mini|Kirche von Süden Die evangelisch-lutherische Martinskirche ist ein denkmalgeschütztes Kirchengebäude in Gladenbach im Hessischen Hinterland. Die dreischiffige Pfeilerbasilika wurde spätestens im 13. Jahrhundert und der spätgotische Chor mit Fünfachtelschluss und Dachreiter ab 1509 errichtet.
Geschichte mini|hochkant|Gotischer Ostabschluss Die Kirche wurde im 12. oder 13. Jahrhundert gebaut und erstmals 1248 urkundlich genannt.Rudolph: Evangelische Kirchen im Dekanat Gladenbach. 2010, S. 38. Zu ihr gehörte in mittelalterlicher Zeit ein großes Kirchspiel u. a. das Mitte des 14. Jahrhunderts abgetrennte Kirchspiel Hartenrod. Die Herren von Eppstein hatten bis 1316 das Patronatsrecht inne, danach die Ritter von Bicken, die auch Priester stellten. Im Jahr 1700 wurde das Patronat an den Landgrafen von Hessen-Darmstadt verkauft.Huth: Gladenbach. 1974, S. 205.
Die Kirche unterstand dem Patrozinium des hl. Martin, des merowingisch-fränkischen Nationalheiligen. In kirchlicher Hinsicht gehörte die eigenständige Pfarrgemeinde im ausgehenden Mittelalter zum Archidiakonat St. Stephan in der Erzdiözese Mainz. Sie war Sitz eines Erzpriesters (sedes)Acker: Aus sieben Jahrhunderten Gladenbacher Geschichte. 1937, S. 25–26. und des Sendgerichts im Dekanat Amöneburg.Blume, Runzheimer: Gladenbach und Schloß Blankenstein. 1987, S. 185. Im 15. Jahrhundert gehörten 20 Kirchengemeinden zu Gladenbach.Acker: Aus sieben Jahrhunderten Gladenbacher Geschichte. 1937, S. 26.
Ab dem Jahr 1509 erhielt die Kirche einen östlichen Chorabschluss im Stil der Gotik. Wahrscheinlich in diesem Zuge wurden die östlichen Apsiden der Langschiffe entfernt und das ursprünglich flachgedeckte Schiff eingewölbt.Feldtkeller (Bearb.): Die Bau- und Kunstdenkmäler des Landkreises Biedenkopf. 1958, S. 24. Die vier östlichen Mittelschiffarkaden wurden durch zwei spitzbogige ersetzt.Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, Hessen I. 2008, S. 325.
Mit Einführung der Reformation wechselte Gladenbach im Jahr 1527 zum evangelisch-lutherischen Bekenntnis. Als evangelischer Pfarrer wirkte hier Theophil Crato (Krafft). Von 1606 bis 1624 nahm die Gemeinde das reformierte Bekenntnis an, um danach endgültig zum lutherischen zurückzukehren.
Nach dem Ersten Weltkrieg erfolgte eine Innenrenovierung, bei der die Orgel vom Chor auf die Westempore umgesetzt und die Choremporen entfernt wurden. 1933 wurde der romanische Taufstein im Pfarrgarten wiederentdeckt und in den Chor gesetzt.Acker: Aus sieben Jahrhunderten Gladenbacher Geschichte. 1937, S. 28. Der Wetterhahn wurde 1949 erneuert, 1953/1954 eine grundlegende Innenrenovierung durchgeführt. Die beengenden dreiseitigen, zweigeschossigen Emporen wurden entfernt und durch die heutige Westempore ersetzt sowie die Ausmalungen des Gewölbes freigelegt. Im Jahr 2008 wurde der Chorraum neu gestaltet und die Bänke entfernt sowie die Grabsteine umgesetzt.
Architektur mini|links|hochkant|Grundriss mini|Nordseite mini|hochkant|Kreuzrippengewölbe des Mittelschiffs Die geostete, weiß verputzte Pfeilerbasilika ist im alten Ortszentrum auf einer leichten Anhöhe errichtet. Der Fischgrätenverband unter dem Putz deutet auf einen Ursprung der Kirche im 12. Jahrhundert als romanische Pfeilerbasilika. Das umliegende Friedhofsgelände wurde bis 1808 genutzt.
Dem Satteldach des Mittelschiffs sind im Süden fünf und im Norden drei kleine Gauben aufgesetzt. Eine weitere Gaube befindet sich über der östlichen Chorwand und an der Ostseite des westlichen Dachturms. Über dem rundbogigen Westportal ist ein Rundbogenfenster eingelassen. Das vierjochige Langhaus hat im Obergaden kleine Rundbogenfenster aus romanischer Zeit, die aufgrund der Überschneidungen mit den späteren Mittelschiffarkaden teils zugemauert sind.Luthmer: Die Bau- und Kunstdenkmäler der Kreise Biedenkopf, Dill, Oberwesterwald und Westerburg. 1910, S. 34–35 (online). Zwei sind an der Nordseite des Chorquadrats und je fünf an den Langseiten des Mittelschiffs erhalten. Im Inneren stammt nur noch die westliche rundbogige Arkade aus romanischer Zeit, die beiden östlichen Arkaden aus gotischer Zeit sind spitzbogig ausgeführt.Feldtkeller (Bearb.): Die Bau- und Kunstdenkmäler des Landkreises Biedenkopf. 1958, S. 25. Die Mittelschiffpfeiler sind sehr breit ausgeführt.Luthmer: Die Bau- und Kunstdenkmäler der Kreise Biedenkopf, Dill, Oberwesterwald und Westerburg. 1910, S. 32 (online). Das Gewölbe des Mittelschiffs mit gekehlten Rippen in roter Quaderbemalung ist im unteren Bereich mit spätgotischen Rankenmalereien und um den Schlussstein herum mit Flammenornamenten verziert. Die barocken Stuckrosetten, die Rollwerkornamente mit einem Pelikan und einem Storch zeigen, wurden 1686 angebracht. Im Westen hat die Kirche einen vollständig verschieferten, viereckigen DachturmLuthmer: Die Bau- und Kunstdenkmäler der Kreise Biedenkopf, Dill, Oberwesterwald und Westerburg. 1910, S. 35 (online). aus spätmittelalterlicher Zeit, der ein Dreiergeläut beherbergt. Über der kubusförmigen Glockenstube mit je vier stichbogenförmigen Schallöffnungen an jeder Seite erhebt sich ein vierseitiger Spitzhelm, der von einem vergoldeten Turmknopf, einem schmiedeeisernen Kreuz und einem vergoldeten Wetterhahn bekrönt wird.
Die Seitenschiffe haben Pultdächer und sind innen flachgedeckt. Das südliche Seitenschiff endet beim Chorquadrat, während das nördliche Schiff bis zur Mitte des Chorquadrats reicht. Der östliche Teil ist abgetrennt und dient als Sakristei. Das Südschiff hat nur noch ganz im Westen einen Strebepfeiler, das Nordschiff wird durch drei schräg zulaufende und an der Oberseite geschieferte Strebepfeiler gestützt. Die Seitenschiffe werden durch je drei (später vergrößerte) RundbogenfensterLuthmer: Die Bau- und Kunstdenkmäler der Kreise Biedenkopf, Dill, Oberwesterwald und Westerburg. 1910, S. 34 (online). mit Gewände aus rotem Sandstein belichtet und sind im Westen fensterlos. Ein schlichtes rundbogiges Südportal erschließt die Kirche durch das südliche Seitenschiff.
Der gotische Ostchor hat ein Joch und einen Fünfachtelschluss mit Kreuzrippengewölbe. Er wird außen mit den Jahreszahlen 1509 und 1709 bezeichnet. Die Rippen ruhen auf Konsolen, deren nördlicher einen Wappenschild trägt, der Kelch und Hostie zeigt. Im Inneren öffnet ein spitzbogiger Triumphbogen mit roter Quaderbemalung und Fase an der Westseite den Chor zum Mittelschiff. Die beiden Schlusssteine werden mit Flammenornamenten umgeben. Gegenüber dem Mittelschiff ist der Chor um zwei Stufen erhöht. Die vier zweiteiligen Chorfenster mit flachen Spitzbögen und schrägen Gewänden haben spätgotisches Maßwerk.Huth: Gladenbach. 1974, S. 202. Maßwerk und Umrahmung sind aus rotem Sandstein gefertigt. Die Außenwände des Chors werden durch zwei umlaufende, rote Gesimse gegliedert, die sich vom weißen Außenputz abheben. Ein Gesims ist am Sockel und ein weiteres unterhalb der Chorfenster angebracht.
Dem Chorquadrat ist ein kleiner, sechsseitiger, vollständig verschieferter Dachreiter mit quadratischen Schalllöchern aufgesetzt, der aus spätmittelalterlicher Zeit stammt. Er wird von einem vorkragenden, sechsseitigen Spitzhelm bedeckt, der die gleiche Turmbekrönung wie der westliche Dachreiter aufweist. Die vier bunten, figürlichen Bleiglasfenster im Chor gestaltete Erhardt Klonk in den Jahren 1954 bis 1956 anhand der drei Artikel des Glaubensbekenntnisses.Bezzenberger: Sehenswerte Kirchen. 1987, S. 74. Sie zeigen die Schöpfungsgeschichte, die Jesusgeschichte, die Offenbarung des Johannes und die Entstehung der Kirche. Im kleinen rundbogigen Ostfenster in der Sakristei ist die Geschichte des hl. Martin dargestellt, im Fenster über dem rechteckigen Osteingang des Südschiffs die Vertreibung aus dem Paradies und Christus als Sieger über den Drachen. Das Ostportal hat eine schlichte Sandstein-Umrahmung, dessen Sturz die Jahreszahlen „1717–1921“ trägt.
Ausstattung mini|Blick in den Chorraum mini|hochkant|Romanischer Taufstein unter dem Chorbogen Die an den Seiten geschwungene Westempore im Mittelschiff hat kassettierte Füllungen und ist Aufstellungsort der Orgel. Unterhalb der Empore ist eine neuzeitliche Holzwand mit Glasfenstern eingezogen, die den Eingangsbereich abtrennt und als Windfang dient. Der Fußboden der Kirche ist mit roten Sandsteinplatten belegt.
Der romanische, pokalförmige Taufstein am südlichen Chorbogen hat einen Rundbogenfries und ein Tauband. Er stammt ebenso wie der Blockaltar, der von einer roh behauenen Sandsteinplatte bedeckt wird, aus der Bauzeit der Kirche. Das hölzerne Kruzifix des Dreinageltypus auf dem Altar datiert aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts.
Aus spätgotischer Zeit (wohl von 1509) stammt ein kleines rechteckiges Wandtabernakel rechts der Kanzel. Es hat ein profiliertes Sandsteingewände und wird von einer Spitzbogenblende mit Fischblasenmaßwerk bekrönt.Acker: Aus sieben Jahrhunderten Gladenbacher Geschichte. 1937, S. 27. Das Gesims trägt zwei Wappen. Im Chor sind Reste alter Inschriften erhalten. Über der Kanzel ist ein Inschriftenfeld in einer Kartusche aufgemalt, deren lateinischer Text nicht mehr vollständig erhalten ist. Über dem Taufstein sind Reste zweier weiterer Kartuschenfelder mit lateinischen Inschriften zu sehen.
Die holzsichtige, polygonale Kanzel von 1668 am nördlichen Chorbogen ist im Stil der Spätrenaissance reich gestaltet und hat gravierte Zinneinlagen und aufgelegte Flachornamente.Feldtkeller (Bearb.): Die Bau- und Kunstdenkmäler des Landkreises Biedenkopf. 1958, S. 26. Die Kanzelfelder werden durch Freisäulen gegliedert. Der Schalldeckel mit Volutenkrone trägt in einer Strahlensonne an der Unterseite das Tetragramm JHWH in hebräischen Buchstaben.Rudolph: Evangelische Kirchen im Dekanat Gladenbach. 2010, S. 39.
Ein großes Wandbild aus der Mitte des 18. Jahrhunderts neben der Kanzel an der östlichen Nordschiffwand zeigt Christus am Kreuz und eine weitere Figur (möglicherweise Petrus oder Johannes den Täufer), daneben Mose mit der Erhöhung der ehernen Schlange, die entsprechend typologisch auf den Gekreuzigten gedeutet wird.Bezzenberger: Sehenswerte Kirchen. 1987, S. 73. Den oberen Abschluss bildet das hebräische Tetragramm. Nördlich über der Empore sind Reste von Malereien des 16. Jahrhunderts erhalten, die Abschalom und eine Frau am Brunnen darstellen. Das Ölgemälde an der Südwand aus dem Jahr 1923 stammt von Karl Lenz aus Erdhausen und zeigt den Barmherzigen Samariter, der einen Verletzten hochhebt, um ihn auf sein eigenes Pferd zu setzen. Daneben ist eine kleine Zeichnung der Gladenbacher Kirche vor dem gotischen Umbau erhalten.
Ein farbig gefasstes Epitaph für Amtmann Georg Keipp (1604–1678) und seine beiden Frauen Johana Dorothea Fabriti (1608–1668) und Anna Margretha Seiler (1604–1672) ist in der Südostecke des Chors aufgestellt. Die Schrifttafel aus rotem Sandstein wird seitlich von Pilastern mit Voluten flankiert und von einem geschwungenen Kopfteil bekrönt, das die Wappen der Verstorbenen zeigt. Sechseinhalb Grabsteine stammen aus dem 16.–18. Jahrhundert und wurden für die Pfarrer Johann Georg Buff (1773), Heinrich Christoph Dornseiff und (Johann Caspar?) Werner, zwei für Rentmeisterfamilien und zwei für die Familie von und zu Dernbach geschaffen (wurden leider entsorgt!); zwei graue flankieren das Westportal im Inneren, viereinhalb aus rotem Sandstein sind nördlich der Kirche aufgestellt.
Orgel mini|hochkant|Schöler-Orgel