffes Jean Bart ein

Bei den daraufhin am 10. November 1946 stattgefundenen Wahlen zur ersten Nationalversammlung der am 21. Oktober 1946 gegründeten Vierten Französischen Republik konnte Jacquinot das Wahlergebnis seiner Liste der Républicains indépendants wieder verbessern, die nunmehr 35.985 der 87.534 abgegebenen Wählerstimmen erhielt. Allerdings hatte die RGR diesmal auf die Aufstellung einer eigenen Liste in diesem Département verzichtet, da sie annähernd das gleiche Wählerklientel umwarb.

Während dieser ersten Legislaturperiode sah sich Jacquinot in der Opposition und stand insbesondere dem Gaullismus ablehnend gegenüber. Daran änderte sich auch nichts, als er am 22. Januar 1947 als Marineminister in die erste Regierung von Premierminister Paul Ramadier berufen wurde und dieser bis zu seinem Rücktritt am 22. Oktober 1947 angehörte.

Als Marineminister gelang es ihm in einer parlamentarischen Debatte im Palais Bourbon die Mitglieder der Nationalversammlung davon zu überzeugen, dass zum Wiederaufbau der Marine, ihrer Stützpunkte und Marinearsenale die Aufnahme von Kredit erforderlich sei. Am 6. August 1947 wies er auf die absolute Notwendigkeit zum Erwerb von Flugzeugträgern hin und den Ausbau der Marinefliegerverbände. Die von ihm vorgeschlagenen Flugzeugträger sollten 16.700 Registertonnen sowie eine Geschwindigkeit von 32 Knoten haben sowie 49 Flugzeugen Platz bieten. Ohne den Kauf von Flugzeugträgern war Frankreich nach seiner Ansicht gezwungen, im Kriegsfall ihre Marine unter den Oberbefehl einer anderen Nation zu stellen. Darüber hinaus war die zukünftige Flotte hinsichtlich zweier Aufträge zu reorganisieren: zum einen die Gewährleistung der Sicherheit Frankreichs, zum anderen die Gewährleistung der Sicherheit für die Union française. Er hielt es ferner für notwendig, die Abhängigkeit der französischen Marine von seinen Verbündeten zu reduzieren und modernisierte Einsatzverbände schnell zur Verfügung zu stellen, insbesondere wegen des 1946 begonnenen Indochinakrieges. Als Marineminister war er der Überzeugung, dass ein Rückbau der veralteten Marinestützpunkte notwendig sei und eine reorganisierte Marine vermutlich kompakter, aber effektiver sei. Ferner schloss er sich auch der Meinung des früheren Premierminister Félix Gouin an, der die Aufstellung einer Taktischen Einsatzflotte der UNO anregte. In den Debatten um die Marinemodernisierung wies er den Vorschlag des Abgeordneten Jean Capdeville, die Kreditaufnahme zurückzustellen, ebenso zurück, wie die Meinung von Pierre Cot, wonach Frankreich keine finanziellen Mittel für die Modernisierung seiner Marine hätte. Dabei unterstrich er einmal mehr, dass Flugzeugträger das Kernstück zukunftsfähiger Seestreitkräfte sei. In der abschließenden Debatte um Haushaltsmittel wurde der Vorschlag von Marineminister Jacquinot schließlich angenommen.

Nach seinem Ausscheiden aus der Regierung war er Mitglied des Ausschusses für nationale Verteidigung (Commission de la défense nationale) sowie des Ausschusses für die Überseegebiete (Commission des territoires d’outre-mer) und wurde 1948 auch Zugleich wurde er im März 1947 Titularrichter am Obersten Justizgericht (Haute Cour de justice), das zu zwei Dritteln aus Abgeordneten und einem Drittel aus anderen Personen bestand.