In Europa findet der Buddhismus seit dem Zweiten Weltkrieg auch wegen seiner spirituellen Praxis in Form der Meditation immer mehr Anhänger. Gleichzeitig steigt das Interesse an der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Buddhismus, der Buddhismuskunde.
Historische Entwicklung Im 17. Jahrhundert kam es durch die aus Asien zuwandernden Torguten bzw. Kalmücken zur Ansiedlung von Buddhisten im Osten Europas an der unteren Wolga. Im übrigen Europa wurden – im Unterschied zu Amerika, wo die ersten größeren buddhistischen Gemeinden von Einwanderern aus Ostasien gegründet wurden – buddhistische Gemeinden zunächst von Europäern gegründet.Oliver Freiberger/Christoph Kleine: Buddhismus: Handbuch und kritische Einführung. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2011, S. 161 f.
Im deutschen Sprachraum begann ein erstes Interesse am Buddhismus während der Romantik.Martin Baumann (2001): Global Buddhism: Developmental Periods, Regional Histories, and a New Analytical Perspective. (PDF; 1,0 MB) In: Journal of Global Buddhism. 2, S. 7. Arthur Schopenhauer gilt als der Pionier einer ernsthaften Auseinandersetzung mit den Lehren des Buddha.Martin Baumann (2001): Global Buddhism: Developmental Periods, Regional Histories, and a New Analytical Perspective. (PDF; 1,0 MB) In: Journal of Global Buddhism. 2, S. 8.
Großbritannien, Frankreich, Portugal, die Niederlande und Russland waren durch ihre imperialen Bestrebungen in den buddhistischen Kulturraum eingedrungen. Daher wirkten in diesen Ländern zahlreiche Pioniere des europäischen Buddhismus. Die ersten buddhistischen Bücher für ein breiteres Publikum, jenseits der akademischen, indologischen Kreise erschienen gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Ab den 1880ern konvertierten einzelne Europäer zum Buddhismus.
Mit Beginn des 20. Jahrhunderts bildeten sich in diesen Ländern und in Deutschland die ersten buddhistischen Organisationen und Vereine. Einzelne europäische Männer und später auch Frauen traten in buddhistische Orden ein, um Mönch oder Nonne zu werden.Martin Baumann (2001): Global Buddhism: Developmental Periods, Regional Histories, and a New Analytical Perspective. (PDF; 1,0 MB) In: Journal of Global Buddhism. 2, S. 8–9. Andere widmeten sich der Übersetzung buddhistischer Schriften in die Landessprache, damit diese größeren Kreisen von Buddhismusinteressierten zugänglich wurden.
Buddhistische Gelehrte aus Asien, Mönche und Lehrer kamen vereinzelt nach Europa, um vor kleinen Kreisen Interessierter ihre Vorträge zu halten.Martin Baumann (2001): Global Buddhism: Developmental Periods, Regional Histories, and a New Analytical Perspective. (PDF; 1,0 MB) In: Journal of Global Buddhism. 2, S. 10–11 Abgesehen von den Kalmücken (auch in der Emigration in Teilen Russlands sowie im Raum Belgrad) gab es bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts die meisten buddhistischen Aktivitäten in Europa in Deutschland, gefolgt von Großbritannien.Martin Baumann (2001): Global Buddhism: Developmental Periods, Regional Histories, and a New Analytical Perspective. (PDF; 1,0 MB) In: Journal of Global Buddhism. 2, S. 14–16
Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zu einer Intensivierung dieser Trends, die sich schon zu Beginn des Jahrhunderts angedeutet hatten. Neben der durch die Ereignisse des Weltkriegs ausgelösten Suche nach alternativen Sinnstiftern müssen die Ausweitung internationaler Kontakte, insbesondere durch Kommunikation, Handel und Tourismus, und die durch kriegerische Ereignisse in Asien ausgelösten Flüchtlingsströme – vor allem nach Frankreich – als fördernde Faktoren für die Ausbreitung des Buddhismus in Europa gesehen werden. Während in den 1960ern Meditation und Zen-Buddhismus populär wurden, fand in den 1970ern der Lamaismus Anhänger auch in Europa.Martin Baumann (2001): Global Buddhism: Developmental Periods, Regional Histories, and a New Analytical Perspective. (PDF; 1,0 MB) In: Journal of Global Buddhism. 2, S. 16–18
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts genießen buddhistische Organisationen in einigen Ländern Europas gleiche oder annähernd gleiche Anerkennung wie das traditionelle Christentum; in anderen Ländern wird die Forderung nach gesetzlicher Anerkennung und gesellschaftlicher Gleichstellung zunehmend nachdrücklicher erhoben.
Buddhismus heute Kalmückien ist die einzige mehrheitlich buddhistische Region in Europa. Ansonsten ist der Buddhismus heute insbesondere in den größeren Städten Mittel- und Westeuropas vertreten, im geringeren Maße auch in Südeuropa. Deutlich schwächer ist der Buddhismus in den Bereichen der christlich-orthodox geprägten Kulturen Ost- und Südosteuropas. Im deutschen Sprachraum finden sich buddhistische Gruppen und Zentren nicht nur in den größeren Städten Deutschlands, Österreichs und der Schweiz.
Die 1975 begründete Europäische Buddhistische Union setzt sich zum Ziel, die buddhistischen Organisationen in Europa miteinander zu vernetzen und einen Diskurs über die nachhaltige Inkulturation des Buddhismus in Europa in Gang zu bringen.
Buddhismus in Europa in Zahlen + Buddhismus in Europa Region Gesamtbevölkerung Buddhisten % der Buddhisten in der Region Anmerkung Belgien 10.666.866 30.000 (Schätzung 2012)US Department of State International Religious Freedom Report for 2012 0,3 % Antrag auf staatliche Anerkennung 2008 Deutschland 82.438.000 270.000 (Schätzung 2012)REMID, Religionswissenschaftlicher Medien- und Informationsdienst e. V. Marburg. (zitiert eine Schätzung der Deutschen Buddhistischen Union) 0,3 % überwiegend Einwanderer aus asiatischen LändernMartin Baumann (2001): , Annotated Bibliography, (siehe Tabelle 1) England und Wales 56.075.912 247.743 (Zählung 2011) 0,4 % Frankreich 60.650.000 280.000–770.000 (Schätzung 2010)World Christian Database 2010, zitiert in ARDAPew Research Center (18. Dezember 2012). . Religious groups 2010Union bouddhiste de France, zitiert in: , November 17, 2010 0,5–1,2 % überwiegend chinesische und vietnamesische Immigranten Island 305.309 1.240 (Zählung 2014)Statistics Iceland 0,4 % 3 Organisationen: Buddhist Association of Iceland, Zen in Iceland, Soko Gakkai International Italien 60.054.511 50.000 (Schätzung 2014)Unione Buddhista Italiana <0,1 % Niederlande 17.591.394 57.500 (Zählung 2014)Boeddhistisch Dagblad 0,33 % überwiegend chinesische, thailändische und vietnamesische Immigranten Norwegen 5.425.270 21.567 (Zählung 2021)Statistics Norway 0,4 % Zunahme 2017 bis 2021: 24,3 % Österreich 8.220.000 10.402 (Zählung 2001)Statistik Austria 0,1 % davon 44 % Ausländer. 1983 staatlich anerkannt Polen 38.626.349 10.771 (Zählung 2011)stat.gov.pl (PDF; 4,2 MB) <0,1 % Russland einschl. Sibirien 142.008.838 <700.000–1.500.000 (Schätzung 2013; inkl. asiatischer Teile Russlands)World Christian Database 2010, zitiert in ARDA (0,4 % B.), RIA Novosti, 11. April 2013. 0,5–1,1 % 1741 anerkannt. u. a. Burjaten, Kalmücken, Tuviner Schweiz 7.415.100 21.000 (Zählung 2001) 0,3 %
Siehe auch Buddhismus im Westen
Einzelnachweise
Bibliographie Martin Baumann: Buddhism in Europe: Past, Present, Prospects. In: Westwards Dharma: Buddhism beyond Asia. University of California Press, 2002. Martin Baumann (2001): Global Buddhism: Developmental Periods, Regional Histories, and a New Analytical Perspective. (PDF; 1,0 MB) In: Journal of Global Buddhism. 2, S. 1–43.
Weblinks Martin Baumann (2001): , Annotated Bibliography Europäische Buddhistische Union