Homo naledi ist eine ausgestorbene Art der Gattung Homo. Die Art wurde im Jahr 2015 anhand von Fossilien aus der Rising-Star-Höhle in Südafrika von einer Arbeitsgruppe um Lee Berger in die Fachliteratur eingeführt.Lee Berger, John Hawks, Darryl J. de Ruiter et al.: Homo naledi, a new species of the genus Homo from the Dinaledi Chamber, South Africa. In: eLife. 2015; 4:e09560, doi:10.7554/eLife.09560. Die Höhle befindet sich in der „Wiege der Menschheit“, südwestlich von Swartkrans und knapp 50 Kilometer nordwestlich von Johannesburg.Johannes Dieterich: Mobile Verwandtschaft. In: Berliner Zeitung. vom 11. September 2015 → Wissenschaft S. 12.
Insgesamt wurden im Jahr 2015 fossile Knochen und Zähne von mindestens 15 Individuen nachgewiesen, weswegen dieser Fund die bislang größte Ansammlung von Belegen für eine frühe Art der Hominini ist. Die Fossilien waren bereits seit November 2013 geborgen, aber zunächst keiner bestimmten Art zugeordnet worden.
Namensgebung Die Bezeichnung der Gattung Homo ist abgeleitet von lateinisch homo [], deutsch Mensch. Das Epitheton naledi ist ein Verweis auf den Fundort in der Rising-Star-Höhle: naledi (mit Betonung auf dem e) bedeutet in den Sotho-Tswana-Sprachen „Stern“. Homo naledi bedeutet somit sinngemäß „Mensch aus der Sternhöhle“.
Erstbeschreibung
Als Holotypus von Homo naledi wurde eine Gruppe von Schädelknochen ausgewiesen, die als Dinaledi Hominin 1 (DH1) bezeichnet wird; zusätzlich wurden der Artdefinition als Paratypen die Schädelfragmente DH2, DH3, DH4 und DH5 sowie einige Langknochen – unter anderem der Oberschenkelknochen U.W. 101-1391 und das Schienbein U.W. 101-484 – beigegeben. Insgesamt umfasst der Fund 137 einzelne Zähne und 1.413 Knochen, von denen 737 in die Erstbeschreibung der Art einbezogen wurden.
Alle Fossilien von Homo naledi werden in der Sammlung des Evolutionary Studies Institute der University of the Witwatersrand in Johannesburg aufbewahrt.
mini|links|Schädelknochen des Holotypus DH1A und B: Zwei Ansichten des Schädelfragments U.W. 101-1473C bis F: Vier Ansichten des Oberkieferfragments U.W. 101-1277G: Schädelfragment U.W. 101-1473, Oberkiefer U.W. 101-1277 und Unterkiefer U.W. 101-1261 (in anatomisch korrekter Anordnung)H bis K: Unterkiefer U.W. 101-1277 in vier AnsichtenSkala: 10 cm. Originale.
Weitere Funde mini|Der Schädel LES1 (Original) Bereits im Jahr 2013 waren rund 100 Meter entfernt von der Dinaledi-Kammer der Höhle in einer zweiten Höhlenkammer – genannt Lesedi-Kammer – weitere Fossilien gefunden worden, die im Jahr 2017 ebenfalls Homo naledi zugeordnet wurden.John Hawks et al.: New fossil remains of Homo naledi from the Lesedi Chamber, South Africa. In: eLife. 2017;6:e24232, doi:10.7554/eLife.24232.Darryl J. de Ruiter et al.: Homo naledi cranial remains from the Lesedi chamber of the rising star cave system, South Africa. In: Journal of Human Evolution. Band 132, 2019, S. 1–14, doi:10.1016/j.jhevol.2019.03.019. Es handelt sich dabei um die Überreste von mindestens drei Individuen (zwei Erwachsene und ein Kind), darunter der zerbrochene, gleichwohl gut erhaltene Schädel LES1 eines Erwachsenen, dessen Innenvolumen der Rekonstruktion zufolge 610 cm³ betragen hat; ihm wurde der Spitzname Neo („Geschenk“ in Setswana) gegeben. Weitere Funde sind u. a. ein bezahnter Unterkiefer, diverse Wirbel, ein Oberschenkelknochen sowie Knochenfragmente aus dem Bereich der Schultern und der Arme.
Datierung Eine absolute Datierung der Funde bzw. des sie umgebenden Gesteins war zum Zeitpunkt der Erstbeschreibung noch nicht durchgeführt worden. Stattdessen wurde aus anatomischen Merkmalen abgeleitet, dass ein Alter von bis zu 2,5 Millionen Jahren denkbar sei.Jamie Shreeve: This Face Changes the Human Story. But How? Auf. nationalgeographic.com vom 10. September 2015. Ein detaillierter Vergleich der Merkmale von Homo naledi mit anderen, sicher datierten homininen Fossilien ergab 2016 jedoch ein „höchstwahrscheinliches“ Alter von nur 912.000 Jahren.Mana Dembo et al.: The evolutionary relationships and age of Homo naledi: An assessment using dated Bayesian phylogenetic methods. In: Journal of Human Evolution. Band 97, 2016, S. 17–26, doi:10.1016/j.jhevol.2016.04.008.
Eine Uran-Thorium-Datierung sowie zusätzliche paläomagnetische Analysen wurden im Jahr 2017 schließlich dahingehend interpretiert, dass die Fossilien 335.000 bis 236.000 Jahre alt sind.Paul HGM Dirks et al.: The age of Homo naledi and associated sediments in the Rising Star Cave, South Africa. In: eLife. 2017;6:e24231, doi:10.7554/eLife.24231.
Merkmale mini|Computergestützte Rekonstruktion der Schädeldecke anhand der Funde DH3 und DH4 Die durchschnittliche Körpergröße eines erwachsenen Homo naledi betrug ca. 1,50 Meter, das Gewicht 40 bis 55 kg.Homo naledi – ein neuer Verwandter des modernen Menschen. Auf: mpg.de vom 10. September 2015.Crowdsourcing digs up an early human species. Auf: nature.com vom 10. September 2015. Im Jahr 2020 wurden ein Unterkiefer-Fragment und 16 bereits 2013 und 2014 geborgene Arm- und Beinknochen als zusammengehörig und als das erste aufgefundene Skelett eines Kindes (DH7) interpretiert.Debra R. Bolter, Marina C. Elliott, John Hawks und Lee R. Berger: Immature remains and the first partial skeleton of a juvenile Homo naledi, a late Middle Pleistocene hominin from South Africa. In: PLoS ONE. Band 15, Nr. 4, 2020, e0230440, doi:10.1371/journal.pone.0230440. Puzzling skeleton helps reveal how ancient human relative grew up. Auf: nationalgeographic.com vom 1. April 2020. Eine auxologische Rekonstruktion ergab, dass das Kind bei Eintritt des Todes 111 bis 125 Zentimeter groß war, bei Geburt 45,5 cm maß und ein Geburtsgewicht von rund zwei Kilogramm hatte.Debra R. Bolter und Noel Cameron: Utilizing auxology to understand ontogeny of extinct hominins: A case study on Homo naledi. In: American Journal of Physical Anthropology. Band 173, Nr. 2, 2020, S. 368–380, doi:10.1002/ajpa.24088. Da die Entwicklungsgeschwindigkeit von Homo naledi nicht hinreichend genau bekannt ist, wurden für das Alter von DH7 zwei mögliche Zeitspannen berechnet: Sollte die Entwicklungsgeschwindigkeit mit jener von Homo erectus vergleichbar sein, dann würde dies auf ein Alter von rund 8 bis 11 Jahren bei Eintritt des Todes hinweisen; sollte die Entwicklungsgeschwindigkeit hingegen mit jener des anatomisch modernen Menschen und des Neandertalers vergleichbar sein, würde dies auf ein Alter von 11 bis 15 Jahren hinweisen. mini|Rekonstruktion eines Schädels In der Erstbeschreibung aus dem Jahr 2015 heißt es, charakteristisch für die Art seien zum einen ein sehr kleines Schädel-Innenvolumen von nur 560 cm³, was vergleichbar ist mit den bei Australopithecus üblichen Dimensionen (zum Vergleich: Schimpanse ca. 400 cm³, Mensch ca. 1400 cm³); zum anderen ein Körper, dessen Proportionen unterhalb des Kopfes vergleichbar seien mit kleinwüchsigen Populationen der Gattung Homo. Die morphologischen Merkmale des Schädels seien zwar einzigartig, jedoch am ehesten vergleichbar mit Funden der frühen Homo-Arten Homo rudolfensis, Homo habilis und Homo erectus. 2018 wurden ergänzend Befunde anhand eines digital erstellten „Schädelausgusses“ veröffentlicht, denen zufolge die Gehirnoberfläche sowohl gemeinsame ursprüngliche Merkmale von Australopithecinen und nichtmenschlichen Menschenaffen aufweist als auch abgeleitete („moderne“) Merkmale, die für die Gattung Homo charakteristisch sind.Ralph L. Holloway et al.: Endocast morphology of Homo naledi from the Dinaledi Chamber, South Africa. In: PNAS. Band 115 Nr. 22, 2018, S. 5738–5743, doi:10.1073/pnas.1720842115.Where hominid brains are concerned, size doesn't matter. Auf: eurekalert.org vom 14. Mai 2018.
Die Bezahnung (insbesondere die großen Backenzähne) wurde in der Erstbeschreibung als „ursprünglich“ bezeichnet, jedoch seien die Schneidezähne und die Eckzähne im Vergleich mit Homo rudolfensis, Homo habilis und Homo erectus relativ klein. Im Kontrast zu diesen „modernen“ Merkmalen weisen der Brustkorb, die Schulter, das BeckenCaroline VanSickle et al.: Homo naledi pelvic remains from the Dinaledi Chamber, South Africa. In: Journal of Human Evolution. Band 125, 2018, S. 122–136, doi:10.1016/j.jhevol.2017.10.001. und das zum Kniegelenk gerichtete Ende des Oberschenkelknochens „ursprüngliche“ Merkmale auf, wie sie zum Beispiel bei Australopithecus afarensis und Australopithecus africanus vorkommen.
Hand und Handgelenk weisen den Analysen der Forscher zufolge im Vergleich zu älteren Fossilien der Hominini zwar Veränderungen auf, die als „dem Menschen ähnliche Anpassungen“ interpretiert wurden. In einer im Oktober 2015 publizierten Studie wurde dann aber zusätzlich darauf verwiesen, dass die Fingerknochen länger und stärker gebogen sind als bei den meisten Funden von Australopithecus und dass die Daumenknochen verbreitert sind, was auf häufiges Klettern hinweist. Zugleich wurde aus der Anordnung der Handknochen gefolgert, dass Homo naledi zum Präzisionsgriff befähigt war und daher möglicherweise auch Steingerät herstellen und nutzen konnte;Tracy L. Kivell et al.: The hand of Homo naledi. In: Nature Communications. Band 6, Artikel-Nr. 8431, 2015, doi:10.1038/ncomms9431. Steingerät wurde aber bislang nicht im Zusammenhang mit den zu dieser Art gestellten Fossilien gefunden. 2025 wurde ergänzt, dass Homo naledi beispielsweise beim Klettern in felsigem Gelände „crimpähnliche Griffe benutzte“, das heißt, dass er die Oberfläche hauptsächlich nur mit den Fingerspitzen gegriffen hat.Samar M. Syeda et al.: Phalangeal cortical bone distribution reveals different dexterous and climbing behaviors in Australopithecus sediba and Homo naledi. In: Science Advances. Band 11, Nr. 20, 2015, doi:10.1126/sciadv.adt1201. Greifmuster unserer Vorfahren. Auf: mpg.de vom 14. Mai 2025.
Auch Bein und Fuß weisen den Analysen zufolge eine Mischung aus ursprünglichen und abgeleiteten Merkmalen auf, und zwar in einer Kombination, die als „einzigartig“ beschrieben wurde.William E. H. Harcourt-Smith et al.: The foot of Homo naledi. In: Nature Communications. Band 6, Artikel-Nr. 8432, 2015, doi:10.1038/ncomms9432. Gleichwohl sei der Fuß zweifelsfrei angepasst an das aufrechte Gehen über lange Strecken.Christopher S. Walker et al.: Morphology of the Homo naledi femora from Lesedi. In: American Journal of Physical Anthropology. Band 170, Nr. 1, 2019, S. 5–23, doi:10.1002/ajpa.23877.
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